Ausgabe 
24.12.1909
 
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My M. 202

Freitag den 2\. Dezember

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WeihnachtsboLschaft.

9lu8 der Himmel Heller Unendlichkeit

Tönt's ivie silberne Harfensaiten;

Der tiefe Frieden der Weihnachtszeit Liegt über den Wälderweiten.

Die altliebe Kunde nimmt ihren Flug Durch die Taler der Klagen.

Tie Sternwelt blitzt, wie ein einziger Zug Von Engeln, die Kerzen tragen.

Da wird die dunkelste Kammer licht, In den traurigsten Herzen werden Die Lichter entzündet. Die Liebe spricht Zum Schmerze; Frieden aus Erden!

Berlin. F r i d a S ch a n z.

Rheinlandstöchter.

Roman von Clara Vie big.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Sie erwiderte seinen Blick voll und ehrlich.Ja, das will ich! Wie Sie mich kennen! So kennt mich keiner!" Sie preßte seine Hand. ,/O so genau woher nur?"

Seine Lippen zuckten eigentümlich, eine Sekunde lang schloß er die Augen; und dann öffnete er sie weit und glanzvoll.Ich ich habe Sie sehr geliebt!"

Vorsicht!"

Er sprang zurück, der Schaffner schmetterte die Wagen­tür zu. Ein greller Pfiff. Die Lokomotive stöhnt, schnaubt, die Räder quietschen und rasseln.

Nelda, meine Nelda!" Tie Mutter schrie laut auf und streckte beide Arme aus.

Deine Rosen, Tante," kreischte Fritz und schleuderte das Bouquet ins Fenster; Nelda fing es auf und drückte die duftenden Blumen an ihre Lippen. Im Nebel sah sie die Gestalten auf dem Perron. Sie nickte, sie winkte klein wurden die Gestalten, immer kleiner nun waren sie ganz weg!

Nelda stand am Fenster, tränenden Auges, die Rosen noch immer in der Hand. So fuhr sie ins Land hinaus.

Frau Schnrolke war ganz aufgelöst,Sie war mein einziges Kind," jammerte sie,und so klug und so gut!" Es war, als ob sie eine Tote betrauere. Schmolle und Xylander hatten viel zu trösten.Mir ist ganz schlecht," stöhnte sie.Die Hitze! Das frühe Aufstehen! Und dann der Abschied o Gott!"

Weißt du was?" Der besorgte Gatte legte zärtliche den Arm um ihre Taille.Wir wollen 'rüber zu Josty gehn, du trinkst 'ne starke Mocca der Kaffee ist aus­gezeichnet der hilft dir wieder aqf die Beine!"

Ach ja" sie wischte sich die Tränen abdaK tvird mir gut tun! Aber weißt du, vielleicht liebe« Melange!"

Sie gingen, und Lhlanber sah ihnen nicht nach. Er faßte seinen Jungen fester an der Hand und schritt hinüber zum Telegraphenamt im Potsdanrer Torhaus. Dort gab er eine Depesche auf:

Von Ramer, Köln, Gereonstraße. Nelda heut abend Koblenz, morgen sehr früh Pfaffendorfer Kirchhof.

Mander."

IX.

Warum singen die Vögel den» nicht? Es' ist doch früh am Morgen. Sehr früh. Sie schlafen nicht mehr, sie sitzen auf den Zweigen und äugeln stumm zum verhängten Himmel auf.

Eine träumerische Stille ist über'm Land. Leise fluten die Wellen des Rheins, grün und lauwarm spielen sie über runde Kiesel, gleiten vor und gleiten zurück; alles sehr sanft. Die Büsche neigen sich, die Blumen haben große Tropfen im Kelch. Am Horizont kommt es dämmernd herauf; keine Sonne, die steckt hinter Wolken, graue Schleier hängen sich in der Ferne auf, einer hinter bent andern. Es ist ei.it weiches, ftillivarmes Licht über der Welt.

Auf der Pfaffendorfcr Chaussee kaum ein Mensch. Nur die Milchkarren fahren zur Stabt. Die kleinen Hunde auf dem Kutscherbock kläffen nicht, sie wedeln stumm ihren Herrn an, und dann legen sie sich wieder nieoer, den Kopf auf die Vorderpfoten gedrückt.

Die einsame Frauengestalt auf der Chausse fiel niemandem auf; sie hielt sich immer dicht unter den Bäumen, sah sich nicht um, ging still, den Blick auf den Boden geheftet. Nur jetzt blieb sie stehen. Da lag ein kleines Haus, etwas mehr zurück als die andern, ein Gärtchen davor mit einem Gitter gegen die Straße. Da hatten früher Dallmers gewohnt; jetzt hausten junge, vergnügte Leute darin mit drei oder vier lustigen Kindern.

Die Einsame blieb eine ganze Weile hier am Gitter und sah gespannt über den Garten, in dem jetzt unend­liche Blumen blühten, viel mehr als früher. Die junge Frau, die eben, rosig verschlafen, öas Fenster öffnete, bemerkte die Fremde.Guten Morgen, wünschen Sie etwas?"

Nein, danke!" Jene grüßte und ging weiter, aber in einiger Entfernung blieb sie doch flehen und blickte zurück es war ja ihr Vaterhaus.

Nelda Dallmer war auf dem Weg zum Pf.ffendorfer Kirchhof. Sie setzte langsam Schritt vor Schritt; der Ge­danken waren zu viele, sie konnte nicht rasch wandern. Alles war ausgewacht, ivas sie längst begraben gewähnt, und was doch nur gelegen und geschlafen hatte, lute schein­tot. Und doch war sie nicht traurig. Sie ging nur gleich­sam im Traum mußten sich die grauen Vorhänge am