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„Oie werden also kommen, morgen um fünf Uhr, Herr Gusemiehl? Sie missen nun alles!"
„Ich komme — gewiß — wenn — wenn Sie erlauben, wenn Sie ge — statten!" Er war wieder der alte Schüchterne.
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Nun war zum letztenmal hinter Regierungsrat Joseph Dallmer die Tür seines Hauses ins Schloß gefallen. Es tvaren nicht viele, die ihm das Geleit gaben, vielleicht zwanzig Menschen und ein paar Kutschen. Der Weg zürn Kirchhof !var weil, die Sonne heiß.
Frau Rätin war nicht mit. Sie hatte neben dein Sarg gesessen, versunken in Schmerz und Tränen, das Bild einer trauernden Witwe. Oberkonsistorialrat Zünglein hatte einen finnigen -Vergleich gemacht; er wies auf die zarte Epheuranke hin, die nun, des stützenden Stabes beraubt, ärrgstlich am Boden kriecht — „aber sie wird sich aufraffen, emporranken mn Kreuze Christi!"
Langsam polterten die Träger die Treppe hinunter, langsam setzte sich der kleine Zug in Bewegung, langsam rollten die Kutschen über die staubige Straße. Frau Rätin kroch in den entferntesten Winkel' — nur nichts hören, nur nichts hören! Gott sei Dank, daß alles vorüber! —
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Draußen auf dem Kirchhof ist auch fast alles vorüber. Nelda steht am offnen Grab und blickt starr hinunter in die Tiefe. Jetzt faltet sie die Hände, eine weiche Stimme dringt an ihr Ohr.
„Und bin ich auch einer der Geringsten, trage ich auch noch nicht das geistliche Gewand — so Gott will, werde ich es doch einst tragen! Ich kann mich nicht würdiger auf meinen Beruf vorbereiten, als wenn ich hier am Grabe dieses edlen Mannes spreche: Lasser uns beten! — Unser Water, der bist in dem Himmel"----
Leise kommt die Sommerluft und weht die heiligen Worte weiter, hinauf zum strahlend blauen Himmel. Da ist kein lautes Schluchzen, kein störendes Jammern, ein großer Friede liegt über dem grünen Garten.
„Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit — in Ewigkeit — Amen!"
«In Gottes Namen!" spricht der erste der Träger. Sanft sinkt der Sarg hinunter, sanft gleitet die Erde nach; die Schollen prasseln nicht, sie decken liebend den müden Leib.
Worüber! Die Menschen gehen, und nun hebt ein Bogel «n in den Büschen; er schmettert aus voller Kehle —• ist es ein Klagelied? Nein ein Triumphlied!?
„Ich bin ganz ruhig, sorgen Sie sich nicht um mich," sagte Nelda mit zuckenden Lippen, als sie am Arm des Onkels dem Ausgang des Kirchhofs zuschritt; an ihrer andren Seite ging Hauptmann Lylander. Er sah traurig Und alt aus. Jetzt beugte er sich amf ihre Hand.
„Liebe Nelda," flüsterte er, „kann ich etwas für Sie 'tun? Alles — Sie wissen!" Er sah sie mit den treuen Augen an; heute trug er kein Was, sie sah nah seinen Umflorten Blick.
„Mein guter Freund!" Sie lächelte matt. „Denken Sie an sich, ich — ich finde mich schon!"
lind bann neigte sie den Kopf und weinte still.
Drittes Buch!.
I.
Tagebüchblätter von Agnes v. Osten gehör ne Röder.
„Nein, so habe ich mir's nicht gedacht! Lieber Gott, Was macht man sich für Illusionen über das Verheiratetsein, wenn man noch so dumm und unerfahren ist, wie ich por sechs Jahren! Ich bin jetzt erst fünfundzwanzig und komme mir schon uralt vor. Sie sagen alle, ich wäre sehr zu beneiden — ja gewiß!
, Daß ich oft so weine, kommt sicherlich nur, weil ich so wert von Papa und Mama fort bin. Ich habe Heimweh nach dem Rhein, nach Koblenz, wo mich alle Leute kennen, wo ich als Kind so glücklich war. Hier in Berlin rennen sie alle, und jeder hat soviel mit sich zu tun; ich bin so fremd. Carlo sagt, wenn man bald drei Jahre an einem Ort ist, müßte man sich eingelebt haben, ich dürfte nicht so schüchtern sein--bin ich denn schüchtern? — hie
Damen vom Regiment wären alle nicht sv.
Er hat recht, ich bin keine Frau, mit der er glänzen kann, ich vergehe in Garnichts -zwischen den andern.
Da — jetzt ist eine Träne anf's Papier gefallen! —i Nur meine süße kleine Felicitas, wie hübsch uub lustig |ie ist — ich höre draußen ihre Füßchen trippeln. Mein einzig geliebtes Kind!"
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Spät am Abend.
„Carlo rst zum Ball bei Arnheims in der Rauchstraße. Cs ist immer sehr prachtvoll da, Anselma wird glänzend aussehen; Arnheim läßt rhr jede Toilette von Paris kommen, er ist schrecklich verliebt in sie.
Ich möchte auch gern geliebt sein, aber nicht so, das ist nicht das Rechte; man muß nicht blind dabei sein.
Ich bin froh, daß ich nicht mit mußte. Da hab' ich doch auch was Gutes von meinem Schnupfen, von dem Carlo sagt, er stände mir schlecht, ich hätte eine rote Nase. Freilich, der Spiegel sagt mir's auch, ich habe sehr verloren, seit ich verheiratet bin. Wie geht das zu? Ich habe doch alles, was mein Herz begehrt — ach nein, ach nein, ich will nicht lügen!"
Sylvesterabend.
„Felicitas hat die Masern, gar nicht schlimm, aber ich gehe nicht fort von ihr. Jetzt schläft sie. Wie reizend sie daliegt, die Arme in dem weißen Nachtkittelchen über der Decke, die blonden Löckchen hängen ihr zerzaust in die Stirn. Sie sieht aus wie Carlo. Sie hat auch seinen leichten Sinn, in einer Minute freut sie sich über ein Spielzeug, und in der nächsten wirft sie es schon wieder fort; ich muß sehr über sie wachen.
Jetzt werden sie bald bei Arnheims „Prosit Neujahr" rufen und mit den Gläsern aneinander klingen — Carlo wird ihr die Hand küssen — sie macht bann so wunderbare Augen ---
Ich wünschte Papa und Mama wären hier, ich habe grenzenlose Sehnsucht."
*
3. Januar.
„Carlo sagt, es sei albern von mir, ein Tagebuch zn schreiben, das fei eine dumme Backfischangewohnheit aus der Pensionszeit; ich erlebte ja auch gar nichts. Ich erlebe doch was.
Es ist mir eine Wohltat, wenn ich ab und zu hier in mein Buch schreibe; einen Menschen muß man doch haben, dem man fein Herz ausschütten kann. Früher mußte ich gleich alles sagen, das Hube ich mir jetzt schon abgewöhnt; viel will ich auch gar nicht ausschütten, nur ein bischen. Felicitas ist noch zu klein und die Eltern sind so weit; die kann ich auch nicht betrüben. Da ist mein Tagebuch mein Vertrauter. Ich verstecke es jetzt immer gut vor Carlo, aber der fragt auch gar nicht danach, der hat immer so viel vor.
Ich bin wirklich kein Backfisch mehr.
Heute nachmittag läuft er Schlittschuh mit Anselma Arnheim an der Roitfseauinfel; die Musik spielt und jemand vom pof wird auch da fein. Arnheim holt später seins Fran ab, er fährt bann in der Eauipage am Ufer auf und nieder; sie laffen ihn immer so lange warten. Er dauert mich, er hat doch schon graue Haare.
Ich möchte auch Schlittschuh laufen können, es muß ein großes Vergnügen fein. Wer als Kind habe ich cs nicht gelernt, Mama war immer so bang, ich könnte einbrechen — nun müßte ich am Ufer stehen, wenn ich dabei fein wollte. Carlo sagt auch, erwachsene Personen können nicht mehr Schlittschuh laufen lernen, sie machen sich lächerlich, wenn sie hinfallen.
Ich wünschte, ich wäre tot--, o meine Felicitas!^
(Fortsetzung folgt.)
Wintersport im Vogelsberg.')
Won Karl N e u r a t h.
Erst in den letzten Jahren ist der Wintersport iü Deutschland bekannt und heimisch geworden. Die Schnelligkeit, mit der er sich überall da ausgebreitet hat, wo man
*) Wir entnehmen diesen Aufsatz mit Erlaubnis des Verlages von Emil Roth in Gießen dem von Herm. O e ft e r io i tz herausgegebenen Führer durch den Vogelsberg, den wir bei feinem Erscheinen ausführlich besprochen haben.
Die Schriftlbg-.,


