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Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Viebig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Die Tür war hinter ihr ins Schloß gefallen; schwer wie im Tranm ging sie die Treppe hinunter, einen bittern Geschmack «usi 'der Zunge, ein ohnmächtiges Zorngefühl im Herzen. J)re Hände ballten sich. Man hatte gewagt, einen Schatten aus das lichte Bilo ihres Vaters fallen zu lassen, man hatte — ja was hatte man denn? Das waren fremde; gleichgültige Menschen, die den stillen Mann in dem entlegnen Haus an der Chaussee wenig kannten, sie aber, die Tochter, sie hatte ihtl gekannt — und doch vergessen!
Vor Neldas Augen tauchte die Gestalt des Vaters auf 1— in dem halbdunklen Flur des geistlichen Hauses stand er greifbar, leibhaftig; er schwebte ihr entgegen, er breitete die Hände aus, sein blasser Mund lächelte, schmerzlich und unsagbar mild. So musst0 der Erlöser lächeln, als er die ansah, die ihn nicht verstanden.
„Vater!" Nelda schluchzte laut auf und lehnte sich taumelnd gegen das Geländer. Da drinnen hatte, sie nicht weinen können; vor dem Mann mit dem verbindlichen, gutrasierten Gesicht und dem schönklingenden Organ wären rhr nie die Tränen gekommen, -aber hier, hier draußen stand sie, drückte die heiße Stirn au die kalte Treppenwand und weinte sich aus. Merkwürdig, wie die, Gedanken springen! Sie empfand einen tiefen Kummer, ein Grauen vor dem Jammern der Mutter — was würde sie sagen, wenn sie nach Haus kam und nichts, gar nichts ausgerichtet hatte? Und daneben fiel ihr immer wieder ein, wie gutrasrert das Gesicht des geistlichen Herrn gewesen war, so glatt, so ohne die kleinste Bartstoppel.
Eine Tür ging im Parterre, Nelda fuhr zusammen und wischte sich rasch mit der flachen Hand über die Augen. Mir hier nicht gesehen werden, nur hier den Schmerz nicht zeigen! Fräulein Milchen streckte eben das bleicysüchtige Gericht zum Wohnzimmer heraus. „Wer ist denn da aus der Treppe? Ah — Nelda, du?!"
Wie ein dunkler Schatten flog diese an ihr vorbei Und zum Hause hinaus. Gott sei Dank! Mit gesenktem Kopf, taub und blind, rannte sie die Schloßstraße zuruck, an der nächsten Ecke stieß sie heftig mit jemandem zusammen; der Sonnenschirm fiel ihr aus der Hand und rollte über s Trottoir. Der Herr hob ihn auf und zog den Hut, sie konnte nicht umhin, sie mußte ihn ansehen — cm blasses, knabenhaftes Gesicht, matte, wasserblaue Augen und schlichtes, semmelblondes Haar. Fräulein Plankes Schützling.
Sie neigte den Kopf zum Gruß und wollte, werter, der junge Manrr aber blieb stehen und streckte ihr bte Hand hm, während das tiefe Rot der Schüchternhert fein farbloses Gesicht überzog. „Ver — verzeihen Sie, Fräulein Dallmer,
ich — ich will Sie nicht lange aufhalten! Sie, haben Jjren Herrn Vater verloren — ich weiß nicht, ob Sie mich noch kennen; als ich Sie vor wenig Tagen oben ouf bent Mosenberg sah, waren Sie noch so heiter. Verzeihen Sie, oast ich Sie anspreche, ich habe gehört, wie rasch Ihr lieber Vater gestorben ist — es tut mir so sehr leid — ich habe! auch keinen Vater mehr; ich weiß, wie das tut!" Er druckte ihr die Hand, eine große Teilnahme lag in seiner Stimme. Die Stimme tat Nelda sehr wohl, sie war weich und m* schleiert, nicht sonor und volltönend, aber wie geschaffen/ Worte des Trostes zu sprechen.
„Ich danke Ihnen!" Nelda hob die verweinten Augen. „Haben Sie meinen Vater gekannt?"
„Nicht persönlich, nein, nicht persönlich, aber gesehen habe ich den Herrn Regierungsrat oft!" Heinrich Susemiehk war nicht mehr so schüchtern, er wurde ganz eifrig und schritt jetzt neben Nelda her. „Unser Seminar ist ja der Regierung gegenüber. Er hatte so ein vergeistlgres, unendlich mildes Gesicht, ich bin oft stehen geblieben und habe ihm uachgesehen, wenn er, ejn wenig gebeugt, die Häuser entlang ging; ich glaube, das Gehen wurde ihnt manchmal sauer, er stand dann still und hustete.. Sein Rücken trug eine schwere Last, aber seine, Strrn„ die war ganz merkwürdig, die war so — ich weiß nicht, wie ich sagen soll — so frei, so umleuchtet! Er sah aus, jme em müder Mann und doch wie ein Sieger. Ich habe oft gewünscht, ich möchte ihn kennen lernen und über manches mit ihm sprechen dürfen; aber er sah mehr nach innen als nach außen, er hat mich nie bemerkt. Doch entschuldigen Sie, Fräulein," — er zog plötzlich den Hut — „ich will Nicht länger stören! "
Ms" — jetzt war es Nelda, die die Hand ausstreckte — 'wenn Sie °Zeit haben, gehen Sie ein kleines Stuck mit mir! So hat noch keiner von meinem Vater gesprochen. Er war so gut! Es tut-mir so wohl, ich —" Die Stimme erstickte ihr, sie konnte vor Tränen nichts mehr sagen; aber es waren dankbare Tränen.
Verwundert sähen die Leute das Paar an, hier und! da blieb soqar einer stehen und guckte nach; der langmahnige Mensch in dem ausgewachsenen schwarzen Röckchen, mit den chlenkernden Bewegungen machte wirklich eine komische Figur- Zwei hübsche Backfische spazierten. Arm m Arm über den Schloßplatz, sie kicherten, als sie des Zungen ManneS ansichtig wurden. „Du, Klare, sieh mal, Fraulern Planke ihrer ' Wie er rbdet! Sieht er nicht aus, tote der „Hungerpastor" in dem gräßlich langweiligen Roman von - ach, du weißt schon — von Ra — richtig von Raabe?! Pfui, °n Ne, verhungert nicht gerade; glaubst du, daß die Planke ihn hungern läßt? Aber so unbedeutend, so nach gar nichts! -
Nein, schön war Heinrich Susemiehl weiß Gott nicht, alles andere eher. Wie linkisch und verlegen er letzt, jenseits der Brücke, von Nelda Wschied nahm! Und doch sah sie ihn dankbar und vertrauensvoll an.


