altgewohnten stillen Heim in Passy, das weitab liegt von dem Lärm und der Unrast des großen Parts; hier erwarten ihn seine Bücher, seine Bilder und antiken Skulpturen; hier erwartet ihn die ganze Schönheitswelt, für die sein Herz stets die gleiche Empfindung und Begeisterung bewahrt hat. Auf langen Reisen m Griechenland hat er sich den Glanz der hellenischen Kultur besonders stark eingeprägt; sein Ideal lebt in den griechischen Klassikern und er empfindet eine geheime Verwandtschaft in sich mit den Meistern der gallischen Dichtkunst, mit Racine und Voltaire. Dann fühlt er auch wieder um sich die idyllische Natnx- nähe, die diesem stets erregten Geist so notwendig ist; vom Schreibtisch schweift sein Blick durch die stets geöffnete Tür in den großen Garten, in dem seine Obstbäume stehen Und seine Hühner, Enten und Tauben ihr lustiges Wesen treiben. Man erzählt sogar, daß er stets beinr Arbeiten einen geladenen Revolver neben sich liegen habe, mit dem er, vom Buche aufblickend, als unfehlbar sicherer Schütze eine schädliche Ratte von seinem Stuhl aus erlegt. So findet Clemenceau in Natur und Kunst seine stillen treuen Gefährten; doch im Leben selbst ist er em einsamer Mann geworden und die schweren Schatten der Trauer und Resignation liegen über seinem Heim, denn er hat erst vor kurzem durch den Tod seine Lieblingsenrelin verloren; die Kampfgenossen aus früheren Tagen, die alten Freunde sind schon längst dahin.
* Der kurze Rock. Lins Paris wird geschrieben: Eine neue Revolution bereitet sich im Bereich der Mode vor, deren eigentlicher Ausbruch erst für den Herbst zu erwarten ist: der kurze Rock. Schon jetzt verschwinden ja Schleppen und weit ausfallende Kleider, aber der Rock stößt doch noch wenigstens auf der Erde an. Er soll nun so kurz werden, daß er nur bis an die Knöchel reicht und noch ein Stück der Strümpfe sehen läßt. Die Folgen dieser Neuerung sind gar nicht abzusehen. Zunächst wird natürlich die ganze Silhouette der Damentracht verändert; an die Stelle der weiten, schön geschwungenen, großen Linien, wie sie die Direktoiremode brachte, tritt eine unruhig pikante Betonung eckiger abgerissener Konturen; das Kleid bekommt etwas Hastiges, Unruhiges, was sehr lebendig und fesch, aber auch recht ungraziös wirken kann. Auch für das Problem der Taille müssen ganz andere Lösungen gesucht werden als bisher. Wie bei dem weit wallenden, langschleppenden Rock die Taille in die Höhe und bis unter die Achseln ging, so rückt sie mit dem kurzen Rock immer weiter herunter. Vorläufig hat sie noch keine feste Stelle gefunden. Sie bildet noch bisweilen eine tief herabgehende Korsage um die Hüften; vielfach aber ist sie schon unter die Hüften heruntergerutscht, sodaß die Toilette einem Kinderkleid ähnelt, das mit einer Schärpe abgebnnden ist. Ja, die Taille ist sogar schon bei den Knien angelangt, wo sie mit ihrem festen Einschnitt keinen weiteren Zweck zu haben scheint, als das Gehen zu verhindern. Des weiteren wird der kurze Rock einen ganz außerordentlichen Luxus in Schuhen und Strümpfen hervorbringen, die ja dann die größte Aufmerksamkeit auf sich ziehen und vor allen: entzücken müssen. Die Strumpffarbe wird auf die des Kleides abgestimint, der Schuh erhält die zierlichste, leichteste Form. Schleppen werden nur noch bei Hof- toiletten erscheinen; bei Gesellschaftsroben, deren Rock ""die Erde kaum berühren darf, wird der Saum die kostbarste Garnierung mit echten Spitzen, Füttern und Goldstickereien erhalten.
* Abdul Hamids Hausarzt. Ter einzige Fremde, der seit der Ueberführung des Exsultans nach Saloniki den gewesenen Padischal; zuweilen persönlich sieht und spricht, ist der Militärarzt, dem das Amt übertragen wurde, für die Gesundheit Abdul Hamids und seiner Familie zu sorgen. Ter Exsultan selbst scheint sich besten Wohlseins zu erfreuen; nicht ganz so günstig aber steht es um die Haremsfrauen und nur die Kinder. Ter Konstantinopeler Korrespondent des Journal de Gsnsve hat nun mit dem Arzt ein Gespräch gehabt, in dem der Mediziner sich über die Schwierigkeiten ausspricht, die man seiner Tätigkeit in der Villa Allantini in den Weg legt. Er hat die größten Kämpfe zu fuhren, wenn er die Kranken sehen will; in der Regel berichtet ihm nur der Ennuche die Symptome und auf diese vagen Mitteilungen hin soll er seine Anordnungen treffen. „Vor einigen Tagen gab mir der Ennuche so unklare Schilderungen, daß ich zum
ersten Mal datauf bestand, die Kranke selbst zu sehen. Es aav lange Debatten. Endlich erscheint eine menschliche Gestalt, aber sie :st so drcht m Tücher gehüllt, daß ich weder Alter noch Geschlecht erkennen kann. Ich bat den Patienten, mir die Zunge zu zeigen was auch sofort geschah. Aber als ich mich näherte, um den Puls zu fühlen, schritt der Eunuche ein und erst nach langen Verhandlung en erlaubte er die Berührung. Tie Kranke zog sich zurück- wenige Augenblicke später erschien Abdul Hamid in der Tür, schritt rn srchtbarer Bewegung auf mich zu und bat: „Heilen Sie die Frau, die Sre eben sahen; alles liegt mir daran, sie bald wieder gesurrd zu wissen,"
* Fischotterjagd. Der Fischotter, der sich durch seinen flachen, abgeplatteten Kopf und seine kurzen Läufe, deren Zehen durch Schwimmhäute miteinander verbunden sind, von den anderen Marderarten scharf unterscheidet, ist nicht nur seines kostbaren Pelzes wegen, der durchschnittlich dreißig Mark gilt, sehr begehrt, sondern er gilt auch in der Jäger- Welt als das scheueste und schlaueste Raubwild, dessen Erlegung der Jäger weit höher schätzt, als selbst die des listigen Reineke. Die Jagd auf den Fischräuber ist nicht leicht und erfordert bei all den verschiedenen, auf den Otter zur Anwendung gebrachten Jagdiuethoden einen erfahrenen Jäger. I Am gebräuchlichsten, allerdings auch am erfolglosesten, ist'der nächtliche Ansitz auf den Otter an den Stellen seines Fisch- gewässers, die er mit Vorliebe zu besuchen pflegt. Jedoch ist hierbei zu erwägen, daß ein Schuß auf den schwimmenden Otter so gut wie zwecklos ist, da man ihn fast nie bekommt; selbst zu Tode getroffen geht er meistens verloren; anderseits steigt der Otter nicht sehr häufig an Land und wenn er es tut, ist es oft so dunkel, daß man einen sicheren Schuß nicht anbringen kann. Viele Nächte sitzt man ganz vergeblich, der Otter bindet sich nämlich nicht an bestimmte Pässe, sondern jagt bald hier, bald da. Das Legen von Eisen an den Ausstiegen ist auch ziemlich unsicher und kann auch nicht eigentlich als Jagd angesehen werden. Am meisten Erfolg verspricht das Ausgraben des Otters aus dem Bau zur Frühjahrszeit. Merkwürdigerweise wirft der Otter das ganze Jahr über Junge, man hat in allen Monaten eben geborene Otter gefunden, aber die Hauptwurfzeit ist doch im Frühjahr und zu dieser Zeit trifft man ihn ani sichersten im Bau. Nachdem man die auf dem Land und unter den: Wasser mündenden Röhren verstopft hat, macht mau mit dem Spaten einen Einschlag bis zur Röhre und läßt einen scharfen Teckel oder Terrier einschliefen, der den Otter so lange festhält resp. einbellt, bis man zum Kessel durchgegraben hat; hieraus hebt man den Otter aus und tötet ihn mit einem Schlag auf beit Hinterkopf. Scharfe Hunde und erfahrene Jäger sind aber zu dieser Jagdart besonders erforderlich, da sonst der gewandte Räuber entschlüpft. Vor ungefähr 20 bis 25 Jahren wurde bei uus der Otter mit einer Meute besonders dressierter Otterhunde gejagt, was heute noch in England mit großer Passion betrieben wird.
* Am Telephon. „Ich verstehe kein Wort; mit wein! habe ich denn die Ehre?" — „Ihr Kutscher Franz bin ich!" — „Dämliches Rindvieh, warum sprechen Sie denn nicht lauter?"
Zitaten-Rätsel.
Aus jedem der folgenden Zitate ist ein Wort zu nehmen, fo daß sich ein neues Zttat ergibt:
1. Wo rohe Kräfte similos malten, Da kam: sich kein Gebild gestalten.
2. Diejenige Regierung ist die beste, die sich überflüssig macht.
3. Und Ros: und Reiter sah mm: niemals wieder.
4. So jemand nicht :vill arbeite::, der sott auch nicht essen.
5. Was man einmal ist, das muß man ganz sein.
. 6. Ich könnte besser einen Bessern missen.
7. Mau nannte ihn stets einen dummen Burschen, Doch war er klüger als sein Herr.
8. Dieses war der erste Streich,' Doch der zweite folgt sogleich.
Auslösung in nächster Nummer.
Auflösung der Königspromenade in voriger Nummert Wenn du Natur im Großen willst betrachten, Dann laß dich durch das Kleme nicht zerstreu'::; Doch wem: du lernst auch auf das Kleine achten, Wirst du ai: ihm dich wie am Großen sreu'm
Julius Sturm.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen-


