Ausgabe 
24.7.1909
 
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jedoch etwas zu sagen, das etwa mein intimes Verhältnis mit dem Kaiser von Rußland beein­trächtigen könnte. (Der Politiker!)

Sie werden besonders meinen Gesandten in Stuttgart, Mün­chen und Karlsruhe schreiben und ihnen die Marschroute der Kaiserin bekannt geben; Sie werden ihnen bis ins Einzelne Anweisungen über die Etikette zugehen lassen, die an' diesen Höfen bei ihrer Durchreise zu beobachten ist. Es ist.zwecklos, sich auf das zu beziehen, was man für mich getan hat. Da ich dort (durch die erwähnten Städte) nur auf Geschäftsreisen durchge­kommen bin, habe ich mich um keine Etikette gekümmert; da ich viel beschäftigt war, habe ich nicht danach gefragt, was sie betraf. A b e r h i n s i ch t l i ch d e r K n i s e r i n i st e s e t w a s a n d e r e s. Es muß. vorher bestimmt werden, wie die Kaiserin empfangen werden soll, wenn sie einen Besuch bei den Königinnen in München und Stuttgart machen mutz, M e i n W i l l e i st, daß mansie nr i t derselben Achtung behandelt, die man ehe­mals der Kaiserin von Deutschland gegenüber beo­bachtet hat."

Die neue Kaiserin Marie Luise übte trotz des sinncnberauschen- den Luxus am französischen Hofe die Tugend der Sparsam­keit in gleichem Matze, Ivie sie es als Prinzessin gewohnt war. Sie setzte sich dadurch in Gegensatz zu der ehemaligen Kaiserin Josephine, die nach wie vor trotz der reichen Dotationen, die ihr der Kaiser gewährte, Schulden auf Schulden machte. Napoleon schätzte an Marie Luise den Sinn für Sparsamkeit, wie er dies in einem Briefe von Wesel auö unter dem 1. November 1811 au seinen Staatsschatzmeister, Grafen Mollien, ausspricht:

...Suchen Sie Gelegenheit, die Kaiserin Josephine zu sehen, und geben Sie ihr zu v e r ste h en, daß ich hoffe, das; ihr Haus sparsamer geführt wird, und daß es mir ä u ß er st m itz fa l l en >o ü rd e, w enn sie etwas s ch u l d i g b l e i b t. Die Kaiserin Marie Luise hat nur 100 000 Taler: sie begleicht ihre Ausgaben alle 8 Tage; s ie verzichtet auf kv st b ar e Kleider und legt sich Entbehrungen auf, um niemals Schulden zu habe n."

Napoleon scheint mit dein religiösen Empfinden seiner Gemahlin gerechnet zu haben; denn es mutz stark bezweifelt werden, daß nachstehendes, von Napoleon v o r g e s ch r i e b e n e Zirkular vom 6. Mai 1813 an die Bischöfe Frankreichs, das die Kaiserin in ihrem Namen bekannt geben soll, der Ausdruck der Herzensitimmung deö selbstbewutzten Korsen getoefen ist. Das Zirkularschreiben lautet:

Der Sieg, den der Kaiser und König, mein geliebter Ge­wusst und Herr auf dem Schlachtfelde von Lützen (Groß-Görschen) davongetragen hat, mutz als ein sichtbarer Markstein der gött- lichen Vorsehung betrachtet werden. Ich wünsche, daß Sie sich mit Ihren Untergebenen ins Benehmen setzen, um einTe-Deum" singen zu lassen und Dankgebete zu dem Herrn der Heer­scharen zu richten. Dabei mögen Sie die Ihnen geeigneten Bitt­geb e tehinzusügen, um den göttlichen Schutz herabzuflehen für uniere Waffen und für die Erhaltung der geheiligten Person des Kaisers, den Gott vor jeder Gefahr schützen möge. Seine Erhaltung rst notig für das Glück Europas, für das des Kaiserreiches, wie für die Religion, die er wieder aufgerichtet hat, und die zu befestigen er berufen ist. Er ist der aufrichtigste und wahre Beschützer der- selocn." (Dabei hatte Napoleon 1809 alle geistlichen Stifter in Deutschland säkularisiert.)

Obschon die Ereignisse des Sommers 1813 Napoleons dauernde Anw r, ruh eit in Sachsen erforderten, und man an keinem Tage » / o tonnte, was der andere brachte, wünschte der Kaiser trotzdem aus r> /rage mit der. Kaiserin in Mainz zusamwen zu fein; er wch' sw dahin kommen. Napoleon entwirft genau ihre Reise- dlsposltwnen und ordnete bis ins Einzelne an, was der Hofzug der Kaiserin mit sich führen solle. Er kümmerte sich sogar darum, daß bei deut Taseldienst nichts fehle, da ihr voraussichtlich die Könige und Fürsten Deutschlands in Mainz die Aufwartung machen würden. Mit bezug hierauf schreibt er von Dresden aus am J ^uli 18.13 an ben Erzkänzler nach Paris: . . . Ich wünsche, daß die Kaiserin am 22. abreist, so daß sie am 23. oder 24. in Mcmiz eintrifft. Ich werde sie dort zu besuchen . . . Am Lage ihrer Abreise werden Sie folgenden Artikel in dem Atoniteur" erscheinen 'taffen: Ihre Majestät die Kaiserin und .negentln hat sich nach Mainz begeben, um dort 8 Tage zu weilen, in der Erwartung, dort S. Maj. den Kaiser wiederzusehen . . . Lie wollen mir telegraphisch den Tag der Abreise der Kaiserin und <ng und stunde ihrer Ilnküiist in Btainz melden. Ich werde hiernach meine Abreise dorthin einrichten."

Während der Abwesenheit des Kaisers führte Marie Luise ^Regentschaft in Paris. , Napoleon weist sie unter dem 2r. Februar 1813 brieflich nn, in der Senatssitzung zu präsidieren und dort eine Rede zn gunsteu einer neuen Aushebung zu halten, v b!stbfwhlt ihr:eie werden sich in vier Staatswagen mit dem üblichen Pomp dorthin begeben, ganz, wie es Brauch ist, wenn ich zu demCorps legislatif" fahre."

Dw Kaiserin hat die Regentschaft mit seltenem Geschick ge­führt. Dies zeigt u. a. ein Brief des Kaisers vom 14 März 1814 an- feinen Schatzmeister. Derselbe wird angewiesen, künftig Nur Gelder auf des Kaisers Befehl vorzustrecken, in dringenden Fällen nur nach Anweisungen mit der Unterschrift der Kaiserin.Sie ist

dazu allein ermächtigt und besitzt ganz allein mein Ver­trau en."

Marie Luise wollte ihreni entthronten Gemahl in die Ver- bannuiig nach Elba folgen: doch hinderte sie daran ihr kaiserlicher Vater. Nach Napoleons Rückkehr von Elba und mit Beginn der Herrlichkeit derhundert Tage" schreibt er ihr am 27. März 1815:Ich bin Herr von ganz Frankreich. Das ganze Volk und die ganze Armee sind voll Enthusiasmus. Der sogenannte König ist nach England geflohen. I ch e r w a r t e Dich und meinen Sohn hier im Monat April."

Marie Luise hat ihrem Gemahl diesen Wunsch nicht erfüllen dürfen. Sie hat ihn vor seinem Ende nicht mehr gesehen. Die Trennung von Gemahl und Sohn hat der Vereinsamte auf St. Helena schwer empfunden. So schreibt er an seinen Vertrauten Las Gases, dem es gelang, sich aus der englischen Gefangenschaft nach Deutschland zu retten:Wenn Sie eines Tages meine Frau und meinen Sohn sehen, so umarmen Sie sie (in meinem Namen); fett zwei Jahren habe ich weder direkte noch indirekte Nachricht von ihnen. Hier zu Land ist feit 6 Monaten ein deutscher Bo­taniker, der sie in dem Garten von Schoenbrunn einige Mo­nate vor seiner Abreise gesehen hat. Die Barbaren haben es sorgfältig verhindert, daß ich Nachrichten von ihnen erhielt."

Marie Luise hat ihre Teilnahme dem unglücklichen Einsiedler auf St. Helena nicht versagt. Ihr vornehmer Charakter ließ, cs auch nicht anders erluartcu.e. '

Vermischtes.

* Gcsch i ch t e n v o n C l e m e n c e a it. Die un­erwartete Nachricht von dem Sturz Clemenceaus ruckte die scharf ausgeprägte Persönlichkeit dieses Mannes wieder in den Vordergrund des Interesses, der drei Jahre lang Frankreichs Geschicke trotz vieler Anfeindungen sicher geleitet. Ein urfranzvsischer Typus ist in ihm verkörpert, in seiner kaltblütigen Leidenschaft, dem geistreichen Feuer seines Witzes, seiner scharfsinnigen Ueberlegenheit und Freude am Kampf. Daß in seinem Namen, der übrigens der eines altadeligen Geschlechtes ist, das WortClement" mild yorkonnnt, empfand er selbst oft als eine Ironie, denn er fühlte nichts Mildes, nur Grimmiges, Herbes, Streit­lustiges in seinem Charakter. Freilich ist fein" gutes weiches Herz erst in dem wilden Kampf der politischen Meinungen, in der Empörung über Nngerechtigkeit und Niedertracht so hart und zornig geworden. Als junger Arzt widmete er sich hauptsächlich ärmeren Patienten, war zu allen Opfern bereit und sah wenig auf Honorar. Konnte er seinen Kranken nicht mit Arzneimitteln helfen, so suchte er ihr Gemüt durch einen Witz, eine humorvolle Geschichte zn neuer Lebenslust zn erwecken. Neben der Medizin ver­langte schon damals die Politik ihre Geltung und Cle- menceau plauderte mit seinen Patienten gern über Tages­fragen, mochten es nun reiche Leute sein oder die armen Arbeiter, die er in seiner Poliklinik unentgeltlich aufnahm. Große Reichtümer hat er als Arzt so wenig gesammelt wie als Politiker. Als er später in der Panama-Affäre hart angegriffen wurde, konnte er sich damit rechtfertigen, daß er selbst kein Vermögen befaß, nur noch Schulden aus seiner Jugendzeit; sein einziger Luxus bestand in einem Pferd und in einer kleinen Jagdpacht. Auch die Lust zum Scherzen, durch die er dereinst seine Kranken aufgeheitert, hat er sich in dem ernsten Reich der Politik bewahrt. Durch solch einen Witz soll er sich 1888 darum gebracht haben, zum Kammerpräsidenten gewählt zu werden. Der Gegen­kandidat Meline erhielt die gleiche Stimmenzahl wie er, galt aber für gewählt, weil er der ältere war. Eine Stimme hätte Clemeneeau den, Sieg verschaffen können und diese eine Stimme hatte er sich gerade an dem Tage verscherzt. Er hatte nämlich vor der Wahl einen seiner Anhänger am Büfett beobachtet, einen gemütlichen, behäbigen Herrn, der sieh lieber den Genüssen des Büfetts als den Mühen der Sitzungen widmete, wie er sich gerade für das schwere Amt des Wählens stärkte. Clemeneeau steckte ihm beim Vor­übergehen heimlich ein paar belegte Brote in die Rock­tasche und als dann der Abgeordnete während der Sitzung sein Taschentuch hervorzog, fielen sie ihm aus der Tasche und erregten große Heiterkeit. Der Deputierte war über diesen Spaß so erzürnt, daß er nicht für Clemeneeau stimmte. Heute hat Clemeneeau nicht mehr so ben Kopf voll amüsanter Einfälle wie zu früheren Zeiten; er ist ruhiger geworden, ernster, beherrschter; er hat sich zu einem feinen resignierten Genuß des Lebens durchgerungen, wenngleich in seinem Feuerkopf die alte Glut immer wieder hoch emporlodert. Wenn er jetzt von seiner verantwortlichen Stellung zurücktritt, so wird er Ruhe suchen in seinem