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Mr fleißig Umschau, ob sie nicht das Glück haben, den gewaltigen Vogel mit mächtigem Schwingenschlag über die Grate und Täler streichen zu sehen, denn jetzt, wo der Bogel seinen Jungen Atzung zutragen muß, ist er noch am leichtesten zu beobachten. Und hat ein Jäger nach vielem Umherspähen einen Adler erblickt, dann erfordert es noch harte Arbeit und viel Geduld, bis er den Ort des Horstes ausfindig gemacht hat, manche Wand muß vergeblich erklettert, manche wilde Schlucht durchforscht werden, ehe der Horst ausgekundschaftet wird. Und ist er endlich glücklich gefunden, dann geht die halsbrecherische Arbeit erst los. Der Horst des Steinadlers steht meistens an einer unzugäng- lichen Stelle der Felswand und immer so, daß ein überhängender Fels ihn von oben deckt und schützt. Der Adlerjäger muß sich also zum Ausnehmen des Horstes immer des Seiles bedienen, eine sehr gefährliche und schwierig« Sache, die einen ganzen Mann erfordert. Oben auf dem Grat halten die Genossen das Seil mit starken Händen, langsam und bedächtig steigt der kühne Kletterer hinab, jetzt findet er an der überhängenden Wand'keine Sttitz- punkte mehr, frei schwebt er in schwindelnder Höhe in der Luft, bis seine Füße auf dem vorspringenden Rand, auf dein der Horst angelegt ist, einen Halt finden. Die Gefährten oben sehen nichts von ihm, auch sein Ruf tönt nicht herauf, nur am Schlaffwerden des Seiles merken sie, daß der Jäger sein Ziel erreicht hat. Aufs äußerste gespannt, beobachten sie jetzt das Seil, nun bewegt es sich, wird straff und jetzt ziehen sie es langsam auf. Bange Minuten vergehen,.endlich erscheint das erhitzte Gesicht des Jägers über der Felskante, kräftige Fäuste fassen zu und ziehen den Kühnen vollends empor, und nun löst ein lauter, freudiger Jauchzer die Spannung, als der Jäger den auf seinem Rücken hängenden Sack öffnet, in dem zwei mit weißgrauen Dunen über und über bedeckte junge Adler hocken und mit wild funkelnden Augen um sich blicken. Alle Strapazen find nun vergessen, frohlockend wird die seltene Beute mit ins Dorf genommen, wo sie von alt und jung bewundert wird, und bald ziert der junge Steinadler den"Käfig eines zoologischen Gartens, so daß auch klingender Lohn der mühevollen Jagd zuteil ward.
* Regenschirm-Geschichten. Wer das nützliche Gerät des tragbaren Regendaches erfunden hat, darüber sind sich die Külturhistoriker nicht einig; sicher ist nur, daß der Regenschirm an Alter noch ein Kind ist, wenn man ihn mit seinem ehrwürdigen Bruder, mit dem Sonnenschirm, vergleicht. Es wird meist behauptet, er sei im nebligen London geboren worden, allein diese Annahme widerlegt ein altes Bild, das sich in einem sehr seltenen Buche über das Konzil zu Konstanz sehen läßt, jene große Kirchenversammlung, die anno 1415 den Magister Hus' und seinen Schüler Hieronymus von Prag auf den Scheiterhaufen steigen! hieß. Damals nahmen bekanntlich die geistlichen, Herren auch dein Papste Johann XXIII. die Krone der Christenheit vom Haupte, und dieser berüchtigte Johann war der Besitzer des ersten Regenschirmes, der historisch nachgewiesen werden kann. Freilich trug ihn der Besitzer nicht selbst, denn dies wäre eines so hohen Herrn unwürdig gewesen, sondern ließ sich das Monstrum von Regendach auf einer Fahnenstange von einem geharnischten Reiter nachtragen. In der Constanzer Chronik kann man über jenen Riesenschirm folgende Auskunft finden: „Man führt auch dem Papst ein Wunder großen Hut nach der war von färben roth und gelb, geforinirt glychwie ein große Hütten, oben gespitzt wie ein Jmmenkorb, und ein guldiner Engel darauf mit einem Creutz. lind solchen Wätterhut und Hütten, fürt ein Ritter im ganzen Kürist, auf einem weißen Pferd mit rothem Thuch verdeckt, an einer stangen. Und diesen Hut mußt man dem Heiligen Man füren, sich des Regens darunter zu er- wehren." ' Dieser früheste Vorläufer unserer tragbaren Regenschirme scheint freilich noch ohne Einwirkung auf die Praxis der Allgemeinheit geblieben zu sein, denn es vergingen noch mehrere Jahrhunderte, bis die eigentliche Laufbahn des modernen Regenschirmes beginnen sollte. Merkwürdigerweise war es keine Frau, die zuerst unter einen Regenschirm flüchtete, wie ja auch der Sonnenschirm als Schattenspender im Orient allzeit als ein Attribut männlicher Herrscherwürde galt. Ein englischer Soldat namens Macdonald war es, der zuerst mit einem richtigen Regeu- schirrn bewaffnet öffentlich erschien. Im Jahre 1773 soll
John Macdonald zum ersten Male mit einem Schirm in London erschienen sein, den er sich aus den Pyrenäen mit- aevracht hatte. Auch in Frankreich war um diese Zeit der Regenschirm schon bekannt, doch pflegten dort zunächst nur die Kleinbürger die riesigen, noch unförinlich großen Regendächer aufzuspannen; in den vornehmen Kreisen blieb man dem Regenschirm bis ins 19. Jahrhundert noch abholdgesinnt. Denn für einen Kavalier war die Karrosse da, wenn es regnet, und für die Dame von Stand ihre Sänfte. Nach und nach erst wurde dies Vorurteil überwunden, und es war abermals ein Brite — diesmal Sir Ionas Hanway — der durch stoische Beharrlichkeit dem Knlturfortschritt zum Siege verhalf. Tag für Tag ivandelte er mit dem aufgespannten Schirm durch die Hauptstraßen Londons. Wie ein vorsintflutliches Ungeheuer ivard er airgestaunt, die Leute drängten sich in hellen Scharen hinter ihm her, stießen lachend mit Stöcken nach dem roten Schirm, oder beschimpften wohl gar den Trgger des angefeindeten Instrumentes, und warfen mit Steinen nach ihm. Einen Feigling nannten sie diesen Sir Jonas, der sich vor ein paar harmlosen Wassertropfen unter einem Dache verkrieche. Aber Hanway blieb standhaft, er fand Nachahmer, und seiner Zähigkeit danken wir es heute vielleicht, daß der Regenschirm als hygienisch und wirtschaftlich wichtiger Gebrauchsgegenstand ent allen Bevölkerungsklassen gemeinsamer Freund geworden ist.
* Farbenname n. Es gibt gewiß an 20000 Farbennamen, mit denen z. B. die Seidenindnstrie rechnen muß. Aber sicherlich fällt den Chemikern die Herstellung dieser Schattierungen nicht so schwer, als den Fabrikanten die Wahl passender Namen. Da feiert mitunter eine recht groteske Phantasie Triumphe. Ganz harmlos ist es, wenn eine Farbe mit dein Namen einer berühmten Persönlichkeit bezeichnet wird, wenn ein bräunlich-weiß isabellenfarbig genannt wird, wenn man von bismarckblau und metternichgrün spricht. Das helle Blau, das int Anfang vorigen Jahrhunderts beliebt war, trug die Bezeichnung bleu ineurant (daher der Ausdruck „blümerant"), und das paßte gut. Aber ein schreiendes Gelb wurde opoux jaloux, „eifersüchtiger Gatte", genannt und ein verschossenes Lila „vie.ille fille", altes Mädchen. Unsere Großmütter tanzten in Strümpfen, die die Farbe „kranker Spanier" hatten. Die Westeit der Herren derselben Zeit waren von einem Rosa, dessen Name „keusche Minna" hieß. Ein zarter heller Mousseline wurde „Mädchentraum" genannt, und rouge des amoureux war eine geschätzte Krawattenfarbe. Häßlich stach dagegen ab brouillard de Londces, ein Grau, das seinen Namen „Londoner Nebel" mit Recht führte.
Humoristisches.
* Nach dem Examen. Kandidat (der durch die Daklor- prüfung gefallen ist und eineir Teil der Gebühren zurückerhalten, zu einem Bekannten): „Das erste selbstverdiente Geld!"
* Aus Küche und Keller. Hausfrau: „Nun, ich denke, Minna, Sie unterhalten, keinen unerlaubten Verkehr?" — Minna: „Nee, ich hab's ihm erlaubt!"
* Sehr gut! Vater: „Merke mal auf, Hänschen! Em Haus hat 4 Treppen, jede Treppe 36 Stufen, wieviel Stufen muht du also steigen, nm in die vierte Etage zu kommen?" —
Hänschen: „Alle!" ,
* Scharfblick. Prinzipal: „Haben Sie den „Müller" gefunden, für den ich Ihnen die Rechnung ausgeschrieben hatte?" — Kommis: „Leider nicht! In dem Hause wohnten eine ganze Menge „Müller", von denen keiner unser Schuldner sein wollte. Der letzte hat mich sogar hinausgeworfen!" — Prinzipal: „Zu dem gehen Sie nochmal, der ist's!"
* Auch eilt Lnxus. Barbier (einem Bauer ein Los verkaufend): „Was krieg i, wann du den Haupttreffer machst?" — Bauer: „Nachha laß i mi von dir alle Stund rasieren!"
* Beim Tanz. Tanzordner: „Wer getanzt hat! Zehn Pfennig pro Person, bitte, mein Herr." —• Jüngling: „Ich habe garnicht getanzt." — Tanzordner: „Was? Sie haben. lUwt getanzt? Sie schwitzen ja noch!"
Charade.
Eins-zwei ist besonders dem Landwirte tvert, Da sie als Futter vom Vieh begehrt.
Die Dritte der Mathematikus schätzt, Nicht selten dafür er auch Buchstaben setzt. Das Ganze nennt einen mächtigen Geist, Manch hübsches Märchen verrät, wie er heißt.
Auflösung in nächster Nummer:
Auflösung des Zitatenrätsels in voriger Nummerr Ohne Feuer nur roh, Ohne Leiden nicht froh.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Giebcu-


