Ausgabe 
24.6.1909
 
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sentieren und schultern. Er folgte meinem Kommando zwar unbedingt, man sah es 'ihm aber an, daß ihm das Exerzieret gar keinen Spaß machte und daß er mit seinen Gedanken gar nicht bei der Sache war. Während er mehr ober weniger stramm präsentierte", wanderten seine Blicke im ganzen Zimmer umher, um etwas zu entdecken, was er nachher möglicherweise stehlen könnte.

Beim Stehlen ging er ganz raffiniert bor. Ich legte oft absicht­lich 'etwas Eßbares auf den Tisch und verbot ihm streng, es anzurühren. Schlifft saß mit gekreuzten Annen da, das Bild personifizierter Unschuld. Er beobachtete mich scharf; so ost ich ihn ansah, schaute er ganz traumverloren in die Ferne, als wäre er in Gedanken Bei den Urwäldern seiner Heimat. Wenn ich sagte: Schlifft, untersteh dich nicht, das zu nehmen," bekam ich einen vorwurfsvollen Blick, der zu sagen schien:Wie kannst du mir nur so eine Schlechtigkeit zutrauen, ich 'denke doch gar nicht ans! Kripsen," In der Zwischenzeit war er durch geschickt ausgeführte Bewegungen dein Gegenstand seiner Sehnsucht langsam, aber sicher nahegerückt. Er versuchte dann erst durch Anfassen einer iit der Nähe liegenden Sache, ob seine Armlänge wohl reichen würde zum Erhaschen desGutset", und erst wenn er in dieser Be­ziehung sich Sicherheit verschafft, führte er sein Vorhaben aus. Gleich darauf war er unter großem Freudengeschrei über den ge­lungeneil Coup hoch 'oben auf einer Gardinenstauge und verzehrte die Beute in Sicherheit und mit Behagen. Sehr ärgerlich lvar er, wenn man ihm statt eines Bonbons ein Steinchen ins Papier gewickelt hatte und er sich für alte seine Bemühungen enttäuscht sah.

Eines Tages fernen herumziehende Italiener mit Bären, Affen und anderem Getier zu uns und gaben Vorstellung. Ich holte gleich meinen Schlifft, um ihm seine Kollegen zu zeigen. Einer der Affen, ein Pavian-Weibchen, gebärdete sieh ganz toll vor Freude, als sie Schlifft sah, nahm ihn sofort in ihre Arme und herzte ihn. Ihr Besitzer erklärte mir, die Aeffiu habe vor einigen Tagen ihr Junges durch den Tod verloren und glaubte nun, in Schlifft einen Ersatz gefunden zu haben. Schlifft war es sichtlich unangenehm, alsKind" behandelt zu werden, uud er schien froh, als man die Aeffiu mit Gewalt voll ifim trennte. Er sollte aber noch.nicht das Letzte feiner mütterlichen Freundin gesehen haben. Die Italiener luareu kaum eine halbe Stunde fort, als großes Geschrei im Hofe ertönte. Die Aeffiu hatte sich aus Sehnsucht nach ihrem vermeintlichen Kind losgerissen und war umgehend zurückgekommen. Ihr Besitzer bemühte sich ganz erfolglos, das Tier einzusangen. Er bat mich, den kleinen Affen zu bringen, um mit dessen Hilfe den Pavian wieder dingfest zu machen. Kaum war Schlifft auf der Bildfläche erschienen, so kamBaboecia", die sich vor ihrem Besitzer auf einen Baum geflüchtet hatte, herunter, und die KomödieMutter intb Kind" ging von neuem .los. Sie wollte sich nun aber um keinen Preis mehr von Schlifft trennen lassen uud quittierte jeden diesbezüglichen Versuch mit toiiienbem Beißen. Der Italiener war ratlos unb wußte nicht, was tun. Mich amüsierte bie Geschichte so sehr, daß ich schließlich dem Mann ein Gebot für den Pavian machte, das auch gleich akzeptiert wurde. Auf diese Weise kam Schlifft zu seinerPflege­mutter".

Für den armen Schlifft gingen nun aber schlechte Tage an. Er, der ein vollkommen selbständiges Leben bis dahin geführt hatte, wurde nun von feiner neuen Pflegemutter auf Schritt und Tritt 'begleitet unb behütet. Er war einfach toiitenb über biefe ständige Aufsicht. Baboecia führte ihn stets an der Hand, ob er wollte aber nicht, er mußte überallhin mit. Wie eine Gouvernante Writt. sie gravitätisch neben ihm her und behütete ihn sorgsam, "sch bin überzeugt, baß bie ärgerlichen Laute, mit benen Schlisst, feine Erzieherin apostrophierte, sicherlich einen Protest gegen die bemutternde Behandlung, bedeuteten. Er wird ihr erklärt haben, daß er den Kinderschuhen längst 'entwachsen sei und keine Bonne mehr benötige. Baboecia ließ sich 'aber durch nichts in ihren Pflichten irre machen. Meistens' versuchte sic es nur durch Güte, beit Kleinen zur Raison zu bringen; der kolossale Unterschieb in Große unb Körper kraft ermöglichte cs ihr, Schlifft überall mit hiuzuziehen. Selten sah ich sie ihm eine Maulschelle geben.

Sehr komisch waren bie fceiben Affen bei der Fütterung. Baboecia hielt Schlifft mit einer Hand weit ab vom Futter, mit der anderen steckte sie alles möglichst schnell in ihr eigenes großes Maul. Man stelle sich die Qualen des gefräßigen Schlifft bei dieser gezwungenen Abstinenz vor. Nachdem Baboecia alles ge- ttessen hatte, streichelte sie ihrKind" unb suchte es zu beruhigen durch gütigen Zuspruch. Schlifft grinste unb bebte ordentlich vor Sfcut ..und, hatte für bie Ermahnungen feiner Mutter keinerlei Verständnis. Anfangs buchte ich, Baboecia wolle das Futter dem Menten nur aus Angst für seine Gesundheit vorcnthaltcn. Leider muß tch aber konstatieren, daß ihr Vorgehen auf nicht fo ebten! Motiven basierte, fonberit einfach egoistischer Natur war. Die Affenliebe scheint Nur bis zu bet Futterfrage zu gehen. Hier hört sie entschieden auf. machen, bie Baboecia nicht gern fraß, überließ sie nämlich Schlifft ohne Widerrede. Gab man ihr ein Butterbrot, so leckte sie die Butter erst gründlich ab unb übergab das trockene Brot bann großmütig dem armen Kind. Sehr gern fraß sie auch Maikäfer. Diesen biß sic erst Kops unb Hals ab, ben Rest, bet wahrscheinlich weniger schmackhaft ist, bürste Schlifft haben. Von Eiern bekam Schlisst lediglich die Schale zit sehen.

Dieser Futterneid scheint besonders den Pavianarten eigen

zu sein. So las ich in. Hägenbecks BuchVon Tieren unb Men­schen", daß beim Fang der Paviane fast nur starke Männchen in die Falle gehen, weil diese den schwächeren Exemplaren das Fressen des Köders nicht erlaube!!. Nur selten wird ein Weibchen gefangen, es sei beim eine, besonders bevorzugte Gattin, bie von ihrem Herrn unb Gebieter zum Mitessen eiugelaben würbe. Ba- boccia scheint also zu biefen Bevorzugten gehört zu haben und für Paviangeschmack reizvoll gewesen zu sein. Schlifft hatte für sie nichts übrig, unb man konnte ihm das in Anbetracht ber ihm zuteil gewordenen Behandlung auch nicht verargen. In allen seinen Streichen war er gehindert; wo es was zum Stehlen gab, wurde dies natürlich von Baboccia besorgt, und Schlifft hatte stets bas Nachsehen. 'Außerdem mußte er sich ben ganzen Tag von ihr reinigen und abflöhen lassen, was ihm auch gar keinen! Spaß machte. Hielt er nicht ruhig bei dieser Prozedur, so bekam er manchmal einen ordentlichen Puff.

In. Bezug auf Stehlen konnte übrigens Schlifft von seiner Erzieherin noch viel lernen, denn Baboccia besaß eine wahre Virtuosität darin. Sie konnte jedes Halsband öffnen, jede Kette losmachen, wenn sie aus Raub ausging. Ich beobachtete sie ein» mal, wie sie im Speisezimmer bas Büfett, an bem ber Schlüssel steckte, öffnete unb baraus Kuchen stahl. Daraufhin sperrte ich bas Büfett ab unb legte ben Schlüssel in ber Nähe hin. Baboccia tat, als habe sie keinerlei Interesse an ber ganzen Geschichte, hatte aber natürlich '.allesgründlich beobachtet. Ich nahm nun eine Zeitung, hielt sie vor das Gesicht und gab vor, eifrig zu lesen. Durch ein kleines Loch im Papier konnte ich Baboccia auf ihrem Raubzeuge. verfolgen. Es dauerte gar nicht länge, so näherte sie sich 'ganz leise dein Büfett und versuchte, die Tür zu öffnen. Von Zeit zu Zeit warf sie mir einen Blick zu, ob ich wohl was merke. Bei ber geringsten Bewegung meinerseits entfernte sie sich sofort ivieber und setzte ein möglichst unschuldiges Gesicht auf. eie kratzte sich verlegen an ben Ohren, besah sich bie Fingernägel und tat, als ob sie auch nicht im entferntesten an Böses denke. Als sie sich ganz sicher glaubte und das Büfett nach 'verschiedenen Be­mühungen nicht aufging, holte sie zu meinem größten Erstaunen den Schlüssel, und cs dauerte gar nicht lange, so war ihr Ziel erreicht. Wenn man bedenkt, welches Ucbcrlcgcn zu dieser Hand­lung nötig war, mit welcher List und Schläue vorgegaugeu wurde, so kaun man gewiß nicht mehr sagen, daß Tiere nur nach In­stinkten handeln. Ich wiederholte dieses Experiment noch ost mit Baboccia, unb sie fand schließlich den Schlüssel, wenn ich ihn auch noch so gut versteckte. Ihre Kette mußte immer mit einem Hängeschloß geschlossen werden, da sie jeden Karabinerhaken auf­machen konnte. Auch dieses Schloß öffnete sie sofort, sobald man ihr Gelegenheit gab, den Schlüssel zu finden.

Bei einem Spaziergang stellte Baboccia einmal eine schöne Geschichte an. Ich sprach gerade vor einem Bauernhaus mit einem Bekannten Und achtete in diesem Augenblick nicht auf den Pavian. Als ich weitergehen wollte, war Baboccia spurlos verschwunden. Als sic auf wiederholtes Rufen nicht kam, ahnte mir schon nichts Gutes. Da sah ich an dem Bauernhaus ein Parterrefenster offen stehen. Ich guckte hinein unb blickte zu meinem Entsetzen in eine Speisekammer, in der ein wüstes Chaos von zerbrochenen Eiern, ausgegossenen Milchschüsselu, Butter, Brot und ähnlichen Dingen herrschte. In der Mitte saß ganz gemütlich aus einem Schmalz­topf meine Baboecia und tat, als sei sie hier zu Hanse. Sie war schon ganz dick gefressen, stopfte aber immer noch weitere Vorräte an Schmalz unb Butter in ihre lange Hundeschnauze.

Ich war natürlich außer mir, zumal mir die Hausbesitzerin als Ausbund von Geiz bekannt war. Da Baboccia sich um keinen Preis bewegen ließ, den Rückzug durch das Fenster auzutreten, mußte ich die alte Bäuerin ersuchen, mir die Speisekammer zu offnen. Schonend teilte ich ihr das Geschehene mit und versicherte ihr gleich, alles dopclt so hoch, als ber Schaden ausmachte, be­zahlen zu wollen. Als sie unter fürchterlichem Wehklagen endlich mit mir bie Speisekammer betrat, bekam sie einen derartigen Schrecken beim Anblick des großen Pavian, daß sic sofort wieder hinausstürztc und in einemfort schrie:Jesses Maria und Joseph, ber Tcisi, der Trift is in riteincr Spciskammer! Schnell bringt® an Weichbrunn (Weihwasser), daß mirn aufjitreibn!" Ich benützte bie Gelegenheit, Baboccia am Schlafittchen zu packen und schleunigst mit ihr zu verschwinden.

Als ich der Frau tags daraus den Schaden bezahlte, war sie noch immer ber Meinung', derGott sei bei uns" sei in ihrer Speisekammer gewesen. Sic versicherte mir aber, er würde in Zukunft nicht mehr kommen, da sie verschiedenegeweihte Bildln" dort ausgehängt habe. Ich cmpsahl ihr außerdem noch, ein Draht- gitter am Fenster zu befestigen, was gegen derartigeteuflische" Besuche besonders wirksam sein solle. Ilm ihre Seelenruhe wieder herzustellen, lud ich sic ein, meine Affen zu besichtigen, und da konnte ich sie dann endlich von der relativen Harmlosigkeit des Eierdiebes überzeugen.

Vermischtes.

* Ad lerjcigd. Trotzdem es im weiten Alpengebiet heute nur noch wenige Plätze gibt, au denen der König der Vögel, der Steinadler, horstet, so halten doch im Früh- sommer sämtliche Gebirgsjäger Tirols und der Schweiz