Ausgabe 
24.7.1909
 
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1909

i

II

Die Pslastermeisterm.

Roman von Alfred Bock.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Es war völlig Nacht geworden. Hier und da blinkte aus zerrissenem Gewölk ein Stern. In kurzen Stößen fuhr ein rauher Wind über das Land. Friedmar schritt die neugepflasterte Dorfstraße entlang und sog mit weit geöffneten Nüstern die frische Luft ein. Noch glühte der Zorn über den Bürgermeister in ihm fort. Er wunderte sich mir, daß er ihn nicht kurz und klein zerschlagen hatte, den Giftmichel, den Verleumder. Wie durfte er sich er­dreisten, die Lina schlecht zu machen? Es war nichts vor­gefallen, woran er sein Lästermaul wetzen konnte. Und tvenn's so wäre, wie er log er war doch der letzte, der darüber zu schmälen hatte. Der Kerl war voll Trug und Hinterlist. Just heut, wo die Arbeit fertig war, hatte er's jabgepaßt, hatte ihn in seine vier Wände gelockt und vor dem Aufseher seine Boshaftigkeit und Gemeinheit über ihn gusgeschüttet. Und nur aus Ingrimm, weil er mit dem Einhorn gute Freundschaft hielt. Nun, er hatte ihn we­nigstens einmal ordentlich durcheinander gerüttelt. Das nächste Mal konnte, er seine Knochen zusammenlesen. Daß der Aufseher bei beut Handel Zeuge gewesen, war freilich eine leidige Geschichte. Der trug ihm das wohl nach und konnte ihm viel schaden. In Gottes Namen. Und wenn er fortan keine Arbeit zugeschlagen erhielt, ihm war's einerlei. Er hatte doch keine rechte Lust mehr daran. Abends legte er mißmutig den Hammer hin. Es war, als ob eine Krankheit ihn zerwühlte, als ob ein Feuer in seinem Ein­geweide brannte.

Fort nach Haus!" gebot ihm eine innere Stimme.

Nein, nicht nach Haus!" widersprach er sich heftig. Dahin zieht mich nichts, rein gar nichts."

Und der Widerspruch gewann die Oberhand. Wer wollte ihm verwehren, daß er zu seinem Mädchen ging? Anstatt den geraden Weg zu nehmen, der in die Stadt führte, bog er in die Dorfgasse ein, wo das Einhorn lag. Bom Kirchturm dröhnten dumpf und langsam zehn Schläge herüber. Ob die Lina noch auf war? Aus dem Eckfenster des Wirtszimmers fiel ein schmaler Lichtstreif auf die Straße. Jetzt waren schwerlich noch Gäste drin. Er hob sich guf beit Zehenspitzen. Wahrhaftig, da saß sie allem, über ihre Arbeit gebeugt. Schnell zu ihr. Die drei Stufen, die zur Türe hinauffuhrten, nahm er mit einem Satz und stand gleich darauf in der Stube.

n Abend, Sina."

Das Mädchen schrak zusammen.

Herrjesses, der Meister! So spät?"

Ich war beim Bürgermeister.,"

Wie kommt bann bas?"

Er hat biefen Abend ein Faß Bier aufgelegt."

Sie sah besorgt zu ihm auf.Und da wollt ihr noch eins trinken, Meister?" ,

Er schüttelte beit Kopf und sagte wie verwirrt:

Ich muß heim. Und mag doch nicht. Und kann nicht, 's zehrt an mir und drückt mir's Herz ab. Herrgott, tch halt's nicht mehr aus."

Er brach plötzlich vor ihr zusammen und barg! aufstöhnend den glüheitden Kops in ihrem Schoß.

Aus ihrem Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen, und das Herz schlug ihr hoch bis zum Hals hinaus. Sanft strich sie mit der Hand über sein feuchtwirres Haar und sagte leise:

Still, Friedmar, still, daß du's nur weißt, bitt dir gut."

Da schnellte er, wie von einer tollen Freude gefaßt, empor, riß sie au sich und suchte gierig ihren Mund, ohne daß sie sich sträubte.

Mein Schatz, mein herzlieber Schatz!"

Er gab sich fessellos seiner ungestümen Zärtlichkeit hin, und unter seinen heftigen Küssen erstarb ihr das Wort aus! der Lippe.

Eng aneinander geschmiegt genossen sie die ganze Selig­keit, sich endlich gefunbeu zu haben.

Ist deine Mutter droben?" fragte Friedmar nach einer? Weile mit vibrierender Stimme.

Schläft," hauchte Lina,schon lang."

Mach das Licht aus, daß niemand mehr hereinkommt," bat er.

Sie tat's. Er preßte sie wieder an sich. Dann zog! er sie hinaus auf den Flur. Die Türe zu ihrer Schlag kammer war halb geöffnet.Komm', Schatz," flüsterte er, komm'."

Friedmar, was tust du?" Sie widerstrebte leise, nur leise. Fast trug er sie in die Kammer. Und die Türe schloß sich hinter ihnen. . .

Im Morgendämmern schritt Friedmar auf der in Vieh, fachen Windungen sanft aufsteigendeit Lanbstraße dem Städtchen zu. Entzückt hing sein Auge am östlichen Hori­zont, wo bas junge Licht emporglomm. So schön, bünktej ihm, hatte er die Sonne noch niemals aufgehen sehen. Er lauschte beit ersten Vogelstimmen, als seien es ganz neue unbekannte Töne, bie an sein Ohr schlugen. Die Land- schaft, bie ihm so wohlvertraut war, kam ihm reicher und sarbeitbunter vor. Ein Wvblgefühl durchströmte ihn, wie es der Genesende empfindet, der eine schwere Krankheit sieg­reich überstanden hat. Seine Sehnen spamiten sich, und die gewohnte Arbeitslust regte sich aufs neue. Dabei wanderten seine Gedanken zu dem Mädchen, das ihm seine Liebe ge­schenkt hatte. Es konnte gar nicht ausbleiben, daß der Wind ans beut Bürgermeisterhaus seiner Frau zutrug, was bei dem Trinkgelage vorgefallen war. Daß es mit der Meisterin einen schweren Zwist absetzen würde, sah er voraus. Gestern konnte er den Bürgermeister noch einen Lügner heißen. Und heute? Mochte kommen, was da wollte