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Der arme Lukas.
Eine Geschichte in der Dämmerung von Wilhelm Holzamer.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Einmal sah inich «reiner Mutter Tante ganz erschreckt an und fragte, ob ich krank sei. Ich sei totenblaß/ Es fehlte mir aber nichts. Und während des Sprechens oder Arbeitens kam auch meine Gesichtsfarbe wieder.
Es war ja mir ein kindliches Spiel, das wir trieben, aber es hatte sich in unseren jungen Herzen so festgesetzt wie der tiefste Ernst, Es beherrschte uns ganz. Das änderte sich auch nicht durch die Ferien. Wir sahen uns dann in unser!« Hause, wenn das Luischen zur kranken Mutter kam, mir gingen durchs Feld ivie früher, wir trafen uns am Abend und küßten uns zum Abschied.
Wenn ich wieder in Mainz war, dachten wir anein-j ander, wenn die Sterne kamen und das Dunkel sich auf die Gassen senkte.
Mein Spaziergang war am Rhein. Tagtäglich. Ich stand auf der Schiffbrücke und sah den Wellen zu. Ich ging am Ufer und sah hinüber zu den Taunusbergen. Wie ich einst mein enges Fleckchen Erde daheim liebgewonnen, so jetzt hier die Landschaft und in ihr jeden Winkel — jeden Hügel und Baum, jedes Haus und jeden Schatten. Anfangs halt' ich alles mit daheim verglichen. Bald könnt' ich alles selbständig festhalten.
Und ich tats allmählich mit Absicht. Mit der Absicht, es dem Luischen zu sagen, zu zeigen.
Mein ganzes inneres Erleben, mein Lernen und Wachsen, es war ja all für sie.
Ich versuchte manchmal, ein Bildchen, das mich gepackt hatte, für sie festzuhalten. Aber ich war nie damit zu-; frieden. Es gelang mir nicht recht.
Ich lag stundenlang ivach im Bett und schrieb ihr Briefe. In Gedanken natürlich. Denn wir schrieben uns nicht, weil das nicht gut zu machen war. Aber ich spann so alles aus, was ich erlebt hatte. Heut' kommt's mir dor, als sei's gut so gewesen. Ich hab' mir damit über wdro Vorkommnis, jedes Erlebnis Rechenschaft gegeben, ^ch erlebte und ward mir dessen klar und bewußt. Vieles lernt ich verstehen, und vieles erweiterte sich mir, was man von keinem Lehrer, aus keinem Buche lernen kann. Es war mir alles so lebendig und aufgeschlossen. Wozu das wäre, ivußt' ich ja damals nicht. Aber manchmal war nnr's docy, als sammle ich und schaffe mir Vorrat für später. Und oft war mein stiller Wunsch, einmal viel in mir zu haben, um viel hergeben zu können. Ihr natürlich und jedem, der begehrte.
Vielleicht auch der Keim eines Fruchtkornes, das mein alter Lehrer in mich gelegt hatte. O, es wächst manches ur uns, von dem wir nicht ibissen, wie es in uns kam.
Der, der's uns gab, weiß nicht davon, steht abseits mM hot nicht Verdienst. Oder er schlummert in der Erde, tote der gute Alte, bei dem ich auch jetzt noch manchmal ein Stündlein in Gedanken saß.
Es zog mich mit der Zeit immer mehr von den Büchern weg. Hinaus in die Natur! Ich wurde bald ein schlechtes Lerner. Aber ich reiste doch ganz anders wie meine Mit-j schiller. Ich lebte alles anders. Und wenn mir's auch einmal in der Schule übel ging, mit etwas andern: rin ich mich immer wieder heraus. Glänzend. Ich war drum auch sehr angesehen in der Klasse. Wohl io ar ich ein wenig einsam. Aber um so höher zählte ich.
Wir hatten damals einen neuen Lehrer in den Sprachen bekommen. Er war noch jung. Aber ganz mein Mann. Es gab nicht zu büffeln bei ihm.
Im Deutschen stellte er eine Probe an, um uns mit einem Schlage kennen zu lernen. Er sagte es uns, was ihm die Aufgabe bedeutete. Wir sollten eine Schilderung unseres Heimatsortes geben, mit Historischem und allem, was uns bedeutsam erscheine.
Ich war Feuer und Flamme. Ich dachte an das Luischen. Ich dachte auch an meine Mutter. Lebendig stand alles vor mir. Nur zu greifen halt' ich, nur hinzugreifeu. Und alles, was ich von der Vergangenheit meines Dorfes gelesen und gehört hatte, fiel mir ein.
,Wein Dorf", schrieb ich als Ueberschrift, um mich deutlich von den Mainzern zu unterscheiden.
Und ich malte aus. Ich hab' vergessen, was ich schrieb. Aber das Feuer, das in mir aufgegangen war, das starke Hingenommensein, in dem ich wie in einem Zwang stand, die Glut, das Träumen, das' Gehobensein, das, meine ich, könnt' ich mir immer wieder wachrufen. Nicht so beseligend, nicht so, um es ausdrücken zu können, um etwas dadurch leisten zu können wie damals; aber ähnlich warm und verklärend.
Andern Tags kam der Lehrer mit einem einzigen Heft in die Klasse. Ich erkannte sogleich, daß es das meine war, und das Herz fiel mir in die Schuhe.
„Lukas Schlüssel," sagte er, „komm heraus, lies deinen Aufsatz vor."
Ich las ihn mit hochklopfendem Herzen. Alles io ar mäuschenstill. Als ich fertig wär, legte mir der Lehrer die Hand auf die Schulter: „Du mußt ein Maler werden oder ein Dichter, Lukas Schlüssel. Sehr gut!"
„Ich alter dummer Mann. Daß ich das auch er-, zähle."
Der arme Lukas lächelte vor sich hin. Der helle Schein des Fensters lag auf feinem Antlitz. Es war verklärt. Es lag ein stilles Ergehen drin — wie im Abendsonnenschein draußen auf der weiten Flur, wenn die Vögel zu Neste locken und sonst alles still geworden ist.
„Ich werd' halt alt, junger Freund. Ein wenig kindisch am End'. Aber — es war halt doch ein großer Augenblick. Und er hat seine Spuren in mir zurückgelassen."


