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Natur unter diesem schonungslosen Kampfe immer mehr verödet, und daß es in unseren Wäldern und Fluren unheimlich still zu werden beginnt. . ..
„Jedoch die Natur läßt sich nicht spotten, sich nicht ungeltrait verhunzen. Sic wehrt sich gegen die selbstsüchtige Herrschaft, die der Mensch über sie ausüben möchte, und schon machen die allenthalben die schädlichen Folgen dieser kurzsichtigen inib einseitigen Behandlung geltend, die ihr gegenüber Platz gegriffen hat. Die Wälder liefern nicht die Erträge, auf die der Forstmann! glaubte rechnen zu dürfen, denn die Verwandlung in einförmige, gleichmäßig abgeholzte Bestände bot der verheerenden Gewalt der Stürme freies Spiel, begünstigte den Ausbruch von allerlei Pflnnzenkrautheiten und die unheimliche Vermehrung der verschiedensten forstschädlichen Insekten: die Vernichtung des,Unterholzes hat in vielen Gegenden schwere klimatische Nachteile nut sich gebracht. Das Eindämmen der Ströme hat diese ihrer natürlichen Jnuiidationsgebiete beraubt und verursacht, wenn einmal der schützende Damm durchbrochen ist, um so fürchterlichere Ueber- schwcm'mungen. Die rasche Abnahme der Singvögel hat ein lieber- haridnehmcn der Pflanzenschädlinge in der Kerbtierwelt bewirkt, und selbst die schonungslose Vernichtung des Raubzeuges ist Nicht ohne verhängnisvolle Folgen geblieben.
Unsere Zeit hat manche neuen Werte moralischer nnb ästhetischer Art geprägt, die sich rasch entwickelt haben und zu ungeahnter Mächtigkeit gediehen sind. So i|t es auch mit der Naturschutzbewegung gegangen . . . Und es war auch höchste Zeit,-daß in dieser Beziehung eine Aendcrung eintrat. Der Ruf „Zurück zur Natur" erschallt immer mächjtiger, und immer ge- waltigcr wird die Sehnsucht,, die uns unwiderstehlich zurückzieht zur Allmutter und ihren Geschöpfen. Und die Liebe zur Natur ist ja aufs innigste verknüpft mit der Liebe zum Vaterland. Nur diejenigen, die Verständnis haben für die Eigenart der heimischen! Natur, werden auch die richtige heiße Liebe zur heimischen Scholle empfinden. Deshalb kann es auch nur der innigste Wünsch jedes Vaterlandsfreund-es sein, daß uns Deutschen die non altersher tief eingewurzelte Liebe zilr heimischen Natur über dem Hasten und Drängen der Gegenwart nach materiellem Gewinn Nicht verloren gehen möge; denn das wäre der Anfang vom Ende. Und darum ist die Naturschutzbewegung, insbesondere die Schaffung von Naturschutzreservaten, nickst nur eine edle, eckst menschliche, sondern auch eine ungemein patriotische Tat, die die wärmste Förderung verdient.
Vorgeschrittene Geister haben das Nntzlichkeitsprinzip als völlig ungenügend verworfen. Wir wollen z. B. einen Vogel nicht deshalb schützen, weil er vielleicht schädliche Insekten vertilgt, sondern wir wollen den Vogel schützen um des Vogels selbst willen, weil er in seiner Art ein herrliches Geschöpf ist, ein Dichtergedanke gewissermaßen der schaffenden Natur, weil ohne die anmutigen Bewegungen, die bunten Farben und die lieblichen Gesänge unserer Vögel unsere Wälder und Fluren unendlich öde, tot und traurig erscheinen würden. Und ist es nicht ein unsäglich kleinlicher Standpunkt, bciui Anblick des im blauen Aether um starre Felszacken schwebenden Adlers gleich an den Junghasen 'oder das Rebhuhn zu denken, das er vielleicht int Magen haben könnte, statt sich rückhaltlos an dem ästhetischen Hochgenuß dieser herr- lichen poetischen Erscheinung zu erfreuen? Deshalb trachtet die moderne Naturschutzbewegung, alle Geschöpfe nach Möglichkeit zu erhalten, ganz besonders aber diejenigen, die durch unsere Kultur schon dem Aussterben nahe gebracht worden sind, gleichviel, ob sie dieser Kultur nützlich oder schädlich sind..
Und wie Mit den Tieren, so verhält es sich auch mit denl Pflanzen. Keinen unserer herrlichen kraftstrotzenden Waldbäume, keines der lieblichen Blumenkinder möchten wir in unseren Forsten Missen. Alles bildet ja ein zusammengehöriges, unauflösliches Ganzes, und eben dieses Ganze wollen wir uns erhalten, wenn! cs natürlich auch nur streckenweise und in kleinen Restbestäudest Möglich sein wird. Die neueste Richtung der Naturschutzbewegung geht deshalb darauf hinaus, Naturreservate,zu schaffen, und kleine Anfänge dazu sind ja auch schon gemacht worden. Aber bei alledem, so schön und so wertvoll und so nachahmenswert es auch ist, handelt es sich intimer nur nur kleine Fleckchen Erde, deren! Erhaltung zwar die Rettung eines hübschen Naturbildes bedeutet, der unendlichen YLot des Ganzen gegenüber aber doch niemals von nachhaltiger Wirkung sein kann. Und doch muß gerade in der Erhaltung des Ganzen, des typischen Landschaftsbildes mit seiner gesamten Fauna und Flora unsere Hauptaufgabe liegen, in der Schaffung eines möglichst großen Naturschutzparkes, einer Art Hellvwstone-Park int kleinen!"
Dazu mitzuwirken, lädt ein Aufruf des „Kosmos" seine Mitglieder und alle Freunde der heimischen Natur, int Bereist mit dem „Dürer-Bund" und dem „Oesterreichischen Reichsbund für Vogelkunde und Vogelschutz, Wien", ein. Eine stattliche Reihe hervorragender Persönlichkeiten hat den Aufruf mit unterzeichnet. Aus der langen Liste seien nur ein paar Namen aufgeführt: Ferd. Avenarius, Herausgeber des „Kunstworts" (Dresdeu-Blase- witz); Hans Frhr. v. Berlepsch (Kassel); Geh. Regierungsrat Dr. Wilh. Foerster (Charlvttenburg); Prof. Friede. A. v. Kaulbach (München); Detl. Baron von Liliencron (Alt-Rahlstedt b. Hamb.); Geh. Hofrat Pros. Dr. W. Ostwald (Groß-Bothen); Professov G. C. Schillings (Berlin) ; Baronin B. v. Suttner (Wien);- Hans
Graf zu Törring-Jettenbach, Reichsrat (Winhöring); Graf Ferd. v. Zeppelin. (Friedrichshafen) usw.
Wie wir diesem Aufrufe entnehmen, wurden bereits einleitende Schritte zur Verwirklichung des schönen Planes getan, der überall, wo er bisher bekannt wurde, begeisterte Zustimmung gefunden hat. „Schon sind nänchafte Mittel gezeichnet; schon haben uns berühmte Naturforscher, Gelehrte, Schriftsteller und Künstler ihre Mithilfe zugesagt, einflußreiche Behörden ihre lluter- stützuug versprochen; schon stehen wir mit maßgebenden Stellen in Unterhandlungen wegen billiger Ueberlassung geeigneten Ge- ländes. Aber dazu sind natürlich noch sehr beträchtliche Mittels nötig, und wir bitten deshalb um gütige Zeichnung von Beiträgen zu diesem- gemeinnützigen und großzügigen Unternehmen, das der ganzen Menschheit zugute kommt und manche sonst rettniigs- ilos deut Untergang geweihte Tier- und Pflanzenart für uns und unsere Nachkommen erhalten wird." Der „Kosmos", dessen Geschäftsstelle (Stuttgart, Pfizerstraße 5) gerne nähere Auskunft erteilt, hat sich bereit erklärt, bis auf weiteres alle Vorarbeitenl unentgeltlich zu besorgen. Sobald für gesicherte Weiterentwicklung! Gewähr gegeben ist, wird er dann zurücktreten, um die fernere! Ausgestaltung einer eigenen Organisation _%tt überlassen. „Gebe jeder nach seinen Mitteln," heißt es am Schlüsse, „aber schließe sich .keiner aus, wo es gilt, endlich einmal etwas Großzügiges auf dem Gebiete des Naturschutzes zu schaffe», der uns allen so sehr ans Herz gewachsen ist!"
Aberglaube.
An den meerumspülteu Küsten der Bretagne und in dem' herben felsigen Inneren des spröden Landes, das nur selten von fremden Reisenden besucht wird und in dem altes Volkstum in ungeschwächtcr Eigenart den Gang der Jahrhunderte bis zur Gegenwart trotzig überdauerte, leben noch heute die wunderlichen Praktiken mittelalterlichen Aberglaubens fort, seltsame Vorstellungen von dem Walten übernatürlicher Kräfte oder der Wundermacht verehrter Heiliger durchdringen das Alltagsleben der Bevölkerung, die hart ringt, um dem kargen Boden ihren kümmerlichen Lebensunterhalt abzuringen. Auf einer längeren Radtour durch dies Land des Aberglaubens hat Frederic Lees überall die Spuren dieses Volksglaubens gefunden, in denen der Bretone seinen besten Bundesgenossen im harten Lebeus- kgmpfe sieht und deren Schilderungen dem im Wide World Magazine veröffentlichten Reisebericht des Engländers einen eigenen Reiz verleiht. Noch heute ist es am Johannestage Sitte, allerlei Kranke zum Johannesfeuer zu tragen und kurze Zeit über die Flammen zu halten; er selbst war Zeuge des seltsamen Schauspieles, wie bekümmerte Eltern ihren kleinen Jungen, der sehr schwächlich war und an englischer Krankheit zu leiden schien, sorglich über ein kleines Feuer hielten und dann hoffnungsvoll und mit glänzenden Augen mit ihrem kleinen Liebling von dannen zogen, felsenfest überzeugt, daß das Leiden ihres Kindes nun gewiß schwinden würde. Ein alter Bretone, der dabei stand, nickte ernsthaft und erzählte dann von den Wundern, die das „feit de Saint-Jean" vollbracht habe. „Aber es kommt alles darauf an, daß die beiden, die das Kind über das Feuer halten, alle ihre Gedanken ans die Verrichtung sammeln und den Glauben haben. Ohne den Glauben kann nichts vollbracht werden." Die.harte Lebensweise der Bretonen, die kümmerliche Nahrung und die Unbilden des rauhen unwirtlichen Klimas legen dem Volke eine . unverhältnismäßig große Zahl körperlicher Gebrechen oder Krankheitsanwandlungen ans und gegen diese Prüfungen des Schicksals wird ihnen ihr Aberglaube zum besten Helfer: es ist kein Zufall, daß die meisten Praktiken auf die Beseitigung körperlicher Leiden abzielen: sie alle stammen ans altersgrauer Vorzeit und werden von den Enkeln und Urenkeln mit gleicher Treue gehütet und gepflegt. In dem kleinen Dorfe Trsgnier z. B. befindet sich auf dem Kirchhofe das Grabmal von St. Nves, das von altersher ein Wallfahrtsort aller Buckeligen gewesen ist. Die Sage berichtet, daß der Heilige, der selbst in seiner Jugend von körperlicher Entstellung heimgesucht wurde, auf seinem Totenbette der irdischen Leidensgenossen gedachte, er gab Anweisungen, wie sein Grabmal errichtet werden solle und versprach für alle die Unglücklichen zu bitten, die bei seinem Grabe Trost und Rettung suchen würden. Die Wunderstätte auf dem Friedhof hat die Form eines großen steinernen Meßtisches; in der Mitte befindet sich eine niedrige schmale Oeffnung, durch die die Buckeligen durchkriechen, um dadurch die Anwartschaft auf Befreiung von ihrem Hebel zu erwerben. Es ist ein ergreifender Anblick, zu sehen, wie hier alte Frauen mühsam ans allen Vieren durch die schmale Oeffnung sich zwängen und still vor sich hinlächelnd nach Hanse gehen, srohep Hoffnungen voll. Aber auch für die kleineren liebel hält der Aberglaube seine Mittel bereit. In der Nähe von Billiers, in Morbihan befindet sich ein Holzkreuz, das 1874 errichtet wurde und die beste Hilfe gegen dauernden Kopfschmerz bieten soll. Der Leidende sticht sich mit einer Nadel in die Stirtr bis ein Blut-


