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Bald empfand Frauke auch, wie sich. die Leute im Dorfe von ihr zurückzogen. Tie Frauen grüßten steif und förmlich, die Männer gingen ihr verlegen aus dem Wege. Manche spitzfindige Redensart bekam sie zu hören, manches Lachen und Kichern hinter ihrem Rücken.
„Das ist die Bitterkeit, die ich nm meiner Liebe willen erdulden muß," dachte sie.
Jan hatte nicht so viel unter dem Gerede der Leute zu leiden als Frauke. Er war auch nicht so empfindlich und spürte die seinen Nadelstiche nicht. Doch wurde im mehrmals von guten Freunden geraten, der „Person" doch zu kündigen. Wenn sie jetzt abends beieinander saßen, waren beide ernst und bedrückt.
Manchmal machte Frauke ihrem Herzen Lnft und weinte sich satt, und Jan saß hilflos daneben und wußte nicht, womit er sie trösten sollte. Aber voneinander lassen konnten sie nicht, jetzt nicht mehr.
Und wieder vergingen Jahre in gemeinsamer Arbeit, in gemeinsam getragenem Leid.
Frauke verlor ihre köstliche Frische; sie wurde mager, und die feinen Linien auf ihrer Stirn vertieften sich. Aber ihre Augen blickten so klar wie früher, sie trug den Kopf so hoch und stolz wie ehemals.
15.
Tine Thomsen war 40 Jahre alt. Sie saß an dem Fenster des Hofstübchens und blickte hinunter auf den mit Katzenkopfsteinen gepflasterten Hof. Sie überdachte sich, wie ruhig und gleichmäßig ihr Leben hier in der großen, unruhigen Stadt oahinfloß, und wie bewegt es ehemals gewesen war in der stillen Marsch, Und wieder dachte sie nach, ob es wohl so bleiben würde, jahrein, jahraus. Ob sie immer nur den öden, gepflasterten Hof und die kleinen Fenster der armseligen Hofwohnungen sehen würde. Ob man sie, wenn ihre Zeit um war, von hier aus sorttragen würde nach dem Friedhöfe?
Ein Gefühl der Sehnsucht überkam sie, der Sehnsucht nach dem Lande, nach kleinen Häusern und stillen Landwegen, nach einem Gärtchen, in dem Sauerampfer und Riechkraut wuchsen.
Sie sehnte sich nach frischer Landluft, und ihre eingesunkene Brust hob sich, wenn sie daran dachte.
In Hamburg ging sie fast gar nicht ins Freie. Seitdem sie einmal in der Ferne jemand aus Witzwort gesehen hatte, war sie scheu geworden.
Ihre Gesundheit war seit einigen Jahren stark erschüttert. Das Leben in dem dumpfen Stübchen, die anstrengende Näharbeit, die Seelenkämpfe, die sie durchgemacht hatte, untergruben sie. Als sich dann einmal eine bösartige Influenza einstellte, dauerte es viele Wochen, ehe sie sich wieder erholte. Auch dann wurde sie nie wieder so frisch wie vordem. Sie behielt einen häßlichen Husten zurück, und mitunter fühlte sie dazu ein Stechen in der Brust. Ihre Wangen waren eingefallen, ihr Haar von silbernen Streifen durchzogen. Ihr Rücken war gekrümmt von dem Sitzen an der Maschine. Nur die wunderbaren Augen und der rührende Zug um den kleinen Mund erzählten von ihrer ehemaligen Schönheit.
Aber Tine war ja nicht eitel. Hatte sie früher nie gewußt, daß sie schön war, merkte sie auch jetzt nicht, daß sie ihre Schönheit verloren hatte.
Sie lebte überhaupt nur für ihre Tochter, und wenn sie wünschte, jemals herauszukommen aus dieser ejtgeii Stube, so war es Jannes wegen.
Auf Janne vereinigten sich alle ihre Gedanken und Wünsche, ihre Träume und Hoffnungen; für sie sorgte und betete sie. Wenn Janne abends von ihrer Nähstelle nach Hause kam und im kurzen Jackett und Matrosenhütchen ins Zimmer trat, dann brach für Tine der Tag an, der Tag mit Lachen und Sonnenschein.
Janne war groß und kräftig geworden. Sie hatte nicht die Schönheit der Mutter geerbt, aber sie sah gesund und hübsch aus und war immer vergnügt und guter Dinge.
Liese Petersen war säst ganz dieselbe geblieben, höch^- stens daß ihr Gesicht ein paar Runzeln mehr und einige Zähne weniger aufwies, und daß ihr Haar noch einen Stich mehr ins Silbergraue bekommen hatte. Wer sonst war es noch die alte Liese Petersen mit deni goldguten Herzen und der groben Art. Sie wandte noch immer ihre Güte jedem zu, der sie brauchte, und zankte sich noch immer Sonntags nachmittags bei Kasfee und Klöwen mit ihrem Schwager und ihrer Schwester. Ihre drei Nichten und
der Neffe, die inzwischen hübsch herangeivachsen ivarcn, zählten in ihren Augen noch immer zum Kropzeug.
Liese hatte auch noch immer die alte heimliche Sehnsucht nach dem Lande, und diese Sehnsucht, die ein halbes Menschenleben hindurch ihre Seele erfüllt hatte, sollte an ihrem Lebensabend gestillt werden.
Eines Tages brachte der Briefträger einen großen gelben Einschreibebrief, und als Liese, die gegen Telegramme und Einschreibebriefe ein großes Mißtrauen hegte, diesen mit Widerstreben öffnete, sand sich, daß es ein Brief aus Holstein von dem Amtsgericht Heide war.
Es wurde Fräulein Luise Petersen, wohnhaft zu Hamburg, darin mitgeteilt, daß ihr verstorbener Bruder, der Uhrmacher Hans Petersen zu Hellingstedt, sie zur Universalerbin seines Vermögens, bestehend aus einem .Hause nebst Inventar und 9700 Mk. Bargeld, außer 3000 Mk., die ihre Schwester Maria erhalten sollte, eingesetzt hatte.
Liese mußte sich schleunigst auf einen Stuhl setzen, so zitterten ihre Knie. Das Glück alterierte sie förmlich.
„Na, so was lebt nicht mehr. Deern, Tine, ivas sagst du?"
„Du hast es verdient, Liese."
„Ist nicht wahr. Red' nicht so was. Warum hab' ich ihm nicht wenigstens mal einen Hamburger Klöwen geschickt? Zwanzig Jahr hab' ich ihn nun nicht gesehen, und nun ist er tot. Ob seine Frau auch tot ist? Wird sie wohl. Sonst hätte sie es nicht zugegeben, daß er mir all den Kram vermachte. Sie hatte es nicht gut auf mich. Gott hab' sie selig. — O Tine, jetzt verkaufen wir alles und ziehen nach Dithmarschen.
„Ich, soll ich denn auch mit? "
„Natürlich!"
„Aber das geht doch nicht. Nein, Liese, ich habe doch nicht geerbt."
„Dummes Gör, willst du mir wieder dreinreden? Du kommst mit, und damit basta! Punktum, streu Sand auf!"-
Jetzt mußte Tine doch lachen, obgleich ihr die Brust dabei weh tat.
„Aber Janne?"
„Janne muß mit. Wenn sie bloß Lust hat!"
Ja, Janne hatte große Lust; sie freute sich riesig über die Veränderung. Ihr siebzehnjähriges Herz war noch frei, es hing nicht an Hamburg.
Liese schmiedete Pläne; es war Grobschmiedearbeit, aber gut gemeint.
„Wir wohnen nach der Straße und schlafen nach hinten. Die Ziege gibt Milch und Butter, wenn sie noch da ist. Viel, gearbeitet wird nicht. Janne wird schon etwas zu nähen finden, denn Hellingstedt ist ein großes Dorf. Aber Tine tut erst mal ein paar Jahre gar nichts. Wir sind ja jetzt reich. Sie soll erst mal ihren Husten los werden. Willst wohl stille sein! Du setzt dich in den Garten und guckst ans den See oder die grüne Wiese. Wenn der See bloß noch da ist."
Tine hatte noch ein kleines Bedenken: „Ich hatte einen Bekannten, der war Knecht in Dithmarschen."
„Aber T>eern, Dithmarschen ist ja so groß, es ist ja eine ganze Provinz oder gar ein Herzogtum. Und denkst du denn, daß du noch so aussiehst wie vor siebzehn Jahren? O jemine!'
(Fortsetzung folgt.)
Lin Naturschutzpark für Deutschland,
Die zunehmende Verödung unserer heimischen Natur beklagt ein 'Aufsatz des bekannten Zoologen Dr. Kurt Floericke im neuesten Hefte des „Kosmos" (Stuttgart). „Niemals wohl," heißt cs dort, „hat der Mensch unsinniger, grausamer und rücksichtsloser! unter der Tier- und Pflanzenwelt gehaust, als während der letzten fünf Jahrzehnte." Es ist in der Tat eine grausame Ironie des Schicksals, das; gerade in dem vielgerühmten „Zeitalter der Natur- wisseuschaften" diese Verhunzung der Natur vor sich gegangen ist. Zunächst wurden von der Ausrottung natürlich diejenigen Ticr- grten betroffen, „die von der Natur aus infolge ihrer Nahrung als Mitbewerber für den egoistischen und engherzigen Menschen in Betracht kommen, also vor allem die Raubtiere und Fischfresser. Wo sind sie hin, die Reiher- und Kormorankolonien, die Bären, Luchse, Wildkatzen, Nörze und so viele andere, wo sind die Steinadler geblieben und die Bartgeier, an deren herrlichem Fluge sich noch vor ein paar Jahrzehnten jeder Besucher der Alpen erfreuen komtte? In die entlegensten Wildnisse sind sie verdrängt, und auch dorthin folgt ihnen unerbittlich der Jäger." So haben auch „die Fischereiberechtigten selbst der harmlosen Wasseraimel und dem wunderschönen Eisvogel, diesem fliegenden Edelstein unserer Gewässer, den Krieg erklärt" — kein Wunder, haß unsere


