Ausgabe 
24.5.1909
 
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1909

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Spätinghof.

Roman von St1, v. d. Eidej«

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Als sie nun so wie zwei junge Liebesleute nebenein- Mnder saßen und die Welt ringsum vergaßen, kam ein Hand- werksburfche die Trist entlang. Es war ein Bursche, wie man sie oft auf der Landstraße trifft: ein bißchen zer­lumpt, eüt bißchen dumm, ein bißchen keck, ein bißchen bescheiden.

Er trat keck in die Haustür und blieb dann bescheiden stehen und tvartete. Als niemand sich sehen ließ, trat er einen Schritt weiter und noch einen.

Hinter einer Tür hörte er sprechen und lachen.Da Müssen doch Menschen sein," dachte er und trat rasch näher.

Jan und Frauke hatten, in ihrem kosenden Getändel vertieft, ganz überhört, daß jemand von außen herein­kam. Sie hörten auch nicht das schüchterne Klopfen an die Tür. Erst als diese sich öffnete und der Handwerks­bursche auf der Schwelle stand, fuhren sie auseinander.

Verzeihung, ein armer Reifender bittet um eine kleine Gabe." Demütig, die Mütze vorgestreckt, murmelte er seinen Spruch; sein Auge Über blieb an dem schönen, gelben Kuchen Haften, der auf dem Tische stand.

Frauke starrte den Bettler entsetzt an. Wie ein Ge­spenst der Armut erschien er ihr in diesen Räumen der Wohlhabenheit, wie ein böser Geist am Tore des Glückes.

Jan faßte sich zuerst.Ist ja mir ein armer Rei­sender," flüsterte er, griff in seine Tasche und gab dem Burschen eine blanke Mark. Frauke faßte sich jetzt auch; sie schnitt ein Stück dicken Kuchen ab und reichte es mit lieblichem Lächeln hinüber.

Gott segne es Ihnen und Ihrer Frau und Ihren Kindern!" Unter fortwährenden Bücklingen zog sich der junge, Mensch zurück und steuerte dem nächsten Hofe zu.

Ich werde eine neue Haustürklingel anmachen lassen, die alte klingt nicht laut genug," sagte Jan, als er sich Franken wieder zuwandte.

Ja, tu das," entgegnete Franke.Wie gut, daß es kein Bekannter, daß es nur ein fremder Handwerksbursche war."

Nur ein fremder Handwerksbursche! Aber er hatte doch den holden Zauber dieser Stunde zerstört, die fröh­liche Stimmung war für heute dahin.

Nur ein fremder Handwerksbursche! Was konnte der ihnen schaden! Er wußte ja nicht, daß sie nicht Mann und Frau waren.

Er hatte seinen Kuchen draußen auf der Trist ver­zehrt; ein fröhliches Liedchen pfeifend, zog er weiter.

Er trat auf Bäkhof ein. Hier waren gerade die Leute auf der Diele beim Kaffee, und ßiete Nissen reichte in einer Anwandlung von Großmut, vielleicht auch weil sie kein

kleines Geld zur Hand hatte, dem fremden Burschen ein Stück Schwarzbrot mit Fett und eine Kumme Kaffee.

Gesegn's euch Gott!" sprach der Handwerksbursche Und und trank. Das schmeckte freilich nicht so süß wie der Kuchen vorhin, und das verbitterte Altjungferngesicht vor ihm lächelte nicht so lieblich wie vorhin ein anderes.

Um Verzeihung," sagte er,der Nachbar nebenan ist wohl noch nicht lange verheiratet? Ein stattlicher Herr und eine schöne, liebe Frau, Gott segne sie!"

Ein dankbares Gefühl in seinem Innern veranlaßte den Burschen, von seinen Wohltätern zu sprechen.

In Lietes Augen blitzte es auf.

Wie meint Er das?"

Nun, weil sie gar so verliebt sind und gar so schön miteinander tun. Gott erhalt' ihnen 's Glück!"

Gott erhalt' ihnen 's Glück? Wie eine Ironie des Schicksals klang es.

Der Bursche zog weiter, von Hof zu Hof, von Dorf zu Dorf; er ahnte nicht, daß seine harmlosen Worte, die der Dankbarkeit entsprossen waren, eine böse Saat aus- gestreut hatten.

Also darum!" sagte Siete Nissen, und ihre dünnen Lippen preßten sich aufeinander.Deshalb sagte sie, ich möchte morgen nachmittag kommen. Sie wollte heute mit ihm allein sein. Jetzt werde ich überhaupt nicht wieder hingehen." Mit hämischer Schadenfreude erzählte Siete das. Gehörte toeiter.

Also darum!" sagten die Leute. Jetzt fiel dem einen dies und dem andern jenes auf; jedes Zufallswörtchen erhielt Bedeutung.

Jetzt war es jedermann klar : Zwischen Jan Thomsen und seiner Mamsell bestand ein sträfliches Verhältnis, ein Verhältnis, zu dessen Richter sich jedermann im Dorfe be­rufen fühlte.

Wer hätte ihnen das zugetraut? Ja, stille Wasser sind tief! Er war ein Mucker und sie eine von den Ehr-, baren, die es hinter den Ohren haben!"

Bei mir darf sie nicht mehr ins Haus kommen!"

Ehe sie nicht verheiratet sind, rede ich nicht mit ihr"

Jch will sie nächstens mal fragen, wann die Hochzeit sein soll."

So redeten die Leute hin und her.

Frauke ahnte nicht, was für Demütigungen ihrer harrten. Sie war lvie immer von freundlichem Ernst den Dienstboten gegenüber und hatte bisher nicht über Respekt­losigkeit zu klagen gehabt.

Jetzt gab die Dienstdeern oft schnippische Antworten und führte spitzfindige Redensarten; der Knecht wurde seinem Herrn gegenüber frech, und der Hofjunge grinshe, sobald er Frauke sah.

Jan kündigte den Dienstleuten, aber es währte noch mehrere .Monate bis zum Ziehtag, so lange mußte man sehen, mit ihnen auszukommen. Und wenn diese nUU gingen, wie würden die sein, welche kamen?