feit aus und Leutnant Niäzis Name wurde in einem Armeebefehl rühmend erwähnt. Der kommandierende General entsandte ihn dann nach Konstantinopel als Begleiter der griechischen Gefangenen, die dem Sultan vorgestellt werden sollten. Hier lernte der junge Leutnant znM ersten Male das Leben im Palaste kennen mit allem seinem Prunk und all seinen Lastern; er sah. die Günstlinge iit ihrem Treiben, sah die großen Spione, die im Alter von 25 oder 30 Jahren Admirals- oder Generalsuniform trugen und ihre Brust Mit den höchsten Orden zieren konnten. Mit scharfen Blicken Musterte er diese Schar eleganter Müßiggänger und arroganter Großtuer, deren Leben aus Jnirignen bestand, und sein Staunen wurde bald zur Verachtung. Der Hofmarschall drückte ihm im Namen des Sultans 250 Frs. in die Hand, Während Man dem Sohne des Marschall Kiazim-Pascha, einem dreizehnjährigen Knaben, den man zum Adjutanten des Sultans gemacht hatte, 5000 überreichte. Die Eindrücke, die Niazi hier empfing, sollten ihn nicht mehr verlassen und von seinem Aufenthalt in Konstantinopel trug er einen leidenschaftlichen Haß gegen diese Kanrarillä davon, die das Reich dem Verderben entgegentrieb. Der Zufall führte ihn später in seine Heimatstadt zurück; er übernahm in Resna das Kommando über ein Jägerbataillon und zugleich den Auftrag, das bulgarische Bandenunwesen im Zaume zu .halten. In Monastir, im Generalguartier des dritten Armeekorps, lernte er die Not und den Mangel der Soldaten kennen, die Gewissenlosigkeit von Vorgesetzten, die betrügerischen Lieferanten in die Hände arbeiteten und allen Bestechungen zugänglich waren. Aus der zornigen Empörung, die er damals einsog, erstand jene leidenschaftliche, Entschlossenheit und jener begeisterte Wagemut, Mit dem er die Bewegung gegen den Absolutismus einleitete Und die ihn wie seine Kameraden Enver Bey und Eyub-Effendy zu Freiheitshelden des türkischen Volkes werden ließ. Als sich in Monastir das Aktionskomitee bildete, war die Rolle der Pariser Theoretiker ausgespielt. In den ersten Junitagen gab Niazi-Bey das Signal zur Erhebung. Mit 200 mit Mausergewehren ausgerüsteten Anhängern trat er den Marsch von Resna nach Monastir ton. „Der Tod oder die Freiheit" war die Losung dieser kleinen Schar. In dem Augenblick, da Niazi-Bey an der Spitze seiner Getreuen gegen Monastir aufbrach, richtete er an den ersten Sekretär des Sultans, den damaligen Generalinspektor Hilmi-Pascha, ein kurzes, kühnes Telegramm, in dem er den sofortigen Erlaß einer Konstitution forderte. Der Zug Niazi-Beys mit seinen 200 Mann wurde die entsprechende Tat, die das morsche Gebäude des alten Regimes zertrümmerte. Wie auf Befehl einer unsichtbaren Macht bildeten sich sofort zwanzig ähnliche Gruppen, das jungtürkische Komitee nahm die von Niazi-Bey eingeleitete Politik der Tat sofort auf und das Ende war der Erlaß der Konstitution.
* Vvm blühenden Strumpfe. „Ein hochmodernes -Geschenk kann man sich billig aus unbrauchbar gewordenen Strümpfen Herstellen. Diese werden stark lackiert, bis sie nach dem Trocknen eine feste Form behalten, dann überstreicht man sie Mit Goldbronze und erhält auf diese einfache Weise entzückende Blumentopfformen. Eine wunderbare Wirkung erzielt man dabei, Kenn man die Löcher nicht zustopft. Die Keime treiben daun dort heraus und erhöhen den eigenartigen Reiz dieser Töpfe, die sich vorzüglich, als zarte Aufmerksamkeit mit persönlicher Note eignen." Dieses stammt, so schreibt Ferdinand Avenarius im Knnstwart, aus einer der illustrierten Zeitungen für Hausheimchen, die bei einer großen Anzahl von Damen so beliebt sind, weil sie erstens so reizende Rezepte und 4toeite|n3' so viel Gemüt haben. Die Quelle zu nennen, wäre nicht nur ungalant, sondern auch wirklich nicht hübsch von uns, denn an der ästhetischen und intellektuellen Bertroddelung Ihrer Leserinnen arbeitet die Emp- fetzlerin der durchlöcherten Strümpfe als Blumentöpfe nicht intensiver als ihre Kolleginnen mit. Das Hinauskehren aller' dieser Suselduselblättchen scheint uns ein unentbehrliches Aufräumen für die guten und ernsten Arbeiten der neuen Frauenbewegung. Denn aus derselben Höhe wie die „zarten Aufmerksamkeiten mit persönlicher Rote" werden hiev so ziemlich alle Fragen abgestrickt, .oder Meinethalben „bronziert", die den betreffenden Tarnen unter die Finger kommen. Arrue Leserinnen, die ihr euch an ihren Waben erst einmal festgeschleckert habt! Eh' ihr nur wieder frei werdet, müßt ihr schon so viele Kraft verzappeln, tute die Fliegen auf dem Sirupbrot! (Wir drucken diese Notiz ab, obwohl sich Avenarius geirrt hat, denn „der blühende Strumpf" ist nur eine Satire von Paul Keller, dem Herausgeber des „Glückkastens". Die Red.)
* B rückenspringe r. Im nächsten Juni wird in Newyork die Queensborongh-Brücke über den East River eingeweiht. Zn den Einweihungsfeierlichketten haben sich nicht weniger als 235 Personen, darunter 30 Frauen und Mädchen im Alter von 18 bis 32 Jahren erboten, von der höchsten Spitze der Brücke den Sprung in die Fluten des East River zu wagen. Die Klasse der Brückenspringer trat mit dem Bau der Brooklyner Brücke ins Leben. Zahlreiche Lebensmüde hielten den Sprung von der Brücke für die sicherste Selbstmordmethode und führten ihn auch aus.
Die auf der Brooklyner Hängebrücke stationierten Polizisten müssen sich oft mit so einem lebensmüden oder auch einem sportlustigen Menschen in die aufregendste Hetzjagd einlassen. Bon den Brückenspringern, die sich zu Ler Einweihungsfeier gemeldet haben, sind 168 „Professionelle", die daran gewöhnt sind, aus riesiger Höhe zu tauchen, 9 Frauen sind ausgesprochene Selbstmordkandidatinnen und 24 sind arme Teufel, welche den Sprung wagen wollen in der Hoffnung, daß ihnen nachher als Lohn irgendeine Beschäftigung zuteil wird.
* Herr und — Herrlein? Aus Newyork wird be-< richtet: Die Frauen von Illinois verlangen mit Emphase eine Titelunterscheidung zwischen verheirateten und unverheirateten Männern und sie haben bei mehreren Volksver- tretern auch eitergische Unterstützung gefunden. Senator Ettleson wird jetzt ein Gesetz einbringen, das alle verheirateten Männer, die sich als unverheiratet ansgeben, mit schwerer Strafe belegt. Denn die Frauen von Illinois wollen ungleich den europäischen Frauenrechtlerinnen, die die Unterscheidung zwischen „Frau" und „Fräulein" aufheben ivollen, die Anredeunterscheidung zwischen Verheirateten und Unverheirateten äüfs Strengste aufrecht erhalten und auch auf die Männer aus'dehnen. Sie haben den Senatoren an einer Reihe von Beispielen gezeigt, wieviele furchtbare Tragödien dadurch entstehen, daß verheiratete Männer für unverheiratet gehalten werden, und das vorgelegte Material soll so erschütternd gewesen sein, daß die Senatoren den Argumenten sich beugten. Welchen Titel die unverheirateten Herren aber bekommen sollen, darüber sind Frauen wie Volksvertreter sich noch int Unklaren und Senator Ettleson erwartet die Erleuchtung von einem Preisausschreiben, das den besten Vorschlag prämiiert.
* Die z ehn Gebote der Ehefrau, das heißt der Ehefrau, welche als Mustergattiu bezeichuet werden will, veröffentlicht der „New Nork American". Dieser Dekalos) der angeblich aus der Feder Carmen Sylvas, dep Königin von Rumänien, stammen soll, lautet folgendermaßen: „1. Fang keinen Streit an. Ist der Streit aber unvermeidlich, so halte tapfer aus bis zuM Ende. Wenn dir der Sieg lacht, wirst du in den Auge» des Gatten Ansehen gewinnen. 2. Vergiß nicht, daß du dich mit einem! Manne und nicht mit einem Gotte verheiratet hast. Wundere dich also nicht über feine Schwachheiten. 3. Verlange nicht zu oft Geld von deinem Gatten: richte dich mit dem ein, was er dir monatlich gibt. 4. Wenn' du merkst, daß dein Mau» zu wenig Herz hat, so deiike daran!, daß er einen Magen hat. Dadurch, daß du seinen Magen gut behandelst, wirst du allmählich auch zu seinem Herzen gelangen. 5. Sieh zu, daß hin und wieder, aber nicht zu -oft, das letzte Wort deinem Gatten bleibe. Ihm wird das Freude machen, und dir kann es nicht schaden. 6. Lies die ganze Zeitung, nicht nur die Skandalgeschichten. Dein Manu! wird sich freuen, wenn er Mit dir Mer die Ereignisse des Tages und sogar über Politik sprechen kann. Auch im Streit sollst du deinen Gatten nicht beleidigen. Vergiß nicht, daß er dein Halbgott war. 8. Mach deinem Gatten von Zeit zu Zeit das Kompliment, das; er der schlaueste und gebildeste aller Männer ist, und gib zu, daß du nicht immer unfehlbar bist. 9. Wenn dein Gatte schlau ist, fei ihm Kämeradin, wenn er duMm ist, sei ihm Freundin und Beraterin. 10. Achse vor allem die Mutter deines Gatten: bedenke, daß er sie liebte, bevor er dich liebte." Das ist ein hübsches kleines Resümee weiblicher Philosophie! Und wie Carmen Sylva ihre Schwestern kennt!
Rätsel.
Du siehst om Wasser mich als schlanken Baum;
Hast du mir nun ein „K" als Haupt erteilet, So zeig' ich mich als dunklen, kühlen Raum, In bem so Mancher ost und gern verweilet.
Und fragst du mich: „Warum?" — Ich sag' es nicht!
Ein kurzes Wörtchen ruf' ich dir entgegen;
Es gibt nicht Ausschluß, doch es nennt die Pflicht, Die alle Rätselfragen auferlegen.
Wenn bit das kurze Wörtchen hast gesunden Mit jenem „K" und jenem schlanken Baum, So hast bit 's Ganze, b’rin in sel'gen Stunden Manch' Dichter träumte einen schönen Traum.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Letterrätsels in voriger Nummer: O p i u m , A r u b a, N i s i b; Iohaunes Brah in s.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


