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diMker Äüfopferuntz so viel freie Zeit für seine Liebhabereien, teiie irgend angängig.
Mit Hilfe einiger Herren auS St. Blasien würde cs denn Pvauzigjährigen Jüngling ermöglicht, di« Karlsruher Kanst- fiiabemie zu beziehen. Auf Grund seiner eingereichten Arbeiten würde er in der Slntikenklasse aufgenommen. Mit heiliger Scheu betrat er die Arbeitsstätte der Kunst und schaffte dort mit großer Emsigkeit. Nach sechsmonatlichem Unterricht durste er Schüler des Direktors Schinner werden, d. h. er ging (mit dem Mitschüler Eugen Bracht) in den Schwarzwald und malte dort nach der Natur, und mit welchem Eifer! Durch die Jahre 1860—66 war er immer. im Winter auf der Kunstschule, und wenn der Sommer kam, ging er nach Bernau Und arbeitete nach der Natur. Er war in der Malklasse und malte dort auch 'Köpfe. Durch Canon kernte er eine Summe von maltechnischen AusdruckKmitteln kennen, durch ihn wurde er auch zuerst auf die Maltechnik der großen Meister aufmerksam gemacht.
*) Es kamen die Winter, Ivo er als Meisterschüler Bilder malen durste. Das wat eine gar heikle Zeit, eine Klippe, an der sich auf den meisten Hochschulen die begabtesten und selbständigsten: Schüler stoßen — was soll man da nun malen? Wie sollen die Bilder aussehen? — Das Genrebild stand hoch im Ansehen, auch er versuchte allerlei, aber es zeigte sich, ein Konflikt — die Erscheinung der Natnr sprach sehr zu ihm — aber die Erzählung, die das Genrebild mehr oder minder geistreich ausdrücken sollte, kant dabei zu Schaden. Auch das Landschaftsmalen hatte seinen Haken; irt der Schirmerschule mußte man komponieren lernen — das konnte er gewöhnlich nicht mit den Eindrücken, die ihm der Schwarzwald gemacht hatte, und überhaupt mit dem, was er bisher gesehen hatte an Landschaftshatur, vereinigen; die Schwarzwälder Tannen wollten sich schon gar nicht fugen, auch die langen Bergrücken nicht, und gar die langhin sich ziehenden Wiesen — die zu malen durfte man gar nicht denken. Ein geborener Realist, wollte er nichts anderes malen, als ivas er selber gesehen, ja selber gelebt hatte — wo er hinschaute, sah er auch Schönes genug. Menschen, Tiere, Landschaften, in harmonischem Lichte vereinigt» schwebten ihm vor. Ahnungen, Möglichkeiten zu schönen Bildern — wenn er nur einmal die Bilder so machen könnte, wie er sie sich vorstellte. Programm hatte er keines, auch keine Sorge, wie die Sache werden sollte; er dachte, daß, wenn er einmal Bilder annähernd so malte, wie sie ihn. traumartig umgaukelten, dieselben auch 'aller Welt gefallen müßten'. Freilich hatte er da die Rechnung ohne den Wirt gemacht, wie er Jahrzehnte hindurch erfahren Mußte. Aber der Siebzigiährige empfindet bei seiner Rückschau Noch eine wohlige 'Genugtuung darüber, daß er trotz der vielen Entbehrungen und Enttäuschungen fest genug geblieben war, mit unbeugsamer Energie seinem inneren Drange zu folgen, seiner Eigenart treu zu bleiben. Des Bleibens in Karlsruhe war für ihn nicht mehr. Ein Freund, Hermann Schümm, versuchte es, ihm in Basel eine Zeichenlehrer stelle zu verschaffen, aber es mißlang. Er ermöglichte es ihm, nach Düsseldorf zu gehen.
In einem Keinen Atelier arbeitete er dort recht fleißig, mit dem guten Gefühl, in einer richtigen Malerstadt zu sein; er stÄlte auch einiges ans, aber die Bilder waren Fremdlinge, und die -Kunsthändler wußten nichts damit anzufangen — sie bewegten sich gar nicht auf der Linie Achenbach-Vautier. Tie Karlsruher Empsehlnngeu versagten auf eine fast komisch zu nennende Art. Die Situation wurde ernst, sehr ernst. Der un- envartete Verkauf eines Bildes für 150 Taler half zunächst.
Wertvoll wurde ihm die 'Bekanntschaft mit dem Frankfurter Maler Scholderer, dessen ruhig sickere Technik von entschiedener Bedeutung für seine damalige .Entwickelung war; ja, er war der einzige in Düsseldorf, dessen Art und Wesen belebend auf ihn einwirkte; sein Sinn für einfache Behandlung, für harmonische Ganzheit war dem verwandt, was Thoma selber suchte.
Für die Düsseldorfer waren seine Bilder ganz und gar nichts; abfällige Kritik suchte sich lustig darüber zu machen. Im „Malkasten" wurden Karikaturen von seinen Bildern gemacht, es herrschte das große Hallo. Ein ihm wohlgesinnter Maler ärgerte sich über die Spötter und sagtet ihnen: „Hebt euch nur einstweilen Daran? ein, es kommt euch zugut, wenn die Zeit kommt, wo ihr die Bilder im Ernst nachahmt."
Nach zwei in Düsseldorf verbrachten Wintern .ging er int Frühling 1868 mit Scholderer nach Paris. Hier kam ihm zum Bewußtsein, daß sein Weg, den er auf der Kunstleiter beschritt, her richtige war. Die Düsseldorfer Erlebnisse sanken vor den geiMtigen Kunstschätzen, die er nun schaute, zur Episode herab. Bon den zeitgenössischen Malern war es vor allem Cvurbet, der ihn , mächtig anzog. Schon im folgenden Sommer machte sich die in Paris gewonnene Anregung bei den in Bernau angefertigten Arbeiten geltend. Aus Anraten von Karlsruher Künstlern ging er int Herbst wieder nach Karlsruhe. Aber länger als anderthalb Jahre hielt er es nicht aus. Seine im Kunstverein ausgestellten Bilder wurden als etwas Unerhörtes betrachtet; einige Mitglieder dieses Vereins machten an den Vorstand allen Ernstes die Eingabe, Thoma das Äusstelleu ein für allemal zu verbieten. Nach dem tiefen, sattelt Grün, das .in seinen Landschaften oft vorkam'.
*) Einzelne stellen sind den gesammelten Erinnerungen „Im Herbste des Lebens" von Hans Thoma entnommen, Anführungszeichen befinden sich nur da, wo wörtliche Wiedergabe stattfand.
nannte Man in der Gesellschaft einen gewissen Salat „Thomasalat" Er ging zunächst nach Säckingen, dem damaligen WoAwrt feiner Mutter und Schwester. 'Dort arbeitete er fleißig und die rege Tätigkeit, sowie sein köstlicher Humor und Lebensmut bewahrten ihn vor Verbitterung, und nicht am letzten Ende die innige Liebe, mit der seine Mutter ihn immer wieder und wieder umfing.
Einige Auftrage von Städteansichten (Rheinfelden, Laufenburg, Waldshut und Säckingen) ermöglichten es ihm, im Herbst 1870 nach München zu gehen. Ten wohlgemeinten Rat, Pilotyschüler zu werden, befolgte er nicht, dagegen schloß er bald Freundschaft mit Viktor Müller, dem älteren, gleichgesinnten Kollegen, um den sich eine Keine Gruppe von Künstlern bildete: Scholderer, Haider, Sattler, Eysen und auch Leibl gehörten dazu. In treuer Kunst- liebe hielt Tr. Bayersdorfer zu ihnen. Letzterer fand bald heraus, daß „unverkäufliche Bilder" so ziemlich das .Programm dieser Künstlergruppe sei. Tie Kunsthändler wollten also auch hier nichts von ihm wissen. Im Kunstverein kam er etwas besser davon. Es fanden sich immerhin einige Muser für seine Bilder. Tie Kritik war ihm auch nicht hold. Der Kritiker der „Allgeh meinen Zeitung" nannte ihn „den nicht talentlosen Begründer der sozialdemokratischen Malerei". Auf dessen Frage, wo er denn eigentlich mit seiner Malerei hinanswollte, antwortete er: „Ei, ich will gar nirgends hinaus — ich sorge nur, daß ich bei mir selber bleibe."
Auch mit Böcklin wurde er bekannt, der sich vor den Bildern viel über Technisches mit ihm unterhielt und ihn mit seinen vielfachen Versuclcen in der Maltechnik vertraut machte.
Ein lebhafter Bewunderer feiner Werke, Tr. Otto Eifer, ein Arzt aus Frankfurt, lud ihn im Herbst 1873 zu sich ein zur Anfertigung mehrerer Porträts. 'Dadurch irorbe es ihm ermöglicht, im nächsten Jahre eine längere Reise nach Italien zu unternehmen. Genua mit feinen Palästen, seinen dunklen Zypressen, seinen matt- grünen Oliven und dem lebhaften Treiben: am Hafen machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Hier fühlte er sich in Italien. Bon da besuchte er die Kunststadt Florenz und das ewige Rom, wo er die Künstschätze abwechselnd mit der Frühlingslandschaft ber Campagna genoß. Letztere übte einen nachhaltigen Eindruck auf ihn aus, wie auch die auf der Rückreise berührten Orte Orvieko, Siena und Spezia. Ter Aufenthalt am letztgenannten Ort veranlaßte ihn zu folgenden Betrachtungen: „Sv Mr Mittagszeit hoch oben bei Port» Veuere sitzen, in die blaue Unendlichkeit von Meer und Himmel hinaussehen, unten schäumt die Brandung, die nach und nach zu einer Musik wird und herauftönt, wie Memchen- ohren sie nur in ben seltensten Stunden als Weltharmonie höchster Ordnung auffassen können. Oder im blühenden Olivenhaine, den ganz eigenartigen 'Duft, der sich mit der Meeresluft, die aus dem Blauen lMranweht, so schön vereinigt — das Bienengesumme in den gelblichweißen Blüten auf kristallblauen Gründen — das Gefühl der Unendlichkeit überkommt uns, so daß wir die Sinne verhüllen, um in die tiefste Einsamkeit unseres Seins zu versinken."
Zurückgekehrt, eilte er zunächst zu den ©einigen, folgte im Herbst einer Einladung Sattlers nach 'Schtveinfurt, wo er mit diesem zusammen dessen Weinbergsturin mit Temperabildern aus- malte. Im Winter war er in Frankftirt mit Freskomalereien für Alex. Gerlach und mit Porträts beschäftigt. Im Frühling des Jahres 1876 war er ivieber in München, den Sommer verbrachte er in Säckingen und arbeitete im Winter mit seinem Freund Stein- Hausen zusammen in einem Atelier in .Frankfurt. Tiefes Jahr war bedeutungsvoll für ihn; er schloß den Lebensbund mit der Künstlerin Cella, die er unterrichtete. Im nächsten Jahre fiedelte er ganz nach Frankfurt über mit Frau, Mmter und ©d>iaefter. 1876 bedeutete ein glückliches Jahr auch für fein Schaffen und in der nun folgenden Zeit entwickelten sich in ruhiger, zufriedener Arbeit seine künstlerischen Fähigkeiten zu voller Entfaltung und großer Fruchtbarkeit. Sein Freundeskreis erweiterte sich, wodurch er mehrfach Aufträge zu Porträts und Wandgemälden bekam. Tie Kunstausstellungen und die Kritik verhielten sich aber immer noch ablehnend gegenüber feinen Werken. In Herrn Minvprio aus Liverpool erstand ihm ein Verehrer, ber ihm viele Bilder abkaufte, den er auch 1879 besuchte. Tiefer Herr bestellte oei ihm auch zehn italienische Ansichten, wodurch es ihm ermöglicht wurde, im nächsten Jahre wieder eine längere Reise nach Italien zu untmteljmen und diesmal mit seiner lieben Fran. Tiefe zweite Reise machte fast noch mehr Eindruck auf ihn, als die erste. Seine Aufträge führten ihn nach Sorrent, Neapel, Rom und dem Seengebiet. Mit gefüllten Mappen und manchem fertigen Bild beladen kehrten sie in die Heimat zurück.
In späteren Jahren folgte er noch einer Einladung von Adols Hildebrand nach Florenz und von Henry Thode nach Venedig und Gardone. Die letzte Reise ist wvhl als Linderung des Schmerzes aufzufasien, den ihm der Tod seiner alten, so sehr geliebten Mutter verursachte. Aber diesem ersten Schlage folgte bald ein zweiter, noch wuchtigerer; nach fünfundzwanzigjähriger glücklicher Ehe starb feine Fran, mit der er so viele Sorgen, Freuden und auch seine künstlerischen Interessen teilen durfte. Er hat sie oft im Bilde festgehalten, zuletzt noch nach ihrem Tode. Diesem Bildnis, das feine Frau in reiferen Jahren als Brustbild darstellt, mit einer Landschaft als Hintergrund, in der zwei Frauen lustwandeln und unter einer üppigen Banmgruppe ein Maler sitzt (jedenfalls seine Fran, feine Schwester und ihn selbst darstellend), hat er folgende


