Ausgabe 
23.10.1909
 
Einzelbild herunterladen

662

Still, Majörchen! Aus der Hoy, still! Silentium!" Dieses tat er aber nicht, sondern er zog die Balken Ms den Augen seiner Nächsten und gründete"

Ja, ja, wir wissen schon! Ruhe!"

Und gründete damit ein Holzgeschäft. Er wurde ein reicher Mann und hatte einen Sohn, der war so stark, daß er Moon Eisenbähnzüge hätte aufhalten können; dieses tat er aber nicht"

Um Gotteswillen, der Mensch macht einen taub! Stopfen wir ihm den Münd. Prosit Majörchen, prosit! Heil, heil!" Ein halbes Dutzend Champagnergläser erhob sich; mit zitternder Hand langte Aus der Hoh nach dem seinen:Pro > ost, mei eine Herren!"

Er setzt ihn an, er trank ihn ans," zitierte der literarisch gebildete Willibald Kälbshorn, besonderer Klassikerschwärmer und überzähliger Hauptmann bei den Pionieren. Er galt nicht viel bei den Kameraden, eben dieser literarischen Bildung wegen; bei Damen in einem gewissen Mter, oie für's Platonische schwärmten, desto mehr. Er tvarf mit Zitaten um sichj, er deklamierte, er melo- dkamte, er huldigte in Gelegenheitsgedichten, er verehrte das schöne Geschlecht mit jener, ach längst ausgestorbenen, ritterlichen Minne; er hatte was vom Toggenburger an sich, der aus der Ferne himmelt. Diese Ballade gab er Mich, wenn gereizt, am liebsten von sich.

Heiliges Kanonenrohr, jetzt fängt her an zu dekla­mieren," flüsterte der kleine Röntheim seinem Intimus Osten tzü, mit einem furchtbaren Seitenblick auf den Literarischen. Er wird doch nicht?!"

Allgemeines Entsetzen.Schreien wir ihn tot!"

Ho holla ha ha!" Die weinrauhen Kehlen jbraHen ein ohrenzerreißendes Getöse hervor.

Ritter, treue Schwesterliebe," klang's dumpf dazwischen.

Schreit ihn tot!"

Haha ho prost haha, haha!"

Fordert keine andere Liebe"

Quak, quak," gina's unter dem Tisch, ein ganzer Frosch- Korus fiel ein; beleidigt schwieg der Literarische.

Immer heißer die Lust im Saal, während draußen der Novemberwind Schnee an die Scheiben fegte.

Du, Osten," Röntheim stieß den Freund in die Seite, übermorgen mit nach Köln, was? Die kleine Nina Smettana vom Skalatheater in Zivil: Finchen Schmitz erwartet mich. Deine Freundin, wie heißt sie doch? Anna, Susanna, Marianna na, du weißt schon, die hübsche Schneiderseele! Auch zu erlangen. Erst amüsanter Bummel, dann Souper bei Bettger, kleine Budengasse Wunder sehen, wie süffig die kleinen Mädchen sind was? Famos, haha!"

St, nicht so laut!" Der andere fuhr sich mit den gespreizten Fingern durch's Haar und ruinierte seinen Scheitel.Famose Aussicht!" Er verzog kläglich sein hübsches Gesicht.Aber Benno, meine Frau, du weißt doch! Freiherr und doch keiner mehr ä!" Er zuckte ärgerlich mit den Schultern.

Röntheim lachte laut auf und trällerte dann:

La donna ö mobile lala lieber Sohn, gar nichts Ml sagen! Was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß. Wir fahren, abgemacht, bon!"

Die beiden Freunde vertieften sich angelegentlich in die Details der Vergnügungsreise, plötzlich wurde ein Name genannt. Wer hatte ihn zuerst ausgesprochen? Niemand konnte es sagen. Nun, er war da, die beiden horchten rmd Röntheim machte sofort Jagd auf ihn.

Aha, Rainer, Ramer sagten sie nicht Ramer? Gut, daß der jetzt die Mainzer beglückt; fatale Visage! Uebrigens i haha feudaler Spaß mit Ramer diesen Sommer weiter nichts als ausgekniffen haha!"

So? Inwiefern? Was ist los?" Ein Dutzend Stimmen stürmten auf Röntheim ein; der war groß im Erzählen von Skandalosa.Was Pikantes, ja?"

Na und ob!" Benno von Röntheim schnalzte mit der Zunge und verdrehte funkelnd die Augen.Sollten Sie Nichtwissen? Unglaubliche Geschichte! Die Dallmer"

Laß doch, Benno!" Osten zupfte ihn verlegen.

Nicht dreinreden! Osten, still! Erzählen, Röntheim, «erzählen Sie los!"

Na, man sieht, nicht alle der Herren haben Mütter, Frauen, Bräute hier Liaison von Ramer mit Fräulein Dallmer doch stadtbekannt!"

Oho, kommt der jetzt Mit her alten Geschichte! Natüv- lich, wissen wir längst!"

Aber weiter!" Der Erzähler lächelte selbstbewußt und strich sich den Magen.Der Röntheim, fixer Knabe, was? Kriegt alles raus. Habe da in Ehrenbreitstein kleine Mamsell, bei der ich, Monogramm sticken lasse; wohnt bei alter gräulicher Tante, die möbliert vermietet. Ramer da gewohnt. Höre nun noch nicht lange her ganz zufällig, daß am späten Wend, sagen wir Nacht vor Abreise, Besuch bei bewußtem Herrn gewesen wer? Tableau, Fräulein Nelda Dallmer!"

Ein allgemeines:Ah!"

Soll sehr erregte Unterhaltung geführt haben Vor­würfe Ansprüche geltend gemacht Hauptspektakel. Alte natürlich am Schlüsselloch gehorcht. Junge Dame sehr streit­bar, dem Galan tüchtig die Meinung gesagt. Rainer in Mauseloch gekrochen; dann Abgang der beleidigten Un­schuld voila tout!"

Haha, ist's möglich? Donnerwetter, hätte ich nicht von der Dallmer gedacht, hatte so was von absolut spröder Reinheit," meinte einer der Zuhörer.

Weniger rein wäre angenehmer gewesen," warf man dazwischen.Riesige Kratzbürste!"

Täuscht," lächelte ein dritter,so sind sie alle. Rein, haha, bis auf einen Punkt ua" Ein vielsagendes Achsel­ziehen war der Schluß.

Wird wohl bald von Bildfläche verschwinden müssen!" Röntheim zwinkerte verschmitzt; er konnte mit dem Effekt seiner Geschichte zufrieden sein, die Nächstsitzenden waren Feuer nnb Flamme, der Name Nelda Dallmer ging von Mund zu Mund. Unglaublich, unerhört! Man wurde etwas laut. Osten war die Situation unbehaglich; er schaute vor sich nieder und knetete Brotkügelchen. Mochte nun die Ge­schichte wirklich passiert sein oder nicht Röntheim schnitt bekanntlich sehr auf jetzt war sie publik, Agnes konnte unmöglich mehr mit der Dallmer verkehren. Es würde Tränen geben, aber er schreckte zusammen.

(Fortsetzung folgt.)

Hans Thoma.

(Original-Artikel der Gießener Familienblätter.)

I.

Tie Feste sind verrauscht. Der Gefeierte, dem diese Ehrungen gelegentlich seines 70. Geburtstages dargebracht wurden, Hans Thoma, ist doch recht froh, daß er nach dem. Hervvrtreteih an die Oefsentlichkeit sich wieder in sein trautes Heim zurück­ziehen kann. Tie vielen Freundschaftsbeweise, Anerkennungen und Huldigungen aus seinem lieben Badentairde, aus ganz Deutschland und über Deutschlands Grenzen hinaus, die ihm als Künstler unb Mensch in gleicher Weise galten, haben dem alten Manne wohlgetan, aber nach all dem ungewohnten Trubel hat er das Verlangen nach Ruhe. Irr den Festtagen ist er gav nicht recht zur Besinnung gekommen, nun känn er sich seinen! Träumereien hingeben. Sein ganzes Leben läßt er noch einmal an sich vorüberziehen. Es war reich an Liebe, an Arbeit, an Enttäuschungen, an Entbehrungen und schließlich an Anerkennung und Ehrungen.

Seine Gedanken wandern zurück nach Bernau, seinem Heimat- dorse, das im südlichen Schwarzwald in einer großen lang­gestreckten Talmulde gelegen, rings von hohen Bergknppen um­geben ist. Tort hat er sich nach Herzenslust umhertummeln können. Hinter dem Vieh ist er hergelaufen, im Gras zwischen Blumen hat er auf dem Rücken gelegen, dem schnell fließenden Bach zugeschaut, die Hohenzüge betrachtet und den blauen Himmel über sich Mit den nmnnigfaltigen Wolkengebilden. In den langen Wintermouateu hat er die ganz anders geartete Schnee­landschaft auf sich wirken lassen. Viel hat er die Natur beobachtet in seiner völligen Ungebundenheit, so daß sie sich ihm schließlich bildartig einprägte. Wie hätte er wohl ahnen können, daß er derartige Bilder später in großer Zahl malen würde. Aber schon während der Schulzeit drängte cs ihn die ihm innewohnende Gestaltungsfähigkeit zu betätigen. Er zeichnete nebenher, und seine Mutter, ans deren Familie diese Gabe auf ihn überging. Unterstützte ihn in der Pflege dieser Beschäftigung.

Bald nach der Schulzeit wurde er Zach Base! zu einem! Lithographen in die Hehre getan. Er hielt das Sitzen aber nicht aus und ging,_ von Heimweh getrieben, wieder nach Bernau. Bei einem Anstreicher und Lackierer in Basel und bei einem Uhrenschildmaler in Furtwangen versuchte er dann fein Glück, kehrte aber immer bald nach der Heimat zurück. Dort übte er sich weiter im Zeichnen und Malen nach Vorlagen und nach der Natur, auch versuchte er zu porträtieren. In St. Blasien ge­lang es ihm, einige seiner Bildchen zu verkaufen. Sein Vater war inzwischen verstorben und seine Mutter verschaffte ihm mit