samsiag den 23. Oktober
1909
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Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Viebig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Sie hatte ihn la'ngehört, ohne ihn mit einem Laut zu unterbrechen; jetzt wurde ihr totblasses Gesicht von einer leisen Röte angehaucht. „Uno du denkst, ich werde dich so lassen?" sagte sie fest. „Deiner Hirngespinste und äußerer Verhältnisse wegen aufgeben? Nein, nein!" Sie schüttelte fast lächelnd den Kopf. „Wenn wir arm sind, was schadet das? Und sind wir beide nicht jung? Wir warten eben ruhig noch ein paar Jahre und dann und dann —" sie sprang auf und suchte ihn mit sich in die Höhe zu ziehen — „werden wir doch glücklich sein! Mut!" Ihre Augen strahlten Glanz aus, die schlanke Gestalt hob sich und schien größer. „Mut, Ferdinand!"
Er widerstrebte ihrer Hand, drehte den Kopf nach der Sosalehue und drückte stöhnend das Gesicht ins Polster. „Laß mich, martre mich nicht so! Ich kann nicht, ich kann nicht! Wenn du wüßtest, ich —"
„Was weiß ich nicht? Sag's!"
„Ich kann nicht! Oh---“
„Sag's, sag's, ich zucke nicht mit der Wimper! Sag's, wenn du wich liebst!"
„Ich —“ eine angstvolle Pause. „Ich —" er hotte zitternden Atem, nahm einen Anlauf und stieß rauh hervor: „Ich liebe — dich nicht!"
. Sie zuckte nun doch zusammen. Mit einem Wehlaut sank sie aufs Sofa zurück, die Augen geschlossen wie eine Tote. Totenstill war's auch im Zimmer; keine Regung, kein Laut 1— alles gestorben. Wie im Grab.
Minuten verstrichen — Ewigkeiten.
Endlich stand sie auf, ohne Tränen; mit bebenden Händen strich sie die wilden Haare aus der Stirn. Ihre Stimme klang gebrochen. „Lebwohl!" flüsterte sie kaum hörbar. „Adieu!"
Sie raffte ihr Tuch vom Boden und zerrte den in den Nacken geglittenen Schal herauf. Schritt für Schritt machte sie zur Tür, mühsam wie eine Greisin. Nun stand sie auf der Schwelle, wandte sich noch einmal um.
„Nelda!" Er sprang auf und breitete die Arme nach ihr aus. „Noch einmal, zum letztenmal!"
Er kam auf sie zu.
„Nein!" Sie wich zurück. „Nie mehr! Ich —“ sie konnte nicht weiter sprechen, stumm schüttelte sie den Kopf und hob abwehrend die Hände. Sie taumelte, er wollte sie umfassen, sanft stieß sie ihn von sich. „Vergiß mich — ich bin tot — für dich!"
Die Tür fiel ins Schloß, langsam hörte er ihre Tritte aus der Treppe.
Aus — vorbei — frei gemacht! Er stand und stand und staarte ins Leere; warum fühlte er sich denn nicht
erleichtert? Er versuchte aufzuatmen, es ging nicht; ein Bleiklotz lag ihm auf der Brust. Verstört sah er um sich'. Da hatte sie eben noch gestanden, sie, die ihn liebte! Dck — auf einmal fiel's ihm ein, wie kam sie aus dem Haus? Es war ja schon geschlossen. Wenn jemand sie von ilM herunter kommen sah?!
Er hastete nach der Treppe, leise rief er: „Nelda! Nelda!" Im Dunklen tappte er hinab — keine Antworts sie war schon fort.
Fetzt öffnete sich unten jm Parterre links die Tür, eine gräuliche alte Hexe leuchtete heraus. „Ich hab' das Fräulein schon herausgelassen," grinste sie.
Und Hauptmaiii! von Ramer zog sich auf fein Zimmer zurück. Es war seine letzte Nacht in Koblenz, aber er ging nicht zu Bett; er packte erst seinen Koffer fertig, dann saß er ans dem Sofa, auf derselben Stelle, wo Nelda gesessen, drückte den Kopf in die Polster und weinte. Eiz beweinte fein Unglück.
XI.
Im Kasino war Herrenfest vom Garderegiment Königin- Anfang Winters. Man hatte sich Gäste eingeladen, die verschiedenen Waffengattungen waren vertreten, auch ein paar Zivilisten darunter. Das Diner vorüber. Man war beim Roquefort augelangt, sehr animiert — ganze Batterien von Flaschen aufgefahren, Sektkühler immer von neuem gefüllt; der Kafinokeller wurde durchprobiert. Die Herren hatten rote Köpfe, eben jetzt sprach jemand von Kognak Mousseur und Schwedischem Punsch. Kein schlechter Stofs, allgemeines Hallo die Antwort.
" Hübsch unter sich zu sein und keine Redensarten drechfew zu müssen! Es sprach sich famos von der Leber weg, man brauchte nicht in Sorge zu sein, gleich festgenagelt zu werden. Mau hatte nach althergebrachter Sitte den General Kunsemong leben lassen, damit war's aber auch! abgetan. Angenehm, die Beine so ungeniert von sich strecken zu können! Ein paar Knöpfe am Waffenrock standen offen, die Zivilisten lockerten die Weste; es herrschte eine ent* schiedene Familienähnlichkeit unter sämtlichen Teilnehmern des Banketts — die Familienähnlichkeit der trunkenen Menschheit. Diese geschwollenen Stirnabern, diese erhitzten Gesichter, diese wüsfrig-verschwommenen Augen!
Unter'm Tisch, saß der Sekonde von Strehlenheimb und mtetfte - mitunter hob er das Tafeltuch, streckte den Kopf vor sah ich mit vorquellenden Augen um und duckte dann wieder nieder. Ein stürmisches Froschliebeskonzert erhob fick) unten, schallende Lachsalven antworteten oben.
Der dicke Major Aus der Hoh, noch mit der Serviette über der mächtigen Brustwölbung war nicht zu dampfen; er erzäblte Geschichten ohne Ende. „Es war einmal em Mann der war so stark, daß er zwoou Eisenbahnzuge hatte aufhalten können; dieses tat er aber nicht, sondern er kaufte sich ein Mouokle. Dieses zersprang vor der Kraft seines Auges, und ein Splitter kam ihm m's ^nge. Siefen hätte er hinausziehen sollen. Dieses tat er aber nicht


