Ausgabe 
23.9.1909
 
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Petroleum ebensowenig wie der seit kurzem verwandte Spi- ritus ernstlich mit dem Steinkohlengas konkurrieren, ha Lampen weniger bequem sind als Gashähne. Dagegen glaubte man, das Acetylen werde das Leuchtgas wenigstens teilweise verdrängen, und vom elektrischen Licht erwartete man seine endgültige Beseitigung.

Siegesgewiß konstituierte sich im Jahre 1892 die Ace­tylengesellschaft, aber zum Glück für das Leuchtgas erwies sich das Acetylen mit der.Beit als ein Stoff, der nur bei besonders sorgsamer Behandlung ungefährlich ist. Zwar hat es nicht die Giftigkeit des Kohlenoxyds, dagegen ist es viel explosiver als Leuchtgas. In einem Intervall von 580 Prozent der Luft beigemischt gibt das Acetylen die Möglichkeit von Explosionen, während das gefährliche Inter­vall bei Leuchtgas viel geringer ist (f. o.). Ferner ist die Explosionswirkung des Acetylens, die man experimentell bemessen kann, sechsmal heftiger als die des Leuchtgases. Drittens enthält das Karbid Phosphorverbindungen, die beim Einwerfen in Wasser Phosphorwasserstoff geben; dieser kann sich ganz von selber entzünden und so das Acetylen zur Explosion bringen, weshalb man genötigt ist, das Gas durch Chlorkalk zu reinigen. Und schließlich läßt sich Ace­tylen, wenn es durch einen unglücklichen Zufall Wohn­räume erfüllt hat, nicht wie das Leuchtgas rasch durch Lüften entfernen, denn sein Geivicht, auf Luft als Einheit bezogen, beträgt 0,906, ist also dein der Luft fast gleich. Wasserstoff aber und Methan, die Hauptbestandteile des Leuchtgases, haben die spezifischen Gewichte 0,069 und 0,55, steigen darum rasch in der Luft empor, lute an den Luft­ballons ersichtlich, und entweichen aus den geöffneten Fenstern. Aus diesen Gründen haben sich keine Aceiylen- fabriken an Stelle großer Gaszentralen einbürgern können. Das Acetylen spielt eine verhältnismäßig bescheidene Rolle in kleinen häuslichen Anlagen, insbesondere auf dem Lande wo es keine Gasanstalten gibt; auch benutzt man Acetylen, , es sich leicht komprimieren läßt, zur Beleuchtung der Eisenbahnwagen, indem man es mit den drei Teilen des aus Paraffinöl erzeugtenFettgases" mischt und dann in die eisernen Behälter unter den Wagen hineinpreßt.

Das e l e ktris ch e L i ch t, in welcher Form man es auch Verwenden möge, ist frei von den Nachteilen, die dem Leucht­gas und dem Acetylen anhaften. Die Brandgefahr durch Kurzschluß ist jedenfalls nicht schlimmer als bei der Gas­beleuchtung die Möglichkeit der Vergiftung und der Ex­plosion. Außerdem hat das elektrische Licht einen großen Vorteil: es verdirbt die Luft nicht wie es die Leuchtgas- flamme tut, strahlt auch nicht wie diese zugleich mit dem Licht ein Uebermaß von Hitze aus. Man kann daher beliebig viele elektrische Glühbirnen in einem Raume konzentrieren, ohne die Unzuträglichkeiten zu spüren, die eine Häufung von Gasflammen stets mit sich bringt.

Abgesehen von den Fällen, wo Elektrizität aus Wasser­kraft gewonnen wird, ist die Kohle das Urmaterial zu ihrer Erzeugung. Die Hitze der verbrennenden Kohle entwickelt Dampf, dieser treibt einen Motor und dadurch eine Dy­namomaschine, welche den Strom liefert. Bei dem Kon­kurrenzkampf des Leuchtgases mit dem elektrischen Licht frag es sich also, wieviel Licht man in beiden Füllen bei Anwendung ein und derselben Kohlenmenge und sonstiger ungefährer Gleichheit der Unkosten bekommen könne.

Die- Antwort fiel anfangs nicht zugunsten des Gases aus, und dieses hätte unterliegen müssen, wäre ihm nicht eine Erfindung zu Hilfe gekommen, die außerhalb alles zu Erwartenden lag und fast von promeiheischer Ursprüng­lichkeit war: das Auerlicht.

Vermischtes.

*EinOpferJsromes. Das Jahr 1809 ist überreich an traurigen Erinnerungen für das deutsche Volk. Als Märtyrer der Napoleonischen Gewaltherrschaft in diesem Jahre leben neben Andreas Hofer vor allem Schill und seine elf in Wesel erschossenen Offiziere in der Erinnerung des Volkes fort. Dagegen ist ein Manu, der gleich den Ge­nannten und dem unglücklichen Buchhändler Palm in erster Reihe genannt zu werden verdient, mit Unrecht der Ver­gessenheit anheimgefallen. Kein landläufiges Geschichts­werk erwähnt seinen Namen und sein trauriges Schicksal. Es ist dies der Professor der Medizin zu M a r b u r g, I o h a n u Friedrich Sternberg, geb. 1772 in Goslar, ein

hervorragender Pathologe und Therapeut, der wegen seiner bedeutenden wissenschaftlichen Leistungen aus der Stellung als Kreisphysikus in seiner Vaterstadt als ordentlicher Pro­fessor und Leiter der medizinischen Klinik an die kurhessische Laüdesuniversität berufen worden war. Sternberg, ein durch und durch edler Charakter, der allen Notleidenden seine ärztliche Hilfe unentgeltlich zuteil werden ließ, war zugleich int Gegensatz zu der überwiegenden Mehrzahl seiner Kollegen, die Jeromes Herrschaft willig ertrugen, ein be­geisterter deutscher Patriot. Diese ehrliche und uneigen­nützige Vaterlandsliebe sollte ihm verhängnisvoll werden. In seiner Hand liefen die Fäden einer Volksbewegung zusammen, die nichts Geringeres bezweckte, als den vertrie- 6 eiten Kurfürsten znrückzurufen. Her militärische Leiter des Aufstandes war, wie derBoss. Ztg." geschrieben wird, ein Oberst Emmerich, ein tollkühner Hitzkopf, der bereits im amerikanischen Unabhängigkeitskriege mitgefochten hatte. Dieser schlug, als Sternberg krank zu Bett lag, trotz dessen Warnungen frühzeitig und übereilt los und bemächtigte sich an der Spitze mehrerer Hundert Bauern der Stadt Marburg. Die überraschte Garnison wurde aber bald mit leichter Mühe wieder Herr der Situation. Die Rädels­führer wurden gefangen genommen; Sternbergs Schicksal war besiegelt. Man wollte einExempel statuieren", trotz­dem dem Gelehrten direkt nichts nachzuweisen war und Emmerich gegen seinen ausdrücklichen Befehl gehandelt.hatte. Aber von feinen engherzigen Kollegen, bei' denen der hu­mane Mann wegen mancher Neuerungen wenig beliebt war, rührte keiner einen Finger für ihn. Ja, der'Polizei-Kom- missar v. Wolff, dem die Untersuchung der Angelegenheit übertragen war, hat spater in seinen Memoiren behauptet, er habe Sternberg durch zwei Kollegen von der drohen­den Gefahr unter der Hand unterrichten lassen, letztere aber hätten den Auftrag nicht ausgeführt. So wurde der schwerkranke Mann nach Kassel geschleppt, aufs schimpf­lichste behandelt, so daß er in seinem letzten Briefe erklärte, die. Beschimpfung sei so groß, daß er sogar eine Begnadi­gung seitens des Königs als unvereinbar mit seiner Ehre ausschlagen müßte, und nach kurzem Scheinverfahren zum Tode verurteilt. Dieses Urteil wurde durch Erschießen voll­streckt. Sternberg, dessen Iran einen Tag danach einem Kinde das Leben schenkte, starb mit heldenmütiger Fassung.

* Jagdergebnisse in früherer Zeit. In unserer Zeit, da ein Jäger weite Reisen macht unb es sich viele Hunderte kosten läßt, um einen Hirsch abzuschießen, denkt vielleicht mancher Waidmann au die alten Zeiten zurück, da es in Deutschland noch mehr Wald gab, da noch nicht jedes Stückchen Land angebaut war_ und der Pfiff der Lokomotive unb das Fauchen des Auto­mobils das Wild noch nicht vergrämte. Trotzdem darf man sich die Ergebnisse von anno dazumal nicht als zu hoch vorstellen. So verzeichnet die Chronik des Grafenhauses Castell aus dem Jahre 1572 an geschossenem unb gefangenem Wilde, einschließlich der von Wölfen niedergerissenen Tiere, nur 24 Stück Rotwild und 22 Stück Schwarzwild. Dazu auf sehr ausgedehntem Jagd- terrain 153 Hasen, 10 Füchse, 20 Rebhühner, 9 Wildenten, 17 Haselhühner, 2 Schnepfen, 11 Krammetsvögel. Siebzig Jahre später erlegte man in zehn Monaten 22 Stück Rotwild, Hirsche, Tiere, Böcke unb Geißen durcheinander und 7 Schweine und Bachen, lind das, obgleich die Jagd der Hauptzeitvertreib der Herren war und die Küche viel mehr auf Wild angewiesen war als jetzt. Freilich jagte man ohne jede Rücksicht, kannte keine Schonzeit und das Raubzeug war sehr häufig. Namentlich Wölfe gab cs in Massen. i

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Auflösung des Zitatenrätsels in voriger Nummert Des Menschen Engel ist die Zeit.

Redaktion: I N.: E. Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen-