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weiteren erhalten wir dann genaue Berichte über das Wohlergehen des kleinen „Ernechen", der sich kräftig und rasch entwickelte. Vom Jahre 1851—57 ist der Vater Gesandter in Athen und die ersten großen Eindrücke, die der Knabe erhalt, sind umllungert von der klassischen Heiterkeit antiker Architektur und hellenischen Lebens. Bei einem Kindertheater, das Frau von Wildenbruch an ihren: Hochzeitstage veranstaltet, schießt er als lustiger Gastwirt den Vogel ab. Als der Vater 1857 nach Konstantinopel versetzt wird, kommt Ernst auf das Pädagogium in Halle und dann ins Kadettenkorps. Doch das Leben als Offizier befriedigt nicht seine tiefe Sehnsucht; vom ersten Garderegiment geht er noch einmal zurück auf die Schulbank; der Krieg von 1836 recht ihn in Schlachtgetümmel und Begeisterung; das Jahr darauf besteht er das Abiturientenexamen itnb studiert Jura. Als Referendar zieht er mit gegen Frankreich und die großen Bilder seiner Schlachtepen formen sich in seinen: Geiste: stark und mächtig bricht seine Dichterbegabung durch. Und nun beginnen Jahre des Zwiespalts, in denen der insichgekehrte Assessor von Wildenbruch zwei Leben führt, das eine als korrekter Beamter, das andere als glühender Sänger seiner Visionen, als Schöpfer wild leidenschaftlicher Dranreu. In Frankfurt a. O., Heinrich von Kleists Geburtsstätte, wo ihm das Bild des großen Preußendichters besonders'nahe ist, spotten die schneidigen Kollegen über den Jambendichter, der seine unausgeführten Tragödien an allen Theatern Deutschlands terumschickt und sie stets mit ablehnenden Worten zurück-- erommt. Der Generalintendant des Karlsruher Hoftheaters z. B. schrieb dem Dichter liebenswürdig-mahnend, er sei nun einmal ganz und gar kein Dramatiker und solle sich das Leben nicht mit falschen Hoffnungen verbittern. Als er 1877 ins Auswärtige Amt nach Berlin berufen wird, gehts ihm nicht viel besser. Im Salon der feinsinnigen Elise von Hohenhausen liest er seine Dichtungen vor, aber so feurig sich selbst überstürzend, daß er zu einem Schrecken der zahlreichen Gäste des schöngeistigen Hanfes wird. Damals findet er seine ersten Anhänger unter den jungen Studenten. Berthold Litzmann erzählt aus den Tagen des schmachvollen Attentats auf den alten Kaiser: „An einem schwülen Juniabend saßen sie wortkarg zusammen, ein Kreis junger Leute. Da kam zu ihnen noch ein später Gast, der Assefsor von Wildenbruch, der an Jahren, Erfahrungen und Geist ihnen allen überlegen, doch gern mit ihnen verkehrte und Leben und Begeisterung unter ihnen hervorrief. Aber heute faß auch er wortkarg da; dann erhob er sich plötzlich: „Meine Freunde, wir wissen alle voneinander, was einen jeden innerlicy beschäftigt. Ich möchte einige Verse sagen, die in diesen Tagen entstanden sind; es ist kein politisches Gedicht," und nun sprach er eine Reihe von Strophen, bei heuen Litzmann das Gefühl durchzuckte: „Das ist ein großer Dichter." Auch mit den Vertretern der jungen Literaturbewegung kam er zusammen; so besonders mit den Harts: „So verschieden auch unsere Anschauungen allgemein. waren," erzählt der ältere Bruder Heinrich, „in einem waren wir eins: in der idealen Auffassung der Poesie und in der Sehnsucht, nach einer Neugestaltung der Literatur. Wir wurden nicht müde, uns an diesem Thema zu berauschen. Ob wir im Cafe Bauer, das erst kurz vorher sich ausgetan, und durch seinen in Berlin bisher unbekannten Glanz verführerisch wirkte, oder in Raffos italienischer Weinstube die Nacht hindurch zusammen hockten. Wildenbruchs Wohnung toar in einem Hanse der Potsdamer Straße. Zwei enge Zimmer. Dort las er uns beiden mehrere seiner Dramen vor. Mit priesterlichem Pathos, das aber doch lebendig wirkte, weil es von innerer Glut beseelt war; man merkte es dem Vortrag an, daß der Dichter an seine Mission glaubte und mit seinen Gestalten sich wie verwachse:! fühlte. Ich Denke noch daran, wie wir nach der Vorlesung des Prosa- schanchrels „Die Herrin ihrer Hand" erregt uns in den Armen lagen, uns küßten und dann Brüderschaft tranken. Buer und Butterbrot gab es stets als Lohn für braves Zuhoren. Wie oft hat uns seitdem ein Dramatiker nach dem anderen mit Vorlesen erquickt. Die Dramen waren immer ivzuue oder historische, naturalistisch oder idea- uststch, Vers oder Gehack von Prosa — Butterbrot und Brer gab es aber stets." Und dann kam endlich die erste Anerkennung, der Erfolg: In seinem 39. Lebensjahre wurde Wildenbruch zum ersten Male aufgeführt. Herzog Georg von Meiningen erweckte auf seiner kunstsinnigen Bühne die ^Karolinger" zum Leben, die anderen Bühnen folgten. „An
feinem Wesen hat der Erfolg nichts verändert. Dieselbe Freude, die Freude eines Kindes, das den Weihnachtsbaum glitzern sieht, die er dereinst empfunden, wenn sein Werk zwei oder drei Zuhörer erregte, empfand er jetzt, wenn ihm tausende Beifall riefen, fjer unermüdlichste und begeistertste Zuschauer war er selbst. Wo immer einer seiner Lieblinge — und er liebte seine Schaffenskinder alle mit gleicher Zärtlichkeit — über die Taufe gehalten wurde, ob in Weimar, Frankfurt, Köln: Wildenbruch reiste hin, um sich selbst an der Erstaufführung zu beglücken. Er hatte so lange harren nrüssen, daß er ;etzt wie ein Verdursteter mit vollen Zügen trank."
Die Akademie Her Großen Uurfürsten.
Von einem der merkwürdigsten Aktenstücke zur brau» denburgisch-preußischen Kulturgeschichte handelt Dr. Fritz Arnheim in einer Arbeit, die in oer Gustav Schmoller zum 70. Geburtstag vom Verein für Geschichte der Mark Brandenburg gewidmeten Festschrift veröffentlicht wird. Im Jahre 1700 ist in Berlin der Plan einer Akademie der Wissenschaften verwirklicht worden, nachdem man das Mittel gefunden hatte, durch den Verkauf der durch die Einführung des Gregoriamschen Kalenders veränderten Zeitweiser die hierfür nötigen Gelder anfzubringen. Aber schon fast ein Menschenalter früher, am 22. April 1667, war vom Großen Kurfürsten ein Patent ünterzeichnet worden, das ein viel umfassenderes wissenschaftliches Unternehmen, ein Unternehmen, das nicht seinesgleichen hatte, zur Verwirklichung bringen sollte. In ihm ladet er die „vertuosen Leute" der ganzen Welt ein, wes Standes, wes, Glaubens und wes Berufes sie auch sein mögen, sich in einer von ihm geplanten Gelehrtenstadt niederzulassen. Hier würden sie einen gekicherten Zufluchtsort, staatsbürgerliche und religiöse Freiheit, tiefe Ehrfurcht vor Wissenschaft und Kunst, einen erlauchten Beschützer aller idealen Bestrebungen und im Verkehr mit den edelsten Seelen und klügsten Männern die herrlichsten Genüsse finden. Die geplante Gelehrtenstadt wird in dem Patent als „Sitz der Musen", „Tempel der Gelehrsamkeit", „Residenz" der das Weltall beherrschenden, „ehrbaren Weisheit" bezeichnet, und im 17. Paragraphen erhalten wir ein Bild davon, wie sie eingerichtet sein soll. Sie wird an einer für den Handel günstigen uno landschaftlich reizenden Stelle der Mark erbaut werden. Die Mitglieder der „neuen Gemeinschaft" sollten für die Ausübung ihrer Berufe völlige Gebührenfreiheit haben und für die Mitteilung wichtiger Entdeckungen oder Forschungsergebnisse einen angemessenen Ehrensold erhalten. „Einige Leute von hervorragendem Wissen" sollten auf Staatskosten mit festem Gehalt und freier Wohnung an- gestellt werden, nm täglich öffentliche Vorträge für solche Männer zu halten, die sich durch Studien bereits früher gründliche Kenntnisse auf wissenschaftlichem Gebiet angeeignet hatten. In dieser Gelehrsamkeit sollten „alle Christen, die an den dreieinigen Gott und an die Erlösung durch Jesum Christum glauben", öffentlich ihren Gottesdienst ausübeit dürfen, welcher Konfession sie auch angehören, ja auf Grund spezieller Erlaubnis sollen auch jüdische, arabische und „ungläubige" Gelehrte Zutritt haben, wenn sie als rechtmäßige Bürger einen unanstößigen Lebenswandel führen und ihre „Irrlehre" nicht verbreiten wollten. An der Spitze der Genteinschaft sollte ein vom Kurfürsten zu ernennender, „durch seine Gelehrsamkeit und seine Abkunft ausgezeichneter Direktor" stehen. Der Kurfürst sichert ihm sogar eigene Berwaltrmg und Gerichtbarkeit, vorbehaltlich der landesherrlichen Rechte, und die Befreiung von Einquartierungen und Durchmärschen zu. Zndenr sollen die Edelleute, Gelehrten, Künstler und Rentner in der Gelehrtenstadt mitsamt ihren Familien, die Kunstfertigkeits- lehren und Professoren für ihre eigene Person immerwährende Steuerfreiheit genießen. Neuansiedler sollten in den ersten zehn Jahren gar keine Lasten tragen, Gewerbetreibende geringere Abgaben zahlen als anderswo. Die „neue Gemeinschaft" sollte den Namen „Universitas Bran- denbnrgica Gentium, Scienliarum et Artium" (Brandenburgische Universität der Völker, Wissenschaften und Künste) führen, ihr Siegel sollte den auf dem Thron sitzenden Landesherrn darstellen. Mit der Rechten hält er das Szepter, mit der Linken berührt er einen Tempel, der die Inschrift „Sophia" (die Weisheit) hat. Seitwärts stehen Pallas und (!) Minerva mit einem Lorbeerkranz in der Hand. Als Unterschrift war gedacht: Fuudqtore Friderico Wilhelm» Eleet.


