Ausgabe 
23.1.1909
 
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weiteren erhalten wir dann genaue Berichte über das Wohlergehen des kleinenErnechen", der sich kräftig und rasch entwickelte. Vom Jahre 185157 ist der Vater Ge­sandter in Athen und die ersten großen Eindrücke, die der Knabe erhalt, sind umllungert von der klassischen Heiter­keit antiker Architektur und hellenischen Lebens. Bei einem Kindertheater, das Frau von Wildenbruch an ihren: Hoch­zeitstage veranstaltet, schießt er als lustiger Gastwirt den Vogel ab. Als der Vater 1857 nach Konstantinopel ver­setzt wird, kommt Ernst auf das Pädagogium in Halle und dann ins Kadettenkorps. Doch das Leben als Offizier befriedigt nicht seine tiefe Sehnsucht; vom ersten Garde­regiment geht er noch einmal zurück auf die Schulbank; der Krieg von 1836 recht ihn in Schlachtgetümmel und Be­geisterung; das Jahr darauf besteht er das Abiturienten­examen itnb studiert Jura. Als Referendar zieht er mit gegen Frankreich und die großen Bilder seiner Schlachtepen formen sich in seinen: Geiste: stark und mächtig bricht seine Dichterbegabung durch. Und nun beginnen Jahre des Zwiespalts, in denen der insichgekehrte Assessor von Wildenbruch zwei Leben führt, das eine als korrekter Be­amter, das andere als glühender Sänger seiner Visionen, als Schöpfer wild leidenschaftlicher Dranreu. In Frank­furt a. O., Heinrich von Kleists Geburtsstätte, wo ihm das Bild des großen Preußendichters besonders'nahe ist, spotten die schneidigen Kollegen über den Jambendichter, der seine unausgeführten Tragödien an allen Theatern Deutschlands terumschickt und sie stets mit ablehnenden Worten zurück-- erommt. Der Generalintendant des Karlsruher Hoftheaters z. B. schrieb dem Dichter liebenswürdig-mahnend, er sei nun einmal ganz und gar kein Dramatiker und solle sich das Leben nicht mit falschen Hoffnungen verbittern. Als er 1877 ins Auswärtige Amt nach Berlin berufen wird, gehts ihm nicht viel besser. Im Salon der feinsinnigen Elise von Hohenhausen liest er seine Dichtungen vor, aber so feurig sich selbst überstürzend, daß er zu einem Schrecken der zahlreichen Gäste des schöngeistigen Hanfes wird. Damals findet er seine ersten Anhänger unter den jungen Studenten. Berthold Litzmann erzählt aus den Tagen des schmach­vollen Attentats auf den alten Kaiser:An einem schwülen Juniabend saßen sie wortkarg zusammen, ein Kreis junger Leute. Da kam zu ihnen noch ein später Gast, der Assefsor von Wildenbruch, der an Jahren, Erfahrungen und Geist ihnen allen überlegen, doch gern mit ihnen verkehrte und Leben und Begeisterung unter ihnen hervorrief. Aber heute faß auch er wortkarg da; dann erhob er sich plötzlich:Meine Freunde, wir wissen alle voneinander, was einen jeden innerlicy beschäftigt. Ich möchte einige Verse sagen, die in diesen Tagen entstanden sind; es ist kein politisches Ge­dicht," und nun sprach er eine Reihe von Strophen, bei heuen Litzmann das Gefühl durchzuckte:Das ist ein großer Dichter." Auch mit den Vertretern der jungen Literatur­bewegung kam er zusammen; so besonders mit den Harts: So verschieden auch unsere Anschauungen allgemein. wa­ren," erzählt der ältere Bruder Heinrich,in einem waren wir eins: in der idealen Auffassung der Poesie und in der Sehnsucht, nach einer Neugestaltung der Literatur. Wir wurden nicht müde, uns an diesem Thema zu berauschen. Ob wir im Cafe Bauer, das erst kurz vorher sich ausgetan, und durch seinen in Berlin bisher unbekannten Glanz ver­führerisch wirkte, oder in Raffos italienischer Weinstube die Nacht hindurch zusammen hockten. Wildenbruchs Woh­nung toar in einem Hanse der Potsdamer Straße. Zwei enge Zimmer. Dort las er uns beiden mehrere seiner Dramen vor. Mit priesterlichem Pathos, das aber doch lebendig wirkte, weil es von innerer Glut beseelt war; man merkte es dem Vortrag an, daß der Dichter an seine Mission glaubte und mit seinen Gestalten sich wie verwachse:! fühlte. Ich Denke noch daran, wie wir nach der Vorlesung des Prosa- schanchrelsDie Herrin ihrer Hand" erregt uns in den Armen lagen, uns küßten und dann Brüderschaft tranken. Buer und Butterbrot gab es stets als Lohn für braves Zu­horen. Wie oft hat uns seitdem ein Dramatiker nach dem anderen mit Vorlesen erquickt. Die Dramen waren immer ivzuue oder historische, naturalistisch oder idea- uststch, Vers oder Gehack von Prosa Butterbrot und Brer gab es aber stets." Und dann kam endlich die erste Anerkennung, der Erfolg: In seinem 39. Lebensjahre wurde Wildenbruch zum ersten Male aufgeführt. Herzog Georg von Meiningen erweckte auf seiner kunstsinnigen Bühne die ^Karolinger" zum Leben, die anderen Bühnen folgten.An

feinem Wesen hat der Erfolg nichts verändert. Dieselbe Freude, die Freude eines Kindes, das den Weihnachtsbaum glitzern sieht, die er dereinst empfunden, wenn sein Werk zwei oder drei Zuhörer erregte, empfand er jetzt, wenn ihm tausende Beifall riefen, fjer unermüdlichste und be­geistertste Zuschauer war er selbst. Wo immer einer seiner Lieblinge und er liebte seine Schaffenskinder alle mit gleicher Zärtlichkeit über die Taufe gehalten wurde, ob in Weimar, Frankfurt, Köln: Wildenbruch reiste hin, um sich selbst an der Erstaufführung zu beglücken. Er hatte so lange harren nrüssen, daß er ;etzt wie ein Verdur­steter mit vollen Zügen trank."

Die Akademie Her Großen Uurfürsten.

Von einem der merkwürdigsten Aktenstücke zur brau» denburgisch-preußischen Kulturgeschichte handelt Dr. Fritz Arnheim in einer Arbeit, die in oer Gustav Schmoller zum 70. Geburtstag vom Verein für Geschichte der Mark Bran­denburg gewidmeten Festschrift veröffentlicht wird. Im Jahre 1700 ist in Berlin der Plan einer Akademie der Wissenschaften verwirklicht worden, nachdem man das Mittel gefunden hatte, durch den Verkauf der durch die Einführung des Gregoriamschen Kalenders veränderten Zeitweiser die hierfür nötigen Gelder anfzubringen. Aber schon fast ein Menschenalter früher, am 22. April 1667, war vom Großen Kurfürsten ein Patent ünterzeichnet worden, das ein viel umfassenderes wissenschaftliches Un­ternehmen, ein Unternehmen, das nicht seinesgleichen hatte, zur Verwirklichung bringen sollte. In ihm ladet er die vertuosen Leute" der ganzen Welt ein, wes Standes, wes, Glaubens und wes Berufes sie auch sein mögen, sich in einer von ihm geplanten Gelehrtenstadt niederzulassen. Hier würden sie einen gekicherten Zufluchtsort, staatsbürgerliche und religiöse Freiheit, tiefe Ehrfurcht vor Wissenschaft und Kunst, einen erlauchten Beschützer aller idealen Bestre­bungen und im Verkehr mit den edelsten Seelen und klügsten Männern die herrlichsten Genüsse finden. Die geplante Ge­lehrtenstadt wird in dem Patent alsSitz der Musen", Tempel der Gelehrsamkeit",Residenz" der das Weltall beherrschenden,ehrbaren Weisheit" bezeichnet, und im 17. Paragraphen erhalten wir ein Bild davon, wie sie ein­gerichtet sein soll. Sie wird an einer für den Handel gün­stigen uno landschaftlich reizenden Stelle der Mark erbaut werden. Die Mitglieder derneuen Gemeinschaft" sollten für die Ausübung ihrer Berufe völlige Gebührenfreiheit haben und für die Mitteilung wichtiger Entdeckungen oder Forschungsergebnisse einen angemessenen Ehrensold erhal­ten.Einige Leute von hervorragendem Wissen" sollten auf Staatskosten mit festem Gehalt und freier Wohnung an- gestellt werden, nm täglich öffentliche Vorträge für solche Männer zu halten, die sich durch Studien bereits früher gründliche Kenntnisse auf wissenschaftlichem Gebiet ange­eignet hatten. In dieser Gelehrsamkeit solltenalle Christen, die an den dreieinigen Gott und an die Erlösung durch Jesum Christum glauben", öffentlich ihren Gottes­dienst ausübeit dürfen, welcher Konfession sie auch angehören, ja auf Grund spezieller Erlaubnis sollen auch jüdische, arabische undungläubige" Gelehrte Zutritt haben, wenn sie als rechtmäßige Bürger einen unanstößigen Lebenswan­del führen und ihreIrrlehre" nicht verbreiten wollten. An der Spitze der Genteinschaft sollte ein vom Kurfürsten zu ernennender,durch seine Gelehrsamkeit und seine Ab­kunft ausgezeichneter Direktor" stehen. Der Kurfürst sichert ihm sogar eigene Berwaltrmg und Gerichtbarkeit, vorbehalt­lich der landesherrlichen Rechte, und die Befreiung von Einquartierungen und Durchmärschen zu. Zndenr sollen die Edelleute, Gelehrten, Künstler und Rentner in der Ge­lehrtenstadt mitsamt ihren Familien, die Kunstfertigkeits- lehren und Professoren für ihre eigene Person immer­währende Steuerfreiheit genießen. Neuansiedler sollten in den ersten zehn Jahren gar keine Lasten tragen, Gewerbe­treibende geringere Abgaben zahlen als anderswo. Die neue Gemeinschaft" sollte den NamenUniversitas Bran- denbnrgica Gentium, Scienliarum et Artium" (Branden­burgische Universität der Völker, Wissenschaften und Künste) führen, ihr Siegel sollte den auf dem Thron sitzenden Lan­desherrn darstellen. Mit der Rechten hält er das Szepter, mit der Linken berührt er einen Tempel, der die Inschrift Sophia" (die Weisheit) hat. Seitwärts stehen Pallas und (!) Minerva mit einem Lorbeerkranz in der Hand. Als Un­terschrift war gedacht: Fuudqtore Friderico Wilhelm» Eleet.