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AU- er es nicht lassen konnte, nach ihrer herabhängenden Hand Ku greifen und sie zwischen seinen beiden zu halten.
vAen Sie auch die andere, mein treuer RitterI 7„ lcejß' blechen derselbe, der Sie immer waren, auf .dessen Wort und Sinn man Felsen bauen konnte!"
„Fa!" sagte er einfach.
Da stand die kleine Schar der alten und jungen Bewohner des einsamen Waldhäuschens und starrte verwundert und vergnügt in den ungewohnten Lichtschein, der ihre verräucherte Stube durchglänzte; und da, wo sonst pol° ternde Holzknechte ihren Branntwein tranken, und woFuhr- knechte bte schwieligen Hände anfstemmten, da saß jetzt eine schöne, vornehme Frau und erzählte den Kindern die Ge- schrcyie von der Krippe in Bethlehems Stalle und von dem Echrn, der über dein Hause stand; und wo sonst manck' unholder Fluch gehört war, da klang es tröstlich und 'innig Von ben reinen Lippen eines jungen Mädchens, das „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen em Wohlgefallen". — Sie hörten alle still andächtig zu, und ganz von selbst falteten sich. allmählich alle die kleinen imd großen Hände. Und während der Sturm durch die hohen, schwankenden, knarrenden Fichtenbäume brauste, »var's doch, als ob die Engel leise übers Feld durch die Nacht Aiug^n, wieder das Wort von der großen Freude zu ver-
, „Wenn wir morgen auch nicht zur Kirche zu rechter Zeit kommen, dann hat's feine Not," sagte Fritz im Hinausgehen zum Herrn Leutnant, „das ist ebenso gut hier!"
„Hast recht," antwortete dieser und griff in die Tasche; „hier, Fritz, ist auch dein Weihnachtsgeschenk!" Er ließ ein paar große Silberstücke in seine Hand gleiten. „Und nun hole mir 'mal eine von den Flaschen aus der Kiste im Schlitten, oder zwei; eine kannst du dir mit den Wirtsleuten am Herd teilen und auf des Fräuleins Gesundheit trinken; die andere und zwei möglichst reine Gläser bring uns herein." Schmunzelnd und gänzlich versöhnt ging Fritz ab. —
Es war wieder sehr still in der GaMnbe geworden. Das Bäuulchen war längst ausgebrannt. Oskar Holm und seine reizende Gefährtin saßen unter der trübbrennenden Hängelampe vor einer Pfanne mit dampfenden Spiegeleiern und schnitten vergnügt von der langen Wurst ab, die zwischen ihnen auf dem Tisch lag neben einem dickbäuchigen Schwarzbrot. Goldhell und bernsteinfarben funkelte dazu der edle Wein in unschönen Gläsern.
„So hungrig bin ich auch noch nie gewesen!" sagte das Fräulein und griff wacker zu.
„lind ich erst," lautete die Antwort, „so geschmeckt hat mir noch kein Diner! Aber ich habe auch noch nie —" Er brach plötzlich ab.
„Was denn, Oskar?" fragte sie aufschauend. Ihre Blicke trafen sich. Er sah sie lange an. Wie war sie schön mit dem frischen, jungfräulichen Inkarnat ihrer Wangen und mit den großen, leuchtenden Augen.
„Roch nie eine solche Nachbarin gehabt!" ergänzte er ruhig und sah sie noch an. Sie ivußten es selber kaum; aber es saß noch ein dritter Gast am Tisch, der ihnen die Stunde verklärte: die Liebe, mit ernsthaft fröhlichem Gesicht. Das war einer von den guten Geistern, die durch die Sturmnacht hin zu der einsamen Waldschenke übers Feld gewandert waren.
Er hob das Glas. „Ich habe Sie wiedergefunden, Julie, — viel Worte kann ich nicht machen; ich bin Soldat Und kein Mann der Rede; aber ich hätte mir solch schönes Weihnachtsgeschenk nicht träumen lassen, als ich heute zum Uebermut durchs Wetter fuhr, um diesen Wein zu holen, in dem ich mit Ihnen auf alles Gute und Liebe an stoßen will, das Ihnen unser Herrgott reichlich in den Schoß schütten möge. Und daß mir uns nie wieder aus den Augen verlieren mögen — das wünsche ich mir! Wir Reitersleute kömren's gebrauchen, daß uns ein liebes, reines Frauenbild umschwebt — und zuweilen für uns betet!"
Er hielt Hr das Glas hin. Er sah gut aus in diesem Augenblick Intit seinem ehrlichen, offenen Soldatengesicht.
Sie stieß mit ihm an, und ein reines Licht brach aus ihrem Augenpaar, ivie sie so ihren Blick in seinen tauchte.
Leise tickte die Schwarzwälder Uhr an der Wand. Im Ofen knisterte des wärmenden Feuers Glut; aus der Küche schallten Zuweilen Stimmen herüber in die stille, schöne Märchenwelt, welche die beiden sich hier aufbauten.
Sa« Krzählten einander von ihrem Leben. Sie war s
geradeswegs aus England herübergekommen, um nad« langen Jahren wieder einmal deutsche Weihnachten in dem Hause zu feiern, das sie von klein auf ihre Heimat genannt hatte und berichtete ihm mit beredtem Mund, was sie drüben mit klarem Sinn geschaut und gelernt hatte. Als sie zu Ende, stützte er nachdenklich den Kopf in beide Hände.
«'Ich was sott ich dir — wollte sagen: Ihnen — groß von mir erzählen! Es sind alles Stallgeschichten, vis auf den famosen, gräßlichen Ritt bei Mars la Tour! Nein, Dritte, solch Mädchenherz, wenn's gesund ist, wie Ihres, das erlebt doch mehr, wenn's auch nicht von tollem Reiter- tunr en Krieg und Frieden zu berichten weiß. Aber es muß beide Sorten geben im Leben, und wir sind doch auch etwas nütze mit unferm Dreinhauen," hob er getröstet das Gepchk. „Aber hätte ich ein Mädchen zu Hause gehabt, so wre Sie, an das ich hätte denken können, wenn zur Attacke geblasen wurde — Wetter, wie hätte ich dem Gaul die Sporen gegeben und auf die Franzosen geschlagen und bei jebent Hieb gerufen: Für dich, mein Schatz, für dich!" —t Er hob wieder das Glas: „Auf deine prächtigen Augen, Julie!" h— Er merkte es nicht und sie nicht, daß er in bas „du" aus Kindertagen zurückgefallen war, und auf seinem Gesicht lag Sonnenlicht, wie dunkel es draußen auch war. r-
Der Kuckuck trat aus feinem Kämmerlein oben in der Uhr und rief neunmal. — „Schon so spät!" sagte der Offizier und staub auf. „Nun sollen Sie schlafen; solcher Tag ist keine Arbeit für ein zartes Weib. Es wird ein hartes Lager für Sie auf der Bank, aber es gibt fein besseres hier. Gin Federbett bringt Ihnen die Wirtin, und mit meinem Pelz decken Sie sich zu. Die Lampe schrauben wir ein wenig herunter, und ich halte Wache draußen. Ich richte mich in der Küche häuslich, ein. Schlafen Sie süß und in gutem Frieden!"
Sie reichte ihm beide Hände. „Danke, Oskar, für diesen Weihnachtsabend!" Er küßte ihre willigen Hände. Sie sah ihm nach, wie er stattlich hinausschritt, und ein gar freundlicher Blick war's, und es lag etwas darin wie ein stiller Segen über ihn.
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Der Leutnant saß aus einem Strohstuhl am flackernden Herdfeuer und rauchte aus seiner kurzen Feldpfeife. Noch hatte er nicht schlafen können. Es kam ihm vor, als fei er auf Vorposten, und schlafen bringe schwere Strafe. Sein Herz in ihm brannte. Er dachte an sie, und nur an sie.
„Da schlug ein Strahl aus heit'rer Höh' iBerfeugend in mein Herze!"
klang es ihm seit Stunden in den Ohren. Es war Mitternacht. Draußen war's still geworden, ganz still. Nur zuweilen hörte er das Stampfen und Schnauben eines seiner Pferde. Allmählich sank doch fein Haupt; er gab sich Mühe, wach zu bleiben — aber die Müdigkeit übermannte ihn — er wollte nicht einschlafen, aber er mußte es zuletzt.
Da fuhr er auf ans seinem leichten Soldatenschlummer; er war mit einem Male hell wach: aus der Stube war ein ängstlich weher Schrei erklungen! Er horchte — wie er im Feld nach dem Feind hinübergehorcht hatte: — war das nicht schweres, röchelndes Stöhnen? — „.Herrgott, Julie!" durchzuckte es ihn — er stand an der Tür; ja, immer noch das schwere, ängstliche Atemholen — so atmen Schwerverwundete! Er kannte das! Die Türklinke lag griff gezittert hatte? Die Tür öffnete sich wie von selbst in seiner Hand — zitterte sie, die nie um den Pallasch- — er hatte es nicht getan! Drinnen war ja Licht, gedämpfter Schein siel auf die Bank, auf der Julie lag — aber wirklich, wie eine Sterbende; die rechte Hund berührte den Boden, der schöne Kopf hing seitwärts nieder von oer Bank, und das Pfühl lag unten an der Erde; sein Pelz war halb heruntergeglitten von ihrem Meid — da trat er eilig und leise herzu: nein, Gott sei Dank! sie schlief! Fest, zu fest, so mußte sie herabstürzen im schweren Traum! -- Mit zarter, scheuer Hand hob er ihren Arm und ihr Haupt und bettete sie zurecht, wie eine Mutter ihr Kind, imb deckte sie zu und trug leise und behutsam! den Tisch vor sie hin; und dann schaute er sie noch einen Augenblick an — ivie lang war der Augenblick? und neigte sich langsam, ganz langsam Wer sie. — Jetzt hätten die ängstlichen Falten um ihren Mund sich gelöst — friedlich schlummernd lag sie da; ivie der ferne Widerschein eines Lächelns spielte es um ihre Lippen; da neigte er


