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alles wird noch besser! Du hast doch eben selbst erzählt, wie viel freundlicher und zugänglicher dein Mann ist!"
„Ja, das ist er!" Das zarte Gesicht erhellte sich, eine wärmere Blutwelle trat unter die durchsichtige Haut. „O wie bin ich dein lieben Gott dankbar!" Sie faltete die Hände und sah mit einem schwärmerischen Blick aufwärts. „Ich war so ganz unglücklich und nuit habe ich doch wieder Hoffnung!" Sic schauerte zusammen. „O du glaubst nicht, tote schrecklich er war, am liebsten hätte er mich" — dunkelrot werdend, brach sie ab und biß sich auf die Lippen.
„Man kann's ihm ja auch nicht so verdenken, er ist eben 'sehr verwöhnt. Denke nur, sie muh ihn aus einmal für immer abgewieseu haben! Er hat's zwar nicht gesagt, aber ich weiß es. Wenn er glaubte, es höre ihn keiner, dann sprach er mit sich und rannte wie verzweifelnd auf und ab. Mir war ganz bang nm ihn! lind dann hieß es auf einmal, Arnheims sind weg, für sehr lange, sie reisen Gott weiß wie iveit. Ob ihr der liebe Gott das ins Herz gegeben hat? Die arme Anselma! Sie tut mir doch leid; 'manchmal denke ich, sie ist schlimmer daran als ich. Erst war Carlo ganz krank; er lag in seinem' Zimmer auf dem Sofa, das Gesicht nach der Wand gedreht, er hatte furchtbare Kopfschmerzen. Ich habe ihm Kompressen Gemacht und die alle paar Minuten gewechselt. Das tat ihm wohl. Und einen Tag sagte er — er kam vom Dienst nach Haus, er hat jetzt gerade in der Hitze so viel Paraden — „Leg deine kühle Hand- auf meinen Kopf, hierher, Agnes! Das tut mir gut!" O liebe, liebe Neida, ich kann dir's nicht beschreiben; das Herz stand mir still vor freudigem Schreck!" Sie hielt hochatmend inne und preßte beide Hände an die erglühten Wangen.
Auch Neldas Gesicht färbte sich röter — sie sah heute blasser als sonst aus — mit einem zustimmenden Lächeln nickte sie. „Du kanttst dich auch freuen, Agnes! Ja, ich 'habe immer geglaubt, wenn man jemanden so dort Herzen liebt, er müßte doch auch was für einen enipsinden. Möchtest du's errin.gen!" Sie strich der Freundin zärtlich über die Haare mit der ihr eignen, gleichsam schützenden Bewegung? „Du siehst besser aus, Agnes, du hast wieder Glanz in den Augen."
„Ja, ja, mir ist auch besser!" Die junge Frau sah nicht mehr mit so matt verschleierten Augen drein. „Und denke dir, inir konimt vor, als wäre er ordentlich von einem Bann befreit, seit sie weg ist; er hat doch wieder für was andres Srnn. Gestern fuhren wir aus, seit langer Zeit tnal znsamnten; er kutschierte mich durch den Tiergarten. Wir kamen an zwei wunderhübschen Mädchen vorbei, da sagte er: „Reizende Käfer! Sieh mal, Agnes, die links hat gerade Haare tote du!" O mein Gott, wie war ich froh! Sag' mal, Nelda" — sie legte beide Hände auf Neldas Schultern und sah ihr von unten herauf mit inniger Frage in die Augen — „nicht wahr, du glaubst auch, er wird sie nicht intnier lieben, er wird mich noch nötig haben?" Sie wartete keine Antwort ab, sondern errötete und lächelte. „Ich glaube wirklich, er wird sie vergessen!"
Es war in der Berliner Stube, wo die beiden Freundinnen saßen und sprachen. Noch hing draußen an der Tür das Schild — „Geheimrätin Dallmer, Familien- pensionat" — aber es war nicht mehr am Platz; seit gestern hieß Frau Rätin einfach Frau Schmolke. Auf denr großen Tisch lag 'nicht tnehr das ewige weiße Tuch, wohl aber verschiedene Reisekörbe. Es war recht ungemütlich, Nelda packte, die Mutter packte; die erstere reiste tnorgen früh, Schmoltes sichren übermorgen an die Ostsee. Frau Schmolke !var in hochgespannter Erwartung; sie hatte noch nie das Meer gesehen.
Jetzt kam sic eben hereingeraschelt in einem funkelnagelneuen steifgestärkien Kattunmorgeurock, eine Last Kleider über dem Arm. „Ah, Frau, von Osten!" Sie prallte zurück. „Ich wußte nicht" —
„O bitte, lassen Sie sich nicht stören!" Agnes streckte ihr herzlich die Hand entgegen. „Mel, viel Glück und gute Wünsche!"
„Ich danke, ich danke!" Die Neuvermählte nahm die Gratulation mit dem gebührenden Lächeln in Empfang. „Es ist nur zn traurig, daß Nelda uns jetzt gleich verläßt, das trübt unser Glück." Sie zog das Taschentuch. „Aber Nelda ist ja, leider Gottes, immer eigenwillig gewesen, ich kann sie nicht ganz freisprechen vom Borwurf des Egoisums. Sie Hatto so gut mit uns reisen und mir nachher
beim Einrichten der neuen Wohnung helfen foulten, aber sie will ja nicht. Tut, als ob es sie brennte, zu ihrem' Onkel zu kommen; mein guter Schmolke ist ganz verletzt. Wir ziehen Potsdamerstraße, eine reizende Wohnung mit Borgarten; und überall Teppiche. Darf ich Ihnen mal! meine neuen Möbel zeigen? Es macht mir so viel Vergnügen!"
Sie war wirklich geschäftig und beseligt wie eine ganz junge Frau, als sie nun den Besuch in die Borderstube führte, wo das mit rotes« Plüsch neu bezogene Sofa stand, der große zusammengerollte Teppich für den Salon und allerhand zierliche Schränkchen und Etageren.
Nelda blieb im Berliner Zimmer zurück. Mit einem verlorenen Blick sah sie um sich, in Gedanken wärmste schon so weit fort. Es war ihr bereits alles- fremd. Seit sie gestern in der Kirche mit niedergeschlagenem Blick hinter dem rauschenden Grauseidenen der Mutter dveingeschritten war, seit heute die Magd mit Lachen „Frau «chnrolke", und nicht mehr „Fran Rätin" sagte, ging sie hier herum wie heimatlos. Sie hatte ihre Kraft doch überschätzt. G-esteru abend, als Herr Schmolke in seiner Glückseligkeit sich einen harmlosen kleinen Schwips angetrunken hatte und sie immer wieder im Ueberschwang des Gefühls umarmte, war es plötzlich über sie gekommen mit einem liefen, erschütternden Schmerz. Sie hätte laut hinausschreien mögen: „Baier, mein Vater!" Sie krampfte die Hände unter'm T.sch zusammen und biß die Zähne aufeinander — nur nicht Wernen!
Es war ihr gelungen: dre Tränen hatte niemand gesehen, die am Abend heiß, unaufhaltsam in ihr Kissen flössen. Llber sie war herrte zerschlagen an allen Glliederir wie nach einer schweren körperlichen Anstrengung, halb im Traum hatte sie ihre Habseligkeiten zusammengetragen; in der letzten Zeit war so viel zu tun gewesen, sie kam erst jetzt in elfter Stunde dazu.
(Fortsetzung folgt.)
Eingeschneit.
Eine Weihnachtsgeschichte von Gerhard Waltet?.
(Schluß.) (Nachdruck verboten.)
Sie hatten beide recht. Aber daß sie es behielten', dazu gehörten zwei so gesunde Herzen, tote dieser starke, ehrliche Reileroffizier und dies Fräulein sie auf die Lebensreise, beiden zum Segen, mitbekommen hatten.
Draußen toste das Wetter mit ungeminderter Kraft durch den Wald. Aber der Lichtschein, der durch die Fenstep schien, war heller als zuvor.
„Wir wollen hier 'mal Leben in die Bude bringen!" harte das junge Mädchen ausgerufen, als fünf zienrlich rein- gewaschene Kinder ihr der Reihe nach die Hand gegeben hatten, „wir müssen hier nun einmal Weihnachten feiern, aber dann auch ordentlich!" — Und nun standen sie beide mit fröhlichem Gesicht ließen einem kleinen Tannenbanm, den Fritz im Garten aus dem Schnee ausgegraben hatte, und machten aus einem alten Wachsstock kleine Lichtchen daran; und wenn ihre Hände unter der Arbeit sich begegneten, dann sahen sie, der Offizier und das Fräulein, einander an. — „Was sind Sie doch für ein prächtiges Mädchen geworden!" sagte Oskar Holm mit ehrlicher Ueber- zeuguug und schaute ihr mit gutem Mick in die Augen. Sie schaute lächelnd auf ihre Arbeit nieder und sagte nichts.
„So, nun ist er fertig — nein, da kommt die-Frau Krüger noch mit Aepfeln — die müssen auch dran! Und nun rufen Sie Ihre Kinder, wenn wir die Lichter an gezündet haben!"
Bon diesen Lichtern kam der hellere Glanz, der draußen auf den verschneiten Boden fiel. Einen Augenblick standen der Leutnant und das Mädchen vor dem brennenden Bäumlein und schauten in seinen bescheidenen Glanz. „Es ist doch kein Weihnachten ohne einen Tanneilbaum!" sagte Julie; „seheu Sie nur, wie die Zweige ihren Schatten auf der Wand werfen, und wie schön weihnachtlich es hier mit einem Male duftet! Und denken Sie sich dazu, wie wir hier weltverloren und einsam sitzen mitten zwischen Wald und Moor, zwei verirrte Menschenkinder,, die sich.nach langen, langen Fahren gefunden haben, und hier eins auf das andere angewiesen find ! Ist es nicht schön?"
• „Ja, Julie, es ist wunderschön! Märchenhaft!" antwortete er mit leiser Stimme, in ihren Anblick versunken. Im Vorbeigehen nickte sie ihm lvieder so vergnügt lächelnd


