Mittwoch den 22. Dezember
1909 — Nr. 200
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Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Vie big.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Eie lachte hell, und bann warf sie den Mund schmollend auf. „Du tust ja, als ob es außer der Nelda kein nettes Frauenzimmer mehr gäbe. Na, warte du! So wunderbar find' ich sie nun doch nicht; ganz, verständig, ja, und lieb KU Kindern, aber" — sie zog ihn am Ohrläppchen — „ob sie so famos Strümpfe stricken kann und stopfen und Hosenböden einsetzen und dergleichen, das wollen wir erst mal sehen! Wenn ich mich nicht immer so eingeschränkt hätte, alles selbst gebügelt und die Kinderkleider genäht, wo wären wir denn jetzt, he?" Sie strich ihm mit der kleinen, etwas hartgearbeiteten Hand übers Gesicht. „Alter, guter Mann! Wir sind doch so glücklich, nicht wahr? Und nun schreibe mal an Rainer, daß sie bei uns war, mtb daß noch nicht alle Hoffnung für ihn verloren ift, oder was du sonst Schönes zusammen stilisierst! Ich sitze derweilen ganz- still hier und mache meine Wochenrechnüng, oder ich tarnt ja auch in der Rangliste lesen. Ich bin jetzt rasend ehrgeizig für dich!"
„Geh lieber zu Bett," bat ex. „Ich habe rtoch zu arbeiten; dann kann ich erst den Brief schreiben."
„Aber ich störe dich ja nicht, laß mich doch hier bleiben, bitte! Nein, nein, wenn ich auch im Bett liege, ich kann doch nicht schlafen, ehe du kontmst! Ich bleibe hier." Sie fetzte sich energisch in ihrer Ecke zurecht und hielt sich die Rangliste vor die Nase.
Mit einem leisen Seufzer nahm er am Schreibtisch Platz; er drehte dem Sofa den Rücken, die kleine grüne Arbeitslampe warf den Schein aufs Papier und auf fein Gesicht. Die Feder flog, mitunter hielt sie auch inne mit einenr Ruck — der Faden abgerissen, weit, weit von der Arbeit weg die Gedanken des Sprechenden — und dann ein Zusammenschrecken, und die Feder knirschte wieder und flog mit verdoppelter Schnelle. Aktenbogen füllte sich auf Akien- bagcn, es war die Ausarbeitung für bett morgen zu haltenden Vortrag in der Kriegsakademie. Man hörte nichts im Zimmer, als das leise' Rauschen der Seiten und mitunter das Ausklopfen der tintengefüllten Feder.
Ein tiefer Atemzug kam vorn Sofa her — nun noch einer und noch einer — nun ein ganz zartes regelmäßiges Schnarchen. Xylander sah sich um. Da lag die hübsche Frau, die Füße hatte sie herarrfgezogen; ihr Kopf, der von der Lehne heruntergerutscht ivar, baumelte haltlos hin und her.
Auf den Zehen näherte sich Mander; er stopfte ihr das Kissen von seinem Stuhl unters Genick. „Ich schlafe nicht," lallte sie; aber sie machte die Airgen nicht auf, als er ihren Kopf sanft ein wenig anders rückte. Leise schlich er zum Schreibtisch zurück.
Ten großen Aktenbogen schob er beiseite unb zog einen Briefbogen hervor; er stützte den Kopf und starrte mit einem! weltverlornen Ausdruck lange auf das unbeschriebene Blatt. Jetzt glitt ein Lächeln über sein Gesicht, er tauchte di« Feder ein, und nun schrieb er, ohne Einhalten, ohne Besinnen, die ganzen vier Seiten.
,Meh zu, wie Du sie gewinnst; sie liebt Dich jetzt nicht, aber sie zürnt Dir auch nicht. Du bist ihrer noch lange nicht inert — uinnn's nicht übel, daß ich Div das so offen sage! Aber ihrer wert zu werden, dazu wünsche ich Tur von ganzem Herzen Glück! Ich werbe Dir seiner Zeit genau'augeben, wann sic Berlin verläßt, eventuell telegraphieren, wo Du sie treffen kannst. Und nun Glück aus! Alle meine Sympathien sind bei euch!"
Das ivar das Ende des taugen Briefes.
Der Schreiber saß und starrte, die Feder noch in der Hand, auf bett letzten Schnörkel seiner Unterschrift; dann stand er auf, schob vorsichtig den Stuhl zurück und trat au's Fenster. Die heiße Stirn ward angenehm gefächelt von dem Luftzug, der die weiße Gardine anfbauschte; mit verschlungnen Händen blieb .kplander regungslos und sah hinauf zum Nachthimmel. Stern wandelte neben Stern, scheinbar so nah, und doch ivelch unermeßne Weite zwischen ihnen — eine ewige Ferne!
„Weit ioie itusere Seelen von einander," murmelte Xylander und warf einen Blick hinüber zu seiner Frau; die schlief, die Rangliste noch in der Hand. „Und wo sich zwei Seelen so nahe sind, daß die eine den Hauch der andern verspürt, da darf's nicht sein." Er inanbte sich wieder dem Fenster zu und starrte unverwandt hinauf. „Möchte sie glücklich werden!"
Es war kein Seufzer, sondern ein Laut der Befriedigung, mit dem er jetzt zurücktrat; er stellte sich neben das Sofa und sah lächelnd auf die Schlafende nieder. Die gesunde Röte auf ihrem Gesicht hatte sich vertieft, ein Grübchen spielte im Kinn; er bückte sich und küßte das. ,Kisabeth," sagte er leise, „Lisabeth, wach' auf!','
Sofort öffnete sie die Lider. „O du!" Sie lachte ganz verschämt. „Nun bin ich doch eingedruselt! Bist du jetzt fertig? Du siehst blaß aits, du hast dich angestrengt!" Sie sprang auf und strich ihm besorgt das Haar aus der Stirn. „Dir fehlt doch nichts?"
,,.O nein, mir ist sehr wohl — besonders wohl! Komm, laß uns noch einmal zu unfern Kindern gehen!"
„Gern!" Sie hing sich an seinen Arm. „Lieber Mann!"
VIII.
„Liebste Nelda, und nun sollen wir wirklich scheiden? Du gehst auf so lange fort?!" Frau von Osten hing sich an ben Hals der Freundin und weinte bitterlich. „Ach, nun habe ich niemand mehr, dem ich alles sagen kann!"
„Es wird bald anders," tröstete Nelda. „Glaube mit,


