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Nach dem Begräbnis fanden sich die! „G'sreind" und Nachbarn im Grubenhof ein, um zum ehrenden Andenken des Verstorbenen den Flannerts**) zu feiern. Die Tische waren säuber- Uch mit weißem. Sinnen gedeckt, die Dielen mit reinem Sande bestreut.
Jeder Gast drückte der jungen Witwe sein Beileid aus und wendete ihr seinen befouderen Trost. Tas ganze Gemüt der Bärw'l faß bei dieser rührsamen Teilnahme in den Tränendrüsen. Ein richtiger Flannerts verlangte das so. — ....
Während die anderen die lebhaft gepflogene Unterhaltung fortsetzten, zog der Nachbar Schleif die Bärw'l neben sich auf die Bank und sagte in wohlwollendem Ton zu ihr:
„Tu brauchscht boal ’n fleißige Ehehoalter, Bärw’l, — sou mi’tn G'sindche konnscht du uit ons Tahl kumme — des beut ka' gut uff die Taner!"
Mit häufiger Tränenschluckunterbrechung meinte die junge Witwe:
„Dihr wißt's, woas fir'n Aerwct bei uns z'dou'n is. — Mei Hannwil’m selig — Hot fei’ Sach’ doch orndstlich g’fihrt :— un is ka’nwals mt int Rickstand gewehe. . ."
„Ebbs leicht woar schun de Hannwil’m hie letschte Juhr her/' fiel der Schleisbauer ein, „äwwer er Hot doch fei' Lewedoag ka’m ’n On’reecht nit gedon'u. Sell is ’n ausgemoachti Sach’!"
„Sou ma'n ich auch — rechtschaffe woar mei’ Hannwil’m selig," sagte die Bärw’l, während sie schon wieder Tränen zu schlucken und sich dann dröhnend zu schneuzen begann.
„Träischt dich emol setzet, Nochb’n! Ter Hannwil’m is dout, NN du mnfcht nod drnff sehe, wie de bei' Sach' richtig on'packscht. — Alles verkaafe —> sell gäiht nit! Alla’ konnscht. du’s mi’tn besetzte Wille nit mache, b’suunerfch bei son'm Feldbau. — Groad die Aerwet uff’m Grubehouf will verstanne fei', un feilt kennt ka’ner besser wie der Balser."
Bei ben letzten Worte:: überstrahlte ein gutmütiges Lächeln das runde Gesicht des Schleifbauern.
„Ma'nt dihr? — Den Balser Hot aach mei' Hannwil’m selig sou gearn g’hatte! — Nvrn dihr sollt mir rote, hor’r vor sei'm selige Enn gema’nt."
In der Erinnerung an ihren verstorbenen Mann schnupfte die Bärw'l wieder heftig auf.
„Groad der Balser wär' de richtig Bauer fir’n Grubehouf. Er Hot aach ebbs Sach’, is spvarsam un fleißig un kennt alli Aerwet."
„Ma redd äwwer devöu’, er sollt’ 'm Hirschwirt fei’ Tochter heiern. Hät’ dihr ’woas g'häiert?"
Erwartungsvoll sah die Bärw’l zum Schleifbauern auf. Der blinzelte mit ben Augen und meinte:
„Der Balser könnt' bem Hirschwirt fei’ Faulkranket hahle! — Nvrn sou nix! — Ich foag: Wird's, wte’s wird! Wer nix wirke will, wird Wirt — wer als Wirt nix wird, wird nie nix wer’n!"
„Dihr hät gonz reecht! Mich könnt’ der Balser dauern, wann'r beim Hirschwirt ei'heiern mißt."
„Der Balser kriggt 'n anneri — feil konnscht de glaawe! —- Soag emol, Bärw’l: willscht d'n du den Balser heiern?"
„Soll ich dann om Flannerts mei’ Ma’ning soage? — Der Hannwil’m selig is joa kaum in de Ere!"
„Uffsehäiwe is do nix, wann’s Sach’ beifamme bleiwe soll. Wär’ dei’ Hannwil’m noch do, mißt’r oach ioage: Heier den Balser — norn den Balser! Der alla' haßt in mei’ Vatterschhaus."
„Sell is ’n ausgemoachti Sach', daß ich den Balser groad jetzet nit entbehr'n tonn. Ich fircht’ norn, er wettd't sich uff’n anner Dahl."
, „Des is ims Frege z’dou’n — soll ich emol ntir’m plaur'n?" „Meintwege! — sou hinnerum, eb er uff’m Grubehouf bleiwe Wällt’ . . . ."
„Un dich heiern moag!" fiel der alte Bauer ein, wobei wieder ein schalkhafter Zug über sein pausbäckiges Gesicht ging.
„Sou groad nit •- cüvwer cd er in de näiKschte Zeit mei’ Sach’ fihr'n wollt’."
„Mache ma — un gleich!"
Dieses Gespräch übte ans die Bärw'l eine merkwürdig beruhigende Wirknitg aus. , „
Ter Schleisbauer winkte ben Balser hinter'm Ttsch hervor und verließ mit ihni in zappelnder Eile die Stube. Als Nachbar und Nebenläger erwog er seinen Nutzen, wenn er sich den friedlich gesinnten Balthasar Lantenschläger als Herr auf dem Grubenhof verpflichten konnte. Er hatte dabei ein leichtes Spiel, denn er begegnete mit seinem Anträge, ben er ganz bestimmt und im Stuf trüge der Bärw’l vor brachte, ben Wünschen des Knechts.
Es war Abend geworden.
In der spärlich erleuchtetest Bauernstube entstand eine ausgelassene Fröhlichkeit.....
Auf der Straße sangen die Burschen eine frohe Weist, die einer auf der Ziehharntonika begleitete.
„Hotz Blitz!" schrie der Kratzjock’l, dabei von: Stuhle aufspringend, „der muß erei’ mit seiner Bäh — hm hm!"
Und da huschte er auch schon zur Türe hinaus itnb brachte nach einigen Augenblicken den Harmonikaspieler herein.
**) Odenwälder Bezeichnung des häuslichen Totenfestes. Von „Flennen" = Weinest.
- "Nod spel entern gonz bednncht Lied, sou ebbs, woas fir dem baßt/Em Flannerts un bete Bärw’l ihr Bekimmernis Ter Angeredete trank das ihm dargereichte Glas Wein aus und begann dann zu spielen, zuerst in einem leidgesümmteu Ton, dann zu der Melodie „In einem kühlen Grunde" über-. gehend. Smmuseud begleiteten die Anwesenden diese bekannte Wetse Mit geröteten Händen und niedergeschlagenen Augen »orte die Bärw'l zu. Bei den deutlicher gesprocheneit Worten: „Ich möcht’ am liebsten sterben, da wär's auf einmal still!" überkam sie eine tiefe Rührung. Ihre Augen umflorten sich, und ihrer Achseln zuckten bet ihrer inneren Erregniig
?u [e greine?" fragte sie der Kratzjock’l, „Glaabscht du, ’n luschtiger Flannerts verschläigt dei'm Hann- wck m ebbs? — Wann der noch do wär’, mäigt's fn’u gewwe unner uns, der noch mäih' iwwerig hält’ fir die Luschtboarkeit. Geflennt is groad genung ein Flannerts! — Sei srouh, daß der Hannwil’m sou geehrt wird! ’N jäirer hor'n gearn g’hatte, den Hannwil’m, sell Hot ma heit gesehe on bene himmelvele Seit,. Häww ich reecht, orrer häww ich reecht?"
Bei dieser Frage schaute der Kratzjock’l die Anwesenden tu der Runde an.
„Sou is ’s groad — groad son is ’s!" pflichtete ihm ein weitzsträhniges Bäuerlein bei.
„'s is ’s Gescheitscht, mir hoales mit bene Ftanzouse »st soage: der Grubebauer is dout — der Grubebanet soll lewe!" Der Schleisbauer, der das gesprochen hatte, sah von der Bärw’l auf den Balser und zeigte in Stimme und Blick was froh Erregtes. Ter Kratzjock’l, der die Sage sofort erkannte, stieß einen Jnhschrei aus und deklamierte in den Trubel hinein;
„Ter Balser und die Bärw’l, Tas neuverlvbte Paar, Sie sollen beide leben Gar manches frohe Jahr Und brave Kuder sehen Und frohe Enkel noch!
„Ter Balser und die Bärw’l, Tie leben dreimal hoch!"
Ein ohrenbetäubendes Hoch folgte diesem Spruch', ben der Kratzjock’l schon des öfteren bei ähnlichen Gelegenheiten vorgetragen hatte. Nur die Namen brauchte er zu ändern.
„Ich gratelier, ihr Brautleit!" sagte er, vor die beiden hin- tretend, und schüttelte jedem in ausgiebiger Weist die Hand. In lustigem Aufruhr drängten auch die anderen hinzu und sprachest ihre Glückwünsche ans.
Die Bärw’l schaute überrascht zu dem Balser ans. War das wirklich unbefaugene Ahnungslosigkeit, was aus biefen graublauen Augen sprach?
„Is des alles Spaß orrer Erlischt?" fragte sie.
„Ich ma'n, ’s wär' Ernscht!" stammelte der Balser und er- griff sie bei der Hand.
„’N schäme Walzer sirs Brautpaar!"
dem Harmonikaspieler zu, der alsbald fein kurzatmiges Instrument auf dem rechten Knie zu schaukeln begann.
Das neue Brautpaar drehte sich schwungvoll int Kreise, während die anderen Beifall klatschend auf die Stühle und Bänke sprangen.
Als der Balser feine Verlobte nach dem Tanz zum Tisch führte, bedeckte eine flammende Röte das Gesicht der Bärw’l, „’s hätt’ eigentlich om Flannerts uit sei’ solle!" sprach sie zu dem neben ihr sitzenden Schleifbauern. Der aber meinte: „Sich, Bärw'l, fetzet häwwe alle Geschwätzer ’n Enn! A' Fescht hosch-l de gespoart — un kriggscht ’n richtige Manu."
In der Stube war eine Lust zum Ersticken. Die Bärw'l öffnete die Fenster und ließ den kühlenden Abendwind herein..
Bald hatte sich die Trauergefellfchaft in eine regelrechte Tanz- gesellschaft verwandelt. Unter reichlichem Zuzug der tanzlustigen Jugend drehte und walzte alt und jung nach dem Klang der Harmonika. Dieses fröhliche Treiben hielt bis zum grauenden Morgen an. __________
Aus der NkiegsrechiiMg der Gemeinde Rödgen bei Gießen von J8H-R5.
Menst auch unsere Gegend seitwärts der Heerstraße lag, die Napoleon und die Verbündeten für die Bewegungen ihrer Truppest Während der Kiegsjahre 1813 und 1815 wählten, so ist sie doch tont den Tnippen-Turchmärfcheu nicht ganz unberührt geblieben'. Die Bewegungen von Süd nach Nord oder umgekehrt geschähest meistens ans der großen Leipziger Straße, die von Frantmrt über Harran durch das Kinzigtal führte. Nur Blücher verließ die große Heerstraße und passierte das Vvgelsgebtrge, da er irrtümlich glaubte, Napvleost habe diesen Weg auf fernem Ruckzuge nach dem Salmtal eingefchlagen. Tre Blüchersche Armes bewegte sich 'von Fulda über Grünberg nach Meßen, woBlücher anfangs November Quartier nahm'. Aber auch di« Settenlüler passierten Truppest der Alliierten. So finden wir am 6. November Rüssen als Einquartierung ist R ö d g e u. Die Rusien schlugen von hier aus di« WarschMite nach bem Westerwald em, iMiptsächlich auf Hachenburg zu.


