Ausgabe 
22.11.1909
 
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Nach dem Begräbnis fanden sich die!G'sreind" und Nach­barn im Grubenhof ein, um zum ehrenden Andenken des Ver­storbenen den Flannerts**) zu feiern. Die Tische waren säuber- Uch mit weißem. Sinnen gedeckt, die Dielen mit reinem Sande bestreut.

Jeder Gast drückte der jungen Witwe sein Beileid aus und wendete ihr seinen befouderen Trost. Tas ganze Gemüt der Bärw'l faß bei dieser rührsamen Teilnahme in den Tränen­drüsen. Ein richtiger Flannerts verlangte das so. ....

Während die anderen die lebhaft gepflogene Unterhaltung fortsetzten, zog der Nachbar Schleif die Bärw'l neben sich auf die Bank und sagte in wohlwollendem Ton zu ihr:

Tu brauchscht boaln fleißige Ehehoalter, Bärwl, sou mitn G'sindche konnscht du uit ons Tahl kumme des beut ka' gut uff die Taner!"

Mit häufiger Tränenschluckunterbrechung meinte die junge Witwe:

Dihr wißt's, woas fir'n Aerwct bei uns z'dou'n is. Mei Hannwilm selig Hot fei Sach doch orndstlich gfihrt : un is kanwals mt int Rickstand gewehe. . ."

Ebbs leicht woar schun de Hannwilm hie letschte Juhr her/' fiel der Schleisbauer ein,äwwer er Hot doch fei' Lewedoag kamn Onreecht nit gedon'u. Sell isn ausgemoachti Sach!"

Sou ma'n ich auch rechtschaffe woar mei Hannwilm selig," sagte die Bärwl, während sie schon wieder Tränen zu schlucken und sich dann dröhnend zu schneuzen begann.

Träischt dich emol setzet, Nochbn! Ter Hannwilm is dout, NN du mnfcht nod drnff sehe, wie de bei' Sach' richtig on'packscht. Alles verkaafe> sell gäiht nit! Alla konnscht. dus mitn besetzte Wille nit mache, bsuunerfch bei son'm Feldbau. Groad die Aerwet uffm Grubehouf will verstanne fei', un feilt kennt kaner besser wie der Balser."

Bei ben letzten Worte:: überstrahlte ein gutmütiges Lächeln das runde Gesicht des Schleifbauern.

Ma'nt dihr? Den Balser Hot aach mei' Hannwilm selig sou gearn ghatte! Nvrn dihr sollt mir rote, horr vor sei'm selige Enn gemant."

In der Erinnerung an ihren verstorbenen Mann schnupfte die Bärw'l wieder heftig auf.

Groad der Balser wär' de richtig Bauer firn Grubehouf. Er Hot aach ebbs Sach, is spvarsam un fleißig un kennt alli Aerwet."

Ma redd äwwer devöu, er sollt 'm Hirschwirt fei Tochter heiern. Hät dihrwoas g'häiert?"

Erwartungsvoll sah die Bärwl zum Schleifbauern auf. Der blinzelte mit ben Augen und meinte:

Der Balser könnt' bem Hirschwirt fei Faulkranket hahle! Nvrn sou nix! Ich foag: Wird's, wtes wird! Wer nix wirke will, wird Wirt wer als Wirt nix wird, wird nie nix wern!"

Dihr hät gonz reecht! Mich könnt der Balser dauern, wann'r beim Hirschwirt ei'heiern mißt."

Der Balser kriggt 'n anneri feil konnscht de glaawe!- Soag emol, Bärwl: willscht d'n du den Balser heiern?"

Soll ich dann om Flannerts mei Maning soage? Der Hannwilm selig is joa kaum in de Ere!"

Uffsehäiwe is do nix, wanns Sach beifamme bleiwe soll. Wär dei Hannwilm noch do, mißtr oach ioage: Heier den Balser norn den Balser! Der alla' haßt in mei Vatterschhaus."

Sell isn ausgemoachti Sach', daß ich den Balser groad jetzet nit entbehr'n tonn. Ich fircht norn, er wettd't sich uffn anner Dahl."

,Des is ims Frege zdoun soll ich emol ntirm plaur'n?" Meintwege! sou hinnerum, eb er uffm Grubehouf bleiwe Wällt . . . ."

Un dich heiern moag!" fiel der alte Bauer ein, wobei wieder ein schalkhafter Zug über sein pausbäckiges Gesicht ging.

Sou groad nit- cüvwer cd er in de näiKschte Zeit mei Sach fihr'n wollt."

Mache ma un gleich!"

Dieses Gespräch übte ans die Bärw'l eine merkwürdig be­ruhigende Wirknitg aus. ,

Ter Schleisbauer winkte ben Balser hinter'm Ttsch hervor und verließ mit ihni in zappelnder Eile die Stube. Als Nachbar und Nebenläger erwog er seinen Nutzen, wenn er sich den friedlich gesinnten Balthasar Lantenschläger als Herr auf dem Grubenhof verpflichten konnte. Er hatte dabei ein leichtes Spiel, denn er begegnete mit seinem Anträge, ben er ganz bestimmt und im Stuf trüge der Bärwl vor brachte, ben Wünschen des Knechts.

Es war Abend geworden.

In der spärlich erleuchtetest Bauernstube entstand eine aus­gelassene Fröhlichkeit.....

Auf der Straße sangen die Burschen eine frohe Weist, die einer auf der Ziehharntonika begleitete.

Hotz Blitz!" schrie der Kratzjockl, dabei von: Stuhle auf­springend,der muß erei mit seiner Bäh hm hm!"

Und da huschte er auch schon zur Türe hinaus itnb brachte nach einigen Augenblicken den Harmonikaspieler herein.

**) Odenwälder Bezeichnung des häuslichen Totenfestes. Von Flennen" = Weinest.

- "Nod spel entern gonz bednncht Lied, sou ebbs, woas fir dem baßt/Em Flannerts un bete Bärwl ihr Bekimmernis Ter Angeredete trank das ihm dargereichte Glas Wein aus und begann dann zu spielen, zuerst in einem leidgesümmteu Ton, dann zu der MelodieIn einem kühlen Grunde" über-. gehend. Smmuseud begleiteten die Anwesenden diese bekannte Wetse Mit geröteten Händen und niedergeschlagenen Augen »orte die Bärw'l zu. Bei den deutlicher gesprocheneit Worten: Ich möcht am liebsten sterben, da wär's auf einmal still!" überkam sie eine tiefe Rührung. Ihre Augen umflorten sich, und ihrer Achseln zuckten bet ihrer inneren Erregniig

?u [e greine?" fragte sie der Kratzjockl, Glaabscht du,n luschtiger Flannerts verschläigt dei'm Hann- wck m ebbs? Wann der noch do wär, mäigt's fnu gewwe unner uns, der noch mäih' iwwerig hält fir die Luschtboarkeit. Geflennt is groad genung ein Flannerts! Sei srouh, daß der Hannwilm sou geehrt wird!N jäirer hor'n gearn ghatte, den Hannwilm, sell Hot ma heit gesehe on bene himmelvele Seit,. Häww ich reecht, orrer häww ich reecht?"

Bei dieser Frage schaute der Kratzjockl die Anwesenden tu der Runde an.

Sou iss groad groad son iss!" pflichtete ihm ein weitzsträhniges Bäuerlein bei.

's iss Gescheitscht, mir hoales mit bene Ftanzouse »st soage: der Grubebauer is dout der Grubebanet soll lewe!" Der Schleisbauer, der das gesprochen hatte, sah von der Bärwl auf den Balser und zeigte in Stimme und Blick was froh Erregtes. Ter Kratzjockl, der die Sage sofort erkannte, stieß einen Jnhschrei aus und deklamierte in den Trubel hinein;

Ter Balser und die Bärwl, Tas neuverlvbte Paar, Sie sollen beide leben Gar manches frohe Jahr Und brave Kuder sehen Und frohe Enkel noch!

Ter Balser und die Bärwl, Tie leben dreimal hoch!"

Ein ohrenbetäubendes Hoch folgte diesem Spruch', ben der Kratzjockl schon des öfteren bei ähnlichen Gelegenheiten vor­getragen hatte. Nur die Namen brauchte er zu ändern.

Ich gratelier, ihr Brautleit!" sagte er, vor die beiden hin- tretend, und schüttelte jedem in ausgiebiger Weist die Hand. In lustigem Aufruhr drängten auch die anderen hinzu und sprachest ihre Glückwünsche ans.

Die Bärwl schaute überrascht zu dem Balser ans. War das wirklich unbefaugene Ahnungslosigkeit, was aus biefen grau­blauen Augen sprach?

Is des alles Spaß orrer Erlischt?" fragte sie.

Ich ma'n,s wär' Ernscht!" stammelte der Balser und er- griff sie bei der Hand.

N schäme Walzer sirs Brautpaar!"

dem Harmonikaspieler zu, der alsbald fein kurzatmiges Instru­ment auf dem rechten Knie zu schaukeln begann.

Das neue Brautpaar drehte sich schwungvoll int Kreise, während die anderen Beifall klatschend auf die Stühle und Bänke sprangen.

Als der Balser feine Verlobte nach dem Tanz zum Tisch führte, bedeckte eine flammende Röte das Gesicht der Bärwl, s hätt eigentlich om Flannerts uit sei solle!" sprach sie zu dem neben ihr sitzenden Schleifbauern. Der aber meinte: Sich, Bärw'l, fetzet häwwe alle Geschwätzern Enn! A' Fescht hosch-l de gespoart un kriggschtn richtige Manu."

In der Stube war eine Lust zum Ersticken. Die Bärw'l öffnete die Fenster und ließ den kühlenden Abendwind herein..

Bald hatte sich die Trauergefellfchaft in eine regelrechte Tanz- gesellschaft verwandelt. Unter reichlichem Zuzug der tanzlustigen Jugend drehte und walzte alt und jung nach dem Klang der Harmonika. Dieses fröhliche Treiben hielt bis zum grauenden Morgen an. __________

Aus der NkiegsrechiiMg der Gemeinde Rödgen bei Gießen von J8H-R5.

Menst auch unsere Gegend seitwärts der Heerstraße lag, die Napoleon und die Verbündeten für die Bewegungen ihrer Truppest Während der Kiegsjahre 1813 und 1815 wählten, so ist sie doch tont den Tnippen-Turchmärfcheu nicht ganz unberührt geblieben'. Die Bewegungen von Süd nach Nord oder umgekehrt geschähest meistens ans der großen Leipziger Straße, die von Frantmrt über Harran durch das Kinzigtal führte. Nur Blücher verließ die große Heerstraße und passierte das Vvgelsgebtrge, da er irrtümlich glaubte, Napvleost habe diesen Weg auf fernem Ruck­zuge nach dem Salmtal eingefchlagen. Tre Blüchersche Armes bewegte sich 'von Fulda über Grünberg nach Meßen, woBlücher anfangs November Quartier nahm'. Aber auch di« Settenlüler passierten Truppest der Alliierten. So finden wir am 6. No­vember Rüssen als Einquartierung ist R ö d g e u. Die Rusien schlugen von hier aus di« WarschMite nach bem Westerwald em, iMiptsächlich auf Hachenburg zu.