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berechnete Person! Ihr Mann hätte Rücksichten auf seine Stellung zu nehmen. Dallmer hätte sich bei Lebzeiten nicht zum Protestantismus bekannt, und wenn die katholische Kirche die Beerdigung verweigre, kömie die andre Konfession ihr nicht so ins Gesicht schlagen. Wie gesagt, hier im Haus wolle er wohl ein paar Worte sprechen, im lieberrock, ohne Talar, quasi als Freund — o wie sieht das aus, was sollen die Menschen denken! Und draußen am Grab keine Rede, grad' als ob matt eine Katze verscharrt! Meitr guter Dallmer — nein, ich gehe nicht mit, ich kann das nicht ertragen!" Sie rang in krampfhaftem Schluchzen die Hände.
„Liebe Schwägerin, regen Sie sich doch nicht so aus!" Der Bürgermeister ging unruhig auf und ab. „Freilich, unsre katholische Kirche ist schroff in solchen Dingen; wer nicht zu Beichte und Kommunion geht, seine Kinder protestantisch werdetr läßt und so weiter, der —!" Er machte eine jabwinkende Handschwenkung. „Es müßten denn ganz be- sondre Schenkungen zugesichert werden — no, davon kann ja hier nicht die Rede sein! Aber wenn Ihnen so viel dran liegt, Lorchen, sollte sich denn nicht irgend ein evangelischer Geistlicher auflreiben lassen?"
„Nein, nein, wo denken Sie hin?" schluchzte die Frau. -„Wenn es der Oberkonsistorialrat tticht tüt, tut es doch kein andrer; bewahre! Mein Gott, mein Gott,, es ist zu schrecklich, ich könnte den Verstand darüber verlieren!" •
Des Bürgermeisters Gesicht überzog ein jähes Rot, man sah, wie ihm die Ungeduld aufstieg. „Ich denke, Sie werden darüber njcht beit Verstand verlieren, Frau Schwägerin! Die Erde ist überall des Herrn, ob ein Pf — wollte sagen, jein Angestellter der Kirche den Segen darüber spricht oder Nicht. Glauben Sie, Joseph schläft nicht ebenso gut, auch ohne die schölte Rede? Lassen Sie ihn nur ruhen in Frieden und die Sonnenstrahlen auf sein Grab scheinen und die Nachtigallen darüber singen; das sind auch Boten Gottes! Herr des Himmels," polterte er, „lassen Sie jetzt das Händerittgen! Ob der Zängler oder Zangler kommt oder nicht kommt, ist ganz egal!"
„Ich wollte es aber doch so gern — oh!" Die Rätin hielt sich das Taschentuch vor das Gesicht und fiel wimmernd aus's Sofa. „Und jetzt schreien Sie mich noch an! Ach, Dallmer ivar immer so geduldig, Dallmer hat mich, nie angeschrien, itnmer so gut — und jetzt soll er nicht mal eine Rede haben?! Ach Dallmer, Dallmer!"
„Liebe Mama!" Nekda war zu der Weinenden getreten itttb strich ihr wie einem Kind über den Scheitel. Das Jammern wurde heftiger. Jetzt kauerte sich das Mädchen nieder und legte den Kopf in den Schoß der Mutter. „Liebe Mama, weine nicht, ich geh' heut nachmittag zum -Oberkonsistorialrat, um sechs hat er Sprechstunde; ich will ihn bitten, jammre nur nicht so! Es soll alles geschehen, was du willst!"
Ueberrascht blickte Frau Rätin auf. Sie ließ sofort Has Taschentuch sinken, ihr Gesicht strahlte förmlich auf. „Ach ja, Nelda, das tu'! Er will gewiß nur gebeten sein. Ach, du bist ein gutes Kind, was sie auch sagen mögen! Die Zünglein sagte, ich würde meine liebe Not mit dir kriegen; die Planke ist gestern bei ihr gewesen, die hat dich auf einem Berg getroffen, ganz mutterseelenallein mit einem jungen Mann. O was die Menschen böse sind, da reden sie gleich allerlei! Sag', Kind, wer war das? Ach am Ende gar ein Fr —"
„Sprich's nicht aus!" Nelda fuhr zurück wie von einer Schlange gebissen, sie sprang auf die Füße, ein tiefes Rot legte sich ihr über das bleiche Gesicht und ein Ausdruck von Verachtung um die Lippen; ihre Stimme klang hart. „Und ait so was kannst du jetzt denken?!" Es zuckte tote verhaltnes Weinen tun ihren Mund, sie. wandte sich ab und ließ sich schwer am gedeckten Tisch nieder. „Kommt, wir wollen essen," sagte sie dann eintönig, „es nutzt doch alles nichts. Komm, Mama, Schinken und grüne Bohnen, das ißt du ja so gern!"
„Ob Laura sie auch nicht mit zuviel Butter geschwenkt hat? Mein Gott, die aß Dallmer auch so gern! Ich kann nicht essen, wenn ich daran denke!" Die Tränen rieselten der Rätin auf den Teller und dabei führte sie doch die Gabel zum Munde.
Nelda aß auch. „Ich muß stark feilt," sprach's in ihr, Und sie zwang sich die Bissen herunter. „Stark fein," sagte sie sich, vor in den bleiernen Stunden des Nachmittags i— wie schlichen sie träge! Draußen auf der Chaussee eine blendende Sonnenhitze, und drinnen int Hans, hinter den
geschlossenen Läden, eine bange, lastende Schwüle; ein Hauch der Verwesung kant von oben her und kroch die Treppei herunter.
Die drei Menschen saßen beieinander und sprachen nicht. Der Bürgermeister hatte so gar keine Fühlung mit feinen Schwägerin; die empfand das, saß stumm tn der Sophaecke, das Taschentuch über's Gesicht gebreitet, oder sie drückte sich zur Tür hinaus und flüsterte in der Küche mit der Magd. Laura schlich in Strümpfen herum und sang nicht, das war ihre Trauer. Nelda trennte das bunte Band von ihrem Strohhut und steckte schwarzen Crepe darauf, sie mußte ja gleich ausgehen. „Stark fein, stark fein," knirschte die Nähnadel in dem Stroh des Hutes. „Stark sein, stark fein," klang es unter jedem Tritt, den Neldas Fuß aus der staubigen Chaussee machte.
Jetzt war sie in der Stadt. Wagen rasselten an ihr vorüber, Peitschenknall, lauter, zorniger Anruf: „He, Vorsicht!" Jetzt ging sie in der Schloßstraße; Züngleins wohnten feilt.
lieber beit -gediegnen Schreibtisch in des Oberkonsistorial- rats Studierzimmer spielten goldue Sonnenlichter; erft tanzten sie über die grüne Platte, dann huschten sie höher hinauf an dem kunstvoll geschnitzten Aufsatz der Rückwand. Es war ein wundervolles Möbel — ein füuftuidzwanzig- jähriges Jubiläumsgeschenk der dankbaren. Gemeinde — unten Diplomatenschreibtisch, oben gotisches Kirchenportal. Eine feinsinnige Verschmelzung!
Herr Zünglein saß daran, selbst in Licht getaucht, feine Glatze eine blendende Scheibe. Er sprach sehr ernst, sehr Würdevoll, und hielt dabei, väterlich freundlich, die kalten fchwarzbehandschuhteit Finger der Bittenden in feiner warmen Rechten. „Ja, liebe Nelda, so schwer mir der Refus auch wird, es geht unmöglich Ihren Wunsch zu erfüllen. Es widerstrebt mir, dem Kind etwas gegen den Vater zu sagen; aber Ihr Herr Papa hätte sich bei Zeiten besser überlegen sollen, welche schmerzlichen Weiterungen feine uusirchliche Lebensführung beim Todesfälle den Seinen bereiten würde, abgesehen von jener" — er machte eine kleine Pause und schlug die Augen gen Himmel 1-1 „ernsten und höheren Verantwortlichkeit!"
,Lch bitte!" Nelda unterbrach ihn hastig, sie stieß das Wort förmlich hervor und preßte die Hand des geistlichen Herrn. „Ich bitte Sie, Herr Oberkonsistorialrat, meine Btntter ist so außer sich, gehen Sie mit, sprechen Sie nur ein paar Worte am Grab!" Ihre Stimme war heiser geworden, sie senkte den Kopf auf die Brust. „Ich bitte! -
„Mein liebes, liebes Kind" — der Oberkonsistorialrat war ganz gerührt — „es scheint Ihnen ja sehr nahe zu gehen. Wirklich, es tut mir leid, herzlich leid, besonder» um ihre Frau 'Mutier, die arme Kreuzträgerin! Aber ich! bin ein Diener am Wort, wir haben unsre Borschrisiem Sie wissen" — er zog die Achseln in die Höhe — „unmöglich! Die hiesigen kirchlichen Verhältnisse sind bei der überlmegen- ben Macht der andren Konfession außerordentlich schwierige, wir müssen ein gutes Einvernehmen aufrecht erhalten; gerade Milde und Rücksichtnahme müssen Unseren Protestantismus auszeichnen. Ich- bedaure, aber bei meiner exponierten Stellung — ich kann der katholischen Geistlichkeit nicht ins Gesicht schlagetr. Selbstverständlich, ich werde ins Haus kommen, als Freund, als Privatmann, und dem verewigten Mitbruder em Geleitwort auf den Weg geben. Und nun gehen Sie in Frieden, meine Tochter, der Hern fei mit \u
„Danke sehr, abieu!" Nelda ging, an der Tür drehte sie sich noch einmal kurz um, ihre Augen flammten. „Ver- zeihen Sie, Herr Oberkoirsistorialrat, daß ich Sie belästigt habe! Meine Mutter gibt sehr viel auf das, was Menschen sagen; darum habe ich sie gebeten. Mein Vater wird auch ohnedem ruhig schlafen. Adieu!"
(Fortsetzung folgt.)
Auch ein Leichenmahl.
Von Ph. 8311$ bannt.*)
Es war ein prächtiger Tag voller Dust und Klarheih 'als man den Johann Wilhelm Hallinger zu Grabe geleitete. Unter anhaltendem Geplauder schritt die große Leichenbegleitung hinter dem Wagen her, der den Toten zum Kirchhof brachte.
*) Mit Erlaubnis des Verlages E. Roth in Gießen aus „Hanswirhn", Bilder ans dem Odenwälder Volksleben,


