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Kestern den ganzen Tag marschiren müßen. Die Ursache von diesem unvermutheten Aufbruch ist der Marsch des Erb- Prinzen von Braunschweig (stand im Heere seines Oheims des Prinzen Ferdinand; er war zugleich ein Neffe Friedrichs des Großen), welcher nach Wetzlar zu gehet, um der Französ. Armee die Zufuhr und die Reterade abzuschneiden. Es sind von diesem Corps vorgestern schon die Vortruppen zu Fetzberg eine Stunde von hier gewesen, sie haben sich aber nicht lange aufgehalten. Allein um den Dienstberg herum ist alles voll schwarzer Hußaren und Jägers. Königsberg und alle da herum gelegenen Solmsische Orte müßen an Sie liefern. . Die Volontiers de Clermont stehen ihme zwar entgegen, sie haben auch täglich scharmüzel mit Ihnen, welche aber allemahl zum Vortheil der Hetzen ausfallen. Vorgestern scharmüzierten sie bey Grumbach 3 Stunde von hier und die sogenannten Blech Kappen mußten mit großem Verlust weichen; worauf dann die schwarzen Hußaren nach Königsberg kamen, wo der Amtmann die Thore vor ihnen verschlossen hatte, sie öffneten sie aber bald, setzten dem Ort 100 000 Rationes Fourage an, nahmen den Bauern mit, was sie kriegen konnten, prügelten den Amtmann, weil er die Thore ihrentwegen verschloßen, die er doch den Franzoßen geöffnet, tüchtig ab, und machten sich hierauf wieder davon. Es ist ebenfalls vorgestern ein scharmüzel bei 6er, großen Armee bei Wolfshausen Vorgängen, wovon man hier bey etl. (iche) Hundert Canon Schüße gehöret, welche bis abends 8 Uhr gedauert, und wie man nun hört, so haben ihn die Franzoßen auch verlohren, und soll er mit ein Beweggrund von der weiteren Reteraide der Armee sehn. Die Leichte Truppen sind stets aneinander, und heute morgen hörte mau wieder canoniren. Marburg ist noch mit 300 freywilligen besetzt. Und auf dem Schloß ist eine Garnison, welche auf ein halbes Jahr mit Lebens Mittel versehen ist. Sonsten soll eine große uoth in Marburg sehn. Dieses ist gewiß, daß verschiedene vornehme Leute aus Marburg hierher zu ihren guten Freunden geschickt, und um ein Paar- Laibe Brod bitten laßen. Und wann die Armee lange hier stehen bleiben sollte, welches eben nicht scheint, so gehet es uns noch ebenso. Es ist jetzo schon kein Brod und Mehl bey den Bäckern zu bekommen. Das Hauptquartier ist hier in der Stadt, der Duc (Herzog) de Broglio logirt bei H. Brigadier v. Drechsel, der Prinz Camille der general Waldner und mr (unleserlich) sind auch hier. Heute habe auch den H. Obrist v. Bergh (-eim) gesprochen, vor dem Thor auf der Land Straße. Er hatte den Duc de Broglio, welcher bey dem Marechal von Contades gemeßen war, bis vor das Thor begleitet, mußte aber wieder zurückreiten, weil sein Regiment bey der großen Armse stehet. Er sagte, morgen öder über morgen würde Er her kommen."
Die Annahme des Briefschreibers, die Truppen würden bald abziehen, sollte nicht zutreffen. Gießen und Umgegend blieb noch volle 4 Monate Kriegsschauplatz. Herzog Ferdinand bezog bei Krofdorf ein befestigtes Lager. Seine Armee bestand im ganzen aus 44 000 Manu; die französische zählte gegen 60 000. Gießen wurde bis zum 25. Dezember blockiert. Broglio, dem inzwischen, nach der Abberufung Contades', der Oberbefehl übertragen worden war, hob zwar am 5. Dezember sein Lager bei Gießen auf — die Vorräte gingen aus und die Zufuhr war schwierig, dazu herrschte seit Anfang November böses Winterwetter — und zog nach Friedberg. In der Stadt aber blieb eine Besatzung von 1800 Mann. B'roglios Plan war, 10 000 Mann, die am Niederrhein standen, an sich zu ziehen und so mit vereinten Kräften Ferdinand bei Krofdorf anzugreifen, ihm, wie es in einem Briefe Broalios an den Kurfürsten von Mainz hieß, „zu Weihnachten ein Fest zu bereiten." Der Prinz'von Braunschweig bekam heimlich Kenntnis von diesem Brief und traf seine Gegenmaßregeln. Am 27. und 28. Dezember standen feine Truppen in Schlachtordnung, den Angriff der Franzosen erwartend. Er blieb aus. Mangel der Verpflegung in der ausgehungerten Gegend zwangen jedoch das Heer, die Stellung bei Krofdorf aufzugeben. Am 4. und 5. Januar rückte es nach Marburg ab. Broglios Freude war groß; er gab seiner Armee die Parole „ils sont partis" (sie sind fort). In Gießen und den Nachbarorten wird die Freude nicht geringer gewesen sein, daß sie fort waren. Beide Heere bezogen Winterquartiere, Ferdinand in Paderborn. Broglio verlegte sein Hauptquartier nach Frankfurt. Zuvor hatten noch eine Reihe von Gefechten stattgefunden, am 8. Januar bei Ebsdorf, wo der Prinz von Holstein ein französisches Korps unter. St, Germain in die Flucht schlug
und in der Nacht vom 7. auf 8. Januar, da die Stadt wulenburg vonFerdinands Adjutanten, dem Hauptmann von Derental in kühnem Handstreich genommen wurde. Gießen behielt übrigens 3000 Mann französische Besatzung.
Fr. Germeri
Herbstblumen.
Wenn die Rosen des Gartens anfangeu abzublühen, dann verkündigt die stolze Sonnenblume den Beginn des' nahenden Herbstes, und neben ihr bilden Herbstlevkvjen, Astern und Dahlien die Zierde und den Schmuck unserer Blumengärten.
. Die große Sonnenblume (Helianthus annus) ist eine' einjährige Pflanze, die zur natürlichen Ordnung der Kompositen gehört. Sie stammt aus Peru und wird toegen ihres stattlichen Wuchses und wegen ihrer großen Blütenscherben häufig im Garten angepfianzt. Ihr Stengel wird mannshoch ; die unteren Blätter sind herzförmig, die oberen oval und rauh. Die Samen sind sehr ölreich und liefern ein helles, mildes Oel, das dem Provenceröl im Ge- schmacke fast gleichkommt; sie finden auch geröstet als Kaffee- furrogat und gemahlen als Brotmehl Verwendung. Tie Blätter dienen als Tabaksurrogat, die jungen Stengel urrd Blütenknospen werden hier und da zu Gemüse, die dürren Stengel als Brennstoff und die Oelkuchen als gutes Vieh- futter verwendet. Der Bogelfreuud bewahrt die Blumeu- scheiben mit den schwarzen Samenkörnern für den Winter auf, um darnit die Vogel zu füttern, für die sie ein Leckerbissen sind. Neben der großen Sonnenblume findet man hie und da in Gärten auch die aus Brasilien stammende, knollige Sonnenblume (Helianthus tuberosus), wegen ihrer Knollen, her fogeimnnten Erdapfel, angebaut. Tie kar- toffelähnlichen Knollen dieser Pflanze sind außen rötlich, innen weiß und süßlich wohlschmeckend. Da sie im Winter im Boden nicht erfrieren, so können sie von Oktober bis April nach Belieben und nach Bedarf ausgegraben werben, um teils roh, teils gekocht, Bei Schafen, Rindviehs und Schweinen zur SBierfntterung zu kommen. Sie enthalten mehr Nahrungsstoff als die Kartoffeln und sind auch für die Menschen eine gesunde, nahrhafte Speise, die jedoch wegen ihres süßlichen Geschmackes wenig beliebt ist. Die Pflanze wird immer als Kultur- und Nährpflanze an Bedeutung gewinnen.
Die Gartenaster (Aster chinensis), eine hervorragende Zierde des herbstlichen Gartens, stammt aus China und wird bei uns in den verschiedensten Abänderungen der Farben, einfach und gefüllt, kultiviert. Die weiße Aster wird an Allerheiligen und Allerseelen in großer Menge als Grabesschmuü verwendet.
Die Georgine oder Dahlie (Georgina variabilis), eine unserer beliebtesten Gartenzierpflanzen, stammt aus Mexiko und würde erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Europa eingeführt. Der ästige, einjährige Stengel wird drei bis fünf Fuß hoch und hat zahlreiche, herablaufende, fieber- fpaltige Blätter. Die Blütenköpfchen mit ihrem doppelten Hüllkelche haben gelbe Scheibenblüten und purpurfarbige, gelbe, rote, weiße usw. Strahlenblüten. In unseren Gärten sind die Blumenköpfe meist gefüllt, indem die Röhrenblütchen sich sämtlich in breite, zungensvrmige Blümchen verwandelt haben, wodurch deren schön gerundete Form hervorgerufen ivurde. Durch die höchst zahlreichen, außerordentlich schönen, durch die Kultur erzeugten Farben- varietäten werden die Georginen zu einer prachtvollen Zierde des herbstlichen Gartens. Mit Staunen und Bewunderung betrachtet man den Farbenreichtum und die Feinheit und Schönheit der vielen Spielarten und Neuzüchtungen von Dahlien in jeder Ausstellung, wo die moderne Kunst des Gärtners alljährlich neue Triumphe feiert.
Wenn der Spätsommer uns fahle Wiesen und leere Felder gebracht hat, daun herrschen in der Flora des Feldes die Doldenträger und Korbblütler vor. An Weg und Rain blüht neben der wilden Möhre die blaßblaue' Chichorie, neben dem Rainfarn die Königskerze, neben dem Leinkraut der Thymian und das Heer der Disteln mit ihren vielen Verwandten. Auf den Mm zweitenmalc gemähten Wiesen stellt sich die stengel- und blattlose Herbstzeitlose ein und verkündigt, indem sie durch die Farbe ihrer Blumen noch einmal die sehnsüchtige Erinnerung an die Rosenzeit des Sommers weckt, den Eintritt des rauhen Spätherbstes, da die letzten Blumen des Gartens und des Feldes!


