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Mffcn Sie, dis hübsche Agnes Röder mit dem Leutnant von Osten! Sie müssen kommen, ich schicke Ihnen ein Bületchen."
„Was, Fran Oberkonsistorialrat, die kleine Röder heiratet so bald schon? Nein, macht die ein Glück! Ten schönen und reichen von Osten! Noch dazu vom Garde- regunent Königin!" Eine wahre Aufregung bemächtigte sich der Tafelrunde.
Selbst Fran Regierungsrätin Dallmers nervös tätige Hande feierten, ihre matten Augen — Augen, die viel geweint — bekamen Glanz. „Ach, macht die ein Glück," echote sie nach.
. „Ja, die Röder ist aber auch ein reizendes Wesen," meinte ehrlich Frau Doktor Schmidt, „ganz anders Ivie Ihre Nelda; so etwas anmutig Mädchenhaftes, echt Weibliches! Wenn sie auf dem Ball sich auf den Arm ihres Tänzers lehnt und den Blick zu ihm erhebt, so weich, fast möchte ich sagen schmachtend — es ist rein zum Verlieben!"
„In der Schule war sie eine dumme Pute," warf Fräulein Planke trocken ein. „Sie wird's wohl auch geblieben sein — natürlich, wo wäre sie sonst auf den faden Leutnant heremgefallen! Ich habe noch kein gescheites Wort von ihr gehört!"
„Der Herr giebt's den Seinen im Schlaf," orgelte Frau Zanglein. Sie legte wieder die fleischige Hand auf die Schulter der kleinen Rätin, die von der Breite des vberkonfistorial-> rötlichen Seidenkleides ganz in die Sofaecke geqnetscht wurde. „Ihre Nelda sollte sich an der Weiblichkeit von Agnes Röder ein Beispiel nehmen, statt dessen lacht sie. Mein Milchen kanr neulich ganz entsetzt aus dem Kränzchen nach Haiife. „Tente dir, Mama", erzählte mir das gute Kind, „Nelda Dallmer sagte heut, ein Ball käme ihr vor wie ein Gänse- markch hie Mütter säßen als Verkäuferinnen ringsum, und die Gänse, die am feistesten wären und am lantesten schnatterten, gingen am ersten ab." Oy — oh!" Die Zünglein schlug die Augen gen Himmel und richtete sie dann strafend auf das niedergeschmetterte Opfer in der Sofaecke. „Sie sollten Ihrer Nelda solche Reden abgewöhnen, liebe Freu'N- din! Sie passen schlecht für wohlerzogene Töchter. Uebrigens hat ^hre Nelda unrecht, Agnes Röder ist weder feist, noch schnattert sie viel!"
„Ha ha — ha ha ha!" Frau Hauptmann Lhlander wollte sich totlachen. „Diese Geschichte von Fräulein Nelda muß ich meinem Mann erzählen. Wird der sich amüsieren! Er mag Fräulein Nelda so gern, er sagt immer, sie hat etwas Urwüchsiges; man ginge bei ihr wie durch einen tannenduftigen Wald, und plötzlich käme ein Windstoß daher und büese einen fast um. Aber der erquickte. Ha, ha, nein, zu komisch !"
Mit wehmütig dankbarem Lächeln sah Rätin Dallmer die junge Fran an.
„Ich freue mich, daß Ihr Herr Gemahl Nelda leiden mag! ^Freilich, cs wäre besser, wir hätten sie nicht jedes und jedes xwhr zum Bruder meines Mannes, dem Bürgermeister auf der Eifel, geschickt; da hat sie so viel ohne Aufsicht herumgetobt. Aber Dallmer hat ja immer seine eigenen Ideen — ach!" Sie zuckte resigniert die Achseln.
„Lassen Sie's gut sein, Frau Rätin!" flüsterte die junge rzrau und legte ihre warme Hand auf die kalten, rastlos häkelnden Finger. „Ich muß übrigens den Damen jetzt Adieu sagen," fuhr sie laut fort und stand auf, „so leid es mir tut! Mein Mann erwartet mich zeitig und mein Kleinster wird schon schreien. Guten Abend — angenehme Unterhaltung! Leben Sie wohl, vielen Dank für den hübschen Nachmittag!"
Knixen und Händeschütteln. Die ganze Tafelrunde war auf den Beinen.
„Schon so früh?"
„Ach, wie schade!"
„Vielen Dank für Ihren lieben Besuch, Empfehlung an den Herrn Gemahl!"
„Ich bitte Sie, ich habe nur zu danken!"
„Kommen Sie gnt nach Haus!"
'Alles schwirrte durcheinander. Noch einmal Händeschütteln, sogar ein paar Umarmungen.
Frau Hauptmann Xylander eilte zur Tür. „Adieu, adieu! Ich bin sehr eilig!"
„Natürlich, bei fünfen!" benlerkte Fräulein Planke. *
Während man sich drinnen wieder setzte, und das Dienst- mädchen Vanillencröme mit Sandtorte und obligater Pomc-
i ranzenbowle präsentierte, klinkte Frau Hauptmann Xylander die Haustür hinter sich zu.
„Gott sei Dank," sagte sie energisch und ließ sich von rem frischen Winterwind unter die Kapuze blasen. Man wußte eigentlich nicht, warum sie „Gott sei Dank" sagte auch nicht, warum plötzlich ein mitleidiger Ausdruck in ihre heiteren blanen Augen trat.
„Armes Ding," kam es von ihren Lippen, und dann schüttelte sie sich, als ob ihr ein Gruseln über den Leib ginge. Ihre Schritte beschleunigten sich, sie lief fast über den hartgefrorenen Schnee. Es war nicht wahr, ihr Mann erwartete sie gar nicht, aber eine plötzliche Sehnsucht nach ihm, nach ihren Kindern hatte sie überkommen inmitten des süßen Kuchengeruchs und bitteren Redens.
Die Schloßstraße mit den erleuchteten Fenstern lag schon Hurter ihr, nun durchquerte sie den dunklen Schloßplatz; noch eine kleine Strecke und sie war an der Rheinbrücke. Schwarz und massig tauchte gegenüber der Ehrenbreitstein auf, daneben, einen schwachen Lichterkranz am Fuß, der Asterstein — da wohnte sie. Auf der Brücke wehte der Wand schärfer, sie hielt den Atem an und strebte eilig vorwärts. Nun war sie drüben.
Dunkel und einsam zog sich die Chaussee nach dem Vorort Pfaffendorf; auf der einen Seite die Höhen, aus der andern der Rhein, in weiten Zwischenräumen Villen und niedrige Häuschen. Es war glatt, beschwerlich zu gehen, dazu spärlicher Laternenschein, nur ab und zu eine kläglich flimmernde Laterne. Auch ein, zwei Grad kalter war's hier, als in den Straßen der Stadt: aber das matte nichts, es.war auf alle Fälle Winters und Sommers draußen gesünder, und die Wohnungen waren bedeutend billiger. Darum wohnten auch Xylanders hier, sie machten daraus gar keinen Hehl; ein Hauptmann mit fünf kleinen Kindern, nur mit dem Kommißvermögen, kann nicht die geringsten Sprunge machen.
(Fortsetzung folgt.)
AnegZbedrängniffe in und um Gießen im herbst und Vinter J759.
Unter vorstehender Ueberschrift veröffentlicht Dr. Berger-Gießen einen Aufsatz in d^r Wochenbeilage der „Darmstädter Zeitung" vom 13. März 1809, der heimatgeschichtlich höchst interessant ist. Eine Ergänzung des dort Ausgeführten, soweit es sich auf die ersten Tage nach dem Eintreffen der Truppen in Gießen bezieht, bietet ein Brief, datiert „Gießen, den 6. Sept. 1759", im Fürstlichen Archiv zu Gedern. Leider fehlt der Name des Absenders. Zum Verständnis der Lage sei vorausgeschickt:'Am 1. August 1759 hatte der Prinz Ferdinand von Braunschweig, der Führer der mit Friedrich dem Großen verbündeten Engländer, Hannoveraner, Braunschweiger und Hessen (Hessen-Kassels die Franzosen unter dem Marschall Condates bei Minden in Westfalen geschlagen. Die geschlagene Armee zog sich nach Hessen zurück. Tie ganze Landgrafschaft Hessen-Kassel kam tn die Gewalt der „Alliierten", wie man kurzweg Ferdinands Heer nannte. Am 19. August kapitulierte Kassel, am 23. August Ziegenhain; am 28. wurde Wetter im Sturm genommen. Nur das Schloß Marburg, von 850 Mann unter du Plessis besetzt, hielt sich bis zum 11. September. Am 4. September kam die Vorhut der französischen Armee unter dem Herzog von Brogtio in Gießen an. Das Hauptheer unter Condates stand zwischen Gießen und Marburg. Das Nähere mag der Briefschreiber berichten: „Seit gestern (also dem 4. Sept.) eampiret der Herzog von Broglio unter den Canonen hiesiger Stadt. Das Lager gehet von Wiseck bis an die Lahn, so daß der linke Flügel gänzlich 1!t den Gärtten, dichte vor der Stadt stehet. Die Große Armee stehet IV2 Stunden von hier beh Sichertshaußen und Stauffenberg; und heißt, morgen sollte das Broglische Corps werter, und alsdann die große Armee in dieses Lager rucken. Man kann sich aber nicht darauf verlassen, es kann geschehen, daß sie diesen Abend schon her kommt. Dannchie Hessen folgen Ihr ans dem Frrß nach, und man
stets schießen. Gestern morgen hätte sich noch kein Mensch träumen laßen, daß wir den Abend eine Armee hier o um 1 Uhr wußte man noch von nichts, nm
2 Uhr sähe man ein Lager abstecken und um 4 Uhr eampirte schon ore ganze Armee vor dem Thor, ehe es noch die Leute rn der Stadt gewahr worden. Die Armöe hat gestern Nacht um 1 Uhr bei Wolfshaußen auf brechen und die Nacht und


