Ausgabe 
22.3.1909
 
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Auf Liebespfaden.

Roman von £>. Ehrhardt.

'Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Sie hatte ihm ganz ruhig zugehört, aber ihr war, als ob sie -langsam abstürbe, als -ob das eine Fremde sei, die die Füge Mechanisch auf den Boden setzte, und- an deren Ohren Worte klangen, die sie, Helene, gar nichts angingen.

Es war auch nicht ihre eigene Stimme, die jetzt sprach, sie klang ganz rauh und heiser:

Nein, nein, Hans ist nicht wie andere, Hans liebt inictj; lind wird mir treu bleiben ich lasse nicht von ihm."

Eine lange Pause. Ihr blasses -Gesicht sah seltsam starr aus. Ein ganz fremder Zug -von verbissenem Trotz lag um den weichen, jungen Mund.

Ich lasse nicht von ihm."

Sie sagte es noch einmal mit der heiseren, klanglosen Stimme.

Da erwachte die Brutalität des Mannes in deut brünetten Offizier. Also festhalten wollte sie Hassingen um jeden Preis. Das hieß, dem Freunde die ganze Zukunft verderben. Nun rettete nur der rasche, erbarmungslose Schnitt.

Und da sagte Espach, langsam und deutlich, jedes Wort einem Hammerschlage gleich:

Hassingen liebt Sie nicht mehr, Fräulein Helene!"

Sie blieb stehen, weil die gelähmten Füße sie nicht weiter trugen.

Ihre weit -offenen Augen starrten ihn an, die- erblaßtest Lippen flüsterten:

Er liebt mich nicht ntcljr?"

Nun tat seine Tchrossheir ihm doch leid. Er faßte beruhigend ihre herabhängende, kalte Hand.

Verzeihen Sie mir, Helene, daß ich Ihnen die Sache nicht schonender beibrachte, ich Habs gut mit Ihnen gemeint und mit (meinem Freunde, der den Mut nicht findet. Ihnen die volle Wahrheit zu.schreiben. Leicht ist meine Mission, von der Hans aber nichts weiß, mir nicht geworden, aber ich hoffe, sie ist sticht stm'sonst gewesen aber nun setzen Sie sich hier auf diese hübsche, schattige Bank - ich schicke Ihnen Lisbeth."

Sie tat mechanisch, wie er ihr geheißen, aber ehe er sie verließ, hielt sie ihn wie in plötzlichem Erwachen am Arme fest.

Sagen Sie mir noch eins, Herr Espach, liebt er eine andere?"

Ans die Frage war der Mann nicht vorbereitet. Er geriet in Verwirrung und wich dem angstvollen Forschen ihrer Augen ans.

Ta lies- sie die Hand von seinem Arm h-erabsinken.

Seit Wiesbaden!" murmelte sie.O, ganz sicher, jetzt wird mir alles klar - alles."

Und sie sah sich ans dem kleinen Bahnhof stehen, sah den Zug herangleicen und fühlte wieder die Leere die entsetzliche Leere er war nicht gekommen er kam überhaupt nicht mehr.

Sie hörte gar nicht, was Espach ihr noch Tröstendes sagte, sie dachte nur daran, daß ihr Hans eine andere liebte. Sie w-ar

ihm nur noch eine druckende Last gewesen und würde ihm bestes falls eine schöne Erinnerung werden --- nicht mehr.

Aber anch das nur, wenn sie ihn freiwillig aufgab.

Zn diesem Heroismus war sie in dieser Stunde noch Nicht fähig, dazu war' alles zu wund und zerrissen in ihr, der artste! Kopf zu dumpf unb verworren.

Der süße, betäubende Fliederdnst beklemmte sie, die Stille ringsum erweckte das Gefühl einer grenzenlosen Verlassenheit! in ihr, und sie hatte suf eiiimäl eine verzweifelte Sehnsucht nach der warnten, tiefen Stimme des Jugendfreundes, die sie- einst in Schwelm ihrem starren Schmerz entrissen hatte.

Wie war -er int Recht gewesen, als auch -er gleich Espach ge­mahnt, sie selber solle den er ft 'n Schritt tun, dieses aussichtslose Verhältnis zu lösen. Hätte He wie in Kindertagen seinem gut gemeinten Rai gefolgt, diese bittere Stunde der Einmischung ein-es Fremden, wie Espach es doch immerhin für sie war, wäre ihr erspart geblieben. Sie warf die Hände v-ors Gesicht vor Schaut und Schmerz und wimmerte leise und tränenlos wie eine Sterbende in Todesqualen. Erst als Lisbeth kam und sie stumm, aber vor Bewegung zitternd, umschlang und dicht an sich zog, kamen ihr die -erlösenden Tränen.

Zwei Tage lang kämpfte die kleine Helene, von Lisbeth und ihrer Mutter wie ein krankes Kind geschont und behütet, beul schwersten Kampf, den ein liebendes Mädchen herz wohl bestehest kann, den Kampf um das freiwillige Entsagen.

Am dritten Tage schrieb sie unter strömenden Tränen zwei Briefe. Den kürzeren adressierte sie mt bett Leutnant Ha-ns vvst Hassingen, den längeren an den Prokuristen Paul Heinecke.

XVI.

Hans von Hassingen las Helenens Abschiedsworte mit einem! seltsamen Gemisch -von Wehmut und Befreiung. Sein männliches Gefühl -verriet ihm nicht im entferntesten die Größe des Schmerzes unb ber heroischen Selbstüberwmdnng, die der scheuen, kl einest Helene diese Zeilen diktiert hatte.

Ihr Lohn bestand einzig in dem, was sie vermutet, daß ihr Bild ihm ewig im Licht einer schönen Erinnerung bleibest würde, wie er ihr in seinen warmen Abschiedszeilen versprach.

. Tie ersten Tage flogen seine Gedanken noch in leichter Sorge zu dem Mädchen, das so oft leidenschaftlich behauptet hatte^ ohne ihn nicht leben zu tonnen.

Bon Espachs Einmischung ahnte er nichts, sie hatten sich feit dem Sonntag nur flüchtig allein gesprochen, es gab viel Dienst, an­strengende Ererzierübungen. Zu Ansang der nächsten Woche war die alljährliche große zweitägige Felddienstübung angefetzt, die diesmal das Brockenrevier zum Schauplatz haben sollte. Bei gutem Wetter würde das Bataillon biwakieren, bei schlechtem in Schierke einquartiert -werden.

Am Abend vorher bekam Leutnant von Hassingen einen Brief, den er wiederholt durchlas. Der Bries, der seine letzten Bedenken Helene Falls wegen beschwichtigte, lautete wörtlich:

Sehr geehrter Herr Leutnant! Vor einigen.Tagen teilte mir Helene mit, daß sie, schweren Herzens allerdings, aber in der zuversichtlichen Hoffnung zu überwinden, die zarten Beziehungen zu Ihnen gelöst habe. Vergessen wird sie nie, aber das wäre ja