Ausgabe 
22.3.1909
 
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duck' $it schade, beim was Ware iTj're Liebe dann mehr gewesen als Sch ir armer ei. Ich wünsche und Hüffe, daß Helene den schönen Gewinn habe, durch diese Liebe gelautert zu werden und innerlich anszuwachsen zu jener Größe, die aus dein klaren Quell reiner Erinnerung ihre Lebenskraft schöpft. Was ich ihr auf dieses Wege helfen kann, das soll geschehen, das verspreche ich Ihnen, der Sie sich gewiß um Helene sorgen werden. Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, unsere Kleine wieder ins rechte Gelcis und dann weiter auf lichte, glatte Bahnen zu bringen.

Mit den besten Wünschen auch für Ihre Zukunft Ihr sehr ergebener Paul Heinecke."

Für Hans von Hassingen unterlag es keinem Zweifel mehr, daß Helene einst, wenn ihre Herzenswunde vernarbt, in diesem Manne ihre Zukunft finden würde.

Und daß seine vorausschauenden Augen sie nicht als Glück­lose zn sehen brauchten, stimmte ihn so froh und zufrieden, daß er am nächsten Tage alle Strapazen der Hebung mit solch heiterem Mut ertrug, daß Espach, der ihn zuweilen beobachtete, befriedigt an die peinliche Szene des Sonntags znrückdachte. Es war ja ein Jammer gewesen, wie der Freund in den letzten Monaten sich gezeigt hatte, niedergedrückt ünb verschlossen.

Nun merkte man ihm doch wieder die Freude am Beruf an, an der zurückgetvonnencn Genesung.

Tie arme kleine Helene freilich hätte es nicht sehen dürfen, wie heiter ihr Hans schon sechs Tage nach ihrem Verlust mit jungen Damen scherzen und lachen konnte, dis man aus dem Gipfel des Brockens traf, und die für die gänzlich fehlende Aus­sicht durch die überraschende Anwesenheit von einem Dutzend flotter Leutnants reichlich entschädigt wurden.

Sie fanden es jammervoll, in Ilsenburg und nicht in Schierke einlogiert zu sein, denn im! Kurhaus unten hatte der findige Hotelwirt natürlich zu Ehren der militärischen Einquartierung Reunion angesagt, und die Schierker Kurgäste weiblichen Geschlechts rechneten stark auf die bekannte Tanzlust der Offiziere.

Als das Bataillon den Abstieg vom Brocken begann, zog ein Gewitter auf, von wolkenbruchartigem Regen begleitet. Wahre Gießbäche stürzten den Weg entlang, der Fichtenwald bog sich stöhnend im Sturm, und grelle Blitze zuckten. Schon nach kurzer Zeit war das ganze Bataillon bis auf die Haut durchnäßt unb bvt einen unbeschreiblichen Anblick von bis zum Gesicht herauf snit Schmutz bespritzten Gestalten.

Tie Mannschaften trotteten schwerfällig mit geduckten Köpfen, die Offiziere fluchten.

Tas verregnete Biwak hätte sie gefreut, wenn diese reichliche Wasserdusche zwei Stunden später herniedergegangen lväre.-

Kurz vor Schierke hätte es beinahe ein Unglück gegeben. Int Rauschen des Regens und dem Brausen des vom Sturm durchrüttelten Waldes, das alle anderen Geräusche verschlang, geblendet von dem Wasser, das gegen ihre Gesichter peitschte, hatte niemand das Rollen des Wagens gehört, der auf einer den Weg kreuzenden Chaussee eilig einem schützenden Dach zustrebte.

Tie dampfenden Nüstern des Vollbluttrabers schnoben be­reits dicht neben dem Kopfe eines braven -Musketiers, als eine energische Hand die Zügel straff zog und der Rappen leicht aus- baumend zurückwich und.stillstand.

Ter leise Schreckensruf, der vom leichten Dogcart herab­tönte, schien ans einem Frauenmunde zu kommen, aber wer sich unter den Gummicapes, deren Kapuzen über die Köpfe der den Vordersitz einnehmenden Gestalten gezogen! waren, barg, war nicht so leicht zu erkennen.

Ein unglücklicher Diener, dem' das Wasser vom durchlvcichten Zylinder rann, hockte ergebungsvoll auf dem Rücksitz des zier­lichen Gefährts. "Seiner Weiterfahrt stand, da die ganze Reihe der Soldaten zum Stehen gekommen war, nichts mehr im Wege, aber bei dem starken Anziehen der Leinen war am Zaumzeug etwas gerissen, der Lenker hob die Peitsche und deutete, sich mit einem Befehl an den Diener wendend, auf die beschädigte Stelle, dabei bemerkten die scharfen Offiziersaugen, daß die Hand im rehledernen Fahrhandschuh einer Tama gehörte.

Sofort erwachte die ritterliche Hilfsbereitschaft und einer der Herren sprang hinzu, seine Dienste pnzubieten.

-sehr gütig!" sagte unter der beschattenden Kapuze eine wohllautende Frauenstimme,aber wollen Sic nicht vor allen Trugen die Mannschastew weitermarschieren lassen mein Kutscher ivirb int übrigen auch allein mit dem Schaden fertig."

wer Regen begann soeben, da das Gewitter vorüber war, etwas nachzulasseu,. es wurde merklich heller und nur der Wind brauste noch in gleicher Stärke und knatterte int nassen Gummi- Uofr der Mäntel. Er fuhr auch mit einem rücksichtslosen Stoß untev bte ^chüAende KnMze inibi iwfytc sie Wit einer meinen Srauenitirn Zurück, uni btc örnuneS jnirreA .vuwir fidjj locftc.

. Ta die Hände Zügel und Peitsche hielten, war der Schaden nicht, gleich gut zu machen, vielleicht war es auch nur einer! jener merkwürdigen Zufälle, die über ein Menschenschicksal' ent­scheiden, jedenfalls mußte die Dame sich gefallen lassen, daß sämtliche iwrbeimarschierenden Mannschaften, insbesondere aber bte Offiziere, sie interessiert musterten und der, welcher ihr seine Hilfe angeboten, sie nur zögernd mit ehrerbietigem Gruß Verließ. Ihr schmales Gesicht färbte sich rot und in ihren großen goldbraunen Augen lag etwas Suchendes und Erregtes.

Plötzlich leuchteten diese Augm auf, die roten Lippen lächelten.

Au Leutnant Cspachs Seite nahte Hans von Hassingen, der, weit hinten, von der kleinen Szene gar nichts gesehen, sich- nur, gewundert hatte, warum der ganze Zug stockte.

Nun bemerkten sie beide erst das elegante Gespann am Wege, Hassingen sah ein wohlbekanntes, süßes Frauengesicht, sah das Lächeln und den aufleuchtenden Blick

_ Er faßte nach Espachs Arm und kniff ihn, daß dieser ein: Na, erlaube mal!" hervorstieß und dann, ein ausdämmerndcsj Verstehen'im Blick, hinzusetzte:Tas ist wohl gar"

Frau von Rieding!" ergänzte Hassingen, der sich bezwingen! mußte, nicht durch die Mannschaften Hindurch zu der jungen] Frau hinzustürzen. Es wäre zu auffallend gewesen.

Aber als er endlich neben jdem Wagen stand und in bas lächelnde Gesicht blickte, war er so erregt, daß er kaum! zn sprechen vermochte, und sie seine stammelnden Fragen mehr erriert als hörte.

Es war ein seltsames Wiedersehen in dem verregneten, stnrm- durchtobten Harzer "Bergwalde, Haus Hassingen nichts weniger als salonfähig in der durchnäßten Uniform und den kotbedccktenj hohen Stieseln, die Manövermützi auf dein triefenden Haar, aber so strahlenden, glücklichen. Gesichtes, daß Lenas Augen fra­gend und zugleich hoffend der Ursache uachzusinnen! schienen.

Dabei erzählte sie ihm, daß sie seit drei Tagen im Schierker Sanatorium sei ihrer Nerven wegen und heut mit einer Be­kannten, sic wies auf die noch dicht vermummte Dame neben] sich, eine Ausfahrt nach Ilsenburg unternommen hätte.

Da Hassingen, der von den Kameraden neidisch betrachtet wurde, weiter mußte, fragte er nur noch rasch nach einer Ge­legenheit, sie zu sehen und sie versprach lächelnd:Ich willj abends zur Reunion kommen, weil ich doch gern einmal mit Ihnen tanzen möchte. Denken Sie, ich wußte aber gar nicht, daß es Ihr Regiment sei, das diese Reunion verherrlichen sollte, ich wäre sicher nicht 'hingegangen."

Hans Hassingen legte das letzte Stück Weg neben dein Freunde in einer Art Traumzustand zurück.

_ Espach brauchte auf eine Beantwortung der Frage, die er einst getan hat, nicht mehr zu bringen, er wußte jetzt genau Be­scheid, wie es um Hassingen stand, und auch der sträubte sich nicht länger gegen das neue, starke Gefühl, das dieses Wiedersehen mit einem Schlage ans Licht gezogen hatte. Er liebte diese Frau', und damit war ihm das Recht gegeben, um sie zu werben.

Böse und gehässige Zungen mochten diese Liebe vielleicht bezweifeln und sie auf das Konto der Millionen setzen, für den] jungen Offizier jedoch sprachen sie nur insofern mit, als Eleganz und Reichtum eben zu dem Reiz von Lenas Persönlichkeit den einzig passenden Rahmen bildeten und die Möglichkeit, sie ohne Schwierigkeiten heiraten zn können, sein Liebes- und Glücks- gefühl natürlich verstärkte. Wenn sie selbst nur diese Heirat mit ihm wollte! Dessen war er durchaus noch nicht sicher, twtz der sichtlichen Freude, die sie bei dem heutigen Wiedersehen ge­zeigt hatte.

Während er sich mit Leutnant Espach zusammen in ei nein1 Hotelzimmer umzog, schwankte die Wage seiner Gefühle zwischen froher Zuversicht und bangen Zweifeln.

Dem Freunde gegenüber empfand er eine gewisse Befangen­heit. Er war so oft Zeuge seiner Gefühlsäußerungen für Helene Falk gewesen, daß es ihn genierte, von seiner neuen Liebe und ihren Wünschen mit ihm zn sprechen. Sie vollendeten also ziem­lich schweigsam ihre Toilette.

Hassingen war zuerst fertig und drängte, seine Ungeduld müh­sam bezwingend, zum Gehen.

Mit seinem blonden, tadellos frisierten Kopf, dem' sonnen-' gebräunten, sympathischen Gesicht und der straffen, hohen, schlan­ken Gestalt, die der Ueberrock besonders gut kleidete, war er wohl geeignet, einer Frau zu gefallen, selbst wenn sie noch nicht gelernt, fein Wesen zn schätzen.

Espach faßte ihn an bet Schulter.

Glück auf denn, Hans!" sagte er mit ehrlicher Herzlichkeit.

Eine ^leichte Bewegung malte sich in des Anderen Zügen.

Mußt du mich nicht eigentlich für charakterlos halten, Walter?"

Espach verstand, was in ihm vorging.