Ausgabe 
22.2.1909
 
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Sie stießen e§ Leide zu gleicher Zeit Hervor, lachd'nd, jubelnd. lU einem scherzenden Ton den ßhml'fl der Worte verbergend.

Dann gab er sie wieder frei, und sie hängte sitz rmbefangen im seinen Arm.

Sei) hatte solche Angst, d» wurdest dir nur einen Spatz rnit mir" erlaubt haben und nicht kommen!" gestand sie- von der Maskeufreiheit des Duzens ohne weiteres Gebrauch machend.

Ich auch. Ich habe sogar bestimmt geglaubt, du-würdest 'Mich im Stich lassen." _

,llm so schöner die lleberraschung! reicht?'

Durch die Spalte der Maske strahlten ihre Angen ihn an. Sie druckten sich enger aneinander und betraten den Saal. Ein betäubender Lärm empfing sie, sie wurden gedrängt und gestoßen, Scherzworte schwirrten um ihre Ohren, eine Pfauen* feder fuhr kitzelnd an Hassingeus Nase, lachend griff die schlanke Iran an seiner Seite danach ityb- knickte sie, der Clown mit dem weißgekalkten Gesicht drohte ihr grinsend.

Sie irar augenscheinlich in ihrem Element. Alles an ihr war Leben und Bewegung. Ihr roter Mund stand keinen Augenblick still, aber alles, was sie kunterbunt plauderte, zeugte von regem Verstand und Eigenart.

Komm, wir wollen die Polonäse mittanzen."

Sie zog ibn dürr, nie Reihe der Zuschauer und schloß sich mit ihm den dahinschreitenden Paaren an.

Wenn die verschiedenen Touren sie von seiner Seite fort- Mrten, folgte er ihr stets mit den Blicken und verglich sie mit den anderen.

Keine erschien ihm so reizend wie sie, obgleich sie mit den pompösen Toiletten vieler Anderer und den juwelcngeschmückten Schönheiten der Halbwelt gar nicht konkurrieren konnte in ihrem 'Michten, weißen Seidenkleide. Und wie zart, ja mädchenhaft Hob sich Nacken und Hals aus denr rofenbegrenzten Ausschnitt der blusigen Taille, wie zierlich war das Köpfchen trotz der Riesen­rose, die sich an den hochgesteckten Haarknoten lehnte, wie ge­schmeidig und anmutig glitt, sie durch das Gewühl, wie graziös war ihre Bewegung, wenn sie rasch die Schleppe ihres Kleides Mchnahm, wie. zutraulich schmiegte sie sich zurückkehrend wieder an seinen Arm!

Wie drollig!"' sagte sie nach der letzten Tour.Vor vier­zehn Tagen hat mich in genau demselben Kostüm kein Mensch beachE und' heut, wo ich schon einen netten Kavalier habe, da möchten mich auf einmal alle die, nach denen ich mir das letztemal vergebens die Augen ausgeguckt habe."

Ta wirst du mir wohl untren werden!" scherzte er, aber eine wirkliche Angst sie zu verlieren, war in ihnr.Weißt du, später beim Tanzen, das darf ich nämlich nicht meines schlimmen Knies wegen und du dir sieht maus ja an, wie leidenschaftlich gern du tanzest,"

Ja, ich tanze rasend gern," gestand sie ehrlich.

Es tut mir schrecklich leid für dich, daß dn an einen JN- validcn geraten bist aber warte, ich hoffe, daß noch ein Be­kannter von mir erscheint und mich, so bitter es mir auch ankommt, hei dir vertritt."

Ist er nett?" forschte sie kindlich.

O, ein patentes Kerlchen, der Vorzug aller Damen ich fürchte sehr,.du wirst dich auch sofort in ihn verlieben. Siehst du, da ist er schon."

Im. Gewühl vor ihnen tauchte ein kleiner, zierlicher Herr auf, an denr alles tadellos korrekt und elegant Ivar der Frack nach neuestem Schnitt mit einer gelben Chrysantheme im Knopf­loch des seidenen Aufschlags, die blütenweiß leuchtende Hemdeu- brust über der tiefausgeschnittenen Weste, ans der ein gelbseidenes Taschentuch zipfelig hervorlugte, die weise, vor Neuheit glänzende Krawatte unter dem hohen Stehkragen und darüber der Kopf, wie frisch aus dem Ei gepellt, ein glatter, dunkler Offiziers­scheitel, ein blutjunges, rosiges, bartloses Gesicht, keck im Aus­druck, von auffallend schönen, braunen Augen noch mehr belebt.

Das war der Dresdener Artillerist, den Hans von Hassingen in derHeilmühle" kennen gelernt, und mit dem er sich ober­flächlich angefreundet hatte.

Nanu, wen haben Sie denn da aufgegabelt?" fragte er zwischen Reugier und Mißtrauen.

Er tat sich als Großstädter immer etwas darauf zu gute, die Weiber besser zit kennen als der Kamerad aus derkleinen! Garnison" und hatte bis dahin stets darüber gewacht, daß Hassingen picht ohne seinen Rat irgendwo anbandelte.

Dieser lachte daher sehr vergnügt und spitzbübisch.

Ich habe mir eben während unserer Trennung , eine kleine Fran angeschafft. Warum kommen Sie ,spät." '..

Axr hübsche Offizier studierte die weiße Fräueitgestalt poN

oben bis unten, aber die schwarze Maske setzte seiner Musterung! ein Ziel. Was dahinter steckte, konnte niemand wissen.

Sag, bist dn eigentlich Hübsch?" erkundigte er sich mit eincrst Ernst, der verriet, datz er Humor harte.

Sie zeigte ihnr lachend eine tadellose weiße Zahnreihe.

Du bist, frech, Kleiner. Was geht dich das an, ob ich hübsch bin?"

.. j.Na,. mich vielleicht nicht, aber meinen Freund."

Hassingen freute sich über das ganze Gefitzt.

Ich war vorsichtig genug, mir meine kleine Fran schon vor, dem Maskenball anzusehen, mir gefällt sie."

Seh einer den Duckmäuser!"

Ehe der Artillerist sich von feinem Erstaunen erholt halttz wurde die Aufmerksamkeit der jungen Fran von ihm abgelenkt- denn ein Maunerarnr legte sich in den ihren und eine halblaute! Stimme sagte:

I love hon."

Es war Leutnant von Meisenberg, int schwarzen Domino- über dein fein hageres Gesicht totenblaß leuchtete. Ein Bekannter! hatte ihn mitgeschleppt, trotzdem er sich ohne feine neueste: Flamme kein Amüsement von dem Ball versprochen.

Er schien aber nicht übel Lust zu haben, sich von der Freundin! trösten zu lassen, wenigstens gab er ihren Arm nicht mehr frei.;

Hörst du den Walzer? Komm, wir wollen tanzen!"

Weich und schmeichlerisch zogen die Klänge derTräume ans! dem. Süden" durch den lichtstrahlenden, festlich geschmückten SM.

Meisenberg ritz die schlanke Gestalt ungestüm in feine Arme! und entführte sie im Triumph in das bunte Gewühl der Tanzenden.

An eine der Säulen gelehnt, blieb der junge Offizier etwas verstimmt zurück. Der kleine Artillerist stieß ihn in die Seite.

Tie behalten Sie nicht, Hassingen, so wie ich Sie kemte- habeu Sie zu wenig Feuer für so ein Rassegcschöpstzen. Sehen Sie, wie sie tanzt, weiche, anmutige Bewegungen und doch voll verhaltener Glut, ganz sicher Dame, das merkt man trotz des freien Tons sofort, aber ganz sicher keine gesittete deutsche Hausfrau"

Hassingeit hörte nur noch mit halbem Ohre hin.

Meisenberg näherte sich mit seiner Dame, er hatte anscheinend! die Absicht vorüber zu tanzen, aber die junge Frau hielt an­machte ihm eine graziöse Abschiedsverneigitng und stand gteidfl darauf vor dein blonden Offizier an der Säule.

Mit beiden Händen umklammerte, sie seinen Arm, als wolle sie bei ihm Schutz suchen.

Ta bin ich wieder. War dir denn auch etwas baugq nach mir?" . .

Sehr!" versicherte er, auf ihr vom Tanz etwas verwirrtes Haar herabsetzend, aus dem eine einzelne Locke ihr tief in die Stirit hing.

Behutsam strich er diese weiche, goldbraune Locke cur wenig zur Seite. An dem Stückchen Wange, das die Samtmaske frei* liefe zeigte sich eilt tiefes Rot, das vorher nicht dageweseii. Auf* fallend hastig folgte sie der Bitte des Artilleristen um einen! Tanz. Als sie. zurückkehrte, stand Meisenberg schon wieder ihren wartend ohne Hans Häslingen anzublicken tanzte sie mi§ dein anderen fort.

(Fortsetzung folgt.)

himrchen.

Eine politische Vogelsgeschichte ans dem Jahre 1866.; ? < Von G. 3'16er, Äiedereisenhausen.

Nachdruck verboten.

Dort, wo sich nahe der ehemals nassan-hessischetk Grenze der Angelberg erhebt und dieHohe Straße" von Süden her! zum Herzoglichen Jägerhaus am Wilhclmstein führt, lebte int Frühjahr 1866 ein glückliches Bogelpaar.

Er" mit seiner ziegelroten Galaweste, dem schieferblancii! Mäntelchen und dem schwarzen Saiumetkäppchen war eine gar stattliche Erscheinnng, und die Farbenpracht seiner Kleidung wurdo noch gehoben durch die funkelnden Sottnenstrahlen, die hier und da im Tanueudunkel glitzerten. Dessen schien er sich auch wohl bewußt zu feilt; denn! Me Augenblicke hatte er etwas au sich zu begucken, zn putzen, zu ordnen und mit dem sttnnpfkegcligcU Schnabel zn streicheln.

Sie" dagegen war, wie das ja bei den Vögeln im Gegen* satz zu den Menschen zu sein pflegt, weniger eitel ans ihr Aeußeres- wenngleich ihr das einfache dunkle Hauskleid gar .nicht so übel zu Gesicht stand. . x

Die Zwei waren einander von HerzelL gut und suchten nm jeden Wunsch von den AugeU abzulesen. Im übrigen hatten! sie,wenig Verkehr mit ihresgleichen ans der weitläufigen StPPS der Fiukeit.

: Schon wehten die Lüste immer milder Und die Buchen standen tut. Schmucke des jungen Laubes, als sich unser Paar genötigt! sah, nach einem! geeigneten Platze zur InsftellnNg der Kinder-