Montag den 22. gebruar
B18
1909 — Nr. 50
Auf Liebespfaden.
Monmn Iran H. Ehrhardt.
'Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Sie schien ein Weilchen nachzudenken, denn sie antwortete Nicht gleiche und sah starr geradeaus auf das vvransHreitende Paar, bei dem, nach der Lebhaftigkeit seiner Gesten zu urteilen, Mcisenberg den. Löwenanteil der Unterhaltung trug.
Auch Hassingen blickte unwillkürlich auf die Borauschreitcnden, und da überwältigte ihn Mötzlich die Erinnerung an Helene Falk pnit voller Stärke.
Er ging nicht mehr im feuchten, grauen Dunst des März- 'abends die Tauitusstraße in Wiesbaden entlang, er schritt neben einem weißgekleideten Mädchen durch den grünen Buchenwald des Heidelberges, die Sonne flimmerte, in das leise Blätterrauschen klangen zwitschernde Vogelstimmcn, und vor ihnen schritt hoch- aufgerichtet die blonde Lisbeth, und Espach neigte den dunklen Kopf zu ihr nieder.
Die Vision verschwand. Ein zarter Dust wie von frischen Weilchen stieg zu ihm empor.
Seine Begleiterin hatte ein spitzenbesetztes Taschentuch hervor- gezogen und führte cs an das zierliche Näschen. •
Ihm siel jede Kleinigkeit auf, auch das weiße Spitzentüchlein, ds war alles elegant an ihr ohne übertriebenen Luxus, das war für ihn ein Grund mehr, sie ungeheuer reizvoll zu finden.
„Nun, die Antwort!" drängte er.
Jur selben Moment aber blieb das Paar v'or ihnen an einer Straßenecke stehen und wandte sich ihnen zu.
„Denken sic, man will mich verführen, heut noch zum Maskenball zu gehen!" lachte Hassingens Dame, und ihre Augen trafen wie fragend in die der Anderen. „Das geht doch nicht — so in letzter Stunde."
„Sic können sehr gut gehen," meinte die Schwarze zuredend. >,Jch bitte sie, so fix toie sie sich anziehen, und Hilfe haben sie doch auch — ich brächte es ja nicht fertig, ich brauche mindestens drei Stunden zu meiner Toilette."
„Sie haben doch nicht etwa einen eifersüchtigen Gatten?" forschte Mciseirberg, sie scharf fixierend.
Hassingen sah sehr gespannt aus.
DaS schmale Gesichtchen vor ihm hatte flüchtig einen finsteren, hltmachcndcn Ausdruck.
„Ich hatte ihn sie atmete tief auf, „aber jetzt bin ich! frei — ganz frei."
-3hre Augen wurzelten in denen des blonden Offiziers, es wär ein Flimmern darin, ein heißes Leuchten. Sie achtete nicht ans Meiscnbcrgs: „Das ist ja famos!", es war, als sei ihr ganz Plötzlich erst die Offenbarung gekommen, hast ihre Freiheit ein köstliches Geschenk sei, köstlicher, als sie bis dahin geahnt hatte.
Hassingen tastete nach ihrer schlaff herabhängenden Hand.
1 „Um 10 Uhr im Garderobenraum des Kurhauses!" sagte er wie selbstverständlichz die kleine Hand fest drückend.
Nun blitzte wieder der Schelm in ihren goldbraunen Augen Mist „Ich werde zur Stelle sein."
Er tvurde ein wenig unsicher. Foppte sie ihn nicht etwa?. Er traute rhr nicht recht.
Meisenberg hatte sich unterdes vergebens bemüht, seine Uwgebetete ebenfalls zum Besuch des Maskenballs zu bewegen. Er machte ein neidisches Gesicht, als er Hassingens Glück erfuhr.
Wieder glitt sein nervös unruhiger Blick über die junge: Fran in der aufdämmernden Ahnung, daß sein Kamerad keimst schlechten Geschmack bewiesen habe.
„Sie haben Schneid, gnädige Frau!" lobte er. „Aber Sie werden's nicht bereuen." Mit einem Augenzwinkern nach Hassingen. „Ist ein netter Kerl, ein bißchen ruhig, aber ich glaube, sie werden ihn schon aufmobeln — haben sie schon ein Erkenmmgs- wort gewählt? Nein? Nun, ich schlage vor: „I lobe Von".
T-ie junge Fran nickte übermütig. Sie hatte jetzt anscheinend all ihre Bedenken vergessen.
„Gut! Also: J love yon!" I %
Und sie reichte Hassingen abschiednehmend die Hand.
8.
Tie blendend hell beleuchteten Treppen 3mit Paulinenschlöß-i chen hinauf huschten trotz der vorgerückten Stunde — cs war gegen 10 Uhr — immer noch vermummte Gestalten, die teils! zu Inst kamen, teils aus geschlossenen Wagen schlüpften, die Damen alle schon mit der bergenden Maske vor dem Gesicht, die Herren nur in seltenen Fällen darauf bedacht, ihr Inkognito zu wahren, höchstens die Kapuze eines Dominos über den Kopf gezogen.
Auch Hans von Hassingen war in Eile zum nächsten Maskenverleiher gegangen und trug, da er die Gardewbc betrat, einest schwarzseidcncn Domino über dem Gesellschastsanzng, dessen Gehrock auch schon ein wenig in den Nähten glänzte, denn zu einer! tadellosen Zivilgarderobe reichte sein Geldbeutel zu allerletzt. Eine direkte Verlegenheit überfiel ihn in diesem Trubel hin und her hastender weiblicher Gestalten, die vielfach, auch nur Balltvilcttc. trugen, aber alle völlig unkenntlich wirkten und ihn mit ihren schwarz und farbig verhüllten Gesichtern verwirrten.
Wenn er seine Dame nicht herausfand? Oder wenn er sid mit einer anderen verwechselte?
Ob sie nun wohl da war? Er zog die Uhr. Punkt 10 Uhr, Unschlüssig ließ er den Blick durch den Raum schweifen.
Da löste sich von der anderen Saite aus einem buntest Damenschwarm, der die Garderobenfrau uMdräugte, eine einzelne weiße Gestalt.
Er meinte, daß er sie trotz der verhüllenden schwarzen Samtmaske unter Tausenden erkannt hätte an dem eigenen, nicht zn beschreibenden Etwas, das ihre Erscheinung ans den . änderest hcranshob.
In einem tollen Frcudengefühl, mit einem Schlage hi nein- gerissen in die ausgelassene Karncvalslust, die mit Musik und Jauchzen aus dem Tanzsaale bis hierher tönte, breitete er ihr die Arme entgegen.
Und sie warf sich, ohne zu. zögern, Hst seine Brust.
-„I loste Von." > 1 1


