Ausgabe 
21.10.1909
 
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Nelda schlich sich über den Flur, sie hielt den Atem Jetzt zeterte die Magd, das Schlußwort jeder Zeile

endlos in die Länge ziehend:

Der Sommer ist gekoommen, hm!

Er hat mich nicht genoommen Valladerilaberada"

.Der Schlüssel drehte sich in Neldas Händen.Valla- deriladerada" > jetzt schloß sie die Haustür von außen zu und ließ den Schlüssel in ihre Tasche gleiten; sie war fieberhaft erregt, aber mit Peinlicher Sorgfalt beobachtete sie jede Kleinigkeit. Als seien zwei Seelen in ihr, eine, die nüchtern erwägte, öffnete und schloß und eine, die da brannte und verlangtezu ihm!" Es war ein zweites Ich, das handelte; sie selbst, Nelda, ging willenlos, eine Nachtwandlerin.

, Dunkel glitten die Chäusseebäume an ihr vorüber; Um sie eine warme wundervolle Nacht. Im Straßengraben Grillen; vom Rhein her Gesang, ein Paar Nachen mit bunten Lampions .schwammen auf dem glatten Wasser. Ueber bem Ehrenbreitstein, zwischen andern: Sterugelvim- Mel, ein einzelner groß blauleuchtender; unverwandt hielt Nelda den Blick auf ihn gerichtet. Niemand begegnete ihr. Sie ging immer rascher und rascher da waren die Häuser von Ehrenbreitstein, Licht drinnen, Menschen, geöffnete Fenster, vor den Türen verliebte Pärchen, sich umschlungen haltend. Da war sein Haust

*

Ferdinand von Ramer beugte sich über den geöffneten Koffer, er packte. Im Zimmer sah's unordentlich aus, Ivie es vor der Abreise zu sein Pflegt. Auf dem Tisch hatte Gott­lieb Schmitz die Wäsche zusammen getragen, immer hübsch sortiert da die Hemden und Unterhosen, hier die Socken ünd Taschentücher, lieber dem einen Sessel hing die beste Montur, im andern lehnte die Helmschachtel. Die wenigen Photographien und Erinnerungen.waren schon von den Wänden genommen; , bald war nichts mehr übrig als die kalte leere Einrichtung der Chambre garnie.

So!" Ranier richtete sich aus der gebeugten Stellung au, und ließ einen zerstreuten Blick durchs Zimmer schweifen, mit einer Miene grenzenloser Abspannung strich, er sich über die Stirn. Wenn sich, alles da so wegwischen ließe wie der Schweiß, der jetzt darauf perlte!

Ich muß ihr schreiben," murmelte er,ich kann nicht länger warten." Er-stand still nnd starrte düster vor sich nieder, er biß sich auf die nervös zuckenden Lippen und schlang dann die heißen Hände ineinander, daß die Gelenke knackten. Er sah elend aus; die letzten, schlaflos vergrübelten Nächte hatten die Falten in seiner Stirn vertieft und sich um die Mundwinkel eingegraben mit einem inüden, ner­vösen Zug. Er sah nicht aus wie ein Leutnant, der eben Hauptmann geworden ist.

Ich muß ein Ende machen."

Er trat au beit Schreibtisch und riß Papier und Feder hervor. _Ich muß! Ich muß ihr weh tun, es hilft nichts ein Ende morgen bin ich fort!" Er seufzte, dann be­gann er in Hast zu schreiben.

Liebe Nelda!

Du wirst Dich gewundert haben, daß kein Lebens­zeichen von mir zu Dir gedrungen ist; ich habe Deinen Brief erhalten, aber es war mir nicht möglich, Deiner " Halt, es klopfte! Wer war da?

Herein!" Rainer legte die Feder hin und hob ver- wundert den Kopf; nochmals:Herein!"

Langsam öffnete sich die Tür. Wer wer?! Er sprang auf, daß der Stuhl hinter ihm zur Erde polterte.Nelda du?!"

Lie zögerte einen Moment, daun stürzte sie auf ihn zu und umschlang ihn mit beiden Armen.Ferdinand! Ich bin ja so glücklich, daß ich jetzt bei dir bin o, wenn du wüßtest! Mein Gott, wie habe ich mich nach dir gesehnt! Ich habe mich so geängstigt. Du bist doch nicht krank? Hehlt dir was?" Sic betastete ihn ängstlich.

Er sagte kein Wort, er stand wie gelähmt.

Sie streichelte seine Hände und küßte ihu.Was sagst du," lachte sie leise,bei Nacht und Nebel komm ich zu dir gelaufen gleich muß ich wieder gehen aber idi hiclt's nicht aus! Ich mußte dich seheu. Warum kamst du nicht?!" Ihr Lachen verschwand, es klang wie Angst:Was ist dir?"

Er blieb stumm, er erwiderte nicht ihren Küß.

Sag'! Ferdinand Ferdinand!" Sie rüttelte ihn, dann wich sie langsam zurück.

Mit einem Stöhnen griff er nach ihrer Hand.Komm, Nelda, hör' mich an!" Er zog sie zum Sofa. Mit zittern­den Knien folgte sic, es schwindelte ihr was war das?! Sie konnte nichts denken, gar nichts; schwer sank ihr Kopf an seine Schulter.

Ferdinand, was ist dir?"

Nelda, liebe Nelda," er legte sacht den Arm nirt ihre Schulterndu bist ja so verständig es tut mir unsäglich leid!" Er stockte, die Worte wollten ihm nicht aus der Kehle.Ich muß dir sagen" er konnte nicht weiter, ein Schluchzen kam ihm.

.Mit einem unterdrückten Aufschrei umschlang sie ihn wieder.Du bist unglücklich! Ja, nun weiß ich's, das war die Augst, die auf mir lag! Ferdinand, ivas ist's? Du kannst mir chlles sagen. O mein Gott, bn bist unglücklich und ich weiß es nicht!"

Unglücklich," wiederholte er. Er machte sich aus ihren Armen los und vergrub das Gesicht in den Händen.Laß mich, ich bin unglücklich; ich bringe Unglück, wohin ich komme!"

Mir nicht! Ferdinand, mein armer, lieber Ferdinand, !??? W* bn? _ Sag' Mir's! Ich will alles mit dir tragen. Zärtlich rieb sic die Wange an seiner Schulter.Wir beide gehören zueinander, nichts kann uns trennen. Ist's etwas mit deiner armen Mutter? Gewiß, du hast wieder Schreck­liches erlebt warst du da? Du sollst jetzt nicht mehr allem hin, ich will dich begleiten, immer ich bin stark, ich bin kräftig mein armer, geliebter Ferdinand, was war mit deiner Mutter?"

Er schüttelte verneinend den Kopf.Das ist es nicht viel schrecklicher!"

... .Sag' mir's doch! Ich liebe dich, ich liebe dich unend- lrch, ich kann alles hören. Und hättest du jemand totge-i schlagen, ja, ich hielte doch zu dir, ich"

So sehr liebst du mich?"

Ja!"

-Nelda!" Er hob mit einem Ruck das verstörte Gesicht ans den Händen und sah sie starr an.Nelda, zwischen! uns rann nie etwas werden nie!"

-eie zuckte zusammen, aber sic sagte weiter nichts. Hastig, sich überstürzend, mit tonloser Stimme leierte er die Worte herunter.Du weißt, was mir geschehen ist Vater Mutter ich bin so belastet mit Schande und Elend, ich darf, ich kann nicht dran denken, noch ein Leben an mich zu. fesseln. Ich bin arm; ich werde alt, bis die pekuniären' Sorgen ein Ende haben. Es darbt sich immer noch besser allein, chls zu zweien ich kann nicht heiraten, ich kann nichts Ich habe es dir längst sagen wollen, ich habe hundert­mal schon dazu den Mund aufgemacht, ich könnte nicht, es war mir zu schrecklich. Herr des Himmels, Nelda, du ahnst nicht, was ich gelitten habe! Welche Folterqualen! Keine Nacht mehr Schlaf. Ich habe mich gewälzt hin und her, ich habe die Stunde verflucht, die mich nach Koblenzi gebracht hat. Deine Liebe wurde mir zur Pciu. Wenn du schreibst, du haft dich gequält, was war deine Qual gegen meine?! Ich fühlte, ich würde darüber verrückt, ich bat nut Versetzung nun hab' ich sie wir müssen scheiden, Nelda!"- Er hielt ihr die Hand hin.Nelda, leb wohl! Und wenn du kannst, denk' ohne Groll au mich! Vergib, es war unrecht, so lange zu schweigen, ich hätte eher sprechen müssen, ich werde mir das nie verzeihen es wurde mir zu schwer, es tat mir so leid! Vergib mir! Du wirst bald jemanden finden, der deiner Liebe würdiger ist; und wenn du glücklich bist, dann denke mild an den Unglücklichen. Ich werde an dich denken wie an einen Engel Nelda, liebe Nelda, des kannst du sicher sein! "

(Fortsehung folgt.)

Peru.

(Schluß.)

An dem 4200 Meter hohen Passe, der in' den Monaten der Regenzeit, besonders nU Januar bis April, gelegentlich eine Schneedecke tragt, beginnt ein.drei Meilen langer steiler Abstieg Acue von Huaräz. Andesite und deren Tuffe nehmen den grotzten.Teil des Abhangs ein. Anfangs reitet man wieder über die grasig« Pnna, in inüßigtzrn Gefälle, aber in der unteren Ab» teclung des Gebirgsabfalles' nimmt di« Steilheit zu, der Weg .2- tt "Mch schlüpfrige lockere GesteinsürasseN, teils treppen- artig über glatte Felsblöcke. Tie Pflanzen treten in Umgekehrtes