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Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Kiebig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
„Uttb Mas man so alles hört!" fuhr die Mutter fort. „Rein gruselig, seit die vielen Fabriken am Rhein sind! Denk doch nur an die Frau Roth bei Oberkassel! Haben sie die arme Dame nicht ermordet, hindert Schritt von ihrer Villa im Park, und ihr die Ringe und die Uhr abgerissen? Me Haare können einem zu Berge stehen. Und du rennst bei Nacht und Nebel noch draußen 'rum — das hat ein Ende! Ich darf ja uie was sagen, immer unterbrecht Ihr mich. Mer jetzt mußt du doch selbst zugestehen, Dallmer, daß ich recht habe — gefährlich, unanständig, Unschicklich! Was kann ihr nicht für ein Unglück zustoßen! i—- — — Was? Sagtest du was, Nelda?"
Die Tochter antwortete nicht. Mit einem unterdrückten Laut hatte sie plötzlich den Löffel fahren lassen, den sie, ohne zu essen, in ihrer dicken Milch herumgedreht. Sie legte den Kopf auf den Tisch und schluchzte laut.
„Nelda, Kind!" ■
„Mein Gott, Nelda, was füllt dir ein?"
Beide Eltern waren sehr erschrocken, die Mutter sprang auf.
„Bist du krank, fehlt dir was?"
Der Vater legte ängstlich die Hand auf den blonden Zuckenden Scheitel:
„Kind, hat dir jemand was getan? Liebes Kind, was ist dir?"
Das Schluchzen wurde heftiger.
„Du hast sie aber auch gleich so angefahren!" Der Rat sah seine Frau vorwurfsvoll an. „Wirklich, Lurchen, das hättest du nicht gebraucht!"
„Ich? Ach du liebe Zeit! Ich habe ihr doch bloß die Geschichte von der Roth in Oberkassel erzählt; das ist doch kein Grund zum weinen! Aber natürlich, ich muß an allem schuld sein!" Jetzt war es an der Frau Nätm das Gesicht in weinerliche Falten zu legen.
Neldas Schultern zitterten, ein Krampf schien ihren Körper zu schütteln. Ohne den Kopf zu heben, tastete sie nach der Hand der Mutter. „Nein,,nein, Mama, du hast mir nichts getan — es hat mir niemand was getan —, ich bin so dumm, ich bin so kindisch. Ich schäme mich" — die Stimme erstickte ihr, undeutlich klang's — „vor mir selber!"
„Nelda ist nervös," sagte der Rat und sah sorgenvoll drein. „Ihr Armen habt so viel mit mir durchs gemacht! Immer einen kranken Mann, einen kranken Vater, das knickt alle Elastizität. Komm zu mir, Nelda, weine nicht mehr! Gib deinem bösen Vater einen Kuß!"
„Papa!" Sie sprang auf, kniete neben seinem Stuhl
nieder, schlang die Arme um seinen Hals und preßte. W Gesicht fest an seine Brust. „Papa!"
„Ja, mein Kind, mein gutes Kind!" Er, streichelte ihr Haar. „Du bist doch sonst so verständig, kein bißchen sentimental! Lorchen, wir werden Nelda Onkel Konrad schicken müssen. Du siehst es zwar nicht gern, und ich werde sie schwer entbehren, aber ihre Nerven müssen gekräftigt werden, und das tut die frische Eifelluft." Er sah fragend seine Fran an.
„Papa, nein!" Nelda hob den Kopf Und versuchte zu lächeln. „Du bist sehr lieb, aber schick' nnch nicht fort/ bitte! Ich bleibe bei euch. Ich muß hier bleiben!"
Sie sah sehr bleich aus, doch ihre Tränen waren versiegt. Man merkte kaunr, daß sie sich quälte; sie machte sich lustig über die eigene Schwachmütigkeit. „Siehst du, Papa, sonst hab ich immer über die hysterischen Frauenzimmer gespottet, nun werd ich am Ende noch selbst eins. — brrr!" Sie schüttelte sich.
Das war eine Nacht — das war ein Tag!
Wieder der Mend da und nichts, gar nichts von ihm!
Die Milchmarie hatte den Brief dem Herrn Offizier selbst abgegeben. „Er sagte danke und lachte ke bißche," erzählte sie und zwinkerte Nelda vertraulich an. Diese sah gar nicht den verschmitzten Ausdruck in den durchtriebenen schwarzen Augen. Sie sah überhaupt nichts, sie war blind und taub gegen die ganze Welt. Sie wartete. Bei jedem Klingeln schreckte sie zusammen und fuhr in die Höhe; bei jedem Fußtritt draußen hämmerte ihr Herz — wild, rasend — immer wieder mußte sie die Augen mit kaltem Wasser kühlen, sie brannten wie Höllenfeuer. Und in den Adern eine Glut, in den Fingerspitzen ein Prickeln, an den Schläfen Zwei eiserne Klammern. O dieses Warten! Und dabei Gleichgültiges sprechen. Gleichgültiges tun, essen, trinken, freundlich scheinen! Nelda drückte sich in qualvoller Ungeduld die Nägel der verschlungenen Finger in's Fleisch. Endlich der Abend da, auch er brachte keine Erlösung !
Die kahlen Wände ihrer Giebelstube grinsten sie an, aus dem Spiegel starrte ein gespenstisches Gesicht mit hohlen, tief umränderten Augen; eine beklommene Luft erstickte den Atem. Nein, es wär unerträglich! War er krank? Ja, krank, vielleicht am Tode — lieber das Schlimmste, nur? nicht so vor Angst vergehen !
Sie band einen kleinen Schal übers Haar und hing ein Tuch um die Schultern; leise öffnete sie die Stubentür. Die Treppe knarrte kaum; im Schlafzimmer sprachen die Eltern. Es war ja noch, früh, nicht zehn Uhr; aus Rücksicht gegen Nelda, die etwas angegriffen schien, war man so zeitig zu Bett gegangen. In ihrer Kammer sang Laura halblaut:
„Er sagt, er wollt mich neme. Kn; —
Und wenn der Sommer käme — Valladeriladerada —


