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Der Peter hatte fleißig gearbeitet, im Geschäft und zu Hause. Trotz seines Pechs, dachte er. Er hatte sich wie­der ganz zu sich gefunden. Nicht untergehen, nicht naclp lassen ! Er hatte wieder ganz seinen Mut. Ter hatte ihm die Kraft befreit. Und ein rechter, harter Trotz war in ihn gefahren. Der knirschte gar nicht auf, der war gar nicht äußerlich und ungebärdig. Um so tiefer saß er. Ja, ganz fest und tief.Grad nicht!" sagte der,nein, grad nicht!" Aber das war genug. Mehr brauchte es nicht.

Und der Peter hatte auch seinen Stolz. Drum galt's jetzt erst recht: schaffen, verdienen. Denn man mußte auch stolz sein können. Und als die Woche herum war, hatte er sich ein schönes Bröckelchen Geld verdient. Jetzt war er ordentlich froh. Er hatte Vertrauen. Er zählte seine Geldstücke, noch einmal, noch einmal. Er wog sie in der Hand. Er ließ sie in die Tasche fällen. Tas klang! Hei, das klang! Er freute sich.Durch!" sagte er.

Und immer so, immer so weiter. Er würde schon was auf die Beine bringen. Niemand sollte über ihn lächeln, spötteln können. Er wollte schon allen ein Schnippchen schlagen. Und der Elise auch. Er konnte den Spott nicht ertragen, er wollte nicht leiden vor den Leuten. Er gönnte ihnen auch die Schadenfreude nicht. Denn schadenfroh waren sie doch alle. Drum sagte er auch keinem Menschen etwas von seinem Schicksal.

Vergessen war das freilich nicht. Ganz heimlich, lag's noch in ihm. Und manches Mal, zu allen Zeiten, mitten in der Arbeit, in einsamen Augenblicken, kroch's in ihm herauf und warf feine ganze Schwere auf ihn. Und drückte dann und drückte. Aber wenn es zu arg wurde, wenn die Gedanken gar nicht aufhören wollten, kein Ende zu finden war und alles sich enger und enger verwirrte und gar kein Trost mehr dagegen war und keipe Ablenkung und keine Befreiung, da ging der Pieter ein Schöppchen trinken, insWeiße Rößchen", in denGreifenklauer Hof", gerade in die Wirtschaften, wo er Nachrichten aus seinem Heimatdorfe hören konnte.

Denn das war jetzt in gleicher Stärke in ihm geblieben, dies Hingezogenfühlen zu seinem Dorf, zu seinen Lands­leuten,^ zu den Jahren seiner Jugend.

Wie er das alles nur so lange hatte vergessen können! Ja, er hatte es ja rein vergessen gehabt, total vergessen. Freilich, er hatte ja nicht Vater und Mutter daheim. Aber dennoch, es war sein Dorf, da konnte er sich daheim fühlen, da durfte er's. Und die bösen Gedanken fanden da Ruhe.

Er dachte an den alten Michel Sieben und, seine Frau sehr oft. Und eine Wonne und Dankbarkeit war in ihm. Ganz ungetrübt und schön kam ihm die vergangene Zeit vor. Er hatte nichts Schweres in ihr erlebt, nichts, das ihn so niedergedrückt hätte. Er war glücklich gewesen in ihr.

Schöne Tage traten lebendig vor seine Seele. Von allem Kleinsten war die Erinnerung lebendig. Ganz wie mit einem Mal. Da kam eine Wärme in ihn, und flinker ging die Nadel und rascher der Arm, und oft fuhr er so weit aus, daß der Faden riß.

Der Peter fluchte aber nicht, er lächelte. Er netzte das Garnende und faßte geduldig die Nadel ein. Und ging's nicht gleich, rieb er fast vergnügt die Finger an den Hosen ab und zielte wieder von neuem ins Oehr. O, und- dann ging's schon.

Und dies gute Lächeln hatte der Peter auch, wenn er imGreifenklauer Hof" vor seinem Schoppen saß und die Fuhrleute, die schon angespannt hatten, vorm Abfahren noch einen mit ihmpetzten". Er fragte, sie erzählten.

Aber, wenn sie fragten:No, net bald heirate, Peter, Noch nix im Merk?" dann schüttelte er nur den Kopf und fing rasch von was auderm an.

Der Elise hatte er ein paar Mal schreiben wollen. Aber er ließ es. Sagen hätt er ihr's können, schreiben, nein! Wenn er nur die Feder in die Hand nahm, war ihm alles wie weggeflogen.

Auch an den Meister Michel Sieben hätt er gern mal geschrieben. Der hatte ihm ein paar Mal schon Grüße sagen lassen, und ob er nicht bald mal käme? Aber wenn er auch ein paar Zeilen hingekritzelt hatte, kam's ihm dumm und einfältig vor. Ganz anders tvär's doch zu sagen, was er auf dem Herzen hatte. Er wollte dann mal hinausgehcn, wenn er ferne Privatarbeiten all fertig Hütte.

Und richtig machte er sich eines schönen Sonntags auf

den Weg. Schon morgens um sechs Uhr, da die ganze Stadt noch schlief, marschierte er durchsGautor" und trollte die Pariser Straße hin. Ein Marienborner Milch­wagen, der schon seiner Kannen ledig geworden wär, holte ihn ein, und er fuhr! mit bis ansChausfeehans". Als er abgestiegen war, stand er einen Augenblick still. Er sah zurück nach Mainz- das ganz in der Morgensonne lag. Der Stephansturm und die Domtürme ragten rechts hoch empor, links vorn war der Pulverturm, und dahinten, links vom Linsenberg, guckte der Rhein heraus, ein schmaler, Heller Strich, und dahinter lag der Taunus, und Biebrich weiter unten und darüber Wiesbaden, und oben die russische Ka­pelle, die hell in der Morgensonue blinkte. Rechts dort oben Hochheim, frei auf der Höhe, und hier ganz vorn, mehr zur Seite, Hechtsheim, das mit Gonsenheim, da unten links, und dem Gonsenheimer Wald das Bild vorn umrahmte.

Er stand einen Augenblick. Er wußte nicht, wie ihm war. Er ließ den Kopf sinken. Aber er mußte ihn wieder in die Höhe tun. Zu schön war das Bild. Nicht zu sagen/ wie schön. Er hätte einen ganzen Tag stehen mögen und, es betrachten. So beschienen von der Morgensonne! Tie' beliebte Bezeichnung fiel ihm ein:Das goldne Mainz". Das Wort löste sein Empfinden aus.Das gvldne. Mainz!" Er sagte es einmal laut und langsam, jedes Wort betont, vor sich hin.

Dann ging er weiter. Ganz in Gedanken.

Wenn er doch ganz weit draußen in der Fremde wäre!" dachte er dann auf einmal. Und noch einmal blieb er stehen und fah nach der Stadt.

Wenn er doch nie von feinem Dorf weggegangen wäre!" dachte er.

Still rind zufrieden immer daheim, in der kleinen, engen Welt, die man lieb' hat kein Aerger, kein Weh kein Weh.

(Fortsetzung folgt.)

Am Grabe Heinrich Heines.

Bon Dr. Kurt Heinzemann (Leipzig).

In den Tagen, da das Denkmal unseres größten Lyrikers nach Goethe, das ihm die hoch sinnige Kaiserin Elisabeth auf Korfu errichtet hatte, dort entfernt worden ist und nNn auf dem Private- besitz Campes, des ehemaligen Verlegers des Dichters errichtet wird, dürfen die folgenden Zeilen des Leipziger Staatsanwaltes besondere Anerkennung beanspruchen.

Die Schristllg.

Dicht unter Sucre Coeur, denr weißglänzenden Dom, der auf hoher Warte die gewaltige Weltstadt überragt, dicht bei Moulin rouge, bei Moulin de la Galetta, wo das galante Paris seine tollen, schön- heitsdursiigcn Sommernachtsfeste feiert, dicht hei Cigale, Ciel und l'Enser, der Urheimat übermütig geistsprudelnder Kabaretts, schläft ein deutscher Dichter und Träumer den ewigen Schlaf.

Auf dem Cimetiere Mont Martre, dem Nordfriedhofe des gewaltigen Seine-Babels, ruht er in fremder Erde; fast an der Seite des jüngeren Alexandre Dumas, des dramatischen Analytikers der Frauenseele, freilich manchmal auch der Demimonde) ganz- nahe der liederreich-en Carlotta Patti und Jacques Offenbachs, der so streng aufs Dekorum hielt, daß ja keine Menschenseele die eigenen Töchter in den kecken, prickelnden Operetten ihres Vaters auch nur als Zuschauerinnen zu sehen kriegte.

Manch liebes Mal hab' ich dort geträumt in diesem stillen Winkel Erde, inmitten all dieses gewaltigen Hastens und Jagens, inmitten all dieses Glanzes und Elends. Ein Mekka und Medina schöngeistiger Seelen aus allen Landen ist ja dieses Dichtergrab.

Dort die glutäugige Italienerin, hier die seidenrauschende! dunkle Mexikanerin, dort wieder eine blonde deutsche Baronin sie alle wallfahren in schweigender Andacht ihm, dem schlumi- mernden Säuger.

Und der rergeant de ville, der Pariser Schutzmann, führt mit kavaliermäßiger Grandezza immer neue Fremde hinzu durch die verschlungenen Friedhofspfade..

, Der ganze Stolz des Romanen leuchtet aus seinen Zügen'. Militärisch elegant salutiert er.Et voilä le poste allcnmnA Henri Heine." Bloß die beidenH" kriegt er als Franzose beim besten Willen nicht heraus. Und dann tritt er taktvoll zurück. Denn er weiß, daß die fremden Damen lange, lange träumen am! Grabe des Dichters der Liebe.

Und eine bleiche greise, hoheitsvolle Dame rauscht heran.. Eitle Fürstin wär' es, f» räuNen sie, einsam auf ihrem Throns