MittMch den 2\. Juli
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Die Pflastermeisterin.
Roman von Alfred Bock.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Der Pfarrer, der an dergleichen Geständnisse aus dem Eheleben seiner Gemeuidekinder gewöhnt sein mochte, versetzte ruhig:
„Liebe Frau, Sie sagen mir, Ihr Mann stamnlt von Fischbach. Ich kenne den Ort. Es ist da wirklich eine etwas rohe Bevölkerung. Nun, das haben, Sie doch vorher gewußt?"
„Jawohl, Herr Pfarrer, aber früher war an dem Friedmar als Gesell' kein Tadel. Und jetzt ist er wie umge- pslchte^t.
„Das begreif' ich nicht. Ich hab' ihn immer loben hören. Ich bin auch überzeugt, es steckt ein guter Kern in ihm. Das muß sich nach und nach herausschälen. Dem Mann ist die Meisterschaft noch neu und auch der Ehestand. Er muß sich in die veränderten Verhältnisse finden. Lassen Sie ihm Zeit dazu. Was Sie ihm als Unart und Rücksichtslosigkeit auslegen, ist vielleicht nur Behutsamkeit und Scheu. Seien Sie die Entgegenkommende, die Willfährige üud Besonnene. Sie sind ja auch wohl die Aeltere?"
„Ja," sagte die Meisterin itttb wurde um einen Schatten bleicher.
„Born Apostel Paulus," endete der Pfarrer, „rührt ein -herrliches Wort. „Das Weib lerne in der Stille mik aller Untertänigkeit." Wohl gesagt, mit aller Untertänigkeit. Halten Sie sich das stets vor. Und wenn Sie glauben, daß Ihr Mann in seiner Gemeinschaft mit Ihnen noch nicht auf dem rechten Weg ist, so führen Sie ihn dahin durch Ihren eigenen Wandel — sich selbst und ihm zum Heil."
Da der Pfarrer ging, standen der Meisterin die hellen Tränen in den Augen. Der liebe Gott hätte die geistlichen Herren auf Erden eingesetzt, daß sie die Menschen zur Frömmigkeit und Eintracht führten. Und gar ein Pfarrer wie dieser, so gut und herzensbrav. Für den müßte man durchs Feuer gehen. Alles Uebelnehmerische und Mißmutige wollte sie ablegen und dem «Friedmar auf Schritt und Tritt zu Willen sein. „Mit aller Untertänigkeit", hätte der Apostel gesprochen. Und wenn der Friedmar ein Eiszapfen war, a» ihrer Gutheit sollt er doch noch schmelzen.
Als der junge Meister am Abend dieses Tages heimkehrte, fand er ein, im Verhältnis zur sonst im Hause geführten Küche, wahrhaft üppiges Essen bereit. Er ließ srch's ivohl sein dabei. In acht Tagen, berichtete er, werde man in Dietkirchen mit der Arbeit fertig sein. Nun frage es sich, solle man, daher Winter bevorstehe, einen größeren Auftrag der Gemeinde Ortenbach zu erlangen suchen — der Flecken lag unweit Dietkirchen, immerhin zwei und erne halbe Stunde vom Städtchen entfernt — oder solle man sich mit einigen kleineren Bestellungen begnügen, die rn der Stadt selbst zu vergeben waren. Der Meisterin
ivar natürlich daran gelegen, ihren Mann in der unmittelbaren Nähe zu wissen. Dieser meinte jedoch, es komme darauf an, wie das Wetter sich anlasse. Die Leute auf dem Lande prophezeiten einen milden Winter. Da dürfe man sich, um des größeren Verdienstes willen die Ortenbacher Submission nicht entgehen lassen. Wenn er, Friedmar, bei den kürzeren Tagen und sehr schlechtem Wetter abends einmal nicht den Heimmarsch machen könne, so finde er in Dietkirchen ein gutes und billiges Unterkommen. Und von Dietkirchen nach Ortenbach sei ja nur ein Katzensprung. Er warf sich für die Ortenbacher Anerbietung Jo lebhaft ins Zeug, als vH er von seiner Frau energischen Widerstand befürchte. Diese äußerte zwar mancherlei Bedenken, aber schließlich ging sie auf seinen Vorschlag ein. Kaum, daß Friedmar seine Frau nachgiebig sah, taute er auf und zeigte sich redselig und heiter. Die Meisterin pries im stillen ihre Fügsamkeit. Unwillkürlich dachte sie an die Ermahnung des Pfarrers, die jetzt schon ihre Früchte zu tragen schien. Sie besann sich, ob sie sich in Geschäftssachen nicht doch zu oft auf ihr früheres Recht der Entscheidung gestützt und den Friedmar vielleicht dadurch aufgebracht und erbittert habe. Wie gern wollte sie ihm freie Hand lassen, wenn er eine andere Miene aufsetzte und sich als honetter Ehemann benahm. An diesem Abend flogen den beiden die Stunden in Gn- helligkeit und Frieden hin. Während sie das Gespräch auf dies und jenes brachten, malten sie sich int geheimen mit ihren besonderen Wünschen und Gedanken die Zukunft aus.
V.
Das „Einhorn" in Dietkirchen hatte seit langer Zeit wieder einmal einen Stammgast gewonnen. Der junge Pflastermeister begnügte sich nicht damit, die Mittagsstunde in dem Gasthaus zuzubringen, er trank jetzt auch während der Frühstückspause und zum „Vieruhrbrot" dort sein Glas Bier. Die Wirtin umgab ihn mit der Aufmerksamkeit der sorgenden Hausmutter. Nicht, tveil er seine Zeche bei ihr machte, sondern weil er der einzige Mensch war, der ihr ewiges Klagelied ül»er ihr unverdientes Schicksal und über die Verworfenheit der Menschen mit unerschöpflicher Geduld anhörte. Wenn dann ihr Mundwerk in flottem Tempo ging, saß ihre Tochter mit feinem Lächeln still dabei und tauschte nur zuweilen mit Friedmar einen vielsagenden Blick. Ihr war es eigen mit dem jungen Handwerker ergangen. Daß er in der Wirtschaft, ivo er nur zu fordern, nicht M bitten brauchte, so anständig und bescheiden auftrat, hatte sie von Anfang an günstig für ihn gestimmt. Wenn sich die Burschen aus dem Dorf einmal ins „Einhorn" verliefen, glaubten sie das Recht zu haben, allerhand Spaßereietl und Anzüglichkeiten loszulassen, die mehr oder weniger versteckt stets ihr selbst galten. Das mußte sie als Wirtstochter mit verhaltenem Groll über sich ergehen lassen. Während ihrer Dienstzeit in. der Stadt hatte sie noch üblere Erfah- rungen mit den Männern gemacht, denn dort hatte sie immerzu die Dreisten und Zudringlichen abwehren müssen.


