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„hält der Prüfung stand. Zunächst geht aus dein En»er Memorandum hervor, das; der König „sein letztes Wort" bereits am Morgen gesprochen hatte, ehe der Bericht voll Werther eingetrosfen sein konnte. In der Tat hatte er am Morgen kategorisch jede Ver- pftichtnng für die Zukunft abgelehnt: ein Denkstein bezeichnet den Ort, wo er dies letzte Wort sprach. Es war also nicht das Eintreffen des Berichtes, das alles zerstört hat: alles war bereits seit dem Morgen erledigt und unabänderlich zu Ende. Wenn die Ablehnung des Königs, Benedetti zu empfangen, mit den durch Werther übermittelten neuen unerwarteten Forderungen in Beziehung gestanden hätte, so hätte der König das in seiner Ablehnung gesagt. Er Hütte gesagt, er könne nicht länger mit Ml- nistern verhandeln, deren Ansprüche von Stunde zu Stunde wüchsen und die die Unverschämtheit besäßen, von ihm eine Bitte nm Entschuldigung zu verlangen, iveitige Augenblicke nachdem sie Garantien gefordert habeil. In dem Memorandum von Radziwill steht kein 'Wort von einem solchen Vorfall. Der König sagte nicht eine Silbe über die Forderungen, die ein mittags eingetroffener Bericht enthalten habe, und gewiß hätte der König keinen Grund gehabt, diese Enthüllung zu verheimlichen, die den Zorn der Deutschen entflammt hätte. Was war Neues geschehen in der Zeit zwischen der Unterredung des Königs mit Benedetti und dem Eintreffen des Wertherschen Berichtes? Nur eines: ber, König hatte gesagt, er lverde Benedetti rufen lassen, um ihm die Entschließung der beiden Hohenzollern mitzuteilen, die er noch nicht empfangen hatte. Nach Eintreffen des Berichtes von Werther ließ der König Benedetti, statt ihn zu rufen, durch einen Adjutanten in den höchsten Formen das mitteilen, was selbst zu sagen er nicht für nötig hielt. Im Grunde hatte sich nichts geändert, nichts lvar gelvon- nen, nichts war seit dem Morgen verloren; es handelte sich um eine durchaus nebensächliche Etikettenfrage. Die Wandlung fällt zusammen mit dem Eintreffen des Wertherschen Berichtes, aber sie ist nicht dessen Folge. Sie ist die Folge des Ultimatum, das am Abend des 12. Juli durch Bismarck dem König initgeteilt, das am Vormittag des 13. durch verschiedene Telegramme erneuert wurde lind das verstärkt tvard durch den Minister des Innern und den Finanzminister, die zu gleicher Zeit mit dem Wertherschen Rapport in Ems eintrafen. Wenn dieser Bericht nie existiert hätte, wäre das Verhalten des Königs nicht anders gewesen, seitdem er entschlossen war, eher die Forderungen Bismarcks zu erdulden, als sich von ihm zu trennen. . ."
Vermischter.
* Französische Erinnerungen an 1870. Au- knüpsend an die kürzlich veröffentlichten Memoiren Olliviers, die in Frankreich die Geister lebhaft beschäftigen, veröffentlicht jetzt der bekannte französische Politiker und Akademiker A. de Mun im Ganlois Erinnerungen an jene bewegte Zeit, die besonderes Interesse gewinnen, tveil in ihnen sich der Geist des französischen Offizierkörps vor dem Kriege spiegelt. De, Mim war Leutnant bei den Chasseurs d'Afrigue. „Waren wir Soldaten töricht? Gewiß,, uns fehlte vieles. Wir verließen uns allzublind auf die Jnitiativkrast und den Elan der französischen Armee. Seit 1866 batte sich allerdings die Neigung zum Studium vermehrt: viele Offiziere lasen mit wahrer Leidenschaft die Geschichte des böhmischen Krieges, um sich zu 'oilden. Aber der Antrieb von oben fehlte. 1869 nahm ich an den Truppenübungen von Chälons teil, den letzten vor dem großen Drama: das war eine blendende Parade, die den Ruhm Bourbakis, des Kommandeurs, emportrieb, aber sonst nichts. Die Kavallerie übte sich in unnützen Bewegungen. In Versailles, wo ich die letzten Monate vor dem Kriege in Garnison stand, gab es eine prachtvolle Division leichter Kavallerie. Aber nach der Ausbildungszeit vergeudete man die Kraft an unfruchtbaren Dingen. Als der Krieg ausbrach, waren wir damit beschäftigt, uns auf die große Parade vom 15. August vorzubereiten! Fast ohne Uebergang ging es äufs Schlachtfeld. In Metz fand ich nur mit Pieter Mühe am 20. Juli eine Generalstabskarte der Grenzgegend, die ich für meinen General kaufte. Er besaß keine und sorgte sich auch nicht viel darum. Während bei Forbach die Kanonen dröhnten, klebte ich diese Karte bei Saint-Avold zum Gebrauch auf Stoffsetzen." Trotzdem zog man voll Vertrauen ins Feld, des Sieges sicher. „Wir hatten 'das "Vertrauen, als Sieger über die feindliche Grenze zu ziehen, unb 'wir mußten es auch haben. Als am 6. Juli der Herzog voll Granront auf der Parlaments'-- tribüne die erste Erklärung über die Hohenzollernkandidatur verlas, gab eS viele Offiziere, die ihn schriftlich beglückwünschten. Auch ich gehörte zu ihnen. Seit drei Jahren warteten wir darauf, solch'stolze Sprache zu hören. Neun Tage später, am. 15. Juli, stand ich im Parlamentshof am Quai d'Orsay, als der diensttuende Hauptmann die Tür öffnete, sein Käppi schwang und rief: „Der Krieg ist erklärt!" In meiner Nähe stand der General de Ele- rembanlt: er umarmte mich. Die Menge draußen hinter dem Gitter applaudierte."
* Holländische Strafrechtspflege vor 100 Jahren. Der bekannte Publizist I. A. van Hamel erzählt in einer holländischen Monatsschrift recht erbauliche Dinge Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag
über die Roheit und Härte der Rechtspflege zu einer Zeit, die sich schon als human pries. Vor 100 Jahren konnte es in Holland noch ein Richter wagen — De Maurengnault hieß der Mann — einen Gotteslästerer zum Tode zu ver- nrteileu, und ihm vorher die lästernde Zunge mit einem glühenden Eisen ausbrennen zu lassen! Damals war es auch noch möglich, daß ein unternehmender junger Rechtsstudent seine akademische Laufbahn mit einer Abhandlung über die „Ausgabe des Scharfrichters" beschließen durfte. Ja, es konnten selbst zu jener Zeit noch sachliche Fehden darüber entbrennen, „ob es zweckmäßiger sei, von unten nach oben oder von oben nach unten zu rädern"! Gewiß, es wurde zu Ende des 18. Jahrhunderts nicht mehr ganz getreu nach dem Muster der spanischen Inquisition in beit Niederlanden Verfahren. Aber der Gerichtshof von Arnhem z. B. erdreistete sich einen geständigen Brandstifter dazu zu verurteilen, daß er erst „halb" gewürgt und dann „ganz" verbraitnt werden sollte. Um dieselbe Zeit stellte die hohe Obrigkeit von Gelderland einen neuen „Arbeitstarif" für den Henker auf. Danach sollte dieser liebenswürdige „Aus- führer der hohen Werke" erhalten: 30 Gulden für das Ersäufen in einem Fasse, GO für das zu Asche brennen; 90 Gulden für jedes Viertel von einem zu vierteilenden Verbrecher. Der Leichnam eines aus dem Amsterdamer „Huis van Bewaring" ausgebröcheuen internationalen Hochstaplers wurde nach der Hinrichtung durch die Straßen der Stadt geschleift und dann in ein offenes Loch unter dem Galgen geworfen. Dieses Uebermaß von Strenge rief natürlich eine nicht gewünschte Wirkung hervor. Es trug wesentlich zur Vermehrung der Verbrechen bei, so daß da- ntals Eigentum und Leben der Niederländer in beständiger Gefahr "schwebten. Was Gutes konnte auch noch ein Verbrecher int Leben beginnen, der mit vier Brandmalen auf der Schulter und mit abgehackten Ohren herumlief?
* Eingedeutschte Ortsname n. Tie sogen. Volksetymologie, d. h. die Neigung des Volkes, ihm fremdartig klingende Wörter durch Anschluß an bekannte sich mundgerecht zu machen, offenbart sich auch häufig bei den Orts- und Flurnamen. Entsprechend den innigen Beziehungen, die unsere Vorfahren mit Italien verbanden, machten sie sich auf solche Weise eine Anzahl italienischer Städtenamen vertrauter. Milano wurde ihnen zu Mailand, gleichsam einem Frühlingsparadiese; Verona, die Hauptstadt Theuderichs des Großen, zu Bern (Dietrich von Bem-; die Belagerung von Ravenna zu einer Rabenschlacht. Aus lateinischem Patavinm (eigentlich Castrnin Batavuin) wurde Pastau, ans dem keltischen Tannvi eine deutsche Donau, und dm es uns so heimisch klingende an (man denke an die Intel Mainau, an Hanau, Hagenau usw.) erhielt auch eine große Menge ursprünglich, slawischer Orte, wie Dessau, Glogan, Bunzlau, topanbau u. a. Desgleichen entstand ein Merseburg und Brandenburg durch Unt5 formnng des slawischen bor = Wald. Das wendische Lubora» wandelte sich in ein schönes deutsches Lieberose um (stabt tm Kreist Lübben-. Aus Podstarnp (Abstieg, wohl zum Zwecke des Ft-cheits) entstand in Anlehnung an Namen wie Amsterdam, Rotterdam, Potsdam, gleichsam „Tamm eines Pott." Durch die bekannte Sage vom hartherzigen Bischof Hatto wurde der nüchterne Maust turnt (d. h. Zolleinnehmerturm) bei Bingen zum poetischen Mäust- turm. Bisweilen können wir uns bei diesen Umwandlungen des Lächelns kaum erwehren, so, wenn ans einem Tubrawice ein TumtnerwiH wurde, ober wenn die Schnitzetsreube der tirolischen Herrgottsschnitzer ein lateinisches fraxinetnm (— Eichenwald) zu einem echt tirolischen Verschneid umwandelte.
* Biblischer Beweis. Alter Geck: „Ich versichere Sie, gnädiges Fräulein, daß ich Sie wahrhaft verehre und anbete. — Ballettänzerin: „Das ist allerdings möglich, wdoch mwstn Sie es. mir beweisen. Als Zeichen der Verehrung und Anbetung haben die Alten immer Opfer gebracht."
Logogriph.
Mit a ein schrecklich offenes Höllentor Fürs arme Opfer, das sich b’vin verlor.
Ten Schlangen, Büren, Tigern ist's verlieh'n, Uns Menschen auch, so lehrt die Medizin.
Mit o statt a der Seemann eS wohl kennt, Das tiefe Weltmeer ist sein Element.
Und wenn ihr's nicht mit e ju nennen wißt, Muß ich euch zeigen, was ’ne Harke ist.
Auflösung in nächster Nummer: -
Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummert Dohle — Altötting — Silber - Rigi — Jschlib - Eiche
Scherenberg — Erbsen;
Das Ri es e n g e b i r g e.
der Brühl'scheu Umversstüts-Buch- unb Steindmckerei, R. Lange, Gießen.


