Ausgabe 
21.6.1909
 
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Das braucht er jetzt nicht mehr. Er kann jie gerade so gut bei uns haben."

Dann ging ich.

Am Nachmittag war ich wieder da. Ich führte den Jean-Baptiste und das Luischen in die Wiesen. Dem Jean- Baptiste war's nicht recht. Er wollte zu Buben, spielen und sich abhetzen.

Ich sagte, er sollte doch nur hingehen.

Ja," sagte das Luischen,wir finden den Weg allein." Da lief der Jean-Baptiste ins Torf. Wir gingen ans Wehr, den Bach hin, saßen unter der Pappel, saßen auf der kleinen Brücke, warfen Steinchen ins Wasser, sahen die Ringe wachsen und vergehen, sahen die Fischlein hin und her schießen und die Wasserspinnen übers Wasser laufen.

Und das Luischen hörte aufmerksam zu und freute sich über alles, was ich erzählte. Sie lachte manchmal hell auf vor Freude. Unter der Pappel erzählte ich ihr die Geschichte von den schnaubenden Pferden und den silbernen Pfeilen, die kühne Reiter schossen. Da wurde ihr angst, und sie drückte sich an mich.

Ich pflückte ihr einen Wiesenstrauß, und wir gingen Nach dem Dorfe zu, sie heim und ich heim.

Ich hielt's nun zu Hause sgr nicht mehr aus. Ich lief mit meinem Buche den Hang hinab ins Wiesenthal. In heißer Aufregung las ich mein Pensum durch, bis das Luischen kam. Es flog mir alles nur so in den Kops. Ich wußte nicht nur den Sinn, ich wußte ganze Sätze aus­wendig. Es war alles überglüht in mir und angespannt. Ich sang, was ich zu lernen hatte, so erregt war ich.

Dann hielten mir plötzlich zwei kleine Hände die Augen zp:Wer ist's?"

Das Luischen!" rief ich.

Da war ich frei. Ich warf das Buch hin und plauderte mit ihr und sah ihr in die Augen.

Es überkommt mich heute noch wie etwas Wohliges Und Goldenes, wenn ich daran denke.

Ich hatte so wenig gelacht und gejubelt. Ich lachte !und jubelte nun, daß es weithin schallte. Es war, als ob nun alles wach wäre in mir. Und doch war alles ver­schleiert wie im Traume.

Ich beobachtete alles schärfer, ich brachte alles fertig. Ich sprang über den breiten Graben, wenn das Luischen ein« Blume drüben wollte. Ich kletterte auf den Baum, wenn sich's einen Apfel wünschte. Ich lief stundenlang einem Schmetterlinge nach und fing ihn ihr. Und wußte doch gar nicht, was es wär, das inich trieb. Ich wollte alles für Luischen tun, alles vor ihm tun. Und imißte auch gar nicht warum. Es war, wie gesagt, etwas Seltsames über mir. Wie ein Kätzchen war ich, wenn ich ihr in die Augen sah, wenn sie lächelte, wenn ich sie an der Hand führte. Ich war so besorgt um sie. Nur selten, daß ich wild mit ihr umging. Und wenn ich's mal getan hatte, bereute ich's immer. Ich bat sie, nicht böse zu sein. Ich wollt's auch nie mehr tun.

Sie strich mir dann übers Haar. So, wie's die Mutter tat. Nur nicht so traurig. Biel lieber, viel, viel lieber.

Die Mutter halt' ich wirklich schon halb vergessen. Ich war viel weniger bei ihr. Einmal sagte sie mir:Bist immer draußen, .Bub, bist gar nicht mehr bei mir. Hast mich ganz vergessen. Springst sogar mit dem Buch ins Felo. Und tollst dann mit dem Luischen draußen herum."

Ich fühlte aber gar kein Mitleid. Ich mußte nur an das Luischen denken.

Aber hast ordentlich rote Backen und helle Augen. Ist dir doch gesund, so viel im Freien. Na, da tu's halt. Sei immer draußen, daß du gesund bleibst und recht lange lebst."

, Ja, gesund wollt' ich bleiben und leben, recht lang. Ewig! O, halt' ich's Leben so gern!

Ich dachte, wie gut die Muller doch wäre. Da bekam ich Tränen. Die Mutter wischte sie mir ab und tröstete mich, Sie wollte mich ja nicht daheim halten. Ich sollte nur hinausgehen ins Freie. Aber auch tüchtig lernen sollt ich, daß was aus.mir werde.

Der Baler suhr mich mal barsch an. Das Herum- streichen müßt' jetzt mal aufhören. Ich sei bald vierzehn und komme eigentlich aus der Schule, da hör's mit den Possen auf.

Er hielt mich nun auch wirklich zu kleinen Arbeiten in Haus und Garten an, und an manchen Tagen kam ich gar nicht fort. Da mußt' ich mir denn manche List er­

sinnen, fortzukommen, und manche Ausrede, wenn ich zu lange ausblieb. Aber ich führte es durch.

Ich weiß noch, ich lvar in der Zeit vom Odysseus er­füllt, und ich erzählte dem Luischen von ihm, wie der immer eine List erfunden habe in der Gefahr. Den ganzen trojanischen Krieg erzählte ich ihr, die Irrfahrten des Odysseus, und da ich in ihm immer mich selber sah, strich ich ihn ganz besonders heraus.

Aber hättest du dem Polyphcm auch das Auge aus­brennen können?"

Gewiß," sagt' ich,ich wollte doch leben. Er Hütt' mich sonst auch gefressen."

O pfui!" sagte sie.Ich krieg' Angst vor dir, Lukas!"

Ich ging nun schon in die Kommunionstunde.

Einmal sprachen wir davon. Das Luischen erzählte, der Pfarrer habe verboten, daß die Mädchen mit den Buben spielten.

Aber wir dürfen doch zusammen spielen," sagte ich. Wenn's aber jemand sieht und dem Pfarrer anzeigt?"- Und dann?" fragte ich kühn.

Das Luischen besann sich ein Weilchen.

Dann schimpft er mich vor allen Mädchen und sagst daß ich Sünde getan habe und sagt's auch meinem Baler, und dann dürfen wir gar nie mehr zusammen sein."

Ich blieb still. Nach einer Weile reichte ich ihr die Hand:So geh, Luischen!"

Da umschlang sie meinen Hals und weinte.

Nein, nicht, Lukas, nicht! Ich 'komm' immer zu dir. Es ist ja so schön. Wir sind so froh und glücklich. Ich mein', du wärst mein Bruder. Biel lieber hab' ich dich als den Jean-Baptiste. Der schlägt mich und schimpft mich und gönnt mir keinen Apfel, keine Blume, gar nichts. Er will alles für sich."

Ich wollte aber hart sein.Es ist ja doch Sünde. Und du fürchtest dich ja auch."

Sie hielt mich fest und sah mich lange mit wachsenden Augen an. Dann küßte sie mich flüchtig.Laß, Lukas, ich komm' doch. Ich komm'. Aber du gehst zur heiligen Kommunion, ist's da für dich keine Süud'?"

Wenn ich ein Schwesterchen hätte," sagte ich sehr über­legen und von oben herab,spielte ich ja auch mit dem. Wär' das Sünde? Und du bist doch meine Schwester, Luischen."

Wir machten nun aus, daß wir uns immer heimlich treffen wollten, damit der Pfarrer nichts davon hören könne.

Manchmal, gegen Abend, kam das Luischen auch zu uns herauf, und wir spielten miteinander, daß meine Mutter dabei war. Selten ging ich mal zu ihnen hin. Ich mochte den Jean-Baptiste nicht mehr leiden. Er war auch gar nicht mehr gut zu mir. Er machte mir auch manchmal böse Bemerkungen vom Pfarrer und von seinem Vater. Er drohte, alles hinterbringen zu wollen, stlnd einmal nannte er das Luischenmeinen Schatz". Da wurde ich glühend rot und ging weg von ihm.

Als ich dann am Abend das Luischen von unserem' Hause aus heimbegleitete, sagt' ich's ihr. Sie drückte meine Hand und sagte:Aber du bist ja auch mein Schatz, Lukas!"

Und sie sprang an mir auf und küßte mich. Seitdem küßten wir uns, so ost wir auseinander gingen. Wir waren wirklich nicht mehr Bruder und Schwester. Das eine Wort hatte uns alles aufgeschlossen. Wir hatten das Leben, wir hatten uns. Unsere Herzen waren vom «Leben und seinen schönsten Trieben erfüllt. O, wie denk' ich daran zurück! Sie lagen in uns, wie die Sonne auf jungen Blüten liegt. Sie wachsen davon und tun sich auf aber sie fühlen nichts von dem, was ihnen Frucht gibt und Reife. Sie wachsen und treiben nur, weil's Frühling ist. Sie haben kein Ziel. Es liegt verborgen in ihnen, es ist ihr dunkler Sinn. Sie saugen sich voll und werden schöner und schöner in lieblicher, lachender Unschuld.

So liebten wir uns, so küßten wir uns. Wir erzitterten, aber ivir erröteten nicht. Wir sahen nur das Licht und wußten von keinem Dunkel. Es war eine selige, selige Zeit. So lieblich und rein! Bruder und Schwester waren wir doch in unserer Lenzliebe, die von keinem Sommer wußte und keinem Herbst, nur von ihrem Blühen beglückt war, das sich über Nacht aufgetan hatte.

Wie denk' ich jetzt daran, da ich alt bin! Es liegt wie ein Lächeln in mir nach einem schönen Traume.

lFortsetznna tont.)