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Der arme Lukas.

Eine Geschichte in der Däinmernug von W i l h e l m H o l z a m e r.

Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

4. Kapitel.

Es war eilt Jahr vor meiner ersten Kommunion. Ich hatte einen Kameraden gefunden. Gegenüber unserer Schule war ein Laden aufgetan worden. Die Leute waren noch fremd tut Dorfe, denn sie waren erst zugezogeu.

Am Sonntag fctnt der neue Kaufmann zu meinem Vater. Er empfahl sein Geschäft. Draußen vor unserem Tore wartete sein Sohn auf ihn. Der war so alt wie ich. Er ging auch in meine Schule. Ich sprach ein Weilchen mit ihm, und wir verstanden uns gut. In der Schule war ich nämlich ein wenig scheu. Die vielen beirrten mich. Jetzt so allein mit dem Jean-Baptiste ivar ich zutraulicher und offenherziger.

Ich schlug ihm vor, wir wollten einen Gang ins Feld zusammen machen. Er willigte ein.

Wir gingen in die Wiesen. Ich führte ihn den Bach entlang. Ich nannte ihm die Namen der Dörfer auf den Höhen ringsum. Wie die all da lägen und lauerten und in unser Dorf hineinsähen und acht gäben, daß nichts aus- und einginge, was ihnen nicht recht wäre. Wie KriegS- knechte lägen sie und bewachten uns.

Er sah mich groß an.

Ich pries ihm, was alles schön wäre hier bei uns. Und wie alles so schön wäre. Die Wiesen pries ich und die Weinberge und den Bach und die hohe Pappel, die Mühle und die alten Weiden.

Er hatte alles ganz ruhig angehört. Dann fragte er plötzlich, ob wir noch tveit gehen wollten.

Ich war ein wenig verstimmt. Ich sagte: Nein, wir könnten gleich halten. Wir könnten auch gleich umkehren, wenn er wollte.

Wir waren qn meiner großen Pappel. Sie flüsterte heute nur. Es war wie dünnes Singen, manchmal wie Wimmern. Ich lauschte entzückt. Aber ich wagte nicht, denr Jean-Baptiste etwas davon zu sagen, denn ich dachte noch dran, wie ntich der frühere Freund ausgelacht hatte.

Es hatte vom Freitag auf Samstag die ganze Nacht geregnet. Der Bach hatte reichlich Wasser. Das Wehr rauschte. Es Packte mich mächtig.

Ich erzählte dem Jean-Boptisch, daß es Reiter gäbe mit Pferden, die durch die Luft fliegen. Immer rasender gehe ihr Flug, Unaufhaltsam. Und die wilden Tiere schnaubten. Drei, vier nur, die seien wie eilt ganzes Heer. Und die Reiter jagten einander nach. Sie schössen mit silbernen Pfeilen gegeneinander. Das klinge in der Luft, das sei wie dünnes Singen und Wimmern. Ich wollte sagen, ich sehe die Pferde, ich höre sie schnauben, ich höre

die Pfeile. Aber ich wagte es nicht. Denn der Jean-Baptiste hörte mir ganz still zu und verzog keine Miene.

Wo ich das gelesen habe? fragte er.

Ich wurde rot. Ich log, meine Mutter habe mir das erzählt.

Ob's wahr wäre? sagte er.

Ich iourde ganz warm innerlich. Gewiß, versicherte ich, meine Mutter sage nur die Wahrheit, und sie habe sie schon selbst gesehen, die Reiter und die Pferde, die Bogen und die Pfeile undich auch, ich hab' sie auch gesehen". Da ivar's heraus.

Der Jean-Baptiste nahm mich am Arm.Komm," sagte er,wir wollen heimgehen. Es geht zum Mittag." Ich wußte nun nicht, wie er's anfgefaßt hatte, und ich ging mit ihm.

Andern Tags freilich ward ich's gewahr. Er erzählte eS allen Buben in der Schule. Alle lachten mich aus und neckten mich damit, wo sie mich sahen. Ich war aber schon so fest, ich ärgerte mich nicht mehr. Ich ertrug den Spott.

Der Jean-Baptiste aber kam zu mir und fragte, ob ich ihm böse sei. Wenn er das gewußt hätte, Ejätt' er nichts gesagt. Obgleich ich ihm gezürnt hatte, lvar ich ihm jetzt doch nicht böse. Vielleicht war da aber ein anderes schuld.

Als ich mit ihm heim zu seiner Mutter gekommen war, saß da am Tisch ein Mädchen und las im Lesebuch vom Jean-Baptiste. Ich sah sie lange an. Es kam etwas Selt­sames in mich. Wie, als ob ich Plötzlich in einem hellen, weißen Lichte stehe. Ich war beschämt und erhoben, traurig und froh. Ich hätte gehen mögen und mußte doch bleiben. Ich fühlte mich wie erwachsen. Wie ein Mann voller Kraft. Und stand so breit und fest.

Das heißt, ich sage das heute all so, weil ich schon oft drüber nachgedacht habe, wie mir war. Es war ein seltsames Gefühl, etwas Heiliges und Andächtiges, das über mich gekommen war. Wie ein Traum halb, und wie ein freudig staunendes Erwachen.

Ich reichte der Mutter die Hand und dem Mädchen.

Wie alt bist du denn?" fragte mich die Mutter.

So alt wie der Jean-Baptiste," sagte ich.

Da bist du grad ein Jahr älter als das Luischen. Bist du aber schon groß! Herrje! Dreizehn Jahre erst und so groß!"

Ich bin auch bald vierzehn," sagte ich. Ich lvar ordentlich stolz. Ich warf mich in die Brust, tlnd das Luischen sah zu mir auf und lächelte.

Gehst du auch zum Jean-Baptiste in die Schule?"

Ich bejahte.

Da kommst du ja öfters zu uns," sagte die Mutter. Und deine Federn und Bleistifte kannst du all bei uns kaufen. Wir schneiden auch gleich die Federn."

Ich sagte, mein Vater schneide mir die Federn immer. Er kaufe sie in Mainz.