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Frühlingstage in Portugal.
Von A. Simoni§.
Maiwinde wehten durchs Land, Pfiffen um Türme uud Häuser und zerrissen mit ftürmischeni Uebermut die.grauen Wolken, die immer noch vor der Sonne hingen und uns den Lenz vorenthalten hatten, trübselige Aprilwochen hin- dnrch. Jetzt endlich lachten die Sonnenstrahlen fröhlich vom klaren Frühlingshimmel uud zauberten silberne Netze über das glitzernde Elbewasser. „Wer kann da bleiben mit Sorgen zu Haus?" Auch uns lockte die Fremde; aber nicht etwa jene Baedekerbekannte, allerweltsfreundliche Fremde — nein, abseits von der großen Heerstraße alltäglicher Sommerfrischler und Anslandsfahrer wollten wir vierzehn lustige Tage wandern, über Stätten, die noch selten eines Deutschen Fuß betrat, durch Haine, deren Pinienrauscheu noch schönheitstrunken und märchensremd stimmen konnte, unbeleckt von dein profanen Treiben einer aufdringlichen Modebad-Kultnr - Portugal, das sonnige, duftende Küstenland, war unserer lleberfahrt Ziel!
Der Doppelschraubendampfer der Hamburg-Südamcri- Lanischen Dampfschiffahrts-Gesellschaft „Cap Vilano" nahm uns in Hamburg auf, nachdem >vir zugleich mit der Schiffskarte auch eine Anweisung nuf ein Rnudreisebillet durch Portugal gelöst hatten.
Und wie entzückt sind wir heute noch, daß wir dieses! Land gesehen haben, ein Land, dessen großartige Naturschönheiten wir nie geahnt, ein Land voller Berge, deren Abhänge bedeckt sind von riesigen Kastanienbäuincn, ozonreichen Nadelwäldern, mtb melancholischen Olivenhainen, in denen Kork- und Steineichen mit Weingärten und wogenden Saatfeldern wechseln, wo ausgedehnte, üppige Heide ihre herrlichen Blüten darbietet, wo mit jeder Tagereise der Naturschönheiten neue auftreten, Ivo nordischer Winter und tropische Glut einander die Hand reichen, ein Land, das in bezug auf die Menge und Großartigkeit historischer Baudenkmäler seines Gleichen sucht.
Nach einer herrlichen, nervenstärkenden Seefahrt kam Portugals weltberühmte Hauptstadt Lissabon, eine der sieben schönsten Städte der Erde, io Sicht. Die Einfahrt in den Hasen eröffnete uns ein überaus prächtiges Bild. Amphi- threatälifch lehnten die Türme nnd Häusermassen an den Hügeln und zeichnen sich in scharfen Konturen von dem azurblauen Himmel ab. Ueberall in dem vortrefflichen Hafen liegen große Passagierdampfer vor Anker. Vermittels Tender der Agentur wurden wir an Land befördert und gelangten in einer der eleganten, zweispännigen Droschken in das uns empfohlene, von einem biederen Badenser geleitete Hotel „Zentral", dessen Küche wir vorzüglich fanden, imb wo uns die aufmerksamste Bedienung znteil wurde.
Neber die Stadt, die nach dem Erdbeben von 1755 verhältnismäßig modern anfgebaut wurde, zu berichten, würde zu weit führen, da der herrlichen Bauten, der Museen und Kunstsammlungen, der Kirchen, Theater, Promenaden, Gärten icnd Denkmäler Legion sind. Erwähnen möchte ich nur einen der bewundernswertesten Plätze Europas, die im letzten Renaissancestil erbaute ,,Praya do Eommercio". — Wer das sonst phlegmatische portugiesische Publikum in hochgradiger Begeisterung sehen will, der"muß einem der portn- giesischen Stiergefechte beiwohnen, die grundverschieden sind von den blutigen Quälereien der spanischen Volksbelustigungen. Die edlen Vollblutpferde sind so gut dressiert, daß sie sich nie von einem Stier erwischen lassen; auch werden die Stiere nicht getötet, sondern nur mit harmlosen Spießen geärgert. Besonders darauf aufmerksam gemacht, wären wir früh zur Stelle, um die Begrüßung des Publikums durch die Kämpfer zn sehen und wir waren überrascht von der .Grazie und Eleganz, die hier an. den Tag gelegt wurde.
Eine Eisenbahnfahrt von etwa 4 Stunden brachte uns nach der Station Payalvo, von der 8 Kilometer entfernt, in einem der fruchtbarsten Distrikte des alten Lusitanien, das Städtchen Thom ar liegt. Durch hier stattgehabte Ausgrabungeu will man deutliche Spuren der alten phönizischen und griechischen Seefahrer festgestellt haben; römische Kultur läßt sich jedenfalls nachweisen. Von hohem Interesse waren uns die zinnengekrönten Bauten der alten Templer und die Burg der Christusritter, die die Templer in der Bekämpfung des Islam ablösten. Die Christus- kirche von Thvmar ist wohl das eigenartigste Bauwerk manueltuischen Stils, dem gerolltes Schiffssegel und verschlungenes, geknotetes Tauwerk als Motiv dient und das gerade hier in feinsinnigster Weise durchgeführt würde.
Am 3. Tage fuhren wir über Payalvo nach Coimbra, wo wir im Hotel Avenida, ganz gut aufgehoben waren. Ter alten, wohl ehrwürdigsten Kulturstätte Portugals, die Universitätsstadt und Bischofssitz ist, widmeten wir besondere Aufmerksamkeit. Die Landschaft ist von einer Weichheit der Töne wie selten in der Welt. Olivenwälder, Weingärten, Weiden und Erlen, Apfetsinenhaine und Jahrhunderte alte Zedern bilden den Bodenbestand der ganzen Gegend, das Klima ist sanft nnd mild, die Hellen Mondnächte sind märchenhaft schön, nnd wir lauschten den Heimatliedern der Stndenlcn, die in leidenschaftlichen Worten und Tönen die Schönheit der heimatlichen Natur priesen.
Noch schöner fast erschien uns Bussaco, das wir nach dreiviertelstündiger Wagenfahrt von Pampilhosa gegen Abend des 3. Tages erreichten. Nie wieder ist uns ein Waldgebiet von solcher Urwüchsigkeit und Pracht vor Augen gekommen. Barfüßermönche haben hier durch sorgfältigste Pflege des Waldes, durch Neuanpflanznug von Eichen, Zedern unb Palmen und durch kunstvolle Bauten die größte -Sehenswürdigkeit Portugals geschaffen. Mitten in dieser Herrlichkeit liegt an der Stelle des alten Klosters das Wald- >Hotel (Hotel da Matta), ein Palastbau im mannelinischen Stil. Von dem höchsten Punkte Bussacos, dem Cruz Alta, schweifte unser Auge von der Serra da Estrella über Ortschaften nnd Flüsse, Heide und Wald, Berg nnd Tal, Wiesen uud Ackerland, über .hie nach der Küste abfallende Ebene und das in der Ferne glitzernde Meer. Tie Schönheit Bussacos fesselte uns derartig, daß wir diesem seltenen Erdenfleckchen den vollen 4. Tag und die Hälfte des 5. gerne widmeten und mit dem Bewußtsein nach OPorto kamen, daß wir das Paradies Portugals gesehen hatten. Oporto selbst nimmt eine bevorzugte geographische Lage ein, zeigt ein reich pulsierendes Leben nnd das sympathische Gepräge einer emsigen Arbeits- und Handelsstadt. Dem neugegründeten Dentschcn Verein in der Rua do Breyner brachten svir treudeutschen Brudergruß und erholten nns in dein schattigen Garten von den Anstrengungen unserer StadtbeZchligungen. lieber Coimbra itnb Alsar.llos bc- snchten wir bas überaus anmutig gelegene Lanbstädtchen Lciria, bas außer den malerischen Ruinen einer Mauren- bnrg keine Sehenswürdigkeiten aufzuweisen hat, das aber als Zentrum für eine Reihe wunderschöner Ansflüge empfohlen werden kann. Nicht weit von Leiria beginnt der sehr große Kgl. Pinienforst mit seinen Prachtexemplaren, von alten Stranbktefern, der znm Schutze der Landschaft gegen den verheerenden Flugsand angelegt wurde.
Nach einer äußerst abwechselungsreichen Wagenfahrt von Leiria aus durch die üppigste fruchtbarste Landschaft, erreichten wir ernt 9. Tage die Abtei Bat al ha, die „Schlachten-Abtei", .die zur Erinnerung an die Befreiung Portugals von den Spaniern gestiftet wurde. Tie Bauwerke sind die interessantesten nnd reichsten nicht nur Portugals, sondern der ganzen Halbinsel nnd iverden höchstens von der Alhambra übertroffen. Etwas so Wunderbares! von Baukunst, eine solche Reichhaltigkeit der Einzelheiten iit der Ausführung, hatten wir, obwohl viel gereist, noch nie erschaut.
Von Leiria aus gedachten wir mit der Fahrt nach! Batalha den Besuch von Alcobaea zu verbinden; doch änderten wir unseren Plan, nm die ermüdende, weitere 10 Kilometer umfassende Wagen fahrt zu sparen, und übernachteten in Leiria im Hotel Liz, um am anderen Morgen den ersten Zug nach Ma.fr« zu benutzen. Von der Station Ballado aus besuchten wir nun das nur 5 Kilometer entfernte Alcobaya mit seiner weltberühmten Cisterzicnscr- Abt'ei. In Cal das da Rein ha unterbrachen wir abermals unsere Fahrt, nm diesem niedlichen Städtchen und seinen heilkräftigen Schwefelbädern einen Besuch abzu- statteu. So war es beim Abend, als wir unser Reiseziel Mafra erreichten. Das Kloster und seine Kirche, die wir am anderen Morgen'besichtigten, sollen, wie uns versichert wurde, 80 Millionen Mark an Baukosten, verschlungen haben. Bei der Innenausstattung des Gotteshauses ist mit dem kostbarsten Marmor wahrlich nicht gespart worden. Jeder der beiden Glockentürme trägt 57 Glocken, von denen die schwersten 12 000 Kilogramm wiegen. Die kostbaren Glockenspiele, die von entzückendem Wohllaut sein sollen, konnten wir leider nicht zn Gehör bekommen, da sie nur Sonntags in Bewegung gesetzt werden.
Cintra, eine alte römische Gründung, der unvermeidliche Ausflugsort aller Lissabon besuchenden Fremden,


