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hn ihr aus. Bald war er brutal und roh gegen sie; bald umarmte er das Mädchen mit stürmischer Zärtlichkeit. So trieb er das unglückliche Kind in seiner Unrast hin und her, daß es nicht aus und ein wußte.
Eines Tages klopfte Schane Sönksen auf Spätiughof NN. Sie kam durch die Hintertür in die Küche und steckte erst vorsichtig ihren grauen Kopf durch die Tür. Als sie sah, daß Tine allein war, trat sie näher.
Scheu und verlegen trat Tine ihr entgegen; dann trocknete sie rasch die Hände in der groben, blauen Schürze und nötigte die Alte lebhaft, sich zu setzen.
„Komm herein, Rasche," sagte sie, „wärm' dir die Füße am Herd; ich will dir den Kaffee heiß machen."
Sie stellte die braune, tönerne Kanne in die Torfglut und lief geschäftig hin und her.
Schaue setzte sich auf den Torfkasteu, der in der Ecke neben dein Herd stand; ihren Korb stellte sie neben sich.
„Das ist lange her, daß ich hier gewesen bin", meinte sie. „Teilte Mutter sagte, ich sollte doch mal mit vorgehen und sehen,' was du machst; du bist sechs Wochen, laug nicht zu Hause gewesen."
„Ich konnte nicht fort", erwiderte Tine „Mamsell ist krank." Sie stand am Haudstein über das Abwaschfaß ge- Lettgt; so war ihr Gesicht im Schatten, und Schane sah nicht die dunkle Röte, die einen Augenblick darüber zog.
„Ja, ich hörte schon so was im Torfe", stimmte Schane bei. „Ist es denn schlimm?"
„Sehr schlimm", sagte Tine. „Sie kann leicht dieser Tage schon sterben."
„O jemine! Na, dann wird es hier aber bald anders 'aussehen."
„Was meinst du?" fragte Tine. Ein plötzlicher Schreck durchfuhr wie ein Blitzstrahl ihr Herz.
„Na," entgegnete die Alte, „einer von den Jungen kriegt doch den Hof. Dann kommt doch bald 'ne junge Frau hier herein; das ist doch klar!"
„Eine junge Frau?" Tines Wangen wurden glühend rot und wieder tiefbleich.
„Tu hast wohl viel zu tun, mein Deern?" fragte Schane. „Siehst man mäßig aus."
„Ja, das kommt von der vielen Arbeit," versetzte Tine etwas stockend. „Sag man zu Muttern, fürs erste könnte ich nicht daran denken, nach Hause zu gehen: es steht hier zu schlecht. . . . Nun trink man Kaffee, hier ist auch Rahm, und nachher legst du mir die Karten, nicht wahr, Schane?"
Schane Sönksen nickte. Bedächtig schlürfte sie den heißen Kaffee und aß das mit Fett bestrichene grobe Schwarzbrot. Tie Rinde weichte sie in dem Kaffee auf und aß sie zuletzt; denn ihre Zähne waren schlecht. Tine wusch derweilen die Schüsseln ab.
Als Schane ihren Kaffee getrunken hatte, holte sie die Karten aus der Tasche hervor, und Tine lehnte sich über den Herd und sah ihr zu.
Schane setzte sich breit hin, die Knie weit auseinander, und legte die Karten auf ihren Schoß. Lange betrachtete sie die bunten Bilder, nahm sie dann nochmals aus und mischte sie von neuem. Tine hob ab. „Diesmal gilt es," sagte die Alte und sah Tine fest an, „hab deine Gedanken bei der Sache, Deern." Tine stand mit vorgebeugtem Oberkörper. Ihre Augen hingen an Schönes Zügen, als berge dies alte, runzlige Gesicht alle Rätsel der Welt, als müsse sie alles daraus lesen, was ihr verhüllt und dunkel war.
Tie Zweige des Lindenbaumes draußen bewegten sich im Winde und warfen wechselnde Schatten in die Küche. Unter dem Dreibein des Herdes loderten die Flammen des Torffeuers empor und warfen ihren hellen Glutfchein da- zwischen. Licht und Schatten spielten miteinander.
Wie die Alte so dasaß über die Karten gebeugt und ihr graues Haupt mit den ernsten Augen hob, sah sie gespenstisch und doch feierlich aus. Wenn sie jetzt gesagt hätte: Tine Klasen, dn wirst in dieser Minute sterben, so wäre diese sicher zur Erde gesunken: so stark war der Glaube des Mädchens an das Uebernatürliche. Es befand sich ganz in dem Bann dieser dunklen Stunde.
Als Schane jetzt sprach, hielt Tine den Atem an; sie sog jedes. Wort in sich auf.
„Mein Deern," sagte die Alte mit tiefer, rauher Stimme. „Der dich will, den willst Lu nicht; und den du willst, der will dich nicht; aber Len du nicht willst und der dich nicht will, den heiratest Lu."
„Gott bewahre!" entfuhr cs Tines Mund; sie war totenbleich geworden und stützte sich auf Len Herdrand.
„Ja," fuhr Schane fort, „es steht noch mehr drin, die Karten lagen noch nie so klar als heute. "
Tine hatte sich niedergehockt; sie kniete fast. „Sag mir alles, sag mir alles!" flehte sie.
Zögernd fuhr Schane fort: „Ten du heiratest, gen behältst du nicht."
Sie packte die Karten zusammen. „Ja, meine Deern," sagte sie, „das Leben ist wunderlich. Hast du noch 'nen Schluck Kaffee? Mir ist die Zunge trocken geworden. Sieh' mal zu, daß du bald mal rüber kommst nach Ramstedt."
Um Tines Mund zuckte und vibrierte es. „Grüß Mutter — ja — adjüs. Nasche." Mehr brachte sie nicht heraus. Sie wollte noch fragen: Was macht Niels? Aber sie kam nicht dazu. Sie war noch verwirrt und versteinert, als die Alte schon längst mit ihrem Korbe über den Hofplatz ging.
Tas Torffeuer auf denk Herde flammte nicht mehr; es war eine milde rote Glut. In die rote Glut starrte das Mädchen mit ihren Frageaugen, um ihren süßen kleinen Mund zuckte bitteres Weh. Sie rang die Hände ineinander. „Ich muß mit Jak reden," sprach sie zu sich, „ich muß ihm sagen — o mein Gott, wie sage ich es ihm!".
Tie Hoftür klappte. Der, an den sie dachte, trat von hinten herein ins Haus. Er kam in die Küche, um seinen Kaffee zu trinken. Er trank ihn hastig, im Stehen. Er war in schlechter Stimmung. Aengstlich sah Tine ihm zu.
„Es wird verdammt kalt draußen," sagte er finster, „Niklas Bauer hat schon seine .Mhe hereiugenommen."
„Jak," bat Tine mit weicher Stimme, „ich möchte dir was sagen." Sie war dicht an ihn herangetreten, aber sie wagte es nicht, ihn zu berühren.
„Ach was! Laß mich tit Ruh!" entgegnete er grob. „Ich habe andere Tinge im Kopf als Weiberschuak. Wo ist Jan?"
„Er kommt heute abend erst später; bei Klas Nissen ist ein Pferd krank."
„Hm. — Dösige Deern, was weinst?" Er fuhr sie an, daß sie erschrocken die aufquellenden Tränen verschluckte.
Ohne sie noch einmal anzusehen, ging Jak nach vorn; Tine aber nahm still Tracht und Eimer und ging zum Melken. 1
Jak trat ins Wohnzimmer. In der Nähe des Bettes machte er sich zit schaffen. Ein lauernder Blick schoß zit der Kranken hinüber. Seine Gedanken arbeiteten mit fieberhafter Schnelligkeit. „Es ist Seit! Die J3eit ist da! — Es ist die höchste Zeit!" So raunte die Stimme der Gedanken.
Unsicheren Schrittes trat er ans Bett.
„Jan kommt heute erst spät nach Hause; ich will dir man die Medizin zurechtmachen."
Als er nur ein unverständliches Knurren als Antwort erhielt, trat er an die Schatulle. Er kramte herum, zählte bei dein unsicheren Scheine der Dämmerung die Tropfen ab, schüttete aus einer der Tüten weißes Pulver hinzu und goß Wasser darauf, bis der Tassenkopf ungefähr voll war. Im Gehen rührte er das Gemisch um und reichte es. der Alten mit zitternder Hand.
„Trink!" gebot er mit heiserer Stimme.
Tie Alte nahm den Tassenkopf und führte ihn 'umständlich zum Munde; Jak drehte sich um. Er sah zum Fenster hinaus, und erst als sie die Kasse klirrend auf den Holzstuhl stellte, drehte er sich tiefatmend um.
Er begann int Zimmer auf und ab zu gehen, und jedesmal, wenn er in die Nähe des Bettes kam, streifte ein rascher, verstohlener Blick die Liegende. Zum Fenster blickte der Mond herein; es fing an 51t dämmern.
„Wie ist das Wetter?" fragte die Alte mit fast unverständlicher Stimme.
„Es hält sich," sagte Jak. Bor den Mond zogen dunkle Schatten.
„Steck doch die Lampe au," hüstelte die Kranke.
Schweigend zündete Jak die Lampe an. Als er die! Tanke jetzt ansah, kam sie ihm entsetzlich bleich vor. ttn- heimlich erschienen ihm ihre Augen. Er hielt es nicht länger im Zimmer aus. Ohne sich noch einmal umzu- fehen, ging er hinaus.
(Fortsetzung folgt.)


