Nr. 62
1909
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Spätinghof.
Roman von K. v. d- Eidev,
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Am Nachmittag ging Tine nach Husum und holte die Medizin. Die Kranke meigerte sich hartnäckig, etwas davon einzunehmen; erst als Jak mit drohender Miene ans Bett trat, erklärte sie sich bereit.
„Aber eingeben lass ich mir's nicht", sagte sie. „Ich bin doch kein Kind! Rührt mir das zurecht in einem Tassenkopf und stellt mir's vor das Bett, dann nehm' ich es nachher."
So geschah es. Jan mischte die Tropfen mit Wasser und Zucker und stellte den Tassenkops auf den Holzstuhl vor dem Bette. Niemand ahnte, als das Gefäß eine Weile danach geleert war, daß die Alte den Inhalt einfach in ihr Nachtgeschirr gegossen hatte.
„Wie werd' ich denn solchen dösigen Kram herunterschlucken", sagte sie bei sich. „Das ist alles dummes Zeug, was die Doktoren verschreiben. Ich glaube nicht daran, und darum nehme ich es nicht ein. Dem Doktor zum Trotz nehme ich es nicht."
Als Dr. Michelsen am nächsten Tage wiederkam, fand er die Patientin schlechter als zuvor. Ein boshaftes Lächeln umspielte ihre Lippen, als er nochmals empfahl, ja pünkt- lich einzunehmen.
Draußen wehte der Herbstwind über die Fennen. Ab und zu kam ein Regenschauer, und dazwischen schien die Sonne. Jak sah beständig nach dem Wetter aus, bald lugte er durch das Dielenfenster, bald stand er in der Stalltür, oder er stieg hinauf zum Boden und sah aus der Luke. Er sah eine Weile auf die wandernden Wolken, er erblickte auch die weißen Wolken am Horizont; aber sie lockten ihn nicht.
Finsteren Antlitzes stieg er die Treppe hinunter, und wenn er dann ins Wohnzimmer trat, flog ein haßerfüllter Blick in die Ecke, wo die Türen des eingemauerten Bettes geöffnet standen.
Am Donnerstag fuhren Jan und Tine mit der Mutter zum Husumer Wocheumarkt.
Jak ließ in der letzten Zeit den Bruder öfters fahren, um den Leuten nicht unnütz Grund zum Gerede zu gebeu, und Jan war es ganz lieb/
Während Tine auf dem Markt hinter ihrem Körbe stand rind die Butter verkaufte, machte Jan in der Stadt die notwendigen Einkäufe. Er fuhr beim Reifenschläger vor und beim Nagelschmied, dann ging er zum Krämer und von hier zum Apotheker, wo er ein Päckchen Arsenik kaufte.
„Das ist Rattenpulver!" sagte er zu Tine, die alles in ihren leeren Buttcrkorb packte.
Zu Hause angekoinmen, gab Tine die Tüte an Jak. „Das ist Rattcnpnlver", sagte sie. „Wo soll das hin?"
„Leg es man in die Schatulle", sagte Jak. „DeL Schlüssel steckt drin."
Tine legte die Tüte in eine Ecke der Schatulle. Hier lag noch eine Tüte mit Zucker und eine mit Tee; denn mit diesen Sachen, die ihr als Luxus erschienen, ging Mamsell sehr sparsam um. Daneben stand ein henkelloser Tassenkopf mit Kleingeld, eine halbgeleerte Rumflasche, ein paar wacklige Groggläser und einige leere Medizinflaschen. Tintz schloß'die Tür der Schatulle.
„Ich hab' es in die Ecke gelegt."
Jak nickte. Er sah auf die Kranke. „Hast du all deine Medizin eingenommen?" fragte er.
„Ja, laß mich zufrieden!" —
Ein Tag verging wie der andere. Vierzehn Tage lag Mamsell schon im Bette. Draußen wurde es kälter, herbstlicher, der Wind fing au, int Schorustein zu heulen; aber mitunter schien doch eine halbe Stunde laug die Gönne;
Mamsell spürte die Kälte nicht, sie sah nur die Sonne. „Solange es noch schön ist, bleiben die Kühe noch draußen", ordnete sie an. „Sie fressen uns itoch Heu genug weg/'
Blaß und hohläugig, bis zum Skelett abgemagert, lag sie im Bette.
Der Doktor machte jeden Tag eine ernstere Miette. - „Die Medizin scheint mir nicht mehr bei ihr anzuschlagen", meinte er. „Es geht zu Ende."
„Na, ein paar Wochen wird sie wohl noch hinsiechen", entgegnete Jak mit gleichgültiger Miene und einem heimlich lauernden Seitenblick.
Der Arzt zuckte die Achsel. „So lange wohl kaum; aber freilich, zäh ist sie."
Jak zitterte innerlich vor Witt. Er biß die Zähne zusammen. Warum tat das elende halbtote Weib ihm nicht den Gefallen und starb, jetzt, heute oder tnorgen. Ein paar Tage früher oder später, was kam es darauf an? Sterben mußte sie ja doch.
Sollte er deswegen sein Leben lang ein Knecht bleiben, weil die Alte ein paar Tage länger ihr trostloses Dasein fristete? War das Sterben für sie nicht eine Wohltat?
So haderte Jak mit dem Geschick, das über ihm schwebte, und er beobachtete dabei den Zug der blauschwarzen Wolke, die sich am Himmel erhob, die Unwetter und Schnee bringen konnte.
Im Dorfe hatte man davon erfahren, daß Mamsell ihrem Ende entgegengehe. Neugierig wartete man darauf, wem wohl der Höf zufallen würde. Die Meinungen und Sympathien waren geteilt; für die aber, welche dem Tode entgecfenging, hatte niemand ein Wort des Mitgefühls.
Lehmbecksche fragte jeden Morgen, wenn sie ihre Milch holte, Tine, wie es mit der Altschen stände, und jeden Morgen antwortete Tine, während sie die Milch einmaß: „Es geht."
Tine war in diesen Tagen noch stiller als sonst. Ihre Augen blickten noch banger und fragender. Jak war launenhafter als je zu ihr. All seine innere Unruhe ließ er


