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Gegenwart und das Kommende. „Messina ist tot! Es lebe Messina!" Jetzt denkt man nur daran, wie es möglich sei, nicht nur das von den Ruinen verschüttete Eigentum wiederzuerlangen, sondern auch möglichst viel Vorteil von den von allen Ländern eingehenden Unterstützungsgeldern zu .erhalten. Schon erscheinen in den Blättern große Zuschriften, die vor den Aasgeiern der Charitas warnen. Mie Regierung in Ronr imb alle Staatsbehörden werden in flammendsten Phrasen aufgefordert, dafür zu sorgen, daß die Gaben der Liebe nicht in den Taschen von Gaunern yudigten, so hochgestellt diese auch sein mögen. Ein hiesiger Professor A. Cesareo geht sogar noch weiter — er — kmb das ist recht sizilianisch! — hegt sogar Verdacht gegen die eigene Regierung imb insinuiert in einem Leitartikel, daß diese auf Kosten der Toten in Messina Geschäfte machen wolle. Er insinuiert dabei, daß die Regierung drei Mo- inaie warten und alte diejenigen, die sich bis dahin nicht «ls lebend dokumentiert Haven, für tot und ihr Eigentum, .falls die Erben nicht Urkunden einbrächten, als Staatsbesitz Deklarieren wolle. Solches Mißtrauen ist nur in Sizilien And Süditalien überhaupt denkbar, aber es wäre in Deutsch- lcmd unerhört. Jedoch südlich von Florenz ist es bekanntlich Gewohnheitsrecht und Klugheitsgebot, ja rühmliche Lugend, den Fiskus übers Ohr zu hauen. Derjenige, der Reüssiert, wird bei seinen Mitbürgern ein Held, der das .Schlanheitspatent hat. Man zieht den Hut vor ihm und Respektiert ihn. Da ist es also nur zu erklärlich, daß alle jSüdtt-liener die Regierung, die doch ans menschlich sühlen- 6en Leuten besteht, nach dem eigenen Standard einschätzt!
Ich empfehle die Taste, die ich eben auschlug, allen Juristen und Romanschriftstellern. Die ersteren mögen über Las neue Leben nachdenken, welches aus den Ruinen erblühen wird, nämlich das Leben der Erbschaftsprozesse, Wechselprozesse, Bankervttprozesse; die Romanciers aber brauchen sich nicht viel anzustrengen, der Zivilstand, d. h. das Standesamtsregister ist vernichtet, folglich? — welche Verwechslungen sind uröglich, wie viele, die unbequemen Pflichten entgehen wolle-, werden vorgeben, tot zu sein, »lin unter anderem Namen ein fröhlicheres freieres Leben hu führen. . Jeder muß es ihnen glauben, wenn sie später sagen: „Meine Papiere liegen im Schutt von Messina!" . . .
Die Minister beschäftigen sich indessen mit dem Problem: ÄNfgebaut werden, oder nicht? Die Meerenge ist von strategischer Wichtigkeit, an der Erhaltung der Forts haben alle Mittelmeermächte ein Interesse. Aber das große Aber? Der Arbeitsminister Bertolini, der Tage lang im Erd- debengebiet gewellt hat, erklärt, es sei leichter, eine neue Stadt zu bauen, als eine alte wieder aufzurichten. Dazu kommt die schwere Erwägung, in welcher Form die Stadt wieder aufgebaut lverden soll, da das Hafengebiet zu sinken droht und die hohen Mietskasernen bewiesen haben, daß sie zunächst daran glauben müssen. Soll also eine Stadt von Pavillons und einstöckigen Zementhäusern errichtet werden? Einstweilen hat man den Bau von Baracken äuge- ordnet, mehrere Dampfer mit Holz- und anderem Baumaterial find schon nach Messina abgegangen, aber die Herren am grünen Tisch in Rom sind noch nicht darüber einig, welcher Typ von Baracken angewendet werden soll. O heilige Bureaukratie!
\ Run aber sind viele Stimmen laut geivorden, die gegen den Wiederanfbau von Messina sprechen. Was geschah? Man muß schon die Geschichte der französischen Revolution von 1789 im Kopfe haben, um eine ähnliche generativ spontanen von Wohlfahrtskomitees sich vorstellen zu können — sofort versammelten sich die in Messina anwesenden Ab- georbnete.1t und protestierten im Namen ihrer Wähler, die zum Teil nicht mehr existieren. Zugleich vereinigten sich E, 17 überlebenden Provinzialabgeordneten der Provinz Messina in einem Eisenbahnwagen und hielten eine Land- Mvl.chung, in der sie nicht nur den Wiederaufbau von Mestma verlangten, sondern auch energisch den Oöerkom- mandanten General Mazza aufforderten, abzudanken, da rynen ach Landesvertretern die höchste Militär- und Zivil-
-Ressina zu stehe! Risum teneatis amici. Ein spöttischer Redakteur bemerkt dazu: „Man sieht, die Herren I ftttben Appetit auf öffentliche Gelder!" Mir scheint, die- selben Herren müssen auch Artikel in hiesigen Zeitungen inspiriert haben, wogegen die Säbelherrschaft in Messina protestiert und die Regierung eine „Geißel Gottes" ae- nannt wird, die mehr Schaden anrichte, als das Erd-
। Was bedeuten gegen diese Proviuzialabgeordneien die armen notleidenden und hungernden Bauern der Umgegend von Messina. „Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles!" Am 28. Dezember haben sie geplündert, weil der Winter hart war und sie nichts verdient hatten, jetzt kommen sie in Scharen, weil sie gehört haben, daß die Regierung in Messina Lebensmittel verteilt. General Mazza hat so- gar einen Tag die Verteilung der Spenden inhibieren müssen, weil statt der sonst üblichen 20 000 Rationen plötzlich 50 000 verlangt wurden. . . „A la guerre, comme a la guerre!" Schlimmer ist aber das Camorragesindel .von Neapel. ES nähert sich den Vertriebenen, die im Hafen landen, spielt den Wohltäter und sucht junge Mädchen ab- zufangen. Das Unwesen ist schon so groß geworden, daß der Ministerpräsident an alle Hafenbehörden einen scharfen likas erließ.
sind was geschieht mit den Flüchtlingen? Catania, Siracusa, Palermo, Neapel sind überfüllt. Die Polizei ! schiebt natürlich ab, was sie mir kann, aber immer neue Scharen kommen an, darunter auch „falsche Messinesen", imd was tun? Aus Gründen der öffentlichen Sicherheit sucht jeder Präfekt neuen Zuzug zu vermeiden: denn die Vertriebenen werden in einigen Tagen ein Element der Unzufriedenheit, der Gährung darstellen, sind so fehlt es nicht au Ausruhrszenen. Der Eisenbahndienst ist miserabel, sim ihn nicht noch elender zu machen, ward die Verfügung getroffen, daß die gratis reisenden Messinesen und Cala- brier nur ein Recht auf Personenzüge haben.
In Messina ist mittlerweile die Bestattung der Leichen organisiert. Bon der ursprünglich beabsichtigten Verbrennung hat inan abgesehen. Man macht Mafsengruben für hundert bis hundertundzwaiizig Leichen, überschüttet sie mit Kalk, und lvenn der Hügel Erde darüber aufgeschichtet ist, schreibt ein Offizier auf ein Stück Pappendeckel, das. an einem Stock befestigt ist, einfach die Zahl der Toten. Das ist die ganze Zeremonie. Freilich die Gesetze der Konvention hören bei solcher Katastrophe auf. Sentimentalität gibts nicht mehr.
Der Oberkommandant hat anscheinend keine Hoffnung mehr, daß noch Lebendige unter dem Schutt vorhanden sind, die Äerzte aber, die mit ihm in Fehde liegen, weil er mir soldatisch, denkt, sind anderer Meinung, sie verweisen auf das Beispiel von Casamieoicle, wo man noch nach 15 Tagen lebende Opfer des Erdbebens ausgegraben habe. Mer der Herr Generalissimus scheint Eile zu haben; denn die Erdbebenstöße dauern fort, und die Hafenstadt sinkt stetig als Folge der Erdbebenverwüstung. Dazu hat Pater Alfani vom Observatorium in Florenz vorausgesagt, daß man für die nächsten drei Jahre noch weitere Erdbebenkatastrophen in Calabrien und Sizilien zu erwarten habe . . .
Von Caläbrien laufen immer noch trostlose Nachrichten ein. Die amtliche Telegraphenagentur meldete, der Bahn- dienst mit Reggio Calabria sei wieder eingerichtet. Das ist alles schön, gut und wohl. Wer werfen wir einen Blick auf die Karte. Wer heute mit der Bahn nach Reggio will, muh bis S. Eufemia fahren, das völlig zerstört ist; vou dort führt eine Querbahn vom jonischen Meer nach Catanzaro Marittima, und dort trifft sie die berüchtigte Schneckenbahn, die von Metaponto aus nach Reggio schleicht. Aber erstens muß mau auf dieser Strecke noch umsteigen, da auch, sie auf 200 Meter Lauge zerstört ist und zweitens führt die Bahn nur bis 10 Kilometer südlich von Reggio nach Lazzaro, das ebenfalls ganz verwüstet ist. Die westliche Bahn Neapel—Reggio endet 40 Kilometer von Reggio in Baguara. Zwischen Bagnara und Reggio aber, also aus einer Strecke, die man nur mehr zu Fuß passieren kann, liegen aber die am meisten betroffenen Ortschaften. Man kann sich also vorstellen, wie der Hülssdienst unter sothcmen Umständen aussieht. . .
Unser Florentiner Mitarbeiter schreibt uns noch über die zerstörten Knustschätze: Wohl noch mehr als die übrige zivilisierte Welt stehen wir Gaste des schönen Landes, die wir durch menschliche Beziehungen inniger mit seinen Bewohnern verbunden sind, unter dem niederschmetternden Eindruck des ungeheueren Schlages, der Sizilien und Ca- labrien getroffen hat. Neben dem Verlust an Menschenleben und dem noch gar nicht zu ermessenden Schaden auf wirtschaftlichem Gebiet ist es der Untergang kostbarer alter Kunstwerke und Baudenkinäler, den wir beklagen.
Bor allem schmerzlich ist die Zerstörung'des Doms,


