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Nach dem Erdbeben.
Zustande und Lehren des Unglücks.
III.
Immer unglaublichere Berichte bringen uns Augenzeugen in das Hotel des Palmes. Noch findet man nr Messina unter den Trümmern lebende Menschen. Frentch sind sie meist oom Starrkrampf befallen oder wahn sinnig. Nm das Maß des Schreckens voll zu machen, ist auch ces Kirchhof, der schon halb zerstört war, ganz vernichtet worden: denn die Erdstöße, die sich unausgesetzt erneuern, liefen die letzten Mauern einstürzen. Wer weiß, mit welches abergläubischen Verehrung die Italiener an ihrem Eampa Santo hängen, kann sich vorstellen, wie dieses neueste Menq Tekel auf die Neberlebenden in Messina gewirkt hat. Und die Messinesen waren besonders eitel auf ihren schonen Friedhof. Jetzt scheint ihnen ihre Stadt noch grauenhafter. Mau vergleicht sie mit entern Riesenschlachtfeld, neun einer Schlachtbank, soviel Leichen waren in den letzten Tagen noch umhergestreut, oder — yorribile dictu — ausgestapelt. Und, wenn das Klitermnl der höchsten Mnv- iärkonunMidanten, die jetzt während des Belagerlingszu- standes allein zu befehlen haben, die Oberhand behalt^ ?o ivird Messina auch die Stadt der Toten bleiben; dem« es sollen alle Bürger, Privatpersonen usw. ausgewiesen werden, und itur die Soldaten, Totengräber und Äerzts zurückbleiben. Aber chi lo sa? Befehle sind Heuer w Messina wohlfeil, wie Brombeeren; denn sie lverden jeden Augenblick geändert.
Was einen sehr unangenehmen Eindruck macht, ist, vag die Freude am Leben sich bei den Geretteten — und unbeteiligten Zuschauern — jetzt doppelt zu regen beginnt. Unsere Zeit ist schnellebig, iirtb jetzt denkt man nur an »te
das Eis war lwch ganz fest, wenn auch grMe LaDtt von gr- sckmvlzeuem Schnee darauf standen, lind es waren so viele, die noch von drüben herüber mußten. <20 taten denn noch immer einzelne Kühne hinüber, obwohl am Aufgang nach dem Ufer eine löbliche gestrenge Polizei auf- und ab wandel le, um die Ankommenden auf das Verbot aufmerksam zu machen. Dann versa mm Ute sich mich gleich nm diese Szene ein Schwarm van Neugierigen, um die Etwicklung zu beobachten und jeden etivaigen guten Witz --u belachen. Und es gab ein wahres Hallo, wenn em Routinierter kurzerhand erklärte, dann wieder umzukehren. Denn das durste eine löbliche Polizei natürlich gar nicht erlauben.
Nv also was dann? Ennüiverkomme soll wer uet, zurück gehe soll tuet uet, usf'm Eis stehe bleiive soll mer uet — enusf komme soll mer aach net soll mer ^lteiwti liege? Oddee schwimme? —■ Misse Füß kriege UN a Mordsschnuppe, des tau mer, des is erlaubt?"
Ain Nachmittag wurde es beinahe ein Volksfest, die Mittagszüge brachten Scharen von Fremden, die taten, um _ viel.eicht Sen Eisgang zu sehen. Tie hübschen Bingerinnen spazierten im schönsten Paitz am Ufer auf und ab und kokettierten mit blitzenden Braunaugen und lachenden Lippen. Uild das Warten auf das Ereignis, das doch vielleicht Gefahr bringen konnte, erhöhte den
Hildegard Weingartner hatte Hendrina van Endert mitge- schleppt. Gestern war Beert plötzlich zu ihr gekommen, eilig und möge büch KN tbrnmen, über bic butre
glicht wissen, M6 er sie geholt hcrbe unb ihr gut zur eben.,
Was ihr denn fehle. — Da war. er rot geworden tote ein Mädchen und hatte die Achseln gezuckt. Und Hildegard hatte auch nichts aus Hendrina herausgebracht. Aber sie iah ganz blaß «us und hatte so unruhige Ang. ', und war still ruid wie ab- zvesend. Hildegard hatte sich umsonst bentüht, sie aufzuheiteru. Wls sie augefangen hatte, von Tschortschie zu sprechen, da war Hendrina ganz scheu und unruhig geworden. Und sia)er hatte der Wieder waS angestellt, — so machte er's immer, und als er letztes Jahr ihrer Freundin Eva so arg die Cour machte, daß die Wit Tag dachte, er würde sich mit ihr verlobeii, — da —
Hildegard hatte das nicht gerade in schlechter Absicht erzählt. Sie wollte nur die Hendrina ein bißchen warnen, das; sie sich gar keine zu großen Hoffnungen machte. Aber als sie sah, daß Hendrina erblaßte und kurz und schwer atmete, da war sie still, tote Wunderte sich nur, daß Hendrina so ruhig und blaß blieb, als Georg Werner nun kam und mit ihnen ging. Sonst war sie doch Hann angeglüht wie eine Rose.
Sie gingen zusammen nach der Nah« herunter. Dir war es jetzt menschenleer, die tzieugierigen schwärmten alle am Rgein. Aber man sah durch die niedrigen Fenster der ebenerdigen Wvh- 1 tilgen in ausgeräumte Zimmer. Wahrend sie das Naheuser hinaus- gingen, erzählte Hildegard von den schweren Eisgängen der Rahe. W wurde schon dämmerig. ' , ,
Sie waren weit hinanfgegangen und kamen jetzt an enter hohen Quadermauer vorbei, die fast endlos das Ufer entlang lief, nur unterbrochen durch zwei große eiserne Tore. Welkes Rankenwerk hing von oben herab, dicke Zweige von wildem Wein und Glyzinen. Es war die Umfassungsmauer einer großen TabakSsabrik, die sich so weit erstreckte. Bor ihnen hob sich die Drüsusbrücke aus hem gefrocncn Fluß, dessen Eis fahlgrau und blind erschien.
„Horch," sagte Hildegard, „wie es sich rührt."
Mert stand still und horchte. WirKich ein Knistern, ein leises Knirschen schien die Eisdecke zu durchbeben.
„Horch," sagte Hildegard wieder.
Und wieder knirschte es, diesmal lauter. Und plötzlich quoll aus fast unsichtbaren Rissen und Spalten Wasser hervor late Seine Quetschen, die aus dem Erdinnern kamen.
Hildegard und Beert standen wie gebrannt und sahen auf das Eis, das jetzt etwas lauter knirschte.
„Alleweil fängt's an, alleweil rührt's sich schon," rief Hildegard, „Hendrina, guck doch, 's Eis will gehe."
Die beiden, die ein Stück voraus tvarep, blieben stehen.
Wirklich, es rührte sich Es ging etwas wie ein ganz leises Heben, wie eine zitternde Welle durch das Eis. Und jetzt noch einmal. Dann gab es einen Laut, wie wenn ein schwerer Stein einen Abhang hinab kollert und ansschtügt.
„Mir wolle gehe," sagte Hildegard. „Es könnt doch uss einmal losgehe! Des kommt so schnell, int HaildrtmdrrHe is es do."
Georg Werner lachte leichtherzig. „So schnell geht das doch wohl nicht, Fräulein Hildegard. Ich gehe noch aufs andere User Hinüber, heute abend spät noch."
Hildegard sah ihn spöttisch an. „Das werde Se wohl dleiwe Losse! Ä große Mund hawwe Se, aber eniiwergehe, des tue Se
uet, und des Ware aach unsere Herrgott versucht itn mit seilst Lewe gespielt."
Der junge Mensch lachte wieder: „Was liegt daran?
Hildegard zuckte die Achseln. „No, wenn nix daran Zieht! Wenn Ihr Lewe niemand was wert is! Awwer Sie hawwe jo aach viel W viel Angscht. Ult das is ja sündhaft Gered'. Besser is es, Hääm ze gehe!"
In Georg Werners Augen kam ein böses Funkeln.
„Und ich gehe doch hinüber."
Ein starkes Krachen wie ein Schuß, der kracht und Nachhalls kam aus dem Eise,
Er lachte noch einmal sein übermütigstes Lachen.
„Heere Se’»! Komme Se schnell! Komm', Hendrina! Des wär ä beeser Streich, Herr Tschortschie." ....
„Wollen Sie's sehen, Fräulein van Endert?"
Hendrina war totenblaß geworden. „Wie können Sie, wie
Milieu Sie nur." . R
„Ach, Sie haben Angst! Da haben' wer doch ichon ganz anderes fertig gebracht. Mit zehn Sprüngen ist man ja drüben."
Beerts Hand faßte seinen Arm wie ein Schraubstock. „Das 0ta&’ ich wohl," sagte er mit rauher Stimme. „Die wären auch das imstande. Einerlei, wie es denen zumute ist, die das mtsehen. Daran denken Sie wohl nicht."
Er drückte des anderen Arm wie mit Eilenklammern und zeigte auf Hendrina, die mit großen erstarrten Augen mif b sah.
„Mer so lange ich dabei bin, geschieht das nicht. Ja) -- Em lautes Krachen unterbrach ihn, so laut, daß sie alle erschrockene zusammeufuhren. ■ . ,, „
Um Gottes willen, kommt," rief Hildegard erschrocken, „tonuiii schnell." , , , . rr .
„Komm, Hendrina," sagte Beert, den andern koslassend^ „Aengstige Dich nicht, da geht keiner mehr rüber."
Der Ameritaer stand einen Augenblick tückisch da. Dann! wendete er sich mit einem Scherzwort zu Hendrina. Aber es verstarb ihm im Munde. Oben von der Drususbrücke her kam ein lauter' Schrei. Ein Mann sprang auf die Brüstungsmauer inüb warf die Arme hoch: . „
f<gy L. 0 — ho----des Eis---dces Els."
Und während sie unwillkürlich nach der Brücke sahen, schien! diese sich plötzlich zu bewegen, hinein zu gleiten, zu fallen trt das Eis — nciit, das EiS hob sich — hob sich, es wurde lebendig, es füllte die Brückenbogen und nun — die alte Romer- brücke stad sest — aber durch ihre Bogen brachen Rieseuschollen- ein Donnern unb Brüllen, ein Krachen und Knattern, uno das ganze Flußbett wurde von wilden übereinander stürzenden ,w blöclen gefüllt, überfüllt. —
(Fortfetzung folgt.)


