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Eingeschneit.
Eine Weihnachtsgeschichte von Gerhard Walter. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Der Offizier blickte seiner Nachbarin ins Gesicht. Sorglos heiter sah sie in das Gestöber hinein.
„Julie," sagte er und faßte unter der Pelzdecke ihre Hand, „wäre es Ihnen sehr unangenehm, bei uns Weih- nachtabend zu feiern? Ich glaube, ich habe mehr ver- sprochen, als ich halten kann; die Pferde werden nicht mehr fahren können, wenn wir erst; im Pastorat sind. Ich habe es nur nicht so schlimm gedacht, und es wird noch lange nicht besser, wie es scheint."
„Unangenehm, Oskar? Wenn Ihre Eltern mich landstreifendes Fräulein nicht hinausweisen, daun habe ich mit solchem Festbesuch meine Friedensmission ja schon halb erfüllt!"
„Dann kommen Sie zu uns! Zu Ihrem Onkel bekommen wir wohl auf irgend eine Weise Botschaft gesandt, daß er sich nicht ängstigt um Sie."
„Ach, der ängstigt sich so leicht nicht; wenn die Post nicht kommt, gibt er sich halt zufrieden —"
„Prächtig!" rief der Leutnant; „nun wird's erst rechte Weihnacht! Lassen Sie mir die kleine welche Hand!" Und sie saßen beisammen im Unwetter wie zwei große, einander vertrauende Kinder. Aber sie waren doch keine Kinder mehr. Es waren viele Jahre darüber vergangen!
Nun bog der Schlitten ab in einen engen, Liefen Weg. Es dauerte nicht lange, so hielt Fritz die Pferde an uno zeigte mit der Peitsche voraus.
„Herr, es geht nicht, da kommen wir nicht mehr durch! Der Schnee liegt tiefer, als die Pferde hoch sind!"
„Gut, dann hier durch das Hecktor auf den Acker, wie ich sagte; aber vorsichtig!"
„Das wird schon schief gehen!" murrte Fritz und lenkte die Vorderpferde um.
„Wenn ich nur sehen könnte! Wir kommen vor vier Uhr nicht nach Haufe."
Langsam, Schritt für Schritt ging's weiter über den gepflügten Acker, bald durch Hefen Schnee, bald mit knirschen- vem Schurren über kahl gefegte Stellen; jetzt traten die Vorderpferde in einen ausgefüllten Graben und mußten mit schneller Gewalt zurückgerissen werden; nun arbeitete sich das Gefährt mühsam an einem Heckenwall entlang.
Das Gespräch im Schlitten war verstummt. Auf der Pelzdccke lag hoher Schnee.
„Sind wir bald auf dem Landwege?" fragte der Leutnant.
„Ich weiß nicht! .Wenn ich bloß die drei Eichen auf Brunskappel einen einzigen Augenblick sehen könnte — Himmel noch 'mal, da liegt die Stute!" rief er halb entsetzt, und mut galt's das gestürzte Pferd aufzubringen. —7 Und das kostete wieder viel Zeit.
„Gut, dag ich die Brandenburger Stiefeln anhäbe!" S"te Oskar Holm, als er zu seiner Nachbarin in den litten stieg; „habe aber doch von oben Schnee hineinbekommen! Frieret! <%te nicht?"
Sie lachte ihn vergnügt an, und das stärkte ihm den Wut. Fritz fluchte und wetterte jetzt ganz unverhohlen auf seinem Sattel. Wer das Schneetreiben dauerte darunr doch Unbeirrt fort. Tie Pferde gingen mit fliegenden Flanken weiter auf dem immer beschwerlicheren Wege. Alle Augenblicke ein neues Hindernis. Bald lenkte sie Fritz nach rechts, bald nach links. Plötzlich hielt er nach langer Fahrt kreuz Und quer, an Hecken und Wällen und Gräben entlang, seine Rosse wieder an und rief, mit dem Handrücken den Schnee sich aus den .Augen wischend: „Herr, wir sind irr; ich weiß nicht wohin. Hier siitd wir in den Wiesen von Damlos; da dorn ist Eis; aber ob wir von vorn oder hinten Herein- gekommen sind, das weiß ich nicht! Die Pferde müssen eine Viertelstunde hier hinter der Hecke stehen; das ist die reine Schinderei, solch' Fahren!"
Der Leutnant trat atls dem Schlitten. „Ist recht. Bleib.' hier halten. Ich will sehen, ob ich nicht einen Weg finde," Und er verschwand. Äengstlich saß das junge Mädchen vornübergebeugt da und strengte die klaren Augen an, ihn im Blick zu behalten. Jetzt, da er nicht an ihrer Seite saß, rieselte die Furcht ihr kalt durch die Glieder. Sie blickte Mf die Uhr: halb drei. Drei und eine halbe Stunde waren sie unterwegs — und wußten nicht wo sie rvaren! Und heute am Heiligabend! Es sing schon an, zu dunkeln
— an so Achtlosem Tage. — Wenn die Nacht sie überraschte und nun auch Oskar sich verirrte! — Fritz knallte aus Leibeskräften mrt der Peitsche Win Signal. Oben sauste und brauste es pfeifend in den Lüften. Die scharfen, feinen Kristalle schlugen ihr prickelnd ins Gesicht; aber sie dachte nicht daran, den Baschltck zuzuziehen. — Da tauchte endlich Oskars hohe Gestalt in dunklem Umrisse aus dem Schneewehen auf; Sie stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus und lehnte sich zurück. So war's ja schon in ihrer Jugend gewesen: wenn e r nur dabei war, dann hatte sie sich nicht gefürchtet, wemi die Pferde durchgingen, oder wenn der böse Stier mit den Hörnern wühlte; und wie viele heiße Tränen hatte ihr damals der unselige Zwist gekostet, an dem sie ja eigentlich schuldig war: fte hatte dem Widerstrebenden die verhängnisvolle Kahnfahrt vorgefchlagen und aufgedrungen — dann war der Streit durch die Torheit ihres eigeusiunigeu Onkels zu vollständiger Feindschaft ausgeartet und zum Abbruch aller Beziehungen. —
„Langsam hier an der Hecke entlang, und dann durch das Hecktor links; da führt eine Spur geradeaus auf beinahe schneeloses Land; die muß uns irgendwo zu Menfchen- wohnungen führen. Rur daß es nicht dunkel wird! Wir haben Neumond, und bei d e 111 Wetter wird's rabettfinster ohne einen Strahl, der uns hilft!"
Mühsam ging es weiter. Der Kürassier führte neben ihnen hergehend, die Vorderpserde am Zügel auf der SpuH Da tauchte etwas Langes, Dunkles seitwärts am Wege auf.
„Herr, nun tveiß ich, wo wir sind; das ist die Tanneu- schonung von Kleindünth, und dahinter liegt der Krug zum „Grünen Jäger". Da sind wir schön angekommen! Ganz unmöglich, daß wir noch nach Hause können; wir siitd hier zwei Stunden von Großmoor, und ich finde bei solcher Nacht bett Weg nicht. Der ist im Sommer bei Mondschein schon bös genug. Wir müssen im Krug ausspannen."
Ernst trat der Leutnant an den Schlitten. „Ja, Julis, es ist so; was sagen Sie zu beut Weihnachtsabend? Meine einzige Entschuldigung ist: höhere Gewalt!"
Sie reichte ihm die Hand. „Bei Ihnen bin ich sicher, mein guter Spielkamerad! Nm mich grämen Sie sich nicht) aber was werden Ihre Eltern sagen? Wie wird denen der Heiligabend zunicht! Gibt's keine Möglichkeit, Fritz?" „Nein, Fräulein, ich. äße auch lieber Grünkohl und Schweinskopf heute abend zu Haus, als daß ich hier im Pferdestall schlafe! — Aber dann hilft das nicht! Hüh!"
Mtt zitternden Beinen stand das ausgemattete Gespann vor dem neinen, unansehnlichen Kruge, vor dem der Schnee auch einige Fuß hoch zusammengefegt war. Gelber schwacher Lichtschimmer fiel schon aus den beiden Fenstern der Gask- stnbe durch die schnell einbrechende Dämmeruitg auf den Weg und malte zwei mattleuchtende Kegel aus bett Schnee.
„Ja, wo kommen Sie denn her?" fragte im Heraus- treteu bcr Wirt.
„Schneetreiben — verirrt!" gab der Leutnant zur Antwort; „haben Sie Gäste?"
„Nein, jetzt kommt keiner. Sie können die Gaststube ganz allein für sich und die Dame da haben. Auf Nachtlogis sind !vir aber nicht eingerichtet. Ein trauriger Weihnachtsabend für die Herrschaften. — Weiter können Sie nicht heute nacht!"
Oskar Holm trat an den Schlitten. „Darf ich Sie hinein- tragen, Julie?" bat er mit tiefer Stimme; „Sie können hier nicht gehen! Ich habe Sie früher oft getragen!"
Ohne ein Wort der Erwiderung stand sie auf und legte die Hände um seine Schultern. Mit starken Armen umschlang der kräftige Mann das Mädchen und trug sie über den tiefen Schnee in den Hausflur. Ihr Atem streifte seine Wange; langsam ließ er sic nieder. Sie sah ihn an und nickte ihm nut herzlicher Freundlichkeit zu. So leitete er sie, noch einen Arm um ihre Hüfte, tu die Stube. „Ich glaube, wir feiern hier doch auch Weihnachten," sagte er schnell und leise, „und schöne Weihnachten!"
„Ich glaub's auch!" gab sie mit ehrlichem Ton zurück; „die Sache macht mir jetzt Spaß. Mehr Rourantik läßt sich nicht zusammelibenken, und wir werden wohl manches Jahr an diefen Heiligabend denken!"
(Schluß folgt.)
Vermischtes.
* Ein Lübecker Luxus verbot vo.N 1 7 67. Man schreibt uns: Die behördlichen Verordnungen gegen bett Luxus, die im Mittelalter so zahlreich ergingen und dem Bürger Kleidung


