Ausgabe 
20.12.1909
 
Einzelbild herunterladen

794

den Wangen und wirrem Haar am Spiegel vorüber jagte, kannte sie sich selbst kaum.

Nun stand sie draußen auf dem Korridor, die Kinder üm sie her. ,

Sie kommen doch noch einmal ehe Sie reifen?" bat Fran Elisabeth.Und zu ihrer Frau Mama komme ich in den nächsten Tagen und gratuliere ihr das einzig Vernünftige, was die tun konnte! Nein, ich kann Sie gar nicht begreifen, liebe Nelda, daß Sie uns das nicht gleich im ersten Moment erzählt haben, erst jetzt so hintennach Und nebenbei! So etwas Gutes, solch ein Glück! Sie kommen aber doch wieder von Ihrem Onkel?"

Nelda gab keine Antwort, sie bückte sich zu Fritz; Lylander, der am Türpfosten lehnte, sah, wie sie blaß und dann rot wurde. Ein Schatten glitt über fein Gesicht. Ich begleite Fräulein Dallmer zur Pferdebahn," sagte er kurz und langte nach seiner Mütze.

Mer das ist wirklich gar nicht nötig, Nelda findet besser als du!" Eine kleine Regung von Eifersucht kam nun doch noch zum Vorschein Lei Frau Elisabeth.Ich gehe ja auch immer allein!"

Man nahm Abschied.Komm bald wieder, Tante Nelda," schrieen die Kinder noch über's Treppengeländer nach.Papa, komm du auch bald wieder!" Tas war Fritz, der war immer sehr besorgt um feinen Vater.

O wie glücklich Sie sind!" Nelda sah noch einmal Mm Haus hinaus.So viel Liebes da drinnen!"

Xhlander vermied ihren Blick.

Ja, ich bin zufrieden. Elisabeth ist die beste Haus­frau und Mutter und" er brach ab.Meine hiesige Bureautätigkeit ist mir außerordentlich zusagend und dann meine Kinder!"

Ein weicher Ausdruck verjüngte fein Gesicht.Tie sind meine ganze Freude, meine ganze Hoffnung! Und wenn man eine Hoffnung hat, dann ist man reich; hoffen ist au und für sich schon ein Glück!"

Das ist wahr! Daß ich doch so oft denken muß tote Sie," sagte sie lächelnd.Ich hoffe auch wieder!"

Schweigend gingen sie ein paar Minuten neben einander her. Und nun plötzlich ganz unvermittelt:Sie kommen nicht wieder, Nelda, nie wieder zurück. Ich weiß es!"

Warum warum meinen Sie?" Sie war ordent­lich bestürzt; was sie laut noch nicht ausgesprochen, was in ihrem Innersten zum Entschluß geworden war^das sagte ihr der hier so geradezu?Ich weiß nicht, wie Sie darauf kommen, ich weiß ja selbst noch nicht, ich"

Jch habe den Schatten auf Ihrem Gesicht gesehen, als Elisabeth das Glück Ihrer Mutter pries!"

Aber ich, sagte doch nichts!"

Das war auch gar nicht nötig. Ich sah nicht bloß, ich hörte schon den Schatten in ihrer Stimme,, als Sie Uns die Neuigkeit mitteilten. Es ist Ihnen sehr schwer geworden, sich in den zweiten Vater zu finden. Ich habe Herrn Schmolle gesehen!"

Er ist gut."

Gut, freilich, das glaube ich gern. Aber" er sah ihr mit einem herzlichen Blick voll ins Gesichtstolze Vögel gehören nicht ins Spatzennest. Darum fliegen Sie aus, und wenn Sie auf Ihrer freien Höhe sind, denken Sie nicht daran, zurück zu flattern; es lväre Torheit!"

Wie Sie mich kennen!" Sie ho'o ihm das Gesicht frei entgegen, daß er jede Linie darin studieren konnte. ,Me haben recht, ich möchte nicht wiederkommen. Ja, wenn Mama mich braucht., aber sie hat jetzt alles, was ihr Herz begehrt. Ich bin ihr gar nicht böse. Nein, ich will Mich nicht besser machen als ich bin! Erft war ich empört, ich hätte aufspringen mögen und laut schreien, aber daun" , sie senkte den Ton, er wurde zum andächtigen Flüstern dann dachte ich an meinen Baier. Er würde nicht Mfrieden fein, wenn ich mich lieblos gegen Mama stellte; ich habe es ihm versprochen, ich will gut zu ihr fein. Sie sollen auch nicht glauben, daß es Feigheit von mir ist, zu geben; so lang Mama mich brauchte, hab' ich nie daran gedacht. Ich verlasse überhaupt keinen Menschen, der mich wirklich und wahrhaftig braucht, nein, niemals!"

Tylauder griff nach ihrer Hand und behielt sie sest in der seinen.Brav, Nelda, brav! Also Sie wollen keinen im Stich lassen, der Sie in Wahrheit zu seinem Leben braucht? Denken Sie daran, wenn die Zeit kommt!"

Sie sah ihn verständnislos an warum war er auf

einmal so ernst, säst feierlich? Sein Blick hätte etwas Wehmütiges und ooch Freundliches.Sie haben so gute Angen," sagte sie plötzlich; es glitt ihr über die Lippen,, rasch wie sie's gedacht.

Eine feine Röte stieg ihm ins Gesicht.

Ich werde Sie sehr vermissen, Nelda! Kaum wieder- gesunden, heißt es auch schon Adieu. Aber es ist besser so es ist besser so! Da kommt Ihre Pferdebahn, schnell, steigen Sie ein!" *

Bei Xylanders war an diesem Sonntagabend noch leb­hafte Unterhaltung; Nelda das Thema. Die Kinder waren zu Bett, das Ehepaar saß allein in dem Arbeitszimmer des Herrn Major; er hatte jetzt wirklich eins, nicht bloß ein sogenanntes. Kein Kinderlärm durfte über diese ge­heiligte Schwelle, die Nähmaschine wurde im entlegensten Raum der Wohnung in Tätigkeit gesetzt.Du hast über­empfindliche Nerven," sagte Fran Elisabeth.Aber, du lieber Gott, wenn einer so viel leistet wie du, kann man ja gern ein bißchen Rücksicht nehmen. Die anderen Menschen bekomptimentieren mich immer über dich, du wärst so be­deutend liebe Zeit, als ob mir das was Neues iväre! Aber du bist jetzt so schrecklich gut, noch besser als früher! Ich sorge auch gut für dich, nicht wahr, Paul? Sag's! mir doch, daß du mich lieb haft!"

Sie war doch noch unbeschreiblich jung, die gute Frau Major, ungeachtet des Titels und der Heranwachsenden Kinder. Flink luie ein Wiesel, trotz beginnender Fülle, und zärtlich wie in den Flitterwochen.

Heute abend war sie ins Arbeitszimmer eingedrungen. Es ist Sonntag, du brauchst nicht zu arbeiten, Paul!" Sie saß in der einen Sofaecke und er in der andern; dies Sofa war letzthin für den Herrn Major angeschafft worden, bis dahin hatte er keins besessen wozu Sofas? Frau Elisabeth war gegen jede verweichlichende Bequemlichkeit, sie selbst ging im Korsett vom frühen Morgen bis zum späten Abend; immer stramm.

Weißt du, Paul," sagte sie bedenklich,ich weiß doch nicht, ob es klug ist, wenn wir da wieder was anbändeln helfen zwischen Ramer und Nelda? Wenn ich's überlege, haben wir doch dazumal Unannehmlichkeiten drum gehabt; besonders ich. Wenn mir nur der arme Mensch nicht so leid täte! Ich habe nicht geglaubt, daß sich einer so ändern kann. Es war doch nett, daß er dir für deine paar Zeilen so dankbar schrieb und sich dir anvertrante. Und welch hübsche Aufmerksamkeiten er für die Kinder geschickt hat! Alles reizend ausgewählt, gar nicht wie ein verbißner Jung­geselle. Siehst du, wie gut, daß ich die Briefe gelesen habe?! Tu brauchtest gar nicht so geheim damit zu tun und ärgerlich zu seiu, als ich den einen in deiner Brusttasche sand. Wer hat heut bei Nelda auf den Busch geklopft? Natürlich ich! UebrigenS, aufrichtig gestanden, recht klug bin ich doch nicht aus ihr geworden; du, Paul? Nur Kinder hat sie sehr gern. Ich gönnte es ihr auch wirklich; aber Wenn es nur gut ausschlägt! Man muß sich eigentlich nicht um andrer Leute Angelegenheiten bekümmern, jeder hat mich sich zu tun!"

Für Nelda Dallmer sage ich gut." Lylander stützte den Arm auf die Sofalehne und den Kopf in die Hand, träumerisch sprach er vor sich hin.Sie ist stark. Es ist ihr ein Bedürfnis, liebend zu helfen und helfend zu lieben. Und Ramer? Es wird nicht einer so wahrhaft geliebh daß nicht doch davon ein erlösender Hauch ihn ftreifte, merkt er ihn auch erst spät. Der Tod der Mutter hat ihn frei gemacht von der lebendigen Mahnung <xn die Ver­gangenheit; er möchte einholen, was er versäumt hat. Möchte gern auf die Höhe, wo der Wind freier weht. Aber er braucht eine Hand, die ihn dabei stützt eine Franen- hand. Nelda kann's. Selig, nberselig der Mann, dem dieses Mädchen"

Du schwärmst!" Frau Elisabeths Stimme klang etwas scharf. Sie stieß ihren Mann mit dem Ellenbogen an. Du, wach 'auf! Stell dich nur wieder auf deine zwei Beine!"

Er sah fie verdutzt an, er wüßte selbst nicht rechtzs was er gesagt hatte.

(Fortsetzung folgt.)