Wie ein Automat kommt Nelda auf das Bett zu, die Füße scheinen ihr mit Bleigewichten beschwert, sie hebt sie kaum vom Boden; die Arme hängen ihr schlaff am Leib herunter. ,
„Dallmer, Dallmer, Nelda ist da! Nelda!f
„Nel — da —!" Schwach wie ein Hauch lallt der Sterbende es nach, er versucht den Kopf zu heben; seine Frau schiebt ihm stützend den Arm unter. Nun kommt in die halbgebrochenen ° Augen ein Blick des Verständnisses, der Mund verzieht sich; er will lächeln.
„Nel — w — o — o--?!" Er tastet unsicher über
die Decke, nun klammern sich seine eiskalten Finger uni die eiskalten Finger der Tochter; er drückt sie mit ungeahnter K'raft.
Zitternd, lautlos schwankt Nelda hin und her; gewaltsam niedergezogen sinkt sie am Bett in die Kuiee. Der Griff des Sterbenden wird fester, er krallt sich förmlich ein.
„N—el---ah —!"
Der Griff läßt plötzlich nach, er wird locker, ganz lose — zwei, dreimal ein seltsames Röcheln — die beiden Frauen halten den Atem an und lauschen. Man hört das Ticken der Uhr nicht mehr, wohl aber vorsichtige Schritte draußen auf der Treppe. Nelda hat die Tür nicht hinter sich geschlossen, sie knarrt jetzt leise; der Medizinalrat kommt, hinter ihm Konrad Dallmer, zuletzt die Magd.
Der Bürgermeister drängt sich ungeduldig vor. „Joseph, alter Junge, was machst du sür Ge" — Das Wort erstirbt ihm im Munde, er prallt zurück.
„Lieber Bruder!" Mit angstvoller Frage in den Augen sieht er den Arzt an; der tut nur einen kurzen Blick und neigt dann den Kopf bedeutsam.
„Es ist zu Ende!" — — — Zu Ende! Ein paar kürze Worte, nur geflüstert, und doch lauter als Donnerhall.
„Zu Ende — was — wer?!" Wie eine Rasende springt Nelda von den Knieen auf. „Ihr lügt!" Sie sieht wirr um sich, sie reißt den Kops des Toten mit beiden Händen empor.
Der Mund steht offen, kein Laut, kein Atem mehr.
„Ha!" Mit einem furchtbaren Schrei läßt sie das schwere Haupt zurück in die Kissen fallen. Es ist ein Schrei, der den Hörern durch Mark und Bein gellt.
„Ich hatte dich vergessen — Vater — Vater!"
*
Man hatte bescheidne Traueranzeigen auf dünnem Papier mit schwarzen Rändchen herurngechickt
„Es hat Gott dem Allmächtigen gefallen, unfern heißgeliebten Gatten, Vater und Bruder, den königlichen Regierungsrat Herrn Joseph Dallmer, nach langeni, mit Geduld ertragnem Leiden, zu sich in die Ew gkeit zu rufen.
Um stilles Beileid bitten--" und so Wecker.
Der Tote lag still und friedlich in seinem Sarg oben in der Schlafstube. Man hatte erst lange um ihm herum gewirtschaftet und gepoltert, das zweite Bett hinausgeschafft und die übrigen Möbel auch, die Bahre in die Mitte gerückt und ein paar grüne Topfgewächse herum arrangiert.
Frau von Osten, geborne Röder, hatte einen herrlichen Kranz geschickt und einen Riesenpalmenwedel-mit, weißem Rosenbouguet. Sie war auch selbst gleich aus die Nachricht gekommen, sie weinte mit der in Schmerz aufgelösten Rätin und saß wohl über eine Stunde. Nelda hatte sie nicht gesehen, die war oben bei ihrem Vater.
„Wenn Sie Nelda sehen wollen, müßten Sie sich schon herauf bemühen, liebe Frau von Osten; sie ist nicht zu bewegen, vom Sarg sortzugehn. Ach, ach!" jammerte die Rätin.
„Ich möchte Wohl — aber nein, nein!" Die junge Frau wehrte verlegen ab. „Sie nehmen's mir nicht übel, aber ich möchte jetzt keinen schrecklichen Eindruck haben, es könnte meiner Felicitas schaden; ich habe doch keine Amme — und sie ist jetzt ohnehin so unruhig. Ich will auch lieber gehen. Der Tod ist immer so schrecklich!"
Sie hatte recht, der Tod ist immer schrecklich. Was man von einem „seligen Entschlafenen" spricht, ist ein Märchen.
Die Läden waren am Tag geschlossen, damit keine Sonne hereinprallte; ein schwerer Geruch von Chlor und welkenden Kränzen zögerte zwischen den vier kahlen Wänden. Nelda saß unbeweglich neben dem Vater, den schweren Kopf vornüber geneigt, den glanzlosen Blick in das stille Gesicht bohrend. Mitunter nur lehnte sie die glühende Stirn an die eiskalte .Hand des Toten, die rote Schmarre über ihrer
Augenbraue brannte wie Feuer. Sie rührte vom Sturz gegen die Stuhlkante her — nein, sie war ein Kainszeichen, ein Mal der Schande, ihr auf gedrückt für ewig! Die Tochter hatte den, der da lag, vergessen! Heber der eignen Begier den Vater vergessen!
Mit verzweiflungsvollem Stöhnen preßte Nelda ihre Lippen auf die starren Finger. „Papa, lieber Papa, sieh mich nur einmal an!" In rasendem Verlangen schlang sie beide Arme um den Leichnam. „Sieh mich an!"
Sie glaubte sterben zu müssen vor tödlicher Sehnsucht. Alles andere war hingesunken, wertlos in ihrem Leben, nur den da, der nicht mehr zu ihr sprechen konnte — jetzt glaubte sie's zu wisjeu — den hatte sie einzig geliebt!
„Papa, nimm mich mit," flehte sie wie ein Kind und sank dann doch, von Frost geschüttelt, in ihren Stuhl zurück. Der Schauer des Todes hatte sie durchweht.
Unten tönte die Klingel ohn' Unterlaß, so viel war's in dem kleinen Haus an der Chaussee noch nie aus- und eingegangen. Die Bekannten suhlten sich jetzt alle bemüßigt zu erscheinen; Frau Rätin weinte bei jedem auf s neue, aber sie fühlte sich doch gehoben in dem Bewußtsein, so viele gute Freunde zu haben. Alle paar Stunden kam sie mit dickeren Augen und neuen Kränzen wieder heraus.
„Sie mal, Nelda, von Röders, wie kostbar! — Von der Doktor Schmidt! — Und hier die Palme vom Regierungskollegium, die muß ganz obenauf! Lylander war eben auch da, er wollte dich gern sehen und läßt dich sehr grüßen. Auch die Planke hat einen Kranz geschickt; es ist rührend! Noch dazu lauter weiße Levkoyen, die hatte Dallmer so gern. Ach Gott, ach Gott, da liegt er nun und kann sie nicht mehr riechen!"
Und sie zupfte au ihm herum, und küßte ihn auf die Stirn, und legte ihm die Hände anders, und schob diesen Kranz hierhin und jenen Kranz dorchin, und lief dann wieder hinab; und Nelda bäumte sich aus vor Schmerz, biß sich in die Lippen, um nicht laut zu schreien, und sank wieder wimmernd in sich zusammen.
(Fortsetzung folgt.)
Om mani padme hum, die Zauberformel oes Lamaismus
Von Sven H e d i n.
Wir entnehmen diesen Abschnitt mit Erlaubnis des Verlages Bro ck haus dem neuen Reisewcrk des berühmten Tibetforschers S v e n H e d i n „T r a u s h i m a l a j a. Entdeckun - gen und Abenteuer in Tibet. Wir kommen auf das Werk, das wir bereits mehrfach erwähnten, noch ausführlich zurück und bemerken hier nur, daß- dieses neue Buch tzedins unsere hohen Erwartungen bei weitem übertroffen hat. Tie großen geographischen Entdeckungen, die tzcdin sich auf seiner letzten Tibetreise mit dem Einsatz seines Lebens erkämpft hat, treten uns in einem fesselnden literarischen Gewände entgegen, daß man zweifelhaft ist, ob man mehr den Forscher oder den Schriftsteller bewundern soll. Tic Schristleitung.
Durch meine Wanderung um den heiligen Berg, die ich durch einen so unerwartet glücklichen Zufall hatte aussühren können, hatte ich einen neuen Einblick in das religiöse Leben der Tibeter erhalten. Sie war gleichsam ein Repetitionskursus all der Erfahrungen, die ich in dieser Beziehung bereits gesammelt halte.
Noch sind unsere Kenntnisse über Tibet zu mangelhaft, aber irgendein künftiger Forscher wird über genügend reichliches Material verfügen, um auf einer Karte der ganzen lamaistischen Welt alle die großen Pilgcrstraßen nach unzähligen Heiligtümern angcben zu können. Auf dieser Karte würden fern im Norden zahlreichs Straßen, wie Speichen eines Rades, bei Da Kuren, dem Tempel des Maidari in Urga, zusammenlaufen. Noch dichter würden die Radien von jedem bewohnten Punkt des ungeheuren Gebietes der Lamaherrschaft nach ihrem Hauptbrcnnpunkt Lhasa hinzeigen. Etwas weniger dicht würden sie sich in Taschi-lnupo vereinigen. Von den äußersten Grenzgebieten Tibets würden wir unzählige! gewundene Wege und Stege ausgehen sehen, die alle nach dem heiligen Kailas hinstreben. Wir wissen, daß sie vorhanden sind, und man bedarf keiner großen Phantasie, um sich vorzustellen, wie die Karte aussehen wird. Aber mit den Wegen der Pilger ist es genau so wie mit den Wegen der Wildgänse: über ihren! genauen Verlauf wissen wir nichts. Zwisck?en den großen Brennpunkten-. würde die Karte überdies noch eine Menge kleinerer! Wegsterne zeigen, die von einem Heiligtum, einem See oder einer Quelle strahlenförmig ausgehen oder zusammenlaufen. Und aus dem Mittelpunkt aller dieser Sterne ertönt ein Mahnruf an die Gläubigen, der mit den Mahnworten des Jesaia verwandt ist: „Schaue, Zion, die Stadt unseres Stifts; deine Augen werdest Jerusalem scheu" (Jesaia 33, 20).


