Ausgabe 
20.11.1909
 
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Samstag den 20. November

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Rhsinlandstöchter.

Montan von ClarKViebig.

(Fortsehilng.) (Nachdruck verboten.)

V.

Durch den Spalt des halb angelehnten Ladens fiel der Strahl der Morgensonne und tänzelte auf das Bett zu jetzt hatte er die weißen Kissen erreicht und das Haupt, das hochgestützt auf ihnen lag, auch. Dies tvar sehr bleich, die Lippen ohne Blut, die Schläfen eingesunken und um die Nase ein Zug, der nur einmal im Leben kommt, eben, wenn das scheiden will. Die Augen waren halbgeöffnet; man sah das schwimmende Weiß und das sel sam stumpfe Graublau; die Pupille war ganz nach oben gerutscht. Die Augen hatten keinen Blick mehr.

Im Zimmer roch es durchdringend nach Kampher; Becken, Medizinflaschen standen umher. Am Tischchen in der Ecke klopfte die Magd Eis, sie schlug mit dem Zucker- Hammer ungeschickt -darauf, daß die Stücke krachend auf die Diele sprangen.

Ach, Laura, mein Gott, machen Sic nicht solchen Spekrakel," klagte Frau Rätin Dallmer vom Bette her und sah ihrem Manne besorgt ins Gesicht. Er rührte sich nicht, er hörte gar nichts.Ach, Laura, wenn sie nur bald kärue! Und der Doktor auch! Mir ist fo angst. Wieviel Uhr ist es?"

.Nenn Uhr, Madam! Fräulein Nelda muß bald hier sein. O Jesses, Jesses, itmt is der Mensch!" Die treue Magd kam auf den Zehenspitzen näher und stellte sich an's Fußende des Bettes.Unsen guten Herr Rat! Gestern um die Zeit tat ich em noch den Kaffee bringen, da kriegt er den Blutsturz, un als ich nachmittags grab' in der Wch' mit Spülen fertig war, kam et noch emal. O Jesses wat wird uns Fräulein sagen, se war immer so arg nach ihrem Pappa!" Laura fuhr sich mit der flachen Hand über s Gesicht, die Tränen schossen ihr die Backen herunter, dann drehte sie sich ab und schnäuzte sich respektvoll leise rn den Zipfel ihrer blauen Schürze.

Wie Rätin beugte sich über ihren Mann, ihre müden verweinten Augen bohrten sich in seine Zuge.Dallmer, sagte sie leise.Dallmer!"

Keine Antwort, nur der stockende, rasselnde Atem uoer die schneebleichen Lippen, wie schon die ganze lange Nacht.

Sie schluchzte lind tastete nach seiner Hand, ihre Trauen gossen wie Regen darauf nieder. Der Kranke zuckte zu­sammen, seine freie .Hand fingerte unruhig über die Bett­decke. Nun griff er in die Luft, seine Lider zogen sich mehr in die Höhe nun öffnete er ben Mund und rang angstvoll mit etwa«. Er wollte sprechen; es wurde nur ein Lallen.

Dallmer, was willst du? Lieber Manu, sag's noch einmal Dallmer!"

Wieder das undeutlrche Lallen,

.Laura, ach Gott, ach Gott, was sagt er? Horen Sie?!

Große Reise adieu sagen Nelda ?! Ja, lieber! Mann, Nelda kommt gleich, sie ist gleich da!"

Es klang nne ein Seufzer der Erleichterung von den Lippen des Sterbenden; er ließ die Lider wieder halb herunter fallen, der rasselnde Atem ging aus und ein.

Ach, Laura, gucken Sie mal nach, hat es nicht geq klingelt? Wenn sie nur käme es klingelt! Das imrd sie fein!"

Die Magd stürzte zur Tür heraus, gleich darauf kam sie löiebcr angeschosseu.Ne, et is der Bursch' vom Herr Hauptmann Tylander! Der ließ sich erkundigen, wat den Herr Rat macht se haben et von der Milchmarie ge­hört. Soll ich sagen, et ging schlecht? Un den Herr Doktor kömmt so jetz oe Trepp' crauf!" Sie verschwand wieder.

Der Medizinalrat trat ein.Ist Ihr Fräulein Tochter zurück?" war seine erste Frage.

Aw, Herr Medizinalrat, es ist wohl sehr schlimm mit Dallmer? Mein Gott, mein Gott, wie das so schnell kommen konnte! Ach, wie soll ich das überleben! Nein, Nelda ist noch nicht da; wenn sie doch nur käme! Hören Sie, Herr Medizinalrat, wie er rasselt! Ach es ist schrecklich! Dallmer, sieh mich doch mal an, ist dir sehr schlecht? Dallmer, lieber Dallmer!" Sie weinte laut.

Lassen Sic ihn! NM mit Fragen guälen!" Der Arzt beugte fick) über das Bett; als er wieder anfblickte, war sein Gesicht tiefernst.Die Schwäche hat seit der Nacht rapide angenommen," sagte er leise.Ich macfye jetzt einen Besuch in der Nachbarschaft, in einer kleinen halben Stunde bin ich toieber da. Ich werde dann noch eine Kampher- iujektion machen. Flößen Sie etwas Champagner ein. Ich wünschte, Ihr Fräulein Tochter käme! Adieu!"

Er ging, und die geängstigte Frau schrie hinter ihm drein:Bitte, bitte, Herr Medizinalrat, lieber Herr Medizinalrat, schicken Sie mir die Laura herauf! Sie ,olt kommen - gleich kommen ich fürchte mich!"

Die Uhr in dem kleinen Gehäuse auf dem Nachttisch tickt weiter, rastlos, Minute um Minute. Es ist die Uhr des Regierungsrats, kein Tag im Jahr, an dem er sie nicht pünktlich aufgezogen hätte: heutt zum erstenmal nicht! Sw wird gleich still stehen.

Der Atem aus der kranken Brust kommt pfeifend, stoß­weise - jetzt setzt er aus - jetzt pfeift er wieder--da

kommt ein rascher Schritt die Treppe herauf, vor der Schwelle hält er einen Augenblick inne. Es dringt ein Stöhnen von draußen herein. Die Tür geht auf

Nelda, Gott sei Dank!" Mit einem Ruf der Erleichte­rung streckt die Ratw die Hände ans. Ohne sich zu rühren, steht Nelda auf der Schwelle. Den Mantel schleift sie nach, der Lnt sitzt ihr schief auf dem Köpf, in die Stirn mit der bStroten Kam hängt ihr das verwilderte Haar; rntt wirren entsetzten Augen starrt sie tn die halbounkle Stube.

Nelda, Gott sei Dank, daß du da bist! Der arme Papa' Dalluier, Nelda ist da unsere Nelda! Dallmer! Fran Rätin lacht und weint hysterisch.