727 —
In den Ohren der Tibeter ertönt jedoch nicht nur auf der Wanderung nach dem Ziel der Wallfahrt, sondern während ihres ganzen Lebens ein anderer Spruch, die mystische Formel: „Om mani padme hum", ließet diese sagt Waddel u. a folgendes : „Sie bedeutet wörtlich: Om! Das Juwel ist in der Lotosblume! Hum! und sie wird an den Bodhisattva Padmapani gerichtet, der, tote Buddha, in einer Lotosblume sitzend oder stehend dargestellt wird. Er ist der Schutzpatron Tibets und libt die,Kontrolle über die Seelenwanderung aus. Kein Wunder also, vag dieser Zauberspruch so populär ist und sowohl von Lamas tote von Laien unablässig wiederholt wird, denn man glaubt, daß sein bloßes Aussprechen den Zyklus der Wiederaebnrteu zum Stillstände bringe und den, der ihn ausspricht, direkt ins Paradies hineinführe. So wird in der Mani-kah-bmn mit rhapsodischer Ueberschwättglichkeit versichert, daß. die Formel „die Quintessenz jedes Glückes, Wohlergehens und Wissens und das große Mittel zur Erlösung" fei. Denn om macht der Wiedergeburt unter den Göttern ein Ende, ma unter den Titanen, ni als Mensch, Pad in Tiergestalt, nie als ein Tantalus und hum als ein Bewohner des Totenreichs. Und beließen wird noch jedem der sechs Schristzeichen gerade die Farbe gegeben, die den sechs Stadien der Wiedergeburt zukommt, dem Om das göttliche Weiß, dem Ma das titanische Blau, dem Ni das menschliche Gelb, dem Pad das tierische Grün, dem Me das tantalische Rot und dem Hum das höllische Schwarz."
Koeppen und Grünwedel übersetzen die vier Worte so: „O, Kleinod in der Lotosblume, Amen !"
Wohin man sich in Tibet wendet, sieht man die sechs heiligen Schriftzeichen eingegraben oder eingemeißelt, und überall hört man sie hersagcn. In jedem Tempel haben wir sie zu Hunderte tausendeu, nein zu Millionen, gefunden, denn in den großen Gebetmühlcn sind sie mit feiner Schrift auf dünnem Papier gedruckt. Auf den Klosterdächern, auf den Dächern der Privathäuser und auf den schwarzen Zelten flattern sie in Gestalt bunter Wimpel. Auf allen Wegen reifen wir täglich au jenen mauerähiilichen Steiutoällen vorbei, die mit Schieserplatten bedeckt sind, in denen die Formel „Om mani padme hum" eiw- gehauen ist. Selten führt der kleinste Wildnispfad über einen Paß, auf dessen Sattel nicht ein Steinmal errichtet ist, dessen Steine den Wanderer an die Abhängigkeit von guten oder bösen Geistern erinnern, in der er jein ganzes Leben hindurch steht. Und auf der Spitze eines jeden solchen „Lhato" oder „Lhadse" erhebt sich eine Stange oder ein Stock mit Wimpeln, deren jeder mit schwarzer Schrift die einige Wahrheit verkündet. An oor- springendeit Felsen hat man am Wegrand würfelförmige „Tschor- fen" oder „Lhatos" in Rot und Weiß errichtet. Aus den von Wind und Wetter blankpolierten Seiten der Grauitfelfen findet man oft Buddhabilder eingehauen, und unter ihnen, wie auch auf herabgefallenen Blöcken, liest man in riesengroßen Schriftzeichen: „Om mani padme hum!" Aus den Steinpfeilern, zwischen denen eine Kettenbrücke über den Tsangpo oder andere Flüsse gespannt ist, sind wieder segeubringeude Steinhaufen ausgetürmt, und auf allen diesen unzähligen Opferhaufen liegen Schädel von Vaks, sowie von Wildschafen und Antilopen. In die Hörner und das weißgebleichte Stirnbein des Baks ist die einige Formel eingeschnitten und die einzelnen Schriftzeichen sind mit Rot oder einer anderen der heiligen Farben ausgefüllt. In unzähligen Exemplaren und in vielen verschiedenen Formen finden wir sie besonders auf den Heersttaßen wieder, die nach den Tempeln und Wallfahrtsorten führen, sowie an allen ©teilen, wo Gefahren drohen, wie auf Gebirgspässen und bei Flußübergängeii. Und sogar die ledernen Fährboote sind mit segenbringenden Wimpeln verziert.
In jeder Karawane hat mindestens einer, gewöhnlich mehrere der Leute, eine Gebetmühle in der Hand. Mittels eines Gewichtes rotiert diese um die Achse des Stiels; sie ist mit Papierstreifen, auf denen die heilige Formel viele tausendmal gedruckt ist, vollgepfropft. Den ganzen Tag, tote lang die Reise auch sei, dreht der Gläubige seine Gebetmühle und plappert dabei in rhythmisch singendem Tone: „Om mani padme hum". Die Miliz, die auf- geboten wird, um eine Räuberbande zu sangen, hat auf dem Ritt größeres Vertrauen -zu .ihren Gebetmühlen als zu ihren Flinten und Säbeln, und schlimm ist, daß es sogar unter den Räubern einige gibt, die auf der Flucht ihr Om und Hum abschnurren lassen, nm zu entkommen i Unter den Eskorten, die mich bei verschiedenen Gelegenheiten begleiteten, war immer der eine oder der andere Reiter mit einer Manimaschine bewaffnet. Beständig sieht man dieses bequeme Gebetinstrument in den Händen derer, denen man begegnet. Der Hirt bei der Herde murmelt die sechs Silben, seine Frau tut es beim Melken der Schafe; der Kaufmann, wenn er nach der Messe zielst; der Jäger, wenn er auf ungebahnten Wegen den wilden Aal verfolgt; der Nomade, wenn er auszieht, um sein Zelt auf einem anderen Weideplatz aufzuschlagen; der Handwerker, wenn er über seiner Arbeit hockt. Mit ihnen beginnt der Tibeter seinen Tag, und mit ihnen auf der Zunge. legt er sich zur Ruhe nieder. Das Om und das Hum sind nickst mir das A und O des Tages, sondern des ganzen Lebens.
Beständig hallten mir die mystischen Worte in beit Ohren wider. Ich hörte sie, wenn die Sonne aufging und- wenn ich
mein Licht ausblies; nicht einmal in der Wildnis blieb ich Von ihnen verschont, denn meine eigenen Leute murmelten: Om mani padme hum". Sie gehören zu Tibet, diese Worte, sie sind eins mit Tibet, ohne sie kann ich mir die schneebedeckten Gebirge und die blauen Seen nicht denken, sie find ebenso eng mtt diesem Lande verknüpft tote das Summen mit dem Bienenstock, wie das Wimpelgefiatier mit dem Paß, wie der ewige Westwind mit seinem Geheul.
ist das Leben des Tibeters von der Wiege bis zum Grabe in eine Reihe religiöser Vorschriften und Sitten eingeflochten. Auf ihm ruht die Last, mit seinem Scherslein zum Unterhalt der Kloster und zum „Peterspfeiniig" der Tempel beizusteuern. Wenn er an einem Votivmal vorübergeht, legt er einen Opfer stein auf ben Hausen; wenn er an einem Mani vorbeireitet, vergißt er nie, sein Reittier so zu lenken, daß der Steinhaufen auf feinen rechten Seite liegen bleibt; toetin er einen der heiligen Berge erblickt, versäumt er niez anbetend mit der Stirn den Boden zu berühren; bei allen totditigeren Unternehmungen muß er um seines ewigen Heiles ivillen gesetzeskundige Mönche um Rat fragen; wenn der Bettellama an seine Tür kommt, weigert er sich nicht, ihm eine Handvoll Tsamba ober einen Kloß Butter zu geben; wenn er selber die Runde durch den Tempelfaal macht, vergrößert er den Vorrat in den Opferschaleu durch eine Spende, und wenn er sein Pferd sattelt ober einen §)af belädt, summt er wieder das ewige: „Om mani padme hum!"
Oester als ein Ave-Maria oder ein Vaterunser in der katholischen Welt, rauscht das „Om mani padme hum!" wie ein Unterton des Lebens und der Wanderungen der Menschen immer wieder über das halbe Asien hin. Die grenzenlosen Perspektiven, die die heiligen sechs Schriftzeichen beii Gläubigen erschließen, drückt Edwin Arnold in den teufen vier Versen seines Gedichtes „The Light of Äsia" mit den Worten aus:
The Dew is on the Lohis! Rise, Great Sun!
And litt my leaf und mix nie with the wave.
Om mani padme hum, the Sunrise comes!
The Dewdrop slips into the shining Seal
(Ter Tau liegt auf dem Lotos! Große Sonne gehe auf! Und heb' mein Blatt und misch' mich mit der Welle. Om mani padme hum, der Sonnenaufgang kommt!
Ter Tropfen Tan gleitet in die glänzende See!)
LngMdsr vor M Jahren.
Von W i 1 b e l m Po eck.
Immer wieder beherrscht die Frage, wie sich die Beziehungtti- zwischen den Engländern und den Deutschen gestalten werden, die öffentlichen Erörterungen. Aber es fehlt uns die Pythia, die uns die Frage löst. Die Zukunft des Engländers keimen wir ebensowenig, wie die des Deutschen. Seinen Charakter keimen! wir jedoch. Seine wirtschaftliche Entwickelung, feine heutig« Leistungsfähigkeit auf industriellem Gebiet kennen wir. Und da ist's interessant, den Engländer von heute mit dem Engländer vor hundert Jahren zu Vergleichen, als er sich gegen die damals größte Ration, die Franzosen, behauptet hatte.
Darüber haben wir nun sehr zuverlässige Zeugnisse, eines ausgezeichneten Beobachters. Tas war der Magister Friedrich Lebrecht Crusins, Hosiueister beim königlich sächsischen Gesandten General v. Watzmann in Wien, von dem er an den sächsischen Tuchfabrikanten Brückner empfohlen tourbe. Seine Berichte sind unlängst 'nutet dem Titel „Reife eines jungen Deutschen in Frankreich und England im Jahre 1815" von Georg Brand bei Wigand in Leipzig herausgegelwiti worden. Als Reisebegleiter des jungen Brückner kam der Magister Crusins int Jahre 1815 auch nach England, und seine ausführlichen Reiseberichte von dort über! Charakter, Bildung, Lebensweise, politische Ansichten, industrielle Leistungsfähigkeit der damaligen Engländer sind auch heute noch von hohem Werte, besonders deswegen, weil sie uns den Konservatismus der englischen Rasse in eigentümlichen Lichte zeigen.
Magister Crusins kam von den höflichen Sachsen, und so ist's kein Wunder, wenn er an den Menschen jenseits des Kanals bemängelt, daß er dort mehr harte und egoistische als „englische" Charaktere angetroffen habe. Kühle Ueberlegmheif, Stetigkeit, ungestörte Ordnung sind ihre vornehmsten Züge — genau tote heute. Dabei stellte er, aus Frankreich kommend, zugleich eine gewisse Borniertheit, ober wenn man will, nationalen Hochmut des englischen Urteils fest, die auch in unserer Zeit noch zn beobachten sind, jedenfalls soweit sie sich auf fremde Stationen beziehen. Der Engländer vvr hundert Jahren sagte z. B. dem damaligen Franzosen nach, er wisse nicht zu arbeiten; wer aber dis Franzosen staut,1 weiß, daß sie von jeher zu den fteiß'.gstenl und dabei anspruchslosesten Arbeitern gehört haben. Daß diese nationale Uc-berhelmng der Engländer auch heute noch mcht gelitten bat, kann ich übrigens aus mehrfachen perfön lichen, Erlebnissen bestätigen. Hier nur eins. Eine Engländerin jtaud einmal vor meinem Protokoll, ich ermahnte sie, wie üblich, me Wahrheit zu sagen, worauf sie sttch, erwiderte: „etr am an EnglWvAman." Und war eine Stewardeß. Auch in ihrer Erwerbssuckst und Uebecfchätzung des Geldes unterscheiden sich die damaligen Albionssöhne kaum von den heutigen. Hübsch bemerkt Crusins, wie sich Eigenschaften! in der englischen .«WM


