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müßtest Ijerituterfotituteu. Nun bist du froh, nicht wahr? Mein -Herz pocht rasend, ich möchte immerfort weinen — aber vor lauter Jubel. Daß mir's die Leitt.c nicht angesehen haben! Papa und Mama haben auch nichts gemerkt; es war alles Wie gewöhnlich und doch nicht so. Jetzt wo alles vorüber ist, kann ich dir's ja gestehen, ich habe mich gräßlich gequält all die Zeit, die "Heimlichkeit hat mich fast zu Boden gedrückt. Ich wurde ganz schlecht, ganz, mißtrauisch — o verzeih mir, mein einzig geliebter Ferdinand! Ich glaubte sogar manchmal, Du hättest mich nicht so lieb.. Jetzt kommt mir das alles ganz lächerlich vor. Was ist man doch für ein armselig kleinmütiges Geschöpf, wie gut ist Gott — nur vierundzwanzig Stunden, und alles schon anders geworden! Gestern abend weinte ich, und heut — o Ferdiuaud, es ist zu schön, nicht wahr?! Freilich, denk' ich dran, daß Tu bald fort sein tvirst, will mir der Atem stocken. Aber »ein. davon will ich gar nicht reden! Ich bin doch kein seiuimentaler Backfisch, der sich wegen einer kurzen, räumlichen Trennung die Augen .ausweint. „Ich bin Dein — Du bist mein" — wenn auch eine ganze Strecke Wegs zwischen uns liegt.
Bitte triff mich morgen zwischen 5—6 im Bieuhorn- tälcheu. Oder kommst Du her? Nein, noch nicht! Erst will ich Dich noch einmal ganz allein sehen, ich muß Dir soviel sagen. Morgen in aller Frühe stehe ich auf und schicke Dir diesen Brief mit unserm Milchmädchen. Leb' wohl, gute Nacht! Fühlst Du's beim, wie ich Dich liebe?! Immer Deine glückselige Relda."
Die kleine Küchenlampe flackerte und beleuchtete matt das Tischchen in der Giebelstube, das Bricfblatt mit den flüchtigen, großen Buchstaben — „immer Deine glückselige Nelda"—Ja, immer — —! Neldas Mund lächelte verklärt, sie faltete die Hände: „O Gott im Himmel, wie konnte ich so perzagt sein? Was war ich schlecht, daß! mir hier innen manchmal so ein häßliches Gefühl saß, so ein Truck — verzeih mir, Gott, ich bitte dich! Du bist so gut!"
X.
Im Bienhorntälchen ist's gründämmrig und lauschig still. Auf den obersten Blättern der Haselnußbüsche spielt die Sonne, schon eine abendliche Sonne, die Strahlen dringen nicht mehr tief. Eintönig zirpen Heupferdchen; die Grasmücke dort auf dem nieder»" Ast lockt ihre Jungen zum Nest. Tas zarte Vogelgezwitscher klingt wie ein Wiegenlied. Ganz verstohlen, ganz träumerisch gluckst der Bach; Über die moosbewachsenen Steine hüpfe» Bachstelzen und wippe» mit den Schwänzen — jetzt scheue» sie auf, ein hastiger Schritt kommt aus den Büschen.
Noch nicht hier?! Unruhig atmend strich sich Nelda Dallmer das wirre Haar aus dem erhitzte» Gesicht. Wo er mir blieb? Sie sah prüfend zum Himmel auf — ja, die Sonne wollte scheide», der Abend kam — eine Stunde wartete sie nun — ach »ei», es war ja schv» viel länger; Sie zog die Uhr aus dem Gürtel. Siebe» vorbei, ist's möglich? Tie Uhr geht falsch, es kann nicht sein' — ---
Meder hastiges Hin und Hergehen, auf und u., immer Stf und ab. Die Büsche schwanken tiönt rücksichtslosen . orbeistreifen, die Aeste schlagen in das erhitzte Gesicht, sie achtet es nicht; er muß doch kommen.
Horch ein Schritt! Ihr Gesicht strahlte auf, sie stürzte vorwärts, nun hielt sie inne wie gelähmt — ein Bauernjunge stand ihr gegenüber und starrte sie an. Mit blödem Gruß zog er die Mütze, seine nägelbeschlagenen Schuh trappsten vorbei. Er kömmt nicht! — — — Mit einem Gefühl grenzenloser Enttäuschung ließ sich Nelda auf de» bemoosteit Stein am Bachraud nieder; wohin waren die jubelnde Erwartung, bas selige Glücksgefühl, mit denen sie heut ins Bienhorntälchen geeilt? Er kömmt nicht — warum nicht?! In düsterem Brüten starrte sie lange in das murmelnde Wasser. Mechanisch riß ihre Hand ein paar Blütendolden von den Kransemünzstauden am Ufer und warf sie hinab; die Mellen nahmen sie mit fort, neue Weilchen kamen, die Blumen verschwanden. Trüber und trüber wurde der klare Bach, lange Schatten dunkelten drüber hin; in den Büsche» kein Zirpen mehr, kein Geflatter. Alles still.
, An Frösteln überlief die Einsame, der kühle Abendhauch hesimch fyr heißes Gesicht; langsam stand sie auf, die Kleider feucht vonr Tau. Tie Sonne war verschwunden. Mit schweren Füßen schlich sie zum Tälchen hinaus; was würden Die Eltern sagen, wenn sie so spät kam? M alles so
gleichgültig, er war nicht gekommen! Plötzlich durchzuckte es sie wie ein erleuchtender Blitz, sie lachte auf — ja, ja, so und nicht anders mußte es sein! Er war dienstlich verhindert gewesen, tote könnte sie daran zweifeln? Natürlich, sicher! Eine Versetzung bringt so vielerlei mit sich. Er hätte nicht zur Zeit fortgehe» können. Aber nun war er vielleicht! schon bei de» Eltern, sic sprachen und harrten ihrer ungeduldig! Oder ein Brief war da ober sonst etwas Schönes.
Die Abenteuerlichsten Ideen schossen ihr durch den Kopf — so mußte! es fein, er war da, nur rasch nach Haus! Sie lief, was sie könnte, sie stürzte fast über Laura, die ihr die Tür öffnete.
„Laura, ist Besuch da?" Wie sie atemlos war!
„Ne, Fräulein!"
„Aber es ist jemand stagewesen?"
„Ne, Fräulein, auch nit!" Laura war sehr erstaunt über ihr Fräulein. „Wer soll den» heut bei uns aus Besuch kommen?! Machen Se, daß Se rein gehen, Fräulein, de Eltern sitzen als schon bei»: Essen!"
„Laura" — das Mädchen griff krampfhaft nach dem! Arm der Köchin — „aber ein Brief ist gekommen? An! mich, an die Elter» — wo ist er — ei» Brief?"
„Ne, Fräulein!"
Auch kein Brief---?! Neldas Kniee zitterten, eine
ungeheure Angst kroch ihr über den Leib. Lächerlich! Alles würde sich aufklären, morgen würde er kommen, mußte er kommen — morgen! Mit einem leidlich ruhigen „Gitten Abend" trat sie in's Zimmer der Eltern.
Herr und Frau Regierungsrat Dallmer saßen beim Wendbrot; einfach genug war's. Der Baier trank seine warme Milch, ein paar Eier Und ein Tellerchen mit Schinken standen vor ihm. Schinken brauchte Frau Rätin nie zu kaufe», der Bürgermeister Dallmer auf der Eifel schlachtete alle Winter ein paar selbstgezogene Schweine und schickte dem Bruder immer fein Teil.
„Der gute Konrad," sagte der Rat eben, als ihm seine Frau ein saftiges Stückchen aufnötigte, „wenn ich nur mehr Appetit hätte ! Ah, Nelda, da bist du ja endlich!"
„Mein Gott, so spät!" Frau Tallmers Stimme war ztemlich erregt. „Wo bleibst du denn so laug? Es ist »ach neun. Wirklich rücksichtslos!"
„Ne»» —?" Nelda war wahrhaft erschrocken — so lauge hätte sie gewartet? „Verzeiht," bat sie gedrückt,, „tch habe mich auf dem Spaziergang verspätet!"
„Ach was, verspätet! Wozu hast du denn deine Uhr, die wir dir zur Konfirmation getauft haben? Da hatten wir uns das Geld sparen können, nicht wahr, Dallmer?"
Der Rat nickte; er Hatte »»gefangen, sich um Neldst zu ängstigen.
(Fortsetzung folgt.)
Peru.
Professor Dr. W. Sievers, der sich seit Februar auf einer Forsch» n gsreisc in Südci m e r i k a befindet, stellt uns den nachfolgenden Aussatz zur Verfügung, der zweifellos! das größte Interesse unserer Leser finden wird. Die Red.
zerfällt seiner Natur nach in drei Lcingszonen: di« Küste, Gösta, das Gebirgsland, Sierra, und die Tiefländer samt den Ostabhängen des Gebirges, die montan«. Wirtschaftlich bedeutet der letzte Teil zurzeit noch wenig oder nichts, da es ast Verkehrswege» stach dem Innern fehlt, doch wird er mit der Jett wahrscheinlich die größte Wichtigkeit erlangen, da er außerordentlich ttuchtbnr ist. Bon den beide» anderen Abteilungen kaust man das mäst sagen, weil die Küste fast regenlos oder doch wenig- stens sehr regenarm, die Sierra aber zu hoch ist, als daß sie für beit Ackerbau in größerem Maße in Betracht kommen könnte. Dennoch liegt zurzeit der Schwerpunkt des Landes in diesen beiden Langsgürteln und zwar politisch in der Küste und hier vmwieaend ist der Hauptstadt Lima, in Bezug auf die Volwdichte und Produktion in der Sierra. Tie Küste ist nur dort bevölkert. Wo wasserreiche oder doch wenigstens überhaupt liierende ttlnsse vom Gebirge herabkommen; sie erzeugt hauptsächlich Zucker, Reis, Wem und Früchte ans berieseltest Flachest oder am klier der Bäche und enthält nur drei Städte von Bedeutung: Lima, Trujillo und Pinra
. , Me Sierra dagegen birgt den größten Teil der Bevölkerung! d s Langes und eilte große Zahl von Städten, bereu Einwohner-, jabl redoch nicht groß ist. Tie größte Stabt der Sierra, Arcgnipa, stachster Umgebung 40000 Bewohner zählen und ist zweifellos die zweite Stadt der Republik. Alle übrigen Städte! haben weniger als 20 000, die meisten unter 16 000 Ein- Wolj'ner. Am bekanntesten ist wohl Cuzco, die alte Hauptstadt de^ -vtstca-Reiches, aber ist wirtschaftlicher Hinsicht wichtiger ist!


