Ausgabe 
20.9.1909
 
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habnk, offenbar, weit sie empfinden, daß diese Frage des Volks­wohls auch ihren Beruf ganz besonders angeht.

Unsere gefährlichsten.Gegner sind indes nicht hie Gleich­gültigen, sondern dis, die unsere Bewegung verlachen und ihr geradezu feindlich gegenüberstehen. Es sind die Kreise, die Trinfe festigkeit für ein Zeichen der Männlichkeit hältst. Obgleich ich persönlich fast ganz enthaltsam bin, stehe ich grundsätzlich doch nur auf dem Standpunkt der Mäßigkeitsbewegung. Ich 'gestehe deshalb zu, daß der zulässige Alkoholgenuß ein verschiedener ist nach Beruf und Beschäftigung. Wer seine Kräfte übt in frischer Luft, in körperlicher Arbeit, wird ohne Schaden für seine Gesund­heit wahrscheinlich ein größeres Quantum Alkohol zu sich nehmen können, wie ein Mann, der ohne genügende Körperanstrengung in Fabrik, Handlverksslnoe oder Amtsstube sein Leben dahin bringt. Die Mäßigkeit rat Trinkgenuß als solche ist aber ein Zeichen innerer Selbstzucht, die ihren Einfluß auf die gesamte Persönlichkeit aus­übt. Ich, Einesteils, halte körperliche Gewandtheit und Kraft Und vor allem einen festen, selbständigen, in sich abgeschlossenen! Charakter für ein besseres Zeichen der Männlichkeit, tote pte Gabe, die größte Masse Alkohol ohne äußeres Zeichen der Trunken­heit zu genießen oder, richtiger gesagt, zu vertilgen. ,

Bon Zeit zu Zeit lesen wir fit den Zeitungen von SW kämpfen mit tragischem Ende, die schweres Leid über viele Familien bringen. Liest man dann später die Verhandlungen dieses Falles, so sagt man sich nur zu oft:Es war doch nur eine betrunkene Ge­schichte." Leider ist es unmöglich, eine umfassende Statistik pes ganzen Trinkerelendes aufznstellen. Aber das steht fest, daß ganze Familien Und einzelne Individuen den Verlust'ihres ganzen Lebensglückes und ihrer Lebenskraft oft einem betrunkenen Augen­blick verdanken. Wir verschließen unser Hab und Gut, wir suchen Uns gegen Gewalt und heimlichen Angriff zu schützen. In der Trunkenheit, im Zustande der Handlungsunfähigkeit geben Wir Über unser ganzes Schicksal dem Zufalle preis.

Ibsens DramaDie Gespenster" schildert ,i'N ergreifendes - Weise die Folgen des Lasters des TruNfes auch'am koMmendest Geschlecht. Und auf dieses Laster findet auch die biblische Er­fahrung vollste Anwendung, daß sich di« Sünden der Väter rächen NN den Kindern bis ins dritte und vierte Glied. _

Wir leben in einer Zeit, wo alles' stilvoll sein soll. Erni gewiß schönes Streben Nach künstlerischer, geschmackvoller AuN» gestaltung des täglichen Lebens und unserer Umgebung. Es gibt aber Stilisten, die ihre Kleidung stilvoll gestalten' »vollen vom Hut bis zum Stiefelabsatz ititb von der Klingel bis zur Kamin- flhaufel, die aber auf die stilvolle Erscheinung ihrer eigenen werten Person, die doch nach Gottes Ebenbild geschaffen ist, dank ihrer geringen Selbstzucht im Genuß herzlich wenig Wert legen. Hier findet Mirza Schaffys* Wort Anwendung:Auf jedem Gesichte steht seine Geschichte, sein Hassen und Sieben deutlich geschrieben."

Geschäftsmäßige Gegner! unserer Bewegung sind natürlich auch die Schankwirte. Allen Respekt! Schankwirte sind einflußreiche Leute. Sie kommen hnit den verschiedensten Kreisen der föe* völkeruNg in Berührung und Molen auch bei Wahlen keine geringe Rotte. In England 'und Frankreich haben Schankwirte schon Regierungen gestürzt. Und die englische Regierung erfährt sss bei ihrem neuesten Entwurf eines SchaNkgesetzes, welches dent Alko Holismus in Großbritannien 'wirksamer steuern soll, zu ihrem Schaden, welchen Einfluß Schankwirte und ihre Hintermänner! tzu üben pflegen. Ich glaube aber, es ist'Nicht richtige wenn die Schankwirte eine verschärfte Schankgesetzgebung bekämpfen. Wenn sich die Zahl der Schankwirte nicht weiter vermehrte, würde di»s Nicht nur ein Glück sein für unser Volk, sondern Mch für die Schankwirte selbst. Es' ist zur BeAMpfurm der Völlerei in der Tat Nützlich, wenn die vorhandenen Schankwirte ein ausreichendes (Ankommen haben und nicht durch dio Not veranlaßt fwerdenl in ungehöriger Weise ihre Gäste zum Trinken NNzuregen. Auch für sie würde selbst ein Ausfall an Verbrauch alkoholischer Ge­tränke durch den schnellen Zuwachs aN Bevölkerung bald aus­geglichen werden.

Unsere Gegner können nicht leugnen, daß der Alkohölismus die Quelle des Unglücks für einzelne und ganze Familien, daß die Zunahme nervöser und neurasthenischer Menschen geradezu 'erschreckend ist, vielfach gewiß veranlaßt durch die Hast und die wachsenden Ansprüche unseres unnaturgemäßen modernen Levens, vielfach aber auch Folg« eigener Schuld oder erblicher Belastung. Mir sagte' einmal ein .rangen Beamter, es ist das ein paar Jahr­zehnte her, er könne in meinem* Dienst nicht bleiben, weil er zu viel arbeiten müßte. Ich erwiderte ihm darauf, er mögie einmal meiner Erfahrung vertrauen. Ich hätte viele Leute kennen gelernt, di« sich zu Tode gelebt hätten, aber kaum einen, bet sich 'wirklich zu Tode gearbeitet habe.

Unsere Gegner können ferner nicht den ungeheueren Einfluß des Alkoholmißbranchs auf Verbrechertum und Irrsinn leugnen. Zuchthäuser, Gefängnisse und Irrenhäuser lieserN dafür den trau­rigen und schlagenden Beweis. Sie können auch sticht den Ein­fluß des Alfeholis'mns auf den Rückgang unserer Wehrfähigkeit bestreiten; es ist gewiß beunruhigend, daß unsere großen Städte Über 100 000 Seelen, die ein Fünftel Unseres RekruteNrontingentS (liefern sollten. Nur ein SiMehNtel liefern.

Wir wollen* fein ödes Philistertum, wir wünschen ein lebens­

kräftiges und lebenssrohes Volk. Aber die Lebensfreude bernU aus der Lebenskraft. Und daß der Mäßige und Enthaltsame seine Lebenskraft länger erhält wie der Unmäßige, das dürste stw bestreitbar sein. Deshalb rufen wir auch unseren Gegnern -md ihrer Feindschaft zu, wie in jenem alten Spruche über dem alten Rathaus«:Was macht's?" Wir vertreten eine vernünftige wnj» notwendige Forderung und werden sortfahren in unserer Arbeit aus Liebe zu unserem Volke.

Gegenüber dem großen Kirchhof Pare Lachaise i'N Paris be­fand sich ein Wirtshaus, und befindet sich vielleicht auch Noch, mit der Inschrift:On est'ici mieux qu'en faee."Man ist hier besser aufgehoben, wie da drüben!" Und so Möchte ich auch den Realisten des Alkoholismjus' die warnende Versicherung er feite: Man ist bei uns besser aufgehoben wie bei unseren Gegners da drüben." ___________

VeviMchtss.

* Europas klein stle Arnreen. Ueber die größten Armeen Europas weiß heutzutage beinahe jeder Mensch Be­scheid; bringen doch die Zeitungen und Zeitschriften aller Herren Länder tagtäglich Nachrichten über die letzte»» Ver­besserungen u»»b Vervollkommnungen der gegenseitigen Ver­nichtungsmöglichkeiten. Die kleinsten Armeen befinde'« sich indes, von keinem derartigen Fortschritt berührt, sehr wohl unter der allgemeinen Nichtbeachtung, mit der sie bedacht sind, und führen ihr kriegerisches Dasein ruhig weiter. Unter den kleinsten Armeen unseres Erdteils ist die der Republik von S. Marino diegewaltigste"; sie weist in. 9 Kompaguim eine Effektivstärke von 38 Offizieren und 950 Mann auf. Bedeutend ist, was die Zahl betrifft, der Abstand von diesem zu dem zweitgrößte»» Miniaturheer. Das Groß­herzogtum Luxemburg erfreut sich desselben. Diese Armee besteht in Friedensgeiten aus einer Kompagnie Gen­darmen von Avei Offiziere»» und 145 Mann sowie aus einer Kompagnie Freiwilliger von sechs Offizieren und 170 Mann: deren Zahl kann indes, wem: das Vaterland ganz besonders in Gefahr ist, auf 250 Mann erhöht werden. Die Operationen dieser ganzen großen Armee werden von einem Stabsoffizier geleitet, der zugleich Adjutant des regierenden Großh'erzogs rst. Als dritte folgt die Armee des Fürstentums Monaco mit vier Offizieren nn5 82 Mann, hierauf kommt lange nichts, und am Ende der Reihe erscheint das Fürstentum. Lichtenstein, das seit 1868 überhaupt keine Armee mehr besitzt.

*DerLiebestod d e r W a l f i s ch e. In der Pariser Akademie der Wissenschaftei» hat Edmond Perrier die selt- sanie Geschichte eines Walfisches berichtet, der freiwillig aus dem Leven geschieden ist, als seine Gefährtin starb. Der Fall wurde ihm von M. Anthony auf St. Vaaft de la Hougue mitgeteilt. Die Art von Walfische»», zu denen dieses Tier gehörte, ist außerordentlich fette»», denn trotz seiner Länge von 16 Fuß hält es sich fast immer vor Menschen­auge»» verborgen. Nur 28 Exemplare dieser besonderen Spezies der Säugetiere sind bisher bekannt, und Anthony wjar der erste, her dieses .Tier erhalten hat. Es besitzt nur zwei Zähne, die iit der Mitte des Kiefers liegen. Diese Walfische sind nach Perriers Angaben unter den Säugetieren das, was unter den Vögeln dieJnseparables" sind: sie kommen nur zu Paaren :cn» die Küste, und das männlich«. Tier trennt sich^ niemals von dem weiblichen. Stirbt das männliche Tier, so kann man mit Sicherheit erwarten, daß man das weiblich.« bald nachher tot an den Strand treiben sehen wird! und. umgekehrt. Das ist derSelbst­mord aus Liebe" bei bei» W-lfischen!

* Auf der Kurpromenade.Ach, Herr Doktor, ein Glück, daß ich Sie treffe, ich fühle mich heut so unendlich matt; kann ich nichts dagegen nehmen?"Gewiß, gnädige Frau -- eine Droschfe!"

Scherzrätsel.

Tomverkzeug bin ich von Blech, ein Berg mit geheiligtem Gipset.

Setze vors Ende mein Haupt, wirst zwei Ebräer du schau'».

Auslösung in nächster Nummer. <

Auflösung des Diamanträtsels in voriger Nummer: H Don Falke

Holbein Freia Cis n

Redaktion: I V.: E. Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universtläis-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»'»