Ausgabe 
20.9.1909
 
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8em Unterholz-. Ich konnte zahlen, wie sie zum Vorschein kamen einer nach dem andern, und sich von dem dunkeln Hintergründe ablösten, um deutlicher zu werden, eins, zwei, drei, vier.

Die Herren Petrowitsch und Boschanowitsch erkannte ich. Die beiden andern waren mir unbekannt, also Wohl der Arzt und Fritzens Gegner.

Als sie näher kamen, blieben wir stehen, wo wir Waren. Dann grüßten wir gegenseitig. Darauf übernahm Ziesvw einerseits und Herr Petrowitsch andrerseits das Verstellen. Herr Protisch zog sich ein Stück zurück und blieb allein. Fritz tat das Gleiche.

Ich- hatte einen Augenblick, während der Arzt seine Tasche beiseite stellte, Gelegenheit, Fritzens Gegner zu be­trachten. Er war mittelgroß, untersetzt, trug einen schwarzen Gehrock, schien vielleicht vierundzwanzig Jahre alt, konnte aber auch etwas jünger sein, da Angehörige dieses Volkes älter auszusehen pflegen, als sie sind.

Ich kann nicht sagen, daß er mir einen unangenehmen Eindruck gemacht hätte. Er war von gelblicher Gesichts­farbe, hatte schwarzes Haar, einen kleinen schwarzen Schnurrbart. Er war rnhig und still. Irgend eine Gemüts­bewegung war an ihm nicht wahrzunehwen.

Des Vergleiches halber betrachtete ich, unwillkürlich Fritz. Ich mußte mir gestehen, daß er wirklich äußerlich Haltung bewahrte, wenn ich auch an allerlei Kleinigkeiten seine Erregun.g merkte.

Herr Petrowitsch war äußerst liebenswürdig, nach unfern Begriffen eigentlich wieder zu liebenswürdig den Sekundanten des Gegners gegenüber. Und unwillkürlich kam mir in der Erinnerung an unsre Verhandlung der Gedanke, er würde höflich seinen Zylinder lüften und wieder sagen:Meine Herren, ehe wir anfangen, wollen wir uns einmal als Privatleute betrachten."

Ich mußte fast lächeln, so komisch erschien mir die Idee. Herr Petrowitsch sagte:

Wenn es den Herren recht ist, beschleunigen wir die Sache, so sehr wir können.

Allerdings! Dafür bin ich auch, antwortete ich, Und Ziesow stimmte bei.

Wir einigten uns schnell über die Richtung, in der die Gegner stehen sollten, damit sie beide nicht vom Licht benach­teiligt wären ober einer einen Vorteil vor dem andern hätte.

Schwer war das weiter nicht, da ja keine Sonne schien.

Dann beobachteten wir, daß beide nicht gegen einen helleren Hintergrund ein giltes Ziel abgäben. Endlich gingen Wir daran, die Barriere zu bestimmen, indem Herr Boschano- jvitsch als einen Endpunkt sein Taschentuch- ans den Boden legte. Dabei baten mich die Serben, ich möchte so liebens­würdig sein und das Abschreiten der zwanzig Schritte übernehmen.

Ick), kann sagen, daß ich sie zu Gunsten eines guten Ausganges abschritt. Sie wären sehr reichlich.

Aus der andern Seite ließ ich dann mein Taschentuch fallen. Die Leitung boten wir Herrn Petrowitsch, der von uns weitaus der älteste war. Er schien sehr ge­schmeichelt und sagte sofort, wir hätten ja auch Wohl Pistolen mitgebracht, und er erlaube sich vorzuschlagen, daß nicht ihre, sondern unsre Waffen genommen würden.

Infolgedessen holte Ziesow seine Reisetasche. Die beiden Pistolen wurden geladen. Das war Ziesows und Boschano- witschs Sache.

Währenddessen war drüben Herr Petrowitsch zu. Herrn Protitsch getreten, und ich begab mich auf die andere Seite, wo Fritz allein stand.

Ich flüsterte ihm zu:

Na, schneller kann's doch nicht fein. Sieh mal, es geht ja alles ausgezeichnet! Du hältst dich tadellos. In ein paar Augenblicken ist die ganze Sache vorbei. So, nun fix. Du hast tzehört, daß die Serben dafür sind, daß Wir schnell machen. Also lege Ueberzieher, Rock und Weste ab.

Während ich das sagte, tat er es bereits und stand nun in Hemdärmeln da. Ich fragte:

Hast du noch etwas in der Tasche?

Er gab mir sein Portemonnaie, ein Messer und die Schlüssel.

So. Und nun empfehle ich dir no-ch eins. Nicht währ, du bist vernünftig aber du mußt's auch tun du weißt, der Serbe hat den ersten Schuß: also erwarte

ihn mit der schmalen Seite. Du darfst dich nicht hernnp- drehen, ihm nicht die Brust bieten.

Aber Fritz wehrte ab:

Ach, das ist ja ganz gleich'.

Es war keine Zeit, noch böse zu werden, um so weniger als ich das Gefühl hatte, daß er nicht wußte, was er sprach. Ich hatte mir vorher eingebildet, es müsse alles bei ihm' nur auf Sinnestäuschung beruhen, aber jetzt war ich über­zeugt, daß er doch recht hatte. Denn tote er in diesem Augenblick sein Portemonnaie, die Schlüssel von der rechten in die linke Tasche gesteckt hatte, von der linken wieder in die rechte, um dann toieber alles herauszunehmen, das war allerdings ein Beweis von höchster Aufregung.

Ich griff verstohlen nach seiner Hand:

Fritz, paß auf! Du hast nicht zu schießen. Dnj hältst die Pistole gesenkt und wartest auf den Schuß.

Ich bekam keine Antwort und führte ihn an seinen Platz.

Mit abgelegtem Rock und Weste, wie Fritz, stand der Serbe ihm gegenüber. Beiden Gegnern wurden die Pistolen! überreicht. Ich hatte Ziesow noch einen Wink gegeben', er soll, wenn er Fritz die Waffe in die Hand drückte, ihm wiederholen, was ich ihm gesagt. Ziesow machte das aber anders und verständigte sich! Mit Herrn Petrowitsch noch einmal, die Bedingungen zu neunen.

Jener ging liebenswürdig daraus ein und sagte mit erhobener Stimme:

Meine Herren, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich bis drei zählen werde. "Df drei hat Herr Protitsch den ersten Schuß, der binnen eurer Minute gefallen sein muß, widrigenfalls dem Herrrr Grafen Morsum, ohne, daß Herr Protitsch geschossen hat, der Schuß zusteht. Ist der Schuß des Herrn Protitsch gefallen, so muß Herr Protitsch die Antwort seines Gegners, des Herrn Grafen Morsum, an der Stelle erwarten, wo er steht. Graf Morsum hat für seinen Schuß eine Minute Zeit. Ist binnen dieser Zeit der Schuß nicht von ihm abgegeben, so ist damit sein Recht auf den Schuß erloschen.

Danrr fügte er noch, hinzu, indem er sein Taschentuch zog:

Ich werde mein Taschentuch heben, zähle: eins< zwei drei und lasse es bei drei sinken. Darauf bitte ich die Herren Gegner vorzugehen. Die Barriere darf nicht überschritten werden.

Nun wandte er sich zu Herrn Boschanowitsch einerseits, zu mir andrerseits und fragte:

Sind die Herren so weit?

Jawohl!

Die Gegner standen einander gegenüber, der Arzt, wir Sekundanten parallel seitwärts in einer Reihe, der kleine Herr Petrowitsch vor uns. Er hob das Taschentuch.

Ich hatte mit angespannter Aufmerksamkeit Fritz be­obachtet, jetzt wirklich in der Befürchtung, seine Nerven möchten ihm einen törichten Streich spielen. Ich zitterte, er würde zu weit Vorgehen, die Baxriere nicht beachten, und ich konnte es kaum erwarten, bis endlich Herr Petro- witsch zählte:

Eins zwei drei.

Dann fiel das Taschentuch. Herr Protitsch ging sofort bis an die Barriere vor, Fritz ebenso.

Dabei stellte sich Fritz breit hin, als erwarte er gelassen! fein Schicksal, als wäre ihm alles vollkommen einerlei. Die Warnung war in den Wind gesprochen, er bot eine Ziel­scheibe, wie der Gegner sie sich besser nicht wünschen konnte. Und ich mußte mich geradezu beherrschen, um ihm nicht zuzurufen, er solle sich seitwärts stellen.

Herr Protitsch erhob die Pistole, legte an und- zielte. Ich hatte bis dahin noch immer gehofft, er würde blind­lings losfeuern, aber jetzt sah ich, daß auf solchen Edelmut nicht zu rechnen war. Ich erblickte nur das gelbliche zusammengekniffene Gesicht mit dem einen geschlossenen' Auge und der unbeweglich stehenden Hand. Dabei hätte' ich ein Gefühl, als sei bereits das Schicksal besiegelt.

Fritz hielt die Pistole gesenkt und blickte seinen Gegner starr an, während' er die linke Faust ballte. Ich merkte, welche Mühe er sich gab, regungslos zu bleiben. Dieser Blick in die Mündung der Waffe des andern tu ar ja nur ein letztes Aufraffen der Nerven. Aber die Nerven hielten. Er benahm sich tadellos, er zuckte nicht.

Da siel der Schuß. Eine kleine Dampfwolke stieg aust