Ausgabe 
20.5.1909
 
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ihrer immer gleichen, ruhigen, gelassenen Weise. Und während sie die Worte sprach, versanken alle ihre guten Vorsätze und Entschlüsse in ein Nichts, und sie fügte etwas leiser und stockender hinzu:Ich will die Stelle auf Spätinghof annehmen."

Neunzig Taler," sagte Friech Jensen.

Es ist gut."

Alle Qual, alter Zwiespalt waren von ihr gewichen. Sie fühlte, daß sie erst, jetzt wahrhaft liebte, daß sie erst jetzt ganz in der Liebe aufging.

Was ging sie die Welt und das Gerede der Leute an? War diese Liebe es nicht wert,daß sie alles dafür aufgab? Mochte Leid und Bitterkeit kommen; eine einzige Stunde des Glückes wog sie auf.

Ja, sie wollte glücklich sein; sie wollte lieben und geliebt werden.

*

Pünktlich am ersten November trat Frauke ihren Dienst auf Spätinghof an. Das Häuschen und der Hausrat waren verkauft; der Käufer hatte es sofort in Besitz genommen.

Frauke hatte ihren Koffer vorher nach Spätinghof bringen lassen; gegen Abend folgte sie selbst.

Ohne Ziererei trat sie ins Haus; Fan erwartete sie im Wohnzimmer.

Willkommen in meinem Hause!" sprach er mit be­wegter Stimme.Möge es immer deine Heimat bleiben! Was in meinen Kräften steht, soll geschehen, nm dir das Leben angenehm zu machen."

Ich danke dir," erwiderte Frauke,ich, werde mich stets bemühen, meinen Dienst gut zu versehen."

Nicht so," bat Jan,hast du mich beim gar nicht lieb?"

Mehr als alles auf der Welt!"

Da lag sie plötzlich an seiner Brust, und er bedeckte Haar und Augen mit heißen Küssen.

Jan Thomsen führte die neue Haushälterin in Haus und Hof umher. Er stellte ihr Dienstdeern, Knecht und Hofjungen vor. Er zeigte ihr die beste Stube und die Vorratskammer und zum Schlüsse die Stube, die er einst? mals mit seinem. Bruder bewohnt hatte. Hier hatte eine Reihe von Jahren Anndortjen gehaust, dann iwtr es die Mäinsellenstube geworden.

Jan hatte sie tapezieren und den Fußboden ölen lassen. An dem Fenster^ hingen neue schlohweiße Gardinen. Es war ein allerliebstes Stübchen, mit viel Sorgfalt und Liebe hergerichtet.

Hier wohnst du, Mamsell Franke, und hier hast du dein Schlüsselbund."

Ich dank auch schön, uns Herr," gab sie mit schel­mischem Lächeln zurück.

Zehn Minuten später stand Frauke in einer blau­leinenen Schürze am Herd und kochte die Abendgrütze.

Sie fühlte sich sehr bald heimisch. Mit freundlichem .Ernst, geräuschlos und umsichtig waltete sie ihres Amtes.

Die Dienstleute dachten anfangs, nun würde manches anders werden. Frauke Steffens würde den Herrschafts­tisch einführen und das Leuteessen, wie es auf den meisten der großen Marschhöfe jetzt gebräuchlich war; aber es blieb alles beim alten. Mittags aßen alle an einem Tisch, und abends saß die Außeudeern neben Frauke und schälte Kar­toffeln, und der Knecht rauchte auf der Ofenbank sein Pfeifchen.

Frankes Benehmen Jan gegenüber Ivar von ruhevoller Würde und Freundlichkeit, und er richtete sich nach ihr und gestattete sich im Beisein anderer nicht die geringste Zärtlichkeit in Wort und Blick.

Abends saß sie ihm gegenüber, wenn er in der schiefen Stellung auf dem Sofa saß und rauchte. Frauke nahm dann irgendeine Handarbeit zur Hand, und sie besprachen die Ereignisse des Tages. Waren sie allein, dann holte Frauke wohl eins von den Büchern des Vaters aus ihrer Kommode und las vor. Sie las gut, und ihre Stimme hatte einen weichen Klang. Es war etwas anderes, als wenn Jette Dau ihre Geschichten vorlas.

Manchmal hielt , sie inne und machte Jan auf eine schone Stelle aufmerksam. So lasen sie Schillers und Lessings Werke, dann kamen Körner und Goethe an die Reihe.

Diese Stunden waren für Jan, in dessen Innerem viel Gutes und Schones.schlummerte, das nicht zur Reife ge­kommen w.I, ein höher Genuß.' Durch den täglichen Umgang

mit dem gebildeten, feingearteten Mädchen schliff sich das Eckige, Rauhe in seinem Wesen immer mehr ab.

Die schönste Stunde des Tages aber begann, wenn nach halb neun Ahr abends Knecht und Deern zu Bette gingen. Wenn alles im Hause still und dunkel war, brannte' in der Wohnstube noch die Lampe.

So," sagte dann Jan,nun setze dich aus den Platz, der dir als Hausfrau zukomnit."

Dann setzte sie fic& zu ihm aufs Sofa, lehnte das helle Köpfchen an seine Schulter und litt es, daß er den Arm um ihre Taille legte. Daun war sie ganz Weichheit und Güte, ganz weibliche Hingabe.

Du bist mir noch viele Küsse schuldig," sagte dann wohl Jan,den ganzen Tag über habe ich keinen bekommen."

Und Frauke lachte ihr frisches, klares Frauenlachen. Guten Morgen, mein Schah," und sie küßte ihnguten Tag gesegnete Mahlzeit gute Nacht! O Jan, was bist du für ein Nimmersatt!"

*

Die Leute im Dorfe, ja selbst die Dieustleuke ahnten nichts von dem Verhältnis.

Jan Thomsen hat eine tüchtige Haushälterin wieder gekriegt," sagte mancher, und andere meinten:Frauke Steffens hat Glück gehabt, daß sie solche gute Stelle be­kommen hat."

Dann nahm Friech Jensen seine Pfeife aus dem Mund, warf sich in die Brust und sagte:Das hat Friech Jensen Schweiß genug gekostet."

Ihre ehemaligen Schulfreundinnen besuchten Frauke ab und zu; auf den benachbarten Höfen wurde sie auch hin und wieder mit eingeläden. Das freute Frauke. Obgleich sie' ihr Glück und ihre Zufriedenheit in der Häuslichkeit suchte, war es ihr eine Genugtuung, daß sie sich der Hochachtung der Dorfleute erfreuen durste.

Ein, zwei, drei Jahre vergingen so in Liebe, Zufrieden­heit und gemeinsamer Arbeit. Dann kam der Rückschlag.

Wie der Steuermann durch einen Augenblick der Un­vorsichtigkeit, durch eine falsche Handhabe den Kurs ver­liert, so kamen sie durch eine kleine Unvorsichtigkeit in ein falsches Fahrwasser.

Am 23. März hatte der Bauer Geburtstag. Dies wußten freilich weder die Dienstleute noch die Bekannten, denn Jan Thomsen hatte von klein auf nie Gelegenheit gehabt, seinen Geburtstag zu feiern.

Seitdem Frauke im Hause war, würde die Außeudeern einmal im Frühjahr nach Husum geschickt, nm einen. Korb voll der verichiedeiisteil Waren einzuholen. Sie ging dann immer gleich nach der Abwäsche fort und kam erst spät wieder zurück. Es war ungefähr um dieselbe Zeit, wenn das Rantrunner Ackerland gepflügt wurde. Dies Land lag weit außerhalb des Dorfes. Knecht und Hofjuuge nahmen Brot und Kaffee mit und kehrten erst abends mit Anbruch der Dunkelheit heim.

So war es auch in diesem Jahr am 23. März. Daß dieser Tag des Bauern Geburtstag war, ahnte niemand.

Sobald das'Gesinde fort war, zog Franke ihr Sonn­tagskleid an. Sie kochte Kaffee und schloß die Kuchen- trommel auf. Ein feines, weißes Tischtuch wurde auf- gedeckt und alles hübsch und zierlich geordnet.

Dann saßen Fan Thomsen und seine Mamsell neben­einander ans dem Sofa. Sie hielten sich umschlungen und machten sich wieder frei. Frauke schenkte ihm Kaffee und Rahm ein, und er packte ihr den Teller voll Kuchen. Dann lachten, plauderten, aßen und tranken sie. Der Kaffee war stark und duftend, der Rahm dick und-der Küchen selbst- gebacken nach uralten erprobten Rezepten.

(Fortsetzung folgt.)

Der merkumrdige Vogelzug.*)

Skizze von Sophus B a u d i &.

In dänischen ornithologischen Werken findet man, wenn von dem Vorkommen unserer, allerseltensten. Böget die Rede ist, W mentlrch aber, wenn es sich 'um solche Händelt, die sich itrie diel Mandelkrähe, der Goldpirol', der Eisvogel und her Rosenstab durch eine fast tropische Farbenpracht auszeichuen, häufig eine allo lautende Anmerkung:Beobachtet in Hljöping int Herbst

*) SBir entnehmen diese interessante Skizze des berühmten! nvrdrschtn Schriftstellers Mit Erlaubnis des Verlages der soeben erschienenen Nr. 3435 der bekannten. LeipzigerIllustrierten' Zeitung".

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